Bei jeder Reise gehören Sakralbauten zu den Tourismusmagneten: Ein fotografischer Kirchenbesuch.

Sakralbauten faszinieren
Religiöse Bauwerke gehören zum Tourismusinventar jeder Stadt und jedes Landes. Sie zählen zu den Top-Sehenswürdigkeiten – oft werden Länder gar wegen ihnen bereist. Mich bezaubert die Jahrhunderte alte Geschichte, die aus den Steinen spricht. Die Hagia Sophia in Istanbul hat eine Höhe von 56 und einen Kuppeldurchmesser von 31 Meter. Sie wurde im 6. Jahrhundert als byzantinische Kirche erbaut, als in unseren Breitegraden noch in Holzhütten gehaust wurde. Es sollte nochmals rund 400 Jahre dauern, bis das Kloster Einsiedeln gegründet wurde. Ein Bauwerk fast für die Ewigkeit.
Grössere und kleinere Sakralbauten ziehen mich jeweils in ihren Bann: Sagrada Familia, Notre Dame, die Stiftskirche in St. Gallen oder die Dorfkirche von Sonogno im Verzascatal.
Diese grossen und kleinen Zeugen eines Glaubens erzählen stille Geschichten, die ein Innehalten lohnen.

Wenn ich eine Kirche betrete, achte ich auf Gebote oder Verbote, die Rücksicht auf die Kirchgänger nehmen. Dies betrifft die Einhaltung von Ruhe, eine angemessenen Kleidung, ein Verbot eines Blitzgerätes oder ein gänzliches Foto- und Videoverbot. Ich schalte meine Kamera in den lautlosen Auslösemodus «Leiser Auslöser». Das Stativ ist ja auf Reisen bei Stadtspaziergängen meist nicht dabei.

Knackpunkte bei Aussenaufnahmen
Die sprichwörtliche «Kirche im Dorf» führt Fotografen vor das Problem, dass die Gotteshäuser fast immer zu dicht am Aufnahmestandort liegen. Eine hohe Kathedrale ist nur mit einem Weitwinkelobjektiv von 10 bis 24 mm ganz aufs Foto zu kriegen. Und nur im Hochformat. Der perspektivische Verzug ist enorm, das Bild sieht oft unnatürlich aus. Zudem zieht das Abgebildete an den Rändern des Weitwinkels stark gegen aussen, was zu unnatürlichen Proportionen führt. Ein drittes Problem liegt im Objektivverzug. Gerade eher günstige Kit-Objektive weisen an den Rändern eine Krümmung auf, so wie wir es bei Fischauge-Fotos kennen. Ich korrigiere den Verzug und die Krümmung in Lightroom oder Photoshop etwas, sodass Bildfehler weniger ins Auge stechen.




Kameraeinstellungen für innen
Die Lichtsituation in einer Kirche ist oft als gerade ausreichend zu bezeichnen. Es geht nun darum, die Kameraeinstellungen so zu wählen, dass ich das Optimum heraushole. Wenn ich Innenräume gesamthaft abbilde, so wähle ich gern eine mittlere Blende von etwa f8, die mir ausreichend Schärfentiefe verschafft. Mit meinem 5fach-Bildstabilisator am Objektiv kann ich heute mit 1/8 Sekunde freihändig fotografieren, ohne dass das Foto verwackelt wird. Wer keinen Bildstabilisator hat, sollte mit dem Weitwinkel vielleicht nicht unter 1/15 Sek. gehen. Ich arbeite im Modus M (Manuell) mit ISO-Automatik von 100–6400 ISO. Aus diese Weise wird die Verschlusszeit und die Blende voreingestellt und die Automatik verändert den ISO-Wert je nach Lichtsituation. Es sind natürlich auch andere Einstellungen möglich.
Das Licht in der Kirche
Kirchenlicht ist immer ein Mischlicht. Tageslicht dringt durch Fenster oder Türen ein, während die Grundbeleuchtung durch Lampen aller Art oder auch Kerzen sichergestellt wird. In der Regel fällt das Licht also von oben auf die Szene. Oft ist es diffus, weil mehrere Fenster oder Lampen gleichzeitig beteiligt sind. Diffuses Licht sorgt für eine gewisse Weicheit im Bild, weil die Kontraste nicht so gross sind wie bei direktem Sonnenlicht. Ich halte den Weissabgleich der Kamera auf «Auto», weil ich allfällige Farbstiche, die gegen Gelb tendieren, lieber in der Nachbearbeitung behandle. Man kann natürlich auch den Weissabgleich auf «Glühlampe» stellen, um das Bild schon bei der Aufnahme zu neutralisieren. Der Farbstich ist kein vordringliches Thema, welches die Betrachter stört. Wenn mir die Säulen oder Wände aber allzu gelblich erscheinen, hilft es, die Gelb-Orange-Sättigung etwas zurückzunehmen. Aus meiner Sicht sind unterschiedliche Lichtstimmungen im Bild reizvoll, sie helfen oft, Materialien wie Säulen, Wände, Treppen und Böden in der Tiefe der Bildorganisation zu unterscheiden. Es besteht eine gewisse Tendenz, Kirchenfotos zu düster aufzubereiten. Ich achte auf die Helligkeit, helle Bilder wirken insgesamt freundlicher.
Schwarz-Weiss-Umsetzungen sind immer eine Möglichkeit, der Farbe «aus dem Weg zu gehen». Farbe kann ein Stilmittel sein, jedoch auch zu Unruhe und Klecksigkeit führen. Bei Schwarz-Weiss konzentrieren sich die Betrachter eher auf die formale Bildkomposition, es gibt keine Farbe, die um Aufmerksamkeit buhlt.



Oft ist die Kirche so ausgeleuchtet, dass eine spezielle Lichtstimmung entsteht, die fotografisch zwischen Gelb (künstliches Licht) und Blau (das Tageslicht) angesiedelt ist. Auch farbige Fenster werfen zusätzlich ihre Farbsprengsel auf das Innere, ich finde, solche Farbkleckse geben sehr poetische Bildstimmungen her.

Die dominante Vertikale
Im Zeitalter der Gothik (12. Bis 16. Jh.) entstanden Bauwerke die sich mit einer extremen vertikalen Betonung auszeichnen. Alles strebt nach oben. Da liegt es auf der Hand, im Hochformat zu arbeiten, um die Vertikale zu betonen. Auch im Inneren ist der perspektivische Verzug ein Thema. Ich arbeite jedoch auch gerne mit Teilansichten, die eine Betonung auf gewisse Dinge legen. Dann lieber im Querformat.

Bunte Kirchenfenster
Die Belichtungssituation ist sehr anspruchsvoll, weil mehrere Herausforderungen zusammenkommen. Das Umfeld ist eher dunkel und sehr helles Gegenlicht strahlt durch die leuchtend bunten Fenster. Jede Kamera gelangt hier an ihre Grenzen. Denn entweder belichtet die Kamera die Fenster richtig, dann laufen die Tiefen im Vordergrund zu. Oder die Kamera belichtet auf den Vordergrund, dann fressen die bunten Lichter aus und die farbigen Fenster werden weisslich bleich. Ich mache so ein Zwischending, ich belichte mit der Plus-Minus-Korrektur gerade so, dass die Lichterzeichnung und die Farbe erhalten bleiben, aber eher etwas hell erscheinen. Der Vordergrund ist auf dem Display relativ dunkel. Die dunklen Töne helle ich in der Nachbearbeitung auf, das aufkommende Bildrauschen bekämpfe ich in Lightroom mit der Funktion «Entrauschen». Wenn das Bild so belichtet wird, dass die Fenster schon im Display wie ausgefressen aussehen, sind die Farben auch im Nachhinein nicht wieder herzustellen. Natürlich kann man auch mit anderen Methoden wie HDR oder zwei unterschiedlichen Belichtungen arbeiten, die nachträglich ineinander gerechnet werden.

Personen in der Kirche
In jeder touristisch besuchten Kirche halten Personen Kameras in die Höhe, um zu fotografieren. In gewissen Fällen meide ich Personen, in anderen gestalte ich die Personen bewusst ins Bild hinein. Grössenordnungen der Kathedrale kommen im Vergleich besser zur Geltung. Wenn die Personen sich bewegen, sollte die Belichtung kürzer gehalten werden, so ab 1/100 Sek., sonst verwischen sie im Bild. Personen dienen mir oft auch dazu, Bildergeschichten zu erzählen.



Die Symmetrie in der Kirche
Wir Menschen mögen symmetrische Fotos. Die Symmetrie ist etwas Vollkommenes, Reines, etwas fast Übermenschliches. Wobei ketzerisch zu sagen ist, dass es Symmetrie eigentlich so nur in der Geometrie gibt. Es gibt keine absolute Symmetrie in der Architektur. Auch die Kirchen wahren hier nur den Schein. Unser Auge-Hirn-System gaukelt uns Symmetrie vor, zum Beispiel auch dann, wenn das Foto schräg fotografiert wurde. Oder dann waren die Baumeister einfach nicht in der Lage, das Gebäude symmetrisch zu konstruieren. Auch das einfallende Licht stört eine Symmetrie erheblich. Sie im Foto zu schaffen, ist gerade mit Weitwinkel und von Hand im Halbdunkeln gar nicht so einfach. Eine leicht verkantete Kamera oder noch schlimmer, eine nicht exakt mittige Kameraposition, erschweren es, das Bild symmetrisch zu gestalten. Ich achte dabei auch auf die horizontalen Linien im Bild die nicht schräg verlaufen dürfen. Als Hilfsmittel für die gerade Ausrichtung der Kamera blende ich mir Gitterlinien im Display ein (Canon: Menü Wiedergabe 4/4; Wiedergaberaster; 6×4). Mit diesen gelingt es leichter, die Kamera gerade zu halten. Eine nur leicht gekippte Kamerahaltung erzeugt in allen Ecken Verzüge, die nur sehr aufwendig zu korrigieren sind. Weiter ist wichtig, den absolut mittigen Standort in der Kirche zu finden. Manchmal ist das nicht so einfach, weil Teppiche oder Bodenplatten nicht ganz mittig verlegt sind. Die senkrechten Gitterlinien im Display helfen auch hier die Kamera gerade auszurichten. In der Nachbearbeitung sehe ich oft, dass es die Kirchenbauer mit der Symmetrie nicht so genau nahmen. Auch stören Einrichtungsgegenstände, Fresken, Gemälde, Säulen, Kanzel, Orgel die Symmetrie. Aber eben: auch Kirchen sind nicht perfekt.




Der Symmetrie entgegenwirken
Die strenge Symmetrie ist die eine Bildgestaltung, die andere ist die Loslösung von Konventionen. Hier arbeite ich mit Linien und Formen die schräg verlaufend eine ganz andere Dynamik auslösen als die der Symmetrie.






Geschichten erzählen
Beim Kathedralenbesuch in einer fremden Stadt werde ich von der gigantischen Höhe beeindruckt. In diesem Geist habe ich auch die bisherigen Fotos vorgestellt. Das geht’s es fast immer um Gesamtansichten. Ich habe deshalb auch alle Fotos mit dem gleichen Objektiv, einem RF 15–35 mm Weitwinkelzoom geschossen. Spannend sind in den Gotteshäsern auch die Details, die ich auch schon mal mit grösseren Brennweiten einfange. Es sind immer die Details, mit denen ich Geschichten erzählen kann.






Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag.
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