Seit August 2024 ist das neue Canon-Flaggschiff im Handel erhältlich. Ein erster Erfahrungsbericht.

Grundlagen

In regelmässigen Abständen informierte Canon im Laufe des Jahres 2024, dass die ersehnte Neuerung für R5-Anwenderinnen und -Anwender im Spätsommer auf den Markt kommen würde. Nun ist sie da, und ich durfte sie während zweier Tage einem kleinen Test unterziehen. Wobei: Test ist ein grosses Wort, erste Schritte oder erste Erfahrungen wären eigentlich angebrachter. Ich selbst fotografiere mit zwei Canon EOS R5 und Objektiven der ersten Güteklasse im Brennweitenbereich von 10 bis 500 mm. Ich bin dabei in unterschiedlichen Genres unterwegs: Landschaft, Natur, Nacht, Architektur, Reisen, Porträt, Tiere, Anlässe, Makro usw.

Ich möchte gleich zu Beginn anmerken, dass ich gegenüber jeglichem Ankündigungsjournalismus skeptisch bin. Denn oft sind die Marketingleute etwas zu vorlaut, und so manches, was versprochen wird, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als lahme Ente. So habe ich Mühe mit Schlagworten in einer vertechnisierten Sprache, die kein Mensch versteht, und die meist auch nicht mit Vorher-Nachher-Fotos belegt werden. Was heisst schon: «ein um 1,5 Stufen geringerer Dynamikumfang…»?

Das Bedienungslayout der EOS R5 Mark II ist ähnlich wie bei der EOS R5, aber nicht genau gleich.

Die R5 Mark II ist eine Weiterentwicklung der R5, die nun doch schon einige Jahre alt ist. Ich habe in den zwei Tagen speziell auf die Features, die im Vorfeld angekündigt wurden, geachtet. Dabei war ich natürlich darauf neugierig, was die R5 Mark II gegenüber der R5 an Verbesserungen zu bieten hat. Gelockt haben mich:

  • Verbesserter Dynamikumfang
  • AF Motiv zum Erkennen
  • Augenerkennung
  • Augensteuerung
  • Voraufnahme und Reihenaufnahme
  • Bildrauschen

Es gibt eine ganze Liste anderer angekündigter Neuerungen wie schnellerer Autofokus, gleichzeitiges Fotografieren und Filmen, verbesserte Prozessorleistung und anderes. Ich möchte auch festhalten, dass jeder Akteur etwas anders gelagerte Bedürfnisse hat – so sind zum Beispiel alle Features, die beim Filmen vorteilhaft sind, für Nur-Fotografen nicht wichtig.

Und zum Schluss in der Einleitung noch dies: Die Canon EOS R5 ist ein sagenhaft leistungsfähiges Gerät. Noch nie war die Fotografie so fortgeschritten und noch nie bin ich ins Thema derart weit eingedrungen. Wir bewegen uns heute auf einem exzellenten Niveau und ich würde für kein Geld der Welt wieder in die Analogfotografie zurückkehren. Oder will jemand wieder ein Nokia-Handy? Einen Röhrenfernseher? Einen VW-Käfer?

Dynamikumfang

Als Dynamikumfang wird landläufig die Fähigkeit des Sensors bezeichnet, hellste und dunkelste Bildstellen mit ausreichend Detailzeichnung abzubilden. In der Praxis ist es oft so, dass bei Landschaftsaufnahmen (im Gegenlicht) entweder die weissen Wolken ausfressen oder dann der Vordergrund zu dunkel ausfällt. Handys können mit einem grossen Kontrastumfang dank ihrer Software fast besser umgehen. Wenn ein besserer Dynamikumfang angekündigt wird, ist zu erwarten, dass es bei solchen Landschaftsaufnahmen mit grossen Hell-Dunkel-Kontrasten zu einer besseren Lichter- und Tiefenzeichnung kommt. Mit Lichter meint man die hellsten Nuancen, mit Tiefen werden die dunkelsten Nuancen bezeichnet.

Die Kamera belichtet ein kontrastreiches Bild entweder wie links oder wie rechts. Links sind die Wolken gut sichtbar, dafür ist der Vordergrund zu dunkel. Rechts ist der Vordergrund richtig, dafür der Himmel ausgefressen weiss.

Dazu noch ein kleiner technischer Exkurs, der damit zusammenhängt: Es geht um die Bit-Tiefe, die per Kameraeinstellung verwendet wird. Bei einer 8-Bit-Einstellung (28) heisst dies, dass in allen drei Farbkanälen RGB jeweils von 0 bis 255 Abstufungen möglich sind. Auf den gesamten Dynamikbereich bedeutet dies 16,7 Millionen Farbabstufungen. Eine Einstellung von 14 Bit erlaubt, rein technisch gesehen, fast 440 Milliarden Farbabstufungen. Das menschliche Auge-Hirn-System, so schätzt die Wissenschaft, kann vielleicht knapp eine Million Farbnuancen überhaupt unterscheiden. Wer eine Brille trägt oder farbfehlsichtig ist oder schon fortgeschrittenen Alters ist, bescheidet sich mit weit weniger. Also von den hellsten bis zu den dunkelsten Farbstufen (Dynamikumfang) sollte die Kamera mit ihrer eingebauten Software alle Stufen abbilden können. Das ist leider nicht so. Erst die Entwicklung am Computer mit Software wie Lightroom oder Photoshop ermöglicht es, die Lichter- und Tiefenzeichnung herauszuarbeiten.

Ich gehe mit meiner R5 (bei allen anderen Kameras ist es genauso) wie folgt vor. Ich belichte eine Stufe dunkler als die Kamera es will, um die Zeichnung in den Wolken zu erhalten. In Lightroom maskiere ich den Himmel und die Landschaft im Vordergrund separat und steuere die Belichtung aus. Das Resultat kann sich erst nach einer solchen Nachbearbeitung sehen lassen.

Der angekündigte verbesserte Dynamikumfang der R5 Mark II habe ich im Praxistest nicht vorgefunden. Mag sein, dass so etwas im Labor messbar ist. Für mich als Praktikant ergeben sich daraus keine signifikanten Vorteile.

Der Vergleich fand ab Stativ mit gleichen Einstellungen und dem gleichen Objektiv statt. Die Fotos entstanden mit CRAW und wurden in Lightroom mit dem Entwicklungsbutton «Auto» entwickelt. Der Vodergrund ist zu dunkel.
Hier ist die gleiche Aufnahme wie oben zu sehen, jedoch mit einer nachträglichen Entwicklung mit zwei Masken für den Himmel und die Landschaft. Hier ist die Landschaft natürlicher wiedergegeben.

AF: Motiv zum Erkennen

Dass die Kamera Personen, Tiere und Fahrzeuge erkennen kann, dient der Schärfenachführung im Zusammenhang mit der Einstellung «Servo». Natürlich hat dies mit der Bewegung von Motiven zu tun. Man fokussiert einmal und der Automatismus hält das Motiv in der Schärfe, auch wenn die Kamera oder das Motiv sich bewegen. Das funktioniert einwandfrei und ist ein echter Assistent, wenns darum geht, den Ausschnitt zu wählen, ohne immer mit dem Joy-Stick den Autofokus nachzuführen.

Insbesondere in der Tierfotografie, bei fliegenden Vögeln, ist ein solcher Assistent äusserst hilfreich. Bei solchen Motiven lohnt es sich 45 Megapixel Auflösung zu haben und auch einen hohen Dynamikumfang. So lassen sich aus Silhouetten doch ganz passable Vögel entwickeln, wie das untenstehende Foto zeigt, das ich mit einem 70-200er-Zoom-Objektiv aufgenommen habe.

Augenerkennung

Gegenüber der R5 hat die Augenerkennung der R5 Mark II merklich zugelegt. Sie ist jetzt sehr zuverlässig und kann gut zwischen Menschen und Tieren unterscheiden. So habe ich von Ferne zwei Reiterinnen auf ihren Pferden festgehalten, wobei der AF blitzschnell auf «Mensch» fokussierte. Dieses Tool ist wirklich sehr gelungen. 

Im Rapperswiler Kinderzoo habe ich Zebras, Elefanten hinter einem Wasserfall und Erdmännchen im Knäuel fotografiert. Sogar die Geparden hinter einem Maschenzaum hinderten die Augenerkennung nicht an ihrer zuverlässigen Arbeit.

Aufnahme mit einem RF 100–500 mm. Der Maschendrahtzaum ist durch die Unschärfe nur zu erahnen.
Der Augenerkennungsfokus arbeitet zuverlässig.
Selbst bei Katzen in Bewegung führt der Autofokus problemlos die Schärfe nach. So perfekt war
Tierfotografie noch nie.

Augensteuerung

Die R5 Mark II kommt neu mit einer Augensteuerung daher. Will heissen, dass die Kamera die Augenbewegungen im Sucher registriert und dementsprechend dort fokussiert, wo man hinguckt. Was hilfreich tönt, wirkt für mich etwas hilflos. Erstens fotografiere ich vor allem in Bodennähe oder nachts nicht mit dem Sucher, sondern übers Display. Zweitens kontrolliere ich im Sucher nicht nur das Motiv, sondern beobachte mit den Augen auch den Rand und wandere im ganzen Bild herum. Wenn der Autofokus (mit einem Kreislein angezeigt) nun meinen Augenbewegungen folgt, ist das ganz und gar nicht nach meinem Gusto. Vor allem, wenn die Schärfe einen bestimmten kleinen Punkt im Bild betrifft. Zudem steht dieses Feature doch mit der Augenerkennung im Widerspruch. Welche der drei Möglichkeiten: Augensteuerung, Augenerkennung oder Joy-Stick soll die Kamera nun anwenden? Leider musste ich auch feststellen, dass die Kalibrierung wegen meiner Gleitsichtbrille nicht sauber funktioniert. 

Voraufnahme und Reihenaufnahme

Ausserordentlich Freude machte mir die neue Funktion, Fotos vor dem Auslösezeitpunkt zu machen. In der Praxis ist es mir bisher kaum gelungen, Insekten mit dem Makroobjektiv im Flug zu erwischen. Die sind so fix, dass sie meist ausserhalb der kleinen Bildzone entwischt sind, wenn ich als Reaktionslahmer endlich abdrücke. Es funktioniert so: Bei der Auslöser-Modus-Einstellung (rotes Menü, Seite 6) «Elektronisch» zeichnet die R5 Mark II 30 Bilder/Sek. auf. Bei der Einstellung «Elek.1. Verschluss» puffert sie 15 Bilder auf die Karte. Schon dies eine Verbesserung gegenüber der R5, die 12 oder 20 Bilder erzeugt.

Ich positioniere mich also vor die Sonnenblumen und halte den Auslöser halb eingedrückt, «AF Tiere erkennen» und «Servo» sind aktiviert, die Blende 8 sorgt für einigermassen Schärfentiefe und 1/1250 Sekunden verhindert Bewegungsunschärfe. Sobald die Biene wegfliegt, drücke ich den Auslöser ganz hinunter. Bei der Einstellung 30 Bilder/Sek. liefert die Kamera 0,5 Sekunden vor der Auslösung Fotos, mit einer Geschwindigkeit von 30 Bilder/Sek. Ich erhalte also vor dem Auslösezeitpunkt 15 Fotos, die die Biene beim Abflug zeigen. Wenn ich mit der Einstellung «15 Fotos/Sek.» arbeite, liefert die Kamera 3 Sekunden lang Fotos vor dem Abflug – also 45 Fotos. Die Funktion ist der Hammer – ich freue mich schon auf all die Actionfotos mit Skateboards, Eisvögeln die im Wasser eintauchen, Wassertropfen etc. etc.

Ein Wermutstropfen: Der Autofokus hält mit der Geschwindigkeit nicht ganz mit. In einer Bildserie gerät das eine oder andere Bienchen schon mal ausserhalb des Fokus’. Die Verbesserung ist die: Mit der R5 habe ich drei Stunden mit ungewissem Ausgang herumgedoktert, um diese Höchstschwierigkeit zu meistern. Mit der R5 Mark II gelingen in Kürze garantiert viele gute Ergebnisse.

Der Auslösevorgang wird erst getätigt, wenn die Biene längst wieder sitzt. Die Kamera liefert im Modus «Vorauslösung» eine Bildserie, die vor dem Auslösen in den Puffer geschrieben wird. Man erwischt dann die Biene im Flug.

Bildrauschen

Wenn ich die heutige Leistungsfähigkeit bezüglich Bildrauschen mit der Analogfotografie (dort ist es die Körnigkeit) vergleiche, gleicht alles Kritische dem Klagen auf hohem Niveau. Das Fotografieren in der rabenschwarzen Nacht ist seit ein paar Jahren möglich, an Konzerten oder gesellschaftlichen Anlässen sogar ohne Stativ. Seit wir in der Nachbearbeitung effiziente Entrauschungsfunktionen anwenden können, ist Bildrauschen für viele kaum mehr ein Thema. Da viele Fotos für Social Media aufbereitet werden, entfällt auch starkes Bildrauschen, denn wenn man 8000 Pixel in der Breite auf 1000 Pixel für Social Media reduziert, wird jeder achte Pixel herausgerechnet. Die neue Interpolation des Fotos enthält weniger Schärfe, aber auch kein Rauschen.

Ich habe also bei Dämmerung die beiden Kameras R5 und R5 Mark II mit dem gleichen Objektiv auf einen Kran in der Nähe ausgerichtet und eine Serie Aufnahmen gemacht, die ISO-Werte von 100 bis höchstmöglich abgestuft. In meiner Beurteilung ist bei der R5 Mark II das Bildrauschen etwas höher als bei der R5. Das Vergleichsbeispiel unten zeigt die ganze Aufnahme bei 12800 ISO. 

R5 Mark II, bei 12800 ISO, ab Stativ, Bild nicht entrauscht.
Das Bildrauschen der R5 Mark II fällt im Vergleich mit der R5 etwas schlechter aus.
Der Verlust ist verschmerzbar, weil mittlerweile so gute Entrauschungsfunktionen in der Nachbearbeitung zur Verfügung stehen.

Fazit

Die Canon EOS R5 Mark II hat merklich zugelegt. Die Augenerkennung funktioniert sehr gut und die Voraufnahme ist eine ganz feine Sache. Die Serienbildfunktion ist deutlich schneller mit 30/15 Bilder/Sek., das macht richtig Spass. Beim angeblich verbesserten Dynamikumfang habe ich in der Praxis keine signifikante Verbesserung feststellen können. Es mag ja sein, dass der Sensor neu und schneller ist, ich habe es einfach bisher nicht feststellen können. Da nützt aller Tech-Speech nichts: 45 Megapixel Stacked BSI Sensor und DIGIC Accelerator + DIGIC X – kann man das bitte mal ausdeutschen? Eine kleine Träne weine ich dem Bildrauschen der R5 nach, denn das Bildrauschen der neuen R5 Mark II ist etwas unvorteilhafter ausgefallen. Andererseits lässt sich das Bildrauschen heute so gut herausrechnen, dass dies selbst bei Lowlight-Fanatikern kein Problem darstellen wird.

Bleibt die Frage, wer sich eine R5 Mark II leisten sollte. Das Gehäuse ist im Fachhandel für rund 4200 Franken zu haben. Die alte R5 kostet aktuell um 3200 Franken, also rund 1000 Franken weniger.

Mein Rat: Das neue Flaggschiff R5 Mark II ist seinen Preis auf jeden Fall wert. Wer engagiert und vielseitig fotografieren will, der freut sich über viele neue Funktionen und Tempo. Wer gerade eine neue Topkamera erstehen will, kommt um die Mark II nicht herum. Wer den Umstieg von der R5 auf die R5 Mark II ins Auge fasst, sollte dies möglichst bald tun. Denn der Zeitpunkt umzusteigen, ist heute günstiger als in zwei Jahren, wenn die R5 dereinst für ein Butterbrot weggeht. Ich selbst habe meine beiden eineinhalbjährigen R5-Gehäuse zum Eintausch bei Tevy Foto gegen zwei neue R5 Mark II an Zahlung gegeben.

Ralf Turtschi ist Wädenswiler Fotograf und Gestalter aus Leidenschaft. Er hat über 30 Jahre lang seine Agentur für visuelle Kommunikation geführt und sich das ganze Leben lang mit Gestaltungsfragen beschäftigt. Als Referent, Dozent und Ausbilder darf er auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Der bekennende Hobbyfotograf hat 2023 den Bildband «Wädenswil sehen» herausgegeben. Frühere fotografische Werke sind «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch». Alle drei Bildbände können bei Tevy Foto bezogen werden.