
Unser Zuhause als Hotspot-Winter-Wunderland. Eine kurze Reise durch die winterliche Natur «vor der Haustür»

Auf dem Säntis: Die letzte Bahn fährt kurz nach Sonnenuntergang in die kalte Finsternis zurück
Das Wesen des Schnees
Um sich dem Wetterphänomen Schnee fotografisch anzunähern, bedarf es ein paar Erklärungen. Als auskristallisierte Feuchtigkeit ist Schnee wie Wasser farblos. Es reflektiert das Licht fast vollkommen und erscheint in einer neutralen Form im Auge weiss. Von weitem erscheint Schnee als kompakte weisse Fläche, von Nahem kann man die Schneekristalle sehen, weil hier Schatten die Dreidimensionalität und die Struktur sichtbar machen. Schnee kann dynamisch als Schneeflocken, Graupel oder Hagel fotografiert werden, in der festen Form als Schneedecke, Eisschnee, Raureif, Eiszapfen oder als Eisfläche. Schnee ist an sich also farblos. Er vermischt sich aber optisch mit seinem Untergrund und reflektiert das bestehende Licht. So gibt es verschiedene Farben des Schnees, ganz so wie es auch andere Färbungen von Seen, Flüssen und Meeren gibt.



Die Schattenzeichnung
Technisch sprechen wir bei Schnee von den hellsten Tonwerten, die Sensoren abbilden können. Wer direkt in die Sonne fotografiert wird feststellen, dass sie keinerlei Lichterzeichnung aufweist. Sie wird einfach als weisse Scheibe dargestellt. Auch dann, wenn Sonnenauf- und -untergänge abgelichtet werden, wo die Sonne doch orange oder gelb ist. Ihre blendende Energie ist so hoch, dass die Sensortechnik nicht in der Lage ist, Feinheiten auszulesen. Beim Schnee ist das anders, wir können ihn durchaus mit einer feinen Schattenzeichnung wahrnehmen. Wenn der Schnee auf dem Display einfach weiss ausfrisst, dann ist das Bild überbelichtet – und als Bildfehler wahrgenommen. Schneebilder sind gerade deshalb herausfordernd, weil die feine Schattenzeichnung zwar spürbar sein soll, aber nicht zu dunkel, das Foto soll insgesamt halt doch weiss oder stimmungsvoll erscheinen.


Bei klaren Verhältnissen spiegelt sich der blaue Himmel in der Schattenzeichnung. Wo also Hell-Dunkel im Schnee abgebildet wird, neigt die Schattenzeichnung zu einer Verblauung. Da die Sensoren darauf ziemlich empfindlich reagieren, muss die erfahrene Fotografin die Bilder daraufhin überprüfen, ob das Blau in der Nachbearbeitung nicht etwas entsättigt werden kann. Bläuliche Schatten sind okay, knallblaue hingegen wirken übertrieben und farbstichig.


Ich fotografiere im Freien fast immer mit dem automatischen Weissabgleich. Schneebilder korrigiere ich präziser in der Nachbearbeitung in Lightroom. Die Farbstimmung kann global übers ganze Bild bei den Grundeinstellungen über die Farbtemperatur gesteuert werden. Dann allerdings wird auch der Himmel (nicht nur die Schatten im Schnee) und andere Farben verändert. Mit dem Farbmischer können alle Blautöne entsättigt werden, ohne dass sich zum Beispiel gelbe oder grüne Töne ändern. Wenn der blaue Himmel unangetastet bleiben soll und die blauen Schatten entsättigt werden sollen, dann bleibt nur der Weg über eine Maskentechnik. Ich wähle in Lightroom mit einer Maske den Himmel aus und kehre die Auswahl um. Jetzt habe ich Zugriff auf alle Farben unterhalb des Himmels. Mit dem Farbmischer entsättige ich die Blautöne – so werden Schnee und Schatten neutraler.
In der blauen Stunde allerdings ist die Verblauung gewollt und ein stilistisches Element. Das Gelborange der Strassenbeleuchtung oder der Fenster bildet einen schönen Farbkontrast zur blauen Grundstimmung.




Das Licht im Schnee
Da Schnee draussen stattfindet, ist das Tageslicht für die Lichtführung verantwortlich. Wir haben also direktes Sonnenlicht, welches harte Schatten zeichnet oder dann diffuses Licht, welches bei bewölktem Himmel oder bei Nebel vorherrscht. Diffuses Licht erzeugt schattenarme weiche Fotos. Farbe in einem Schneefoto ist demzufolge auf die Lichttemperatur (am Morgen und Abend wärmer, um die Mittagszeit kälter) und auf die Reflexion vom Untergrund, Hintergrund oder vom Himmel zurückzuführen. Im Auge werden Schneebilder mit einer grosszügigen Toleranz wahrgenommen. So darf Schnee im Sonnenuntergang auch Gelb-Orange sein oder in der blauen Stunde kräftig Blau.







Wenn kein Sonnenlicht vorhanden ist, also bei bewölktem Himmel oder auch bei Nebel, wird die Schattenzeichnung als Grau ausgegeben. Der Schnee verliert damit seine Reinheit und wirkt verschmutzt. In solchen Fällen ist die Schwarz-Weiss-Umsetzung ein valable Lösung, hier fällt dem Betrachter nicht «Verschmutzung» ein.
Bei diffusem Licht entfärbe ich den Schnee in der Nachbearbeitung. In Lightroom beim Reiter «Grundeinstellungen» die Pipette «Weissabgleichsauswahl» auswählen und damit in eines Stelle im Bild klicken, die man für Neutralgrau hält. In Photoshop gibt es unter der Gradationskurve (cmd-M) drei Pipettensymbole. Das mittlere auswählen und auf einen vermeintlich neutralen Grauwert klicken. Dann wird der angeklickte Ton neutral grau, der Rest wird entsprechend angepasst. Ich bin jedoch ein Fan der subtilen Farbstimmung. Die Farbe fehlt weitgehend, es ist jedoch immer eine Rest Farbe da. So ein wenig wie Schwarz-Weiss, aber doch nicht ganz.







Da in sonnigen Schneelandschaften die Farben Weiss und Blau dominieren, ist das gekonnte Spiel der Schatten die Herausforderung. Die Sonne im Rücken ergibt flache kontrastlose Aufnahmen – viel spannender ist die seitlich einfallende Sonne oder Gegenlicht.

Stimmungen im Schnee
Die fast hundertprozentige Reflexion des Lichtes im Schnee führt dazu, dass der Schnee die Lichtumgebung weitergibt. Spektakuläre Farbeexplosionen wirken genauso gut wie diffuse und melancholisch-sanfte Wintertöne. Die Absicht des Fotografen ist entscheidend. Er kann die Bildstimmung so ausregulieren, wie es ihm gefällt. Weniger gut finde ich, wenn wir uns dem Zufall hingeben und das Foto so hinnehmen, wie es der Sensor aufgezeichnet hat. «Ich mache nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich am Computer», ist eine Meinung, die aus meiner Sicht das Wesen und Können der digitalen Fotografie weder versteht noch richtig interpretiert. Damit sei nicht behauptet, dass es nicht ohne Bearbeitung geht. Mit Bearbeitung stehen einfach viel mehr Möglichkeiten offen, das eigene Foto so zu interpretieren, wie man es möchte. Und nicht dem Algorithmus der Kamera zu überlassen.
Faszinierend sind die Morgen- und Abendstimmungen, die von kräftigen Orange- über Gelbtöne gehen, die sanft ins lichte Himmelblau changieren.










Wo ist der Winter?
Schneebilder bespreche ich hier als Landschaftsfotos, die jedermann mit einer Kamera während des Spazierens machen kann. All die speziellen Winterorte wie der hohe Norden mit Nordlichtern, den tief verschneiten Wäldern, die Antarktis mit den Eisbergen und der Tierwelt bieten immer einen spektakulären Hintergrund für die Motive. Ich will hier aber vor allem vom Winter und den Landschaften bei uns vor der Haustür berichten.
In Lagen ab 700 Meter und darüber findet der Winter jedes Jahr statt. Vielleicht etwas weniger lang als früher, aber eine weisse Schneedecke gibt’s immer. Es gilt die Zeit zu nutzen und mit der Kamera hinaus zu gehen.
Meine bevorzugten Winterorte «in Reichweite» sind Schönenberg und Hütten mit dem Hüttnersee, Schönau und Mistlibüel am Nordhang des Höhronen, der Hirzel mit dem Zimmerberg, der Sihlwald. Etwas weiter Einsiedeln, St. Meinrad beim Etzelpass, die Chörnlisegg, oder rund um den Sihlsee. Überall dort gibt es traumhafte Wintermotive. Im Gebiet des Ägerisees der Gubel oder der Raten mit dem Gottschalkenberg, weiter Menzingen, Finstersee oder die Hügelzüge bei Neuheim. Auf dem Zugerberg oder Walchwilerberg habe ich schon Stunden mit der Kamera verbracht – ich liebe die Grenzzonen, wo der Nebel sich lichtet und der Himmel plötzlich so hoch steht. Wer gar an einem schönen Tag mit Nebellagen auf den Uetliberg, den Albisrücken, auf Rigi, Pilatus oder Säntis fährt, wird fotografisch hundertprozentig belohnt werden.



Bildgestaltung
Landschaftsbilder sind fast immer querformatig. Typischerweise mit Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, die zusammen eine Tiefe erzeugen. Gerne setze ich Protagonisten ins Foto, vielfach im Vordergrund, die dem Landschaftsfoto Leben einhauchen. Wenn etwas im Bild passiert, ist es interessanter anzuschauen als wenn nur Landschaft von vorn bis hinten gezeigt wird.
Bäume im Winter sind an sich schon prächtig. Weiss verschneit oder mit Eisnadeln überzogen, bieten sie vor strahlendem Himmel eine Traumwelt. Ich bevorzuge oft Gegenlicht positionieren mich so, dass der Schatten ebenfalls miteinbezogen wird.
Tief verschneite Wälder zeigen eine Vertikalstruktur, die ich als Gestaltungselement gerne aufnehme. Falls sich noch eine Person klein einbinden lässt, umso besser.
Dann die Schatten! Im Winter scheint die Sonne immer flach auf die Landschaft. Auch während der Mittagszeit haben wir immer eine relativ ausgeprägte Schattenwirkung. Im Gegenlicht lassen sich die Schatten wundervoll in Szene setzen.





Poesie des Nebels
Nebellagen sind für mich als Fotograf die pure Lust, nach draussen zu gehen, um ungewöhnliche Fotos heimzubringen. Nebel verwedelt die Sicht und lässt der Fantasie freien Raum. Vor allem von oben gleicht Nebel den Wolken – und da soll die Freiheit bekanntlich grenzenlos sein.


Bäume im Winter
Ach ja, dann sind noch die Bäume! Ich mag die Kerle, wie sie sich dicht an dicht aneinander kauern, in eisigen Mänteln gehüllt. In den Wäldchen nördlich von Oberägeri, auf dem Weg vom Gubel über Fürschwand nach Schneit bis hin zum Kistenpass, da gehe ich jeden Winter gerne hin, um Bäume im Wald zu fotografieren.


Vertikalstrukturen
Wen ich gut eingepackt und mit hohen Winterschuhen ausgerüstet mich mitten in den weissen Wald begebe, abseits aller Wege, erlebe ich eine vollkommene Stille, die durch kein Geräusch gestört wird. Im Wald bilden die Baumstämme eine Vertikalstruktur, die ich mit der richtigen Standortwahl in Szene zu setzen versuche. Welche Bäume stehen im Vordergrund, welche hinten? Ergibt sich eine besondere Tiefe mit der Lichtführung? Wo leuchtet die Sonne durchs dichte Unterholz? Entlang der normalen Spazierwege sind verschneite Stämme ebenfalls reizvoll, dort gelingt es auch, andere Spaziergänger ins Bild zu setzen.



Bäume sind zu allen Jahreszeiten fotogen. Im Winter kommt das Formale besonders gut zur Geltung. Dann fehlen Blätter der Krone, und das Baumskelett tritt in den Vordergrund. Auch fehlt fast gänzlich die Farbe im Bild. Zum Teil werden Äste mit Schnee abgedeckt, sodass sie wie mit Puderzucker überzogen sind. Mich ziehen die einzeln oder in Gruppen stehenden Bäume wie magisch an. Wenn noch Nebel im Spiel ist und die Sonne ganz knapp durch bricht, sind das richtige Glücksmomente für jede Naturfotografin.





Umkehrung der Wahrnehmung
Eine besondere Art, Landschaft zu inszenieren, dekoriert den Himmel mit einem Vordergrund. In einer normalen Sichtweise ist der Vordergrund immer am unteren Bildrand zu finden. Bei Bäumen kann ich diese Sichtweise umdrehen. Wenn die nahen Äste oben ins Bild hineinragen, ist der Vordergrund oben, der Hintergrund unten. Ich setze ein Weitwinkelobjektiv ein und suche dafür einen bodennahen Standort. Der Horizont wird dabei absichtlich extrem tief angelegt.





Lichterscheinungen
Wenn feine Schneekristalle bei kalten Temperaturen in der Luft herumschwirren, ist die Chance da, eine Korona um die Sonne herum zu erwischen. Das seltene Lichtphänomen fotografisch zu erwischen, ist ein absolutes Highlight.


Kameraeinstellungen
Ich frage mich zu Beginn eines Shootings immer, worauf es ankommt. Bei Landschaftsaufnahmen im Schnee ist immer genügend Licht vorhanden, was eine kurze Belichtungszeit bei niederen ISO-Werten erlaubt. Ich achte also mehr auf die Schärfentiefe und stelle die Zeitautomatik (Canon: Av, Andere: A) ein. Hiermit kann ich die Blende fix vorwählen und die Kamera passt die Verschlusszeit der Belichtungssituation an.
Je kleiner die Blende gewählt wird (hohe Zahl), desto grösser ist die Schärfentiefe. Bei Landschaftsaufnahmen habe ich oft einen Vordergrund, den ich mit in der Schärfenzone drin haben will. Die Frage ist nun etwa die, wie ich die Blende einstellen muss, um ein Objekt in einer Distanz von beispielsweise 10 Metern scharf abzubilden, ohne dass der Hintergrund an Schärfe verliert. Man kann hier nicht verallgemeinern, denn die Sache hängt vom Objektiv ab. Ich mache oft auch eine Probeaufnahme und kontrolliere in der Wiederansicht mit der Lupenfunktion, ob das Bild von vorn bis hinten scharf ist. Wenn nein, schliesse ich die Blende etwas, und fotografiere erneut mit einer Kontrolle. Dabei achte ich auch auf die Lichterzeichnung. Ich korrigiere jeweils mit der Plus-Minus-Korrektur, mit der ich bei meiner Kamera bis zu drei Blendenstufen dunkler oder heller belichten kann, als es die Belichtungsautomatik vorgibt. Man kann in vielen Kameras übrigens ein Histogramm oder eine Überbelichtungswarnung einblenden lassen. Diese helfen, ein Ausfressen der Lichter zu vermeiden.
Ich habe in der täglichen Praxis mit meiner Canon R5 Mark II und hochwertigen Objektiven noch keine signifikanten Probleme bezüglich Schärfe festgestellt. Das heisst, ich kann damit unbedarft die Blende vorwählen, ohne dass ich mich mit möglichen technischen Unzulänglichkeiten herumschlagen muss. Aus meiner Erfahrung sind meine Bilder mit der Vollformatkamera einfach immer scharf. Ausser ich verwackle die Fotos absichtlich. Berichten zufolge haben nicht alle Kameras und Objektive die gleiche Güte und zeigen bezüglich Blendenwahl einen sichtbaren Schärfeunterschied. Klar ist, dass Weitwinkelobjektive bei einer bestimmten Blende eine grössere Schärfentiefe haben als Normal- oder Teleobjektive.
A propos verwackeln. Wischbilder im Schnee sind äusserst attraktiv. Es entsteht eine Bildpoesie, die man sonst nirgends antrifft. Um die Kamerabewegung etwa bei 1/20 bis 1/60 Sekunde zu erlauben, ist allerdings ein Neutraldichtefilter (ND-/Grau-Filter) nötig, der das viele helle Licht absorbiert.
Bei wenig Licht im Schnee (zum Beispiel im Wald) handle ich natürlich anders. Hier frage ich mich, welche ISO-Zahl ich einstellen soll, um mit der geringsten Belichtungszeit noch verwacklungsfreie Fotos zu schiessen. Neuste Kameragenerationen können gut bis 10000 ISO, dass auch bei düsteren Lichtverhältnissen mit kurzen Belichtungszeiten gearbeitet werden kann. Sogar Schneeszenen im Dunkeln sind heute ohne Stativ gut und verwacklungsfrei zu bewältigen.
Wichtig ist mir, mich vor dem Shooting immer zu fragen: Welche Lichtsituation herrscht vor? Welche Schärfe schwebt mir vor, von wo bis wo? Welche Blende und Verschlusszeit bringt das optimale Resultat? Wie kann eine höhere ISO-Zahl Blende und Zeit positiv beeinflussen?

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag.
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Zum Schluss ein paar Fotos aus Wädenswil, diesmal von oben mit der Drohne. Schneefotos aus Wädenswil gibt es in der Galerie zu sehen (www.tevy-fotos.ch). Davon können Wandbilder oder Fotogeschenke hergestellt werden. Frag im Laden danach.








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