Verhalten
Hoftiere sind keine Haustiere – wir begegnen ihnen mit Respekt. Am besten nähert man sich Hoftieren langsam und ohne hektische Bewegungen. Kühe, Lamas, Alpakas, Schafe oder Pferde sind Herdentiere, die oft nahe beisammen sind. Es kommt daher immer wieder vor, dass einzelne Tiere sich nicht isoliert fotografieren lassen und man um das Motiv herum unliebsame Bildelemente hat. Zudem haben Hoftiere einen natürlichen Fluchtinstinkt, aus diesem Grund kehren sie einem den Rücken zu, wenn man sich ihnen zu schnell oder zu sehr nähert. Der Fluchtweg ist für sie offen und sie können ausweichen. Deshalb Tiere nie bedrängen oder sie an einen Zaun drängen. Hab beim Fotografieren etwas Geduld und warte in der Nähe, bis die Tiere sich ihrer Lieblingsbeschäftigung zuwenden und fressen. So entwickeln sie Vertrauen, und ordnen dich nicht als Gefahr ein. Kühe und Lamas sind von Natur aus neugierig. Wenn du dir Zeit lässt, kommen sie von allein, um dich zu begrüssen oder zu beschnuppern. Wenn Kälber im Spiel sind, solltest du etwas mehr Abstand und Ruhe wahren. Mütter und Herden verteidigen ihre Jungen.
Rechtliches
Eingezäunte und weidende Tiere sind oft auf Privateigentum zu Hause. Es ist deshalb höflich, vor dem Fotografieren die Erlaubnis des Bauern oder der Bäuerin einzuholen, ob du aufs Gelände darfst. Falls Wanderwege durch die Weide führen, kann man problemlos Hoftieren von Nahem fotografieren. Tiere von öffentlichen Wegen her über den Zaun hinweg zu fotografieren, ist kein Problem. Tiere werden juristisch als Sache betrachtet. Deshalb ist es nicht verboten, Tiere aller Art frei zu fotografieren. Es gibt keine Privatsphäre oder ein Persönlichkeitsrecht für Tiere. Eine Risikoabwägung wegen allfälliger Personen- oder Sachschäden ist nicht verkehrt. Auch deshalb ist es ratsam, den Tierbesitzer zu fragen, ob man sich den Tieren nähern kann und ob es Gefahren gibt.
15 fotografische Tipps
1. Tiere nicht von hinten oder schräg von hinten fotografieren. Wie bei Menschen sind die Gesichter am Interessantesten. Es gibt Ausnahmen:

2. Fotografiere nicht die ganze Herde, wende dich stattdessen einem oder wenigen Individuen zu. Wenn mehrere Tiere im Bild zu sehen sind, verdecken sie sich gegenseitig, was zu ungünstigen Bildkompositionen führt. Achte also darauf, dass nicht weitere Tiere hinten aus deinem Motiv hervorgucken.


3. Versuche fotografisch, das Tier freizustellen. Das heisst, dass die Umgebung nicht unruhig sein sollte. Himmel, die Wiese oder ein dunkler Wald eignen sich gut als Hintergrund. Wenn der Hintergrund ruhig ist, kommen die Motive besser zur Geltung.









4. Warte bis etwas läuft. Eine liegende Kuh oder ein fressendes Lama sind eher banale Motive. Warte geduldig, bis sich etwas tut. Die Kühe schlecken sich das Maul oder reiben sich an einem Baum. Sie kommunizieren miteinander. Wenn du dir die Zeit nimmst, so wirst du mit «Action» belohnt. Die Action ist jedoch mit Verwackelungsunschärfe verbunden. Ich arbeite darum immer mit möglichst kurzen Verschlusszeiten (je nach Lichtsituation). Bei solchen Fotos ist auch eine mittlere Blende von Vorteil. Zum Beispiel Blende 8, 1/500 Sekunde. Falls zuwenig Licht da ist, stelle ich die ISO-Zahl bis gegen 1000.




5. Zeig das Tier nicht nur beim Fressen, das ist gewöhnlich, sondern warte, bis es sein Haupt zu dir erhebt. Achte auf die Stellung von Beinen und die Bewegung des Schwanzes. Eine bodennahe Kameraposition bringt immer die etwas ungewöhnlicheren Fotos. Wenn das Tier zu dir hin schaut, wirkt es dem Betrachter gegenüber interessierter.





6. Überwinde Berührungsängste. Geh nah ran und setz dich einfach ins Geschehen, ohne aktiv zu sein. Die Tiere werden sich nach einer Weile zu dir hinwenden und dich beschnuppern kommen.











7. Schaffe in deinem Foto eine Beziehung. Das können zwei oder mehrere Tiere sein, die gemeinsam das gleiche tun. Oder die sich in ihrer Haltung oder im Aussehen ähneln.




8. Wenn die Sonne scheint, fotografiere die Tiere im Gegenlicht. Bei geschlossener Blende erzeugt die Sonne einen Sonnenstern. Wenn sich die Tiere bewegen, hast du genügend Licht, um eine kurze Belichtungszeit einzustellen (1/500 Sek. oder kürzer).

9. Inszeniere nur einen Teil des Tieres. Die Kuh darf auch mit dem Kopf ins Foto hineingucken. So kannst du die Landschaft mit ins Bild nehmen.

10. Tierbabys und Jungtiere sind besonders herzig. Wenn du Jungtiere siehst, versuche sie mit Mama oder allein zu porträtieren.






11. Suche einmal die ungewöhnliche Perspektive und nähere dich deinen Motiven von unten nach oben. Du hältst deine Kamera auf Kniehöhe und fotografierst von unten nach oben. Hier musst du natürlich mit dem aufgeklappten Display arbeiten.


12. Fototechnik: Um Tiere zu fokussieren, gibt es bei neueren Kameras einen Autofokus, der automatisch auf die Augen scharf stellt. Augenerkennung gibts für Menschen, aber auch für Tiere. Kühe und Lamas haben eine lange Schnauze, was heisst, dass die Blende (je nach Objektiv und Distanz) nicht zu offen sein darf. Die Haare an der Schnauze sind bildwichtig und sollten ebenfalls scharf abgebildet sein. Mach mal eine Probeaufnahme mit Blende 5, fokussiere auf die Augen und kontrollieren auf dem Wiedergabedisplay mit der Lupe, ob die Schnauzhaare auch scharf sind. Wenn nicht, dann schliesse die Blende etwas und mach eine erneute Probeaufnahme. Halte die Blende aber möglichst offen, weil sie wiederum für ein schönes Bokeh im Hintergrund sorgt. Gegenlicht gibt einen schönen Lichtsaum um die Körper. Falls die Sonne scheint, versuchs mal mit Gegenlicht oder Licht schräg von hinten. Das Frontallicht (Licht, das aus Sicht des Fotografen von hinten direkt aufs Motiv fällt) macht das Porträt flach.
Achte darauf, dass die Umgebung (Wiese/Wald/Bäume) unter normalen Lichtbedingungen nicht zu dunkel ausfällt. Das wird in der Regel in der Postverarbeitung am Computer ausgeregelt.

13. Konzentriere dich auf die Köpfe und porträtiere Hoftiere wie Menschen. Achte dabei wieder auf einen ruhigen Hintergrund.






14. Du kannst die Tiere auch als Teil des Landschaftsbildes inszenieren. Spiel mit Diagonalen als Bildkomposition oder benütze Silhouetten, um die Stimmung einzufangen.


15. Schliesse andere Menschen mit ins Bild ein. Auch hier entwickelt sich eine Beziehung zwischen Mensch und Tier. Beziehungen in Fotos schaffen Aufmerksamkeit und Emotionalität.





Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einen breiten Spektrum an Objektiven. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); enthaltend zwei Gutscheine, einer über Fr. 30.– von Bookfactory, einer über Fr. 20.– von Printolino. Eigenverlag.
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