Normalerweise fotografieren wir, um etwas mindestens teilweise scharf abzubilden. Kreativ, wie wir sind, lassen wir dieses eiserne Prinzip mal beiseite und fotografieren quasi wild in der Weltgeschichte herum. Bei Systemkameras kannst du die Belichtungszeit so einstellen, dass der Verschluss über eine längere Zeit offenbleibt. Wenn du ohne Stativ arbeitest, dann resultieren schemenhafte unscharfe Fotos, die sehr künstlerisch anmuten. Nicht die authentische Dokumentation eines Motives steht im Vordergrund, sondern eher die Andeutung von etwas Ungewissem. Man erahnt mehr, als man etwas erkennt und zielgenau bestimmen kann. Wir bewegen uns in einer Kunstform mit freier Interpretation.

In Norwegen: Links mit 1/400 Sek. belichtet, rechts mit 0,3 Sek. Das rechte Foto habe ich in der Nachbearbeitung im Kontrast reduziert und eingefärbt.

In Norwegen: Der Wischeffekt wirkt wie ein abstraktes Gemälde. In der Fotografie wird solches auch mit Minimalismus bezeichnet.
Der Wischeffekt entsteht primär durch die Bewegung der Kamera während des Belichtungsvorgangs. Als Kameraeinstellung wählst du die Blendenautomatik (Tv, S). Damit kannst du eine fixe Belichtungszeit vorwählen, die Blende wird dann automatisch so eingestellt, dass das Foto richtig belichtet wird. Als Belichtungszeit kannst du frei ausprobieren, was am besten funktioniert. Beginn einmal mit 1/3 Sekunde Verschlusszeit. Für normales Tageslicht oder gar in der Sonne ist diese Belichtungszeit zu lang, sodass auch bei geschlossener Blende eine komplette Überbelichtung droht. Es ist also besser, am Abend oder in der Dämmerung zu arbeiten. Tagsüber kannst du auch einen Neutraldichtefilter aufsetzen, der Licht wegnimmt. Überall, wo weniger Licht ist (im Treppenhaus, im Keller, im Wald, in Häuserschluchten) kannst du das ganze problemlos nachvollziehen.
Während du den Auslöser drückst, rotierst du ganz sachte die Kamera aus dem Handgelenk in eine Richtung, am besten von unten nach oben, oder seitlich von links nach rechts. Übertreibe die Bewegung nicht, da du sonst fast nichts auf dem Foto erkennen kannst. Wenn du geübter bist, kannst du auch mal eine ganze Sekunde belichten und die Kamerabewegung erst nach der Hälfte starten. Dann nämlich werden auch scharfe Stellen im Foto sichtbar, die mit den unscharfen einen reizvollen Effekt abgeben. Um die Bewegung zu stabilisieren, nehme ich auch gern mal ein Stativ zu Hilfe. Dieses fixiert mit dem Kugelkopf zum Beispiel die Horizontale, während ich in der Vertikalen die Kamera regelmässig ziehen kann.
Der Auslösevorgang kann nun mit der Kamera am Auge oder mit dem Display vorgenommen werden – das kommt natürlich ganz auf die Situation an. Wischeffekte lassen sich überall kreativ anwenden, in der Personenfotografie, bei Landschaften, in der Makrofotografie oder in der Nacht bei Lichtspuren.

Im Sihlwald, Bärlauchblüte. 1 Sekunde Belichtungszeit. Die scharfen Stellen entstehen, wenn du ab Stativ die Kamera erst nach etwa ½ Sekunde nach oben rotierst.

In diesem Beispiel kannst du eine leichte Krümmung an linken und rechten Rand erkennen. Das Foto entstand mit einem 35-mm-Objektiv. 24er-Objektive oder noch weitwinkliger zeigen eine noch stärkere Krümmung.
Bei Wischvorgängen ist das Objektiv massgeblich verantwortlich, wie das Bild verzogen wird. Brennweiten von etwa 35 mm bis 150 mm sind meine Empfehlung für dies Art Fotografie.
Im Gegensatz zur «normalen» Fotografie ist hier das genaue Abbilden nicht gefragt. So sind die vielen Variationsmöglichkeiten verlockend. Die Wischbewegung selbst, dann die Belichtungszeit, die Farbsättigung oder die Entsättigung, der Kontrast – alles ist irgendwie leichter zu handhaben. Der Experimentierlust sind keine Grenzen gesetzt.

Architektur-Motive mit einer starken vertikalen Betonung solltest du ebenfalls vertikal «wischen». Motive mit einer horizontalen Betonung hingegen wirken besser, wenn sie horizontal «bewegt» werden.

Die vertikalen Kanten wirken auch nach der Kamerabewegung noch scharf, alle anderen Kanten verschwimmen. Die Teilschärfe macht den Reiz des Fotos aus.

Strassenszene in Lissabon. Das horizontale Muster des Kleides wirkt bei Wischaufnahmen besonders stark.


Strassenszene und Bahnhof in Lissabon. Ob stark gesättigt oder in Schwarz-Weiss – Wischaufnahmen sind immer künstlerisch attraktiv.


Die Band «Jamboreee» am Tankstell Festival, Wädenswil. Das Drehen am Zoomring des Objektives hat diesen Effekt zur Folge.

Nordnorwegen. Der Effekt entstand aus einer Kombination eines scharfen Bildes mit einem, welches in Photoshop mit dem Filter Bewegungsunschärfe versehen wurde.

Ralf Turtschi ist Autor des Fachbuches «Fotografie für dich»; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); enthaltend zwei Gutscheine, einer über Fr. 30.– von Bookfactory, einer über Fr. 20.– von Printolino. Eigenverlag. Das Buch ist bei Foto Tevy im Geschäft erhältlich.