Kein Ferienmotiv wird so romantisiert wie Sonnenaufgänge und -untergänge. Ein paar Tipps, wie sie gelingen.

Sonnenaufgang und -untergang
Das Erscheinen oder Verschwinden der Sonne am Himmel ändert sich mit der Tageszeit, der Jahreszeit, der nördlichen Breite, der Höhenlage und den atmosphärischen Bedingungen wie Wolken, Nebel oder der Luftfeuchtigkeit. In typischen Fotos mit Sonnenuntergängen ist die Sonne abgebildet, es handelt sich also um Gegenlichtaufnahmen. Anderseits gibts ebensolche Fotos ohne Abbildung der Sonne mit einer warmen Stimmung, hier fällt das Licht dann seitlich ein. Bei Fotos mit der untergehenden Sonne im Rücken ist die warme Stimmung das einzige, was sie mit dem Thema Sonnenuntergang verbindet.
Der Sonnenaufgang unterscheidet sich fotografisch in nichts vom Sonnenuntergang. Im Sommer muss man dafür einfach früher raus, während der Sonnenuntergang zeitlich etwas bequemer liegt. Im hohen Norden dauert das Spektakel länger, während in tropischen Gebieten nur kurz Zeit für die Fotos bleibt. Für mich ist zeitlich der Sonnenuntergang oder -aufgang einfach mit der schönen Stimmung verbunden. Und die kann je nach Ort und Zeit länger oder kürzer anhalten.







Die auf- oder untergehende Sonne ist fotografisch gesehen nicht gerade das Gelbe vom Ei. Es ist etwa mit dem Mond vergleichbar. Für sich allein gewinnt er keine Preise – es kommt immer auf die umgebende Inszenierung an. Spektakuläre Sonnenuntergänge sind deshalb Inszenierungen, sie leben von den Protagonisten auf dem Bild.
Form und Farbe der Sonne
Die Form der Sonne kann von blossem Auge im Sonnenauf- oder -untergang erkannt werden, da sie nicht so hell ist und gefahrlos betrachtet werden kann. Aus der Erfahrung wissen wir, die Sonnenkugel wird als kreisrunde Scheibe abgebildet. Durch die Atmosphäre, durch Wolken oder Nebel kann sie allerdings oval verzogen werden und die Ränder können ebenfalls «ausgefranst» und nicht regelmässig scharf sein.
Um die Sonne so richtig gross ins Bild zu rücken, sollte ein 500-mm-Objektiv (Vollformat) einsetzen. Man kann das Bild im Nachhinein immer noch zuschneiden.


Oft hat die Sonne eine gelb-orangefarbenes Aussehen. Die Sensorik der Kamera empfängt soviel Energie, dass die gelbe Farbe fast immer weiss ausgefressen erscheint – ein Bildfehler, dem nur mit aufwendigen Korrekturen beizukommen ist. Ich färbe die Sonne dort ein, wo mich der Weisston stört und eine goldene Sonne wirklichkeitsnaher aussieht.






Davor und danach
Die Zeit vor dem Sonnenuntergang wird als goldenen Stunde bezeichnet, während es für die Zeit gleich nach dem Sonnenuntergang (oder vor dem Sonnenaufgang) keine Bezeichnung gibt. Für mich persönlich sind diese beiden Phasen ohne die Sonne mindestens so spektakulär wie mit dieser. Mehrfach habe ich schon Nachglimmen fotografiert, bei denen die Farben besonders intensiv waren. Ohnehin ist der Himmel mit den Wolken der heimliche Hauptdarsteller.


Die Farbstimmung
Weil die Sonnenstrahlen schräg auf die Erdatmosphäre treffen, wird ein Teil des Farbspektrums absorbiert und nur die warm scheinenden Lichtwellen dringen zu uns durch. Dieses Phänomen wird in der Physik mit Farbtemperatur bezeichnet und mit der Kelvin-Skala (K) gemessen. Sie beginnt beim absoluten Nullpunkt (–273,15 Grad Celsius = 0 K). Warmes LED-Licht hat etwa 2700–3300 K, Tageslicht etwa 5500–6500 K. Weiter hinten zeige ich bei «Kameraeinstellungen», welche Werte du einstellen solltest. Beim Sonnenauf- und -untergang ist die Lichtstimmung gelb, orangegolden – sie kann je nach Situation auch violett oder purpurfarben sein. Der Kontrast im Foto verringert sich, die Schattenzeichnung ist nicht so stark ausgeprägt. Silhouetten sind angesagt.
Die Farbe am Himmel verhält sich manchmal etwas zickig. Nicht jeder Sonnenuntergang ist gleich. Manchmal versinkt die Sonne relativ tonlos und manchmal explodiert der Himmel. Es kommt halt ganz darauf an, wo man sich befindet: am Meer, auf den Bergen, in einer Stadt.
Eine präzise Definition der Farbstimmung ist nicht möglich, auch weil unser Auge-Hirn-System sehr tolerant mit Stimmungen umgeht. Das heisst, eine Sonnenstimmung wird immer authentisch wahrgenommen, auch wenn sie kühler oder wärmer daherkommt. So wenig, wie es das einzig wahre Himmelblau gibt, so wenig gibts das einzig wahre Sonnenuntergangsgelb.









Kameraeinstellungen
Da oft Sonnenuntergänge statisch sind und du gegen die Sonne fotografierst, hast du genügend Licht, um kleine ISO-Werte einzustellen, z.B. ISO 100 bis 400. Bei einem statischen Motiv, wähle ich eine mittlere Blende (f8 bis f10) und achte darauf, dass die Belichtungszeit so kurz ist, das ich das Bild nicht verwackle. Der Bildstabilisator ist dabei eingeschaltet. Die Belichtungszeit hängt vom Objektiv ab, bei einem Reiseobjektivzoom ist vielleicht 1/60 Sekunde bis 1/500 Sekunde okay. Ein Stativ kommt dann zum Einsatz, wenn längere Belichtungszeiten gefragt sind. Die richtige Kameraeinstellung ist eine Kombination von ISO, Blende, Verschlusszeit. Wenn du Bewegung im Bild hast und eine kurze Belichtungszeit benötigst, dann stellst du vielleicht eher die ISO-Zahl höher als die Blende zu öffnen.
Eine gute Option ist die automatische ISO-Einstellung. Hier definierst du einen «Von… Bis…-Bereich», zum Beispiel von 100 bis 1000 ISO. Die Kamera fotografiert dann innerhalb dieses Bereichs.
Nun zum Weissabgleich. Ich selbst fotografiere fast immer mit dem automatischen Weissabgleich (AWB), so auch bei Sonnenuntergang. Die Lichtstimmung stelle ich in der Nachbearbeitung in Lightroom (oder Photoshop) ein. Hier kann ich zudem Himmel und Vordergrund partiell maskieren, das heisst separat behandeln. Wer den Weissabgleich in der Kamera vornimmt, kann bei den Einstellrädern das Wolkensymbol oder das Schattensymbol anwählen. Dann wird die Farbtemperatur einfach etwas wärmer.
Die Lichtmessung beim Sonnenuntergang ist etwas schwierig, weil der Kontrastumfang zwischen der hellen Sonne und dem dunklen Vordergrund zu bewältigen ist. Als Messmethode ist bei vielen Kameras die Mehrfeldmessung voreingestellt. Es gibt ausserdem die Selektivmessung, die Spotmessung und die mittenbetonte Messung. Ich empfehle, die Spotmessung auszuprobieren und dabei direkt in die Sonne zu fokussieren. Dies hat zur Folge, dass die gleissende Sonne «gemässigter» abgelichtet wird. Ein weiterer Versuch: mit der Plus-Minus-Korrektur zwei bis drei Blenden dunkler belichten, sodass die Sonne auf dem Wiedergabedisplay nicht mehr weiss, sondern farbig abgebildet wird.
Zuletzt noch dies: Ich fotografiere aus Prinzip im Datenformat Raw, auf keinen Fall in JPEG. Das hat einen gewichtigen Grund. Im Raw-Format sind in Lightroom oder Photoshop mehr Möglichkeiten vorhanden, das Bild zu bearbeiten. Zum Beispiel kann das Bildrauschen mit KI nur beim Raw-Format entfernt werden. Wer mit JPEG fotografiert, kann diese Funktion nicht nutzen.


Gestalten mit der Sonne
Das gelungene Sonnenauf- oder -untergangsfoto lebt von der Szenerie. Das Hauptaugenmerk sollte also nicht zu sehr auf die Sonne gelegt werden, sondern aufs Darum-Herum. Ich stelle mir die Frage, ob das Motiv auch ohne Sonnenuntergang funktionieren würde. Würde ichs auch ohne Sonnenuntergang fotografieren? Falls ich sie bejahen kann, bin ich auf dem richtigen Weg. Die Stimmung kommt automatisch hinzu, man braucht sich nicht extra drum bemühen. Deshalb zuerst den Vordergrund und den Mittelgrund suchen, dann die Kameraposition und den Ausschnitt wählen. Zuletzt die Kameraeinstellungen überprüfen: Stimmen Verschlusszeit, ISO und Blende? Brauche ich Schärfentiefe? Welche Blende stelle ich dafür ein? Ist der Bildstabilisator aktiv? Verwackle ich das Foto mit der gewählten Verschlusszeit?















Ralf Turtschi; Fotografie für dich. Die Lust an der vielseitigen Hobnyfotografie; 272 Seiten; ISBN 978-3-033-08937-2; ; Eigenverlag; Fr. 40.–; erhältlich bei Foto-Tevy, im Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch oder im Buchhandel