Deckenkonstruktion, Circle, Flughafen Zürich

Linien und ihre Spielarten 

Punkt – Linie – Fläche, aus diesen drei Urelementen sind alle anderen Formen durch Erweiterungen abgeleitet. Der Punkt ist fotografisch gesehen ein kleines Bildelement, das nicht mit der geometrischen Bezeichnung übereinstimmt. So kann ein Blatt, ein Stein, ein Mensch, die winzig im Bild stehen, die Funktion des Punktes haben. Die Linie entsteht durch Aneinanderreihung von einzelnen Punkten. Geometrisch wird die Linie als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten definiert. Fotografisch sind Linien in allen Ausprägungen in jedem Foto auszumachen. Eine Bergkante ist eine Linie. Ein Meereshorizont ist eine Linie, Autos werden durch Linien geformt und Gesichter bestehen aus Konturen: Linien.

Ich will hier nicht die Linie in der Funktion der Blickführung (Linie, die ins Bild führt) thematisieren, sondern Linien, die in ihrer Wiederholung ein Linienmuster erzeugen.

Linienmuster haben unendlich viele Gesichter. Sie variieren durch ihre Länge, ihre Stärke, ihre Lage, ihren Abstand und ihre Form.

Liniendominantes Bild

Linienmuster können regelmässig oder unregelmässig auftreten. Nicht immer ist von vornherein klar, dass es sich um ein Linienmuster handelt. Denn die Abgrenzung einer Linie zu einer Fläche ist nicht definierbar. Trägt ein Zebra ein flächiges Muster oder ein Linienmuster? Besteht ein Zebrastreifen aus Linien oder Flächen? Es gibt auch Fotos, bei denen das Linienmuster in abgeschwächter Form wahrgenommen wird, zum Beispiel bei Wischfotos.

In der Signaletik warten viele Streifenmuster auf dich. Bei abstrakten Motiven kannst du die Bildkomposition in aller Ruhe ausprobieren.
Die Treppe wird durch das Linienmuster zum Motiv.
Jedes Zebra hat ein individuell ausgeprägtes Streifenmuster, ähnlich wie Menschen individuelle Fingerabdrücke haben.
Bei verwischten Fotos ist der Linienmustereffekt abgeschwächt sichtbar.

Linienbetonung

Linienmuster wirken dann besonders stark, wenn die Linien bildbestimmend sind. Das heisst nicht, dass sie gleichzeitig das Hauptmotiv darstellen. Linienmuster wirken oft nicht als Motiv, vielmehr begleiten sie das Motiv oder lenken darauf hin. Hierzu zwei Beispiele.

Parkhaus Sihlcity: Die fast symmetrische Betonkonstruktion ist als Linienmuster das Gestaltungselement.

Zürich-Altstetten: Das Linienmuster erzeugt eine starke Perspektive, das eigentliche Motiv ist jedoch die schwarze Silhouette.

Farbig oder Schwarz-Weiss?

Schwarz-Weiss verdeutlicht den formalen Bildaufbau. Farben lenken eher ab und verlangen dem Hirn eine Deutungsebene mehr ab. Natürlich gibt es auch Linienmuster, bei denen die Farbe eine wichtige Rolle spielt. Ich stelle mir bei jedem Bild die Frage, ob Farbe dem Bild zuträglich ist oder ob ich die Bildaussage mit Schwarz-Weiss besser auf den Punkt bringe.

Panometer Leipzig.
Panometer Leipzig. Bei monochromen Fotos spielt es meist keine so grosse Rolle. Die Farbe kann stehen bleiben, aber auch Schwarz-Weiss ist gut.
Leipzig. Links liegt die Betonung sowohl auf der Linienstruktur, also auch auf der Farbgebung. Rechts tragen nur die Linien das Bild.

Linienstrukturen in der Architektur

Obwohl Strukturen auch in der Natur vorkommen (Eiskristalle, Gesteinsschichten, Baumringe, Fellzeichnung, Wald usw.), hat die Architektur die Repetition beherzigt und die Herzen der Menschen erobert. So sind in einer Stadt Linienmuster an jeder Ecke zu beobachten. 

Zürich-Altstetten: ein luftiges Treppenhaus, von unten nach oben fotografiert.

Mario Bottas Kappelle von Mogno im Val Lavizzara. Ein Meisterwerk von Flächen und Linien.

Credit Suisse Hochhäuser, Zürich-Oerlikon. Die mit langer Belichtungszeit geschwenkte Aufnahme verstärkt vertikale Linienstrukturen. 
Swisslife-Arena, Zürich. Beim richtigen Sonnenstand bilden sich musterartige Lichtflecken am Boden.
Swisslife-Arena, Zürich. Die Aussenfassade wirkt bei seitlich einfallendem Licht sehr plastisch.
Zurich, Zürich. Die spiegelnde Fassade bildet ein Linienmuster.
Bahnhofplatz St. Gallen. Bei regnerischem Wetter spiegelt sich die Fassade in einer Pfütze. Hier habe ich oben und unten den Photoshopfilter «Bewegungsunschärfe» eingesetzt, der die Vertikale betont.
Lissabon. Arkaden bilden eine vertikale Linienstruktur.
Leipzig. Die nächtliche Szenerie wirkt Schwarz-Weiss besonders gut. Die Lichtführung liegt auf dem Skater.
Circle, Zürich-Flughafen. Die verwischten Fussgänger kontrastieren mit der Linienstruktur der Gebäude.
Hauptbahnhof Leipzig. Die Metallkonstruktion bildet ein gebogenes Linienmuster.

Parkhäuser sind fotogen!

In einem Fotoprojekt habe ich vor einiger Zeit schon alle Parkhäuser der Stadt Zürich fotografiert und einen schier unendlichen Fundus an typografischen oder geometrischen Motiven festgehalten.

Parkhaus Hardturm, Zürich. Der Baum in der Mitte drängt ans Licht. Er ist als Farbakzent in der wüsten Betonlandschaft unabdingbar.
Parkhaus Opéra, Zürich. Das metallene Muster wirft seinen Schatten auf die Betonmauer.
Parkhaus Primetower, Zürich. Fussgängerstreifen, der ins Bild hinein führt. Die Blickrichtung wird durch den Pfeil gestoppt.

Schattenwurf

Licht und Schatten sind wie ein Zwillingspaar. Ohne Licht keine Schatten. Direktes Sonnenlicht, am besten noch seitliches, zeigt alle Linienstrukturen in einem neuen Licht. Gartenzäune, Treppengeländer oder feine Metallkonstruktionen von Treppen – ich habe immer ein Auge auf die Schattenwirkung. Schatten sind eine Abstraktion, oft kann man nur schwer erkennen, von welchem Ding sie stammen.

Schattenwurf eines Treppengeländers auf die Hausmauer.
Die eiserne Treppe wirft einen Schatten auf das runde Silo.
Parkhaus Hallenstadion, Zürich. Die Sonne wirft eine Schattenstruktur aus Linienstückchen auf die Metallkonstruktion.

Treppen à la carte

Treppenstufen sind neben Fassaden die klassischen Linienmuster, die zu jedem mehrstöckigen Gebäude gehören. Je komplexer die Treppe gebaut ist, desto anspruchsvoller ist die Fotografie. Meist fotografiere ich mit meinem Weitwinkelzoom 15–35 mm. Bildverzüge sind im Bereich von 10–20 mm fast unvermeidlich, in den Bildecken «ziehts» dann ordentlich nach aussen. Bei geometrisch geraden Motiven wie Treppen können sich Bildverzüge störend auswirken. Ich finde es spannend, die Betrachterinnen in die Irre zu führen, indem ich den komplexen Bildaufbau so gestalte, dass das Foto erst auf den zweiten Blick entschlüsselt werden kann.

Bernina City, Zürich. Die durchsichtige Treppe ist von unten nach oben fotografiert.
Auch diese Treppe habe ich von der Unterseite her abgelichtet. Das Auge versucht das Bild andersrum zu entschlüsseln.
Treppe in Barcelona, die sich im Dach oben spiegelt.
Andorra. Die runden Treppen bilden einen wahren Blickfang.
Sihlcity, Zürich. Durchblick vom obersten Stock auf ein verwirrendes Durcheinander.
Kunsthaus Zürich. Blick von oben ins Treppenhaus.

Wendeltreppen

Unbestreitbar gehören geschwungene Treppen oder Wendeltreppen zu den schönsten Treppenformen. Wenn die sanften Schwünge die senkrechte der Mittelsäule umspielen und die Treppenstufen fotografisch machen, was sie wollen, ist meine Begeisterung ungebremst.

Beim Parkhaus Urania, Zürich. Die doppelt geschwungenen Linien wirken sehr anmutig.
Phare d’Eckmühl, Bretagne. Die Spiralform gibt die Treppenstufen perfekt wieder.
Phare d’Eckmühl, Bretagne. Aus dieser Sicht wird der Weitwinkelverzug deutlich sichtbar.
Linienstrukturen, wie hier die Spirale, sind gut auch mit Lightpainting machbar.

Linienstrukturen in der Natur

Alles, was nach oben wächst, bildet in der Summe vertikale Strukturen aus. So sind Baumstämme der Wälder in jeder Jahreszeit ein Linienmotiv, das überall wartet.

Die landwirtschaftliche Nutzung wird bei dieser Drohnenaufnahme deutlich.
Sihlwald. Mit einer Sekunde Belichtungszeit und einem senkrechten Schwenk nach oben bildet sich dieses Streifenmuster.
Maggiatal. Linien sind vielen Felsformationen enthalten.
Zumaia, Spanien. Gesteinsschichten bilden ganze Linienformationen.
Albisrücken. Die mächtigen Buchen zeigen im Gegenlicht ihre vertikale Struktur.
Wasserspiegelungen bilden zusammen mit den Wellen ein Linienmuster.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen. ISBN 978-3-033-08937-2, Fr. 40.–. Erhältlich bei Foto-Tevy, Wädenswil, im Buchhandel oder direkt über den Webshop www.fotografie-fuer-dich.ch.