Standort- und Objektivwahl

Chilbi-Motive bestechen durch Buntheit und Bewegung. Die Chilbibahnen folgen dabei oft einem zyklischen Rhythmus, der es uns erlaubt, einen bestimmten Standort einzunehmen und auszuprobieren, was funktioniert und was nicht. Die Standortwahl ist wichtig, da die Platzverhältnisse meist sehr eng sind und die Nähe ein Weitwinkelobjektiv erfordert. Ausserdem werden wir uns mit stürzenden Perspektiven beschäftigen müssen. Hier gilt: je weitwinkliger das Objektiv, desto mehr stürzt die Perspektive. Ich empfehle dafür Objektive von 15 mm bis etwa 35 mm. Ein Teleobjektiv eignet sich sehr gut, um einzelne Details von Ferne einzufangen. Hier sind Teleojektive um etwa 200 mm angezeigt. Wer ein Zoom hat, der ist mit einem 24–70 mm oder einem 24–200 mm auch gut bedient.

Bei Weitwinkelobjektiven stürzt die Perspektive stark, wenn die Kamera gegen oben gerichtet ist (links). In der Nachbearbeitung lässt sich das korrigieren, wenn es stört (rechts). Die Leuchtspuren dürfen auch angeschnitten sein.

Die gleiche Chilbibahn bietet je nach Neigung und Position der Kamera oder der Lichter unendlich viele Effekte. Deshalb ist es wichtig, so viel wie möglich einzufangen. Man sieht zum vornherein nicht, was der Sensor festhält. Hier 0,6 Sekunden Verschlusszeit, ISO 100, f13.

ISO, Verschlusszeit und Blende

100 ISO ist immer noch die beste Wahl, sofern man genügend Licht hat. Sonst kann bei modernen Kameras unbesorgt 400 oder sogar 800 oder 1000 ISO eingestellt werden. Es wird kaum Bildrauschen entstehen. Wenn dadurch mehr Flexibilität bei Blende und Verschlusszeit resultiert, dann stellst du den ISO-Wert lieber etwas höher als 100. Mit anderen Worten: Wenn du eine schnelle Bewegung einfrieren möchtest und vielleicht 1/2000 Sekunde brauchst, stellst du besser die ISO-Zahl etwas höher als die Blende zu öffnen. Wenn du hingegen mit Verwisch-Effekten arbeiten möchtest, brauchst du Belichtungszeiten ab etwa 1/30 Sekunde – je nach Geschwindigkeiten, die im Spiel sind. Bei besonntem Gelände erreichst du diese Zeit nicht. Ein sogenannter Neutraldichtefilter oder auch Graufilter nimmt Licht weg. Für diese Filter gibts verschiedene Systeme – erkundige dich bei Foto-Tevy im Laden.

Fass einen Plan

Wenn du eine bestimmte Idee hast und diese konsequent verfolgst, wirst du immer bessere Fotos nach Hause bringen, als wenn du planlos durch die Gegend streifst und links und rechts knipst, was dir so vor die Linse kommt. Mit einem Plan im Kopf reduzierst du auch deine Kameraausrüstung und nimmst nur mit, was du für die Umsetzung benötigst. Ein Stativ ist nur notwendig, wenn man zum Beispiel bei Dunkelheit längere Belichtungszeiten einstellt – man muss es nicht immer dabeihaben. Ein Plan heisst, die Motive vorauszusehen. Also wie in diesem Blog beispielhaft gezeigt, mit Licht zu malen oder Personen auf den Bahnen in der Bewegung einzufrieren.

Wenn du keinen Plan fasst, werden deine Bilder wohl oder übel in der Art aussehen. Mit einem klaren Plan im Kopf selektionierst du schon beim Fotografieren und du gehst viel gezielter an deine Aufgabe heran.

Langzeitbelichtungen in der blauen Stunde und der Dunkelheit

Mein Plan ist, in der Dunkelheit oder in der blauen Stunde mit Langzeitaufnahmen die Lichtspuren der Bahnen kreativ einzufangen. Es macht mir viel Freude, auszuprobieren und auch manchen Rückschlag wegzustecken. Ich verwende ein Stativ, montierte meine Kamera mit einem Festobjektiv von 14 mmm. Ich fokussiere mit Mehrfeldautomatik, stelle den Bildstabilisator am Objektiv auf «aus» und an der Kamera die Blendenautomatik ein (Canon: Tv) mit einer vorgegebenen Verschlusszeit von 0,3 bis 0,8 Sekunden. Der ISO-Wert liegt bei 100. Ich achte darauf, dass der Blendenwert während der Belichtung im mittleren Bereich liegt, also etwa zwischen f8 und f16. Eine geschlossene Blende erzeugt mehr Schärfentiefe als eine offene. Diese kommt bei Wischaufnahmen jedoch nur bei den unbewegten Motivelementen zum Tragen. Dann wäre noch die Frage nach den Fokusoptionen. Falls genügend Licht vorhanden ist, kann der Kamerafokus wie gewohnt arbeiten. Falls nicht, fokussiere ich auf einen bestimmten Punkt in der Szenerie, den ich scharf abgebildet haben möchte, stelle nachher den Fokus auf «manuell». So fokussiert die Kamera in der Dunkelheit nicht hin und her und bleibt stabil. Ich fotografiere in diesem Genre ausschliesslich mit dem Display und niemals durch den Sucher.

Lichtmalen lebt von den Farben, die all die LEDs an der Chilbi erzeugen. Da LEDs eine Frequenz aufweisen, wird die Aufnahme keine kontinuierlichen Striche zeigen, sondern manchmal auch kleine farbige Striche aneinanderreihen. Das Ergebnis ist eigentlich nicht voraussehbar. Ich stehe bei der Kamera und drücke vielleicht zwanzig, dreissig Mal auf den Auslöser und versuche, den richtigen Moment einzufangen. Die Serienbildfunktion lasse ich ausser Acht, denn es scheint nicht sinnvoll, bei einer Geschwindigkeit von 12 Bilder/Sek. eine Belichtungszeit von 0,3 Sek. zu wählen. Ich verfüge über einen sensiblen Touch-Screen, über den ich auslösen kann. Wer das nicht kann, sollte vielleicht die Kamera über einen Fernauslöser bedienen, um jegliches Verwackeln auszuschliessen. Allerdings habe ich auch beim sanften manuellen Auslösen mit dem Auslöseknopf noch keine Nachteile entdeckt, welche die Qualität der Fotos beeinträchtigen.

Beim kreativen Fotografieren ist Gegenständlichkeit kein Thema. Die Faszination ist doch, «Gemälde» zu produzieren, ohne zu wissen, wie dann das Resultat aussehen wird.

Motiv und Hintergrund

Ich achte darauf, dass ich zwar das Motiv vor Augen auf dem Display habe – für die gute Gestaltung ist jedoch die Zone an den Rändern matchentscheidend. Je weniger Erkennbares an den Rändern um Aufmerksamkeit buhlt, desto wirkungsvoller wird das Motiv inszeniert. In der Gestaltung wird dieses Phänomen auch als Figur-Grund-Gesetz beschrieben. Die Nacht ist klar im Vorteil, dann nämlich ist der Hintergrund meistens gänzlich schwarz. 

In der blauen Stunde oder bei Dämmerung hast du immer sichtbare Elemente, die vom Motiv ablenken (links und Mitte). Bei Dunkelheit ist der Hintergrund schwarz.

Bewegung einfrieren

Die zweite Methode, die ich hier vorstellen will, friert Bewegungen ein. Bei sich schnell bewegenden Chilbibahnen brauchst du sehr kurze Belichtungszeiten, die bei Tageslicht und gegen den Himmel eingestellt werden können. Ich habe für die Serie die Belichtungszeit fix auf 1/4000 Sekunde eingestellt, die Blende lag bei f8 und die ISO-Zahl bei 1250. Die Schwierigkeit liegt darin, dass du selbst die Kamera bewegst, um das Motiv festzuhalten, währenddem dieses sich dauernd aus dem Displaybereich hinausbewegt. Wir haben es mit Verwackelungsunschärfe zu tun, aber auch mit einem schnell sich bewegenden Motiv. Die knackige Schärfe wird mit verschiedenen Faktoren erreicht, die nicht alle gleich ins Gewicht fallen. Das A und O ist sicher eine ultrakurze Verschlusszeit, je kürzer, desto besser. Ich arbeite auch hier mit Blendenautomatik (Canon: Tv), das heisst, ich stelle die Verschlusszeit fix ein und lasse der Kamera die Freiheit die Blende zu wählen. Auf der anderen Seite kann die ISO-Zahl nicht beliebig hoch liegen, den sehr hohe ISO-Werte bedeuten Bildrauschen und dieses mindert den Schärfeeindruck erheblich. Man muss hier je nach Kameramodell den Kompromiss finden. Bei meiner Canon R5 Vollformatkamera sind 1250 ISO kein Problem, bei einem anderen Modell ist dies nicht unbedingt auch so. Der dritte Punkt ist die Blendenwahl. Es gibt bei jedem Objektiv eine Blendeneinstellung, bei der das Objektiv die höchste Schärfenleistung (kritische Blende) abliefert. Diese erreicht man mit zwei- bis dreimal abblenden. 

Ich stelle mich beim Fotografieren direkt unter die Bahn, welche die Sessel in zwei verschiedenen Achsen herumwirbelt. Die Personen sind darin festgehalten und geben sich ganz ihren Emotionen hin: manche lachen, kreischen anderen gehts dabei ganz und gar nicht gut. Genau diese Emotionen einzufangen und einzufrieren, ist die fotografische Herausforderung. Ich stehe also da und nehme den Sucher der Kamera direkt ans Auge. Ich ziehe die Kamera mit den fliegenden Sesseln mit. Wieder und wieder. Dann löse ich Bild für Bild aus und kontrolliere in der vergrösserten Ansicht im Display ob die Schärfe und die Belichtung stimmen. Dann korrigiere ich die Verschlusszeit oder den ISO-Wert. Wenn das Bild zu hell oder zu dunkel ausgefallen ist, korrigiere ich mit der Belichtungskorrektur. In den gezeigten Bildern liegt eine Belichtungskorrektur von +1/3 Blendenstufe vor.

Diese Aufnahmeserie entstand bei bewölktem Himmel. Das helle Grau kontrastiert mit den knalligen Farben von Sessel und Kleidungsstücken. Es sieht fast so aus wie in einem Fotostudio.

© Ralf Turtschi, Oberdorfstrasse 32, 8820 Wädenswil, turtschi@agenturtschi.ch

Ralf Turtschi ist Autor der Fachbücher «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch», die bei Foto-Tevy erhältlich sind. Ausserdem ist im Eigenverlag der Bildband «Wädenswil sehen» erschienen.