Vögel im Flug mit drei Superteleobjektiven
Was leisten die drei langen Brennweiten Canon RF 100–500 mm, 200–800 mm und das lichtstarke 600 mm? Kleine Vögel im Flug zu fotografieren, gehört zum Anspruchsvollsten überhaupt.

Zum Einstieg
Wer in der Natur unterwegs ist, kommt kaum darum herum, eine lange Brennweite einzusetzen, um Tiere heranzuzoomen. Der Anbietermarkt ist dementsprechend reichlich mit Objektiven bestückt, die in unzähligen Blogs und Videos ausführlich besprochen werden. Es geht mir hier weniger um die technischen Features als um meine praktische Erfahrung mit den drei Objektiven. Das Canon RF 600 mm F4 L IS USM wurde von Canon (Schweiz) AG für diesen Blog zur Verfügung gestellt. Die Objektive Canon RF 100–500 mm F4.5–7.1 L IS USM und Canon RF 200–800 mm F6.3–9 IS USM sind in meinem Besitz.

Tiere in der freien Natur fotografieren
Ich war bisher nicht so der Vogelfotograf. Meine Fotosafari in Uganda vor zwei Jahren gab erst den Anstoss dazu. Ich fotografierte nebst grösseren Wildtieren unzählige Vögel und bin seither fasziniert. Eine der wesentlichen Eigenschaften für uns Fotografen ist das Eins-Werden mit der Natur, dies mental und physisch. Naturnahe Kleidung und Tarnmaterialien für Mensch und Kamera sind zumindest nicht schädlich. Es braucht Geduld, einen langen Atem, eine ausreichende körperliche Konstitution, Kälte- oder Hitzeresistenz, Langsamkeit, innere Ruhe, «Jagdfieber», einen konkreten Plan im Kopf und anderes mehr. Man kann nicht einfach drauflos marschieren und irgendwann gerät ein Tier vor die Linse. Alle meine Bewegungen sind wie in Zeitlupe, reden ist verpönt, die Kamera löst ohne Rattern still aus. Ich will die Tiere bewusst fotografieren und habe alle notwendigen Kameraeinstellungen vorgenommen, das Gerät ist schussbereit in der Hand oder am Auge.

Die Natur gibt die Regeln vor, ich kann keine Posingwünsche artikulieren. Gewisse Vorstellungen über das Habitat und die Gewohnheiten von Wildtieren ist unabdingbar, man legt sich ja nicht einfach im heimischen Wald auf die Lauer, um Biber zu fotografieren. Bei Wildtieren gehört der Misserfolg auch zum Geschäft, bei mehreren Versuchen klappt es halt nicht, und ich ziehe unverrichteter Dinge wieder ab. Jeder Vorgang ist einmalig, man hat kaum mehrere Chancen, ein gutes Bild zu machen. Wenn der Vogel weg ist, ist er weg. Wenn fotografische Erfolge so enorm schwierig zu erzielen sind, ist ein gelungener Schuss umso befriedigender und freut das Herz wie nichts sonst. Viel einfacher ist es dagegen, auf Reisen Eindrücke mitzunehmen oder im Studio bei standardisierten Lichtbedingungen zu fotografieren.
Fotografische Ausrüstung
In der freien Natur ist das Gesamtgewicht der Ausrüstung von Bedeutung. Wenn ich einen Tag lang mit dem Kamerarucksack unterwegs bin, ist das geschulterte Gewicht eine Spassbremse. Wenn ich hingegen nur kurz zu einem Fotospot laufe und stationär (evtl. im Tarnzelt) ausharre, dann kann ich mir bedeutend mehr Gewicht zumuten. Und es ist nun mal so, je schwerer die Ausrüstung, desto gewichtiger ist die Qualität. Darauf komme ich noch zu sprechen. Erst zu den drei Objektiven, die ich hier bespreche.
Das RF 100–500 mm wiegt rund 1,4 Kilo, das 200–800 mm wiegt 2 Kilo und das 600er bringt 3 Kilo auf die Waage. Der Body meiner Canon EOS R5 Mark II wiegt 750 Gramm. Ob ich nun mit rund 2 Kilo frei fotografiere oder mit 4 Kilo, macht schon einen Unterschied. Ich kann aber auch mit 4 Kilo freihändig und über kurze Zeit zum Beispiel fliegende Störche problemlos fotografieren. Lange Brennweiten sind in der Tierfotografie ein Muss. Ohne Tele kann man vielleicht Grosswild von weitem fotografieren. Wenn ich Vögel ablichten möchte, sind Brennweiten ab 300 mm notwendig. Nicht zwingend führt eine längere Brennweite zu qualitativ besseren Fotos. Dazu zusammenhängende Faktoren: je länger die Brennweite, desto kleiner ist die Offenblende. Zum Beispiel hat ein günstigeres 400er-Tele eine Offenblende von f6.3. In einer gegebenen Lichtsituation resultiert daraus die Verschlusszeit und die ISO-Einstellung. Das teurere 400er begeistert mit einer Offenblende von f2.8. Damit kann ich bei gleicher Lichtsituation die Verschlusszeit verkürzen oder die ISO herunterdrehen – beides bringt mehr Bildqualität, bzw. Schärfe. Aktuelle Diskussionen drehen sich um die Offenblende und die Abbildungsleistung, sprich Schärfe. Diese Qualitätsmerkmale wirken sich auch im Preis aus. So sind günstige Telezooms für 900 Franken auf dem Markt – daneben gibt’s Festbrennweiten für 12’000 Franken. Das RF 600 mm F4 ist eine ziemlich grosse Röhre, die auch nicht mehr in einen grossen Fotorucksack passt. Gut ausbalanciert, kann sie jedoch am Griff getragen werden. Man nimmt es also eher nicht auf eine zweiwöchige Fotosafari mit. Das 100–500 mm oder auch das 200–800er kann ich problemlos im Fotorucksack transportieren. Alle Objektive arbeiten mit einem Bildstabilisator, der bis 5 Blendenstufen kompensiert.

Die Fragen sind nun: Ist ein Zoomobjektiv schlauer als eine Festbrennweite? Und soll ich ein 400er oder besser ein 800er kaufen? Kann ich ein 300er nehmen und dazu einen 2fach-Extender einsetzen? Welche Vorteile hole ich mit lichtstarken Offenblenden heraus? Ist ein 400er mit F4 besser als ein 800er mit F9? Die Fragen lassen sich nicht einfach so beantworten. Der Gang zum Fachhändler ist angesagt. Foto Tevy wird nach den Bedürfnissen und dem Budget die passende Lösung vorschlagen. Es ist so wie bei allen Werkzeugen: Qualität hat ihren Preis – aber auch fürs schmale Portemonnaie gibt’s Lösungen. Bei einer 800er-Brennweite ist die Verwackelungsgefahr viel grösser als bei einem 400er, trotz Bildstabilisator. Verwackelte Bilder kann man kaum nachschärfen. Einen Bildausschnitt bei einem scharfen Bild aus einer kürzeren Brennweite bestimmen geht immer. Aus dieser Sicht ist ein kürzeres und leichteres Supertele vorteilhafter als ein langes und schweres Objektiv.
Ich persönlich empfehle, die Lichtstärke mehr zu gewichten als die Brennweite. Also die 400er Festbrennweite mit Offenblende F2.8 anstelle eines 600 mm mit Offenblende F4. Kombiniert mit einem 1,4fach-Extender erhält man ein 560 mm mit Blende 4. Die Offenblende F2.8 ermöglicht eine kurze Belichtungszeit oder weniger ISO. Beim 400er muss ich etwas mehr beschneiden, um das Motiv in gleicher Grösse zu erhalten wie beim 600er. Das bisschen mehr an Croppen gegenüber einem 600 mm ist bei einem Vollformatsensor sowieso kein Problem. Mein RF 100–500 mm ist alltagstauglich und verdient in ganz unterschiedlichen Genres Bestnoten. Ich hatte es zwei Wochen auf Safari in Uganda dabei und würde es nicht mehr hergeben. Das RF 200–800 mm hat mich ebenfalls überzeugt, einfach bei grösseren Distanzen und eher unbewegten Tieren, wie bei Steinböcken oder Hirschen. Eine allgemeine Empfehlung kann nie richtig sein, denn die individuellen Bedürfnisse von uns Fotografinnen und Fotografen sind zu unterschiedlich. Immerhin kann für Einsteiger folgendes gelten: lieber kürzer, lieber Zoom, lieber leichter. Bei Könnern oder Profis verhält es sich eher umgekehrt.
Jetzt zu den Kameras. Hier gibt’s natürlich wie bei den Kaffeemaschinen die Spezialisten und Alleskönner. Von den günstigen Kapselmodellen über die Bohnenmaschinen bis hin zur Barista hat es für jedes Bedürfnis etwas darunter. Bei den Kameras ist die Sensorgrösse ein wichtiger Faktor. Bei einem Vollformatsensor (36 x 24 mm) fotografiere ich kleine Vögel aus einer Distanz von 10 Meter, in der Nachbearbeitung kann ich das Motiv mit der Ausschnittwahl ziemlich stark zuschneiden. Je kleiner der Sensor, desto weniger kann ich das Bild croppen, ohne gleich an Abbildungsschärfe zu verlieren. Wer im Vollformat über 45 Megapixel verfügt, kann mehr beschneiden als dies bei 24 Megapixel möglich ist. Vollformat ist nicht gleich Vollformat. Wer einen kleineren Sensor hat, der mag deshalb eher zu längeren Brennweiten tendieren. Immer umgerechnet aufs Vollformat, das heisst, ein 300er-Tele bei einer APS-C-Kamera (halbes Vollformat) entspricht der Brennweite eines 450er-Teles bei Vollformat. Mit anderen Worten: Du kannst mit allen Kameras Vögel fotografieren, aber mit einer teuren und guten Vollformatkamera bei 45 Megapixel hast du mehr Optionen und Leistungsreserve. Insofern bringt ein Wechsel von APS-C zu Vollformat unter dem Strich mehr Schärfe und mehr Qualität.

Da wären noch andere Vorteile einer hochwertigen Kamera: Bei meiner Canon EOS R5 Mark II verfüge ich über eine Vorauslösung. Ich kann die Eisvögel im Fokus behalten, den Auslöser halb gedrückt. Im Hintergrund schaufelt die Kamera laufend 20 Bilder pro Sekunde in den Zwischenspeicher. Wenn der Eisvogel abgeflogen ist, drücke ich den Auslöser ganz durch und erhalte eineinhalb Sekunden zurück einen Stapel Fotos, die den Abflug dokumentieren. So schaffe ich’s problemlos, kleine Vögel im Flug zu erwischen. Diese Vorauslösung im RAW-Format ist nur bei den neueren Spitzenmodellen enthalten. Gewisse Kameras erlauben bei Vorauslösung nur JPG – ein gewichtiger Nachteil. Kleine Vögel im Flug ohne Vorauslösung – fast nicht möglich. Oder dann ist das Rauschverhalten bei neueren Modellen um Welten besser als bei älteren. Ich fotografiere mit 5’000 bis 10’000 ISO, das geringe Bildrauschen kann ich in der Nachbearbeitung vollständig eliminieren. Das sind technische Grundvoraussetzungen für die Vogelfotografie.

Bildqualität und Schärfeleistung
In einigen Blogs und YouTube-Videos werden die Objektive ausführlich besprochen, die Details kann man dort bekommen. Für unprofessionell halte ichs, wenn ein Canon Ambassador und Alpinist aufs Jungfraujoch fährt, um dann im gleissenden Schneelicht ein 600 mm F4 zu testen. In der Naturfotografie herrschen nicht so idealhelle Lichtsituationen, und die Leistungsfähigkeit von Objektiven kommt erst bei ungünstigen Lichtbedingungen zum Tragen. Es geht in vielen Clips hauptsächlich um das Gewicht, das Handling, den Preis und die Schärfeleistung. Bildqualität misst sich in erster Linie an der Originalität der Aufnahme, der Wirkung, die das Foto auf die Betrachter ausübt. Klar müssen gewisse handwerkliche Qualitäten ersichtlich sein. Aber die Qualität eines Tierfotos misst sich nun einmal nicht allein an der Schärfe.
Aus meiner Praxis gleichwohl ein Wort zur Schärfe. Die Abbildungsleistung der heutigen Kamerasysteme und deren Objektive sprengt alles bisher Dagewesene. Wenn es also um die wissenschaftlich gemessenen Abbildungsleistungen geht, sprechen wir von höchstem Luxus, denn die Kameras sehen einiges mehr und schärfer als das menschliche Durchschnittsauge, das aus rund 5 Metern Entfernung ein Detail von 1,45 Millimeter erkennen kann. In der Fachsprache entspricht diese Leistung einem Visus 1, in die Geometrie übertragen eine Bogenminute. Objektive mit Brennweiten von 400 oder mehr leisten ein Vielfaches. Es kommt einem so vor, auf einer Objektiv-Schärfeskala von 1 bis 100 zu diskutieren, ob 95 oder 97 besser ist. Das ist Unsinn.
Es wird immer unterschlagen, dass eine hohe ISO-Zahl der Schärfe entgegenwirkt oder auch Verwackelungs- und Bewegungsunschärfe weit grösseren Einfluss haben als die Nennleistung des Objektives. Zudem ändert sich die menschliche Schärfesehleistung mit dem vorhandenen Licht oder auch dem Alter.

Ein Dorn im Auge der Schärfe sind die Wiedergabegeräte, die allesamt nicht in der Lage sind, die abgebildete Schärfe vom Sensor zu transportieren. An erster Stelle die Monitore zu Hause, die heute 27 bis 32 Zoll Diagonale aufweisen. Gute 27-Zoll-Monitore für Fotografen lösen bis 3080 Pixel in der Breite auf. Mein Apple XDR Pro Display (32 Zoll) weist eine Auflösung von 6016 Pixeln in der Breite auf. Meine Kamera 8192 Pixel. Kurz: Die meisten Monitore können die übertragene Schärfe gar nicht zeigen, die Schärfe wird heruntergerechnet. Bei den Handys ist die Auflösung wesentlich feiner, dafür ist der Bildschirm viel zu klein. Auf den Handys sehen sogar Handyfotos scharf aus, die auf meinen 32-Zoll-Display absolut inakzeptabel sind. Ich habe noch nie ein scharfes Handyfoto darauf gesehen! Thema Internet, Social Media: 72 Pixel per inch, das ist ein Schärfewitz! Beamer? Fehlanzeige! Die Auflösung Full-HD entspricht 1920 x 1080 Pixel, rund 2,2 Mio. Pixel. Bei einer Vollformatkamera mit 45 Mio. Pixel bleibt eine 20-fach kleinere Auflösung. Auf gut Deutsch: Bei einem Beamer wird jeder zwanzigste Pixel herausgerechnet. Selbst die 4K-TV-Auflösung ist mit 4096 x 2160 (8,8 Mio. Pixel) dem Vollformatsensor um nahezu das Fünffache unterlegen. Ein 17-Zoll-Laptop kann klitzekleine 2 Mio. Pixel darstellen. Und in diesem Umfeld streiten sich die «Gurus» um die Schärfeleistung der Objektive. Das Wort Guru ist absichtlich in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt.
Der langen Rede kurzer Sinn. Die Schärfeleistung meiner drei Protagonisten ist aus meiner Erfahrung exzellent. Der Kaufentscheid sollte sich nebst Preis vielmehr fachlich an der Offenblende, an der Wahl zwischen Zoom und Festbrennweite oder an der Brennweite orientieren.
Ausschuss
Ich will auch erwähnen, dass der Autofokus und die entsprechenden Einstellungen bei bewegten Motiven eine grosse Rolle spielen. Immer wieder passiert es halt, dass der Autofokus nicht greift und dass anstelle der Vögel auf den Hintergrund fokussiert wird. Oder dass in einer Reihenserie der Autofokus abreisst und urplötzlich auf den Hintergrund zugreift. Trotz aller Hilfsmittel sind Fehlaufnahmen normal. Bei meinem Besuch im Eisvogelpark (s. weiter unten) habe ich an einem Tag 5000 Fotos gemacht, davon sind 4000 im Papierkorb gelandet. Natürlich entstehen sie über die Reihenaufnahme, bei jedem Druck auf den Auslöser sammeln sich 20 bis 100 Bilder an. Von den verbliebenen 1000 sind vielleicht 100 darunter, die ich als gut beurteile und vielleicht 20 von denen ich begeistert bin. Und letztlich kommt es nur darauf an, was bleibt. Über den dümmlichen Spruch «Eins reicht!» kann ich jedenfalls nur milde lächeln. Bei allen bewegten Motiven bringt Masse Klasse.
Bei dieser Serie kann ich in der hohen Auflösung sogar die Beschriftung des Ringes ablesen. RF 600 mm, F4, 1/8000 Sek., 500 ISO, Abstand 36 m.





Kameraeinstellungen
Zuerst frage ich mich, mit welchen Bewegungen der Vögel ich zu tun habe. Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich einen langsam herangleitenden Storch ablichte oder einen blitzschnellen Eisvogel. Solange die Vögel auf dem Nest oder einem Ast sitzen, kann ich auch problemlos mit 1/60 Sek. und mit ISO 100 arbeiten. Ich konzentriere mich hier auf mein Vorhaben, kleine Vögel im Flug zu fotografieren. Das halte ich für sehr, sehr anspruchsvoll. Der Flügelschlag ist blitzschnell und von Auge nicht wahrnehmbar. Die Vögel sind in einer gefühlten Tausendstelsekunde aus dem Sucher verschwunden und ich komme nicht hinterher. Ich brauche also mindestens 1/5000 Sek. oder noch besser 1/8000 Sek. Das führt zu einer hohen ISO-Einstellung, die bis 10000 ISO gehen kann. Die Schärfe im Bild führt allein über die kurze Verschlusszeit, die hat absolute Priorität. Ungewollte Bewegungsunschärfe wirkt fehlerhaft, festgefrorene Schärfe mit hoher ISO und etwas Bildrauschen wirkt hingegen besser. Deshalb stelle ich die Kameraautomatik auf Tv oder M, mit voreingestellter Verschlusszeit. Bewegungsunschärfe lässt sich kaum korrigieren, Bildrauschen hingegen schon. Als Blende kommt nur die Offenblende in Frage, die zudem ein schönes Bokeh verursacht. Die Blende zu schliessen, hätte eine längere Verschlusszeit bzw. eine höhere ISO zu Folge, was nicht erwünscht ist. Die Kameraeinstellungen sind eine unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Vogelfotografie. Ohne die richtigen Einstellungen geht gar nichts. Im Kameramenü der Canon R5 Mark II stelle ich folgendes ein.
Bildtyp/Grösse cRAW
Betriebsart Reihenaufnahme schnell +
Verschluss Elektronisch 1. Verschluss
Voraufnahme Aktivieren
Funktion Leiser Auslöser ON
AF-Betrieb SERVO
AF-Bereich gesamter Bereich
Motiv erkennen Tiere
Augenerkennung Auto
Piep-Ton Deaktiv.
Ich nerve mich immer, wenn Fotografinnen und Fotografen neben mir aus dem Beobachtungsposten heraus fotografieren und dabei ununterbrochen ein Verschluss mit Serienfunktion klappert. Also bitte in der Natur Kamera auf lautlos stellen. Das Handy auch.
Ist ein Stativ nützlich?
Es kommt ganz auf die Situation an. Wer frei fliegende Vögel in der Luft ablichtet, kann ein Stativ nicht gebrauchen. Wer hingegen an einem festen Ort auf bewegliche Motive lauert, der schätzt ein Stativ mit Gimbal sehr. Ein Gimbal ist ein Stativaufsatz, der das leichte Kippen und Schwenken der Kamera ermöglicht. Das entlastet die Muskulatur, und man kann sich so mehr aufs Fotografieren konzentrieren. Hingegen ist ein Stativ mit einem normalen Kugelkopf eher hinderlich. Wenn Kamera und Objektiv drei bis vier Kilo wiegen, muss man alle Stellschrauben festziehen, um das Bild zu fixieren. Dabei geht jegliche Beweglichkeit verloren. Deshalb: Wenn mit Stativ, dann mit Gimbal!
Bildaufbau und Bildgestaltung
Wie erwähnt, geht’s erst mal darum, einen fliegenden Vogel überhaupt zu erwischen. Wo er im Bild auftaucht, kann nur erahnt werden. Den Bildausschnitt bestimme ich beim Croppen in der Nachbearbeitung. Wichtig dabei (hat mit der Brennweite zu tun) ist, dass ich die Vögel ganz auf den Sensor kriege. Umgebungsraum wegschneiden kann ich problemlos. Wenn hingegen die Füsse oder Flügelspitzen nicht mit im Bild sind, kann ich sie nur in der Nachbearbeitung trotz künstlicher Intelligenz schwerlich ansetzen. Manchmal geht’s, manchmal eben auch nicht. Zoomobjektive bieten hier einen klaren Vorteil, denn in einem Beobachtungssitz kann ich den Bildausschnitt zoomen. Bei Festobjektiven ist man entweder richtig platziert, zu weit oder zu nah dran. Beim Bildaufbau achte ich darauf, dass die Vögel vom Rand her in Bewegungs- oder Blickrichtung hin zur Bildmitte tendieren. Der Umgebungsraum liegt also vor dem Vogel. Umgebungsraum ist wichtig, er gibt das Gefühl von Luft und Weite. Auf der anderen Seite sind Close-up auch interessant, die auf ein bestimmtes Detail des Vogels hinweisen.


Gestalterisch wichtig ist der Hintergrund. Wenn die Distanz des Vogels zum Hintergrund gross ist, werden alle Details verschwommen dargestellt, was mit dem Fachbegriff Bokeh bezeichnet wird. In diesem Fall wird das Motiv vom Hintergrund schön abgesetzt, auch mit freigestellt bezeichnet. Das ist zum Beispiel immer der Fall, wenn Vögel vor dem Himmel fotografiert werden. Eisvögel brüten in Höhlenröhren von Steilwänden, daher hocken und fliegen sie vom Beobachter aus gesehen immer in der Nähe eines Hintergrundes. Auch bei Offenblende führt die zu einem unruhigen und strukturierten Hintergrund. Der allerdings auch wieder in der Postverarbeitung in die Unschärfe gelegt werden kann.


Bodenläufer wie die Bachstelze sind schwierig freizustellen, denn das Flussbett ist gleich hinter dem Tier und somit auch scharf abgebildet. Sobald der Vogel sich in die Luft schwingt, wird es mit dem Bokeh interessanter.












Die 18 Meter weit entfernten Bachstelzen im Flug zu erwischen, ist nicht ganz einfach, sie sind einfach zu flink und auch zu scheu. Das funktioniert nur mit einer langen Brennweite, Vorauslösung und Beschneiden in der Nachbearbeitung (Vollformat). RF 200–800 mm, Brennweite 800 mm, F11, 1/2000 Sek., 1600 ISO, Abstand 18 m.
Wie bei allen Tieren ist es auch bei Vögeln so, dass nicht der Hintern interessant ist, sondern die Vorderansicht oder das seitliche Profil. Ich fotografiere deshalb Vögel nicht, die nur halb zu sehen sind oder nicht von hinten.
Meist handelt es sich bei Vögeln um Einzelporträts, Paarfotos sind noch eine Stufe seltener und schwieriger. Vogelschwärme sind für mich ein ganz anderes Genre, ich verzichte, darauf einzugehen.

Licht und Belichtung
Ich achte bei der Belichtung darauf, dass ich tendenziell richtig oder eine Stufe überbelichte. Es hat mit dem Bildrauschen zu tun, welches sich eher in den mittleren bis dunklen Bildstellen äussert. Beim späteren Croppen tritt Bildrauschen verstärkt in Erscheinung. Das mir angenehme Licht ist ein diffuses Tageslicht ohne direkte Sonneneinstrahlung. Die helle Sonne schafft starke Licht-Schatten-Kontraste, welche die Federzeichnung und Farben der Vögel beeinträchtigt. Wer Vögel gegen den Himmel fotografiert, kennt es. Die Bäuche liegen im Schatten und tendieren zu Verschwärzlichung. Ein orangenes Bäuchlein eines Eisvogels will man nicht schwarz sehen. Der Bauch eines fliegenden Storches wird vom Licht der Wiese grünlich angestrahlt, das will ich so nicht haben. Sonnenlicht führt auch zu Fehlbelichtungen bei weissen Federn, die im Umfeld ausgefressen belichtet werden. Im Schatten passiert dies alles nicht, dafür hat man bei Sonnenschein mehr Licht für eine kürzere Belichtung oder weniger ISO.


Im Eisvogelpark Landsberg am Lech
In der Schweiz können wir Eisvögel in bestimmten Naturschutzgebieten beobachten, beispielsweise im Bird-Life-Zentrum am Klingnauer Stausee bei Kleindöttingen oder in La Sauge am Neuenburgersee. Etwa zweidreiviertel Autostunden von Wädenswil fahre ich am Vorabend nach Landsberg am Lech. Dort gibt es den Eisvogelpark mit der Webseite www.eisvogelpark.de.


Es gibt nur drei Beobachtungsplätze, die lange im Voraus ausgebucht sind. Ein Platz kostet 120 Euro pro Tag. Im Gegensatz zum Bird-Life-Zentrum am Klingnauer Stausee kann man hier den ganzen Tag ungestört fotografieren (statt in der Schweiz nur eine Stunde) und kein Kommen und Gehen stört die Vögel. Am Rand eines Naturschutzgeländes liegt am Lech eine Forellenzucht und weiter hinten haben die Söhne des Besitzers, Lucas und Sebastian, einen natürlichen Teich wie eine grössere Badewanne angelegt, der Wasserspiegel etwa einen Meter über Grund. Daneben gibt’s allerlei Totholz, Wassertümpel und vertrocknete Äste, auf denen sich Vögel niederlassen. Sieben Meter entfernt steht eine kleine Holzhütte in der sich drei Beobachtungssitze befinden. Auf einem frei beweglichen Brett ist ein Gimbal montiert, in den ich mein Objektiv am Griff aufschraube. Vor dem grosszügigen Sichtfenster hängt ein Tarnvorhang mit Öffnungen für die Objektive. Die Anlage verspricht Sichtungsgarantie. Es ist neun Uhr. Nun heisst es warten.

Warten.
Warten.
Warten.
Als erstes zeigen sich Rotbrüstchen und Blaumeisen. Die sind so flink wieder weg, dass ich kaum die Hand zum Auslöser bewegen kann. Daher bleibt sie nun liegen, mir soll nichts mehr entgehen. Als nächstes landet ein Buntspecht, der es auf Larven im Totholz abgesehen hat. Er pickt, dass die Späne fliegen, bis er schliesslich seinen Snack findet. Alles im Kasten. Doch just wie er abfliegt, bin ich abgelenkt und erwische den Kerl im Flug nicht mehr. Jetzt taucht ein Eichelhäher mit seinem auffälligen Federkleid auf, dann ein Kleiber und ein Star. Im Display kontrolliere ich die «Flugdaten»: zu unscharf, ich stelle meine ISO neu auf 8000 und die Belichtungszeit auf 1/8000 Sek.



Nach gefühlten Stunden taucht der Eisvogel endlich auf, er sitzt auf seinem Plätzchen, von wo aus er nach Fischen im Teich späht. Den ersten Abgang im Sturzflug verpasse ich voll, es geht so schnell! Einem Moment später sitzt er wieder auf seinem Ast mit einem kleinen Fisch im Schnabel. Immerhin Eisi mit Fisch auf Ast, die Steigerung von Eisi auf Ast. Von Auge siehst du rein gar nichts. Nachdem er dreimal losgeflogen und sich ein Fischlein geschnappt hat, ist er gesättigt und zeigt sich vorerst nicht mehr. Ich sehe die Aufnahmen durch und lösche den Ausschuss. Ein Zeitvertreib, mit dem sich die Totzeiten füllen lassen. Fürs erste bin ich schon ganz zufrieden mit den Ergebnissen und freue mich auf das, was noch kommen wird. Der Buntspecht zeigt sich wiederholt und ich konzentriere mich ganz auf den Abflug, lasse Raum im Display auf der gedachten Abflugsrichtung. Erste wirklich gelungene Fotos entstehen.






Der Eichelhäher und der Star zu Besuch. Mehr und mehr fotografiere ich nur noch die Bewegungen im Flug.

Es macht Spass, hier den Star in seinen teilweise skurrilen Flugpositionen abzulichten.
Dann, eine kleine Ewigkeit später, taucht Eisi wieder auf. Es folgt das gleiche Prozedere. Dreimal vom Ast in den Tümpel und zurück. Ich bin jetzt besser vorbereitet und shoote gezielter. Aber ich weiss im Voraus nicht, an welcher Stelle der Kleine eintaucht. Die Eintauchszene ist dabei interessanter als die Abflugszene. Die ersten Wow-Fotos entstehen. Der Wasserspiegel des Teiches liegt knapp unter Augenhöhe. Die Perspektive ist genial, ich fotografiere flach in den Wasserspiegel hinein. Das aufspritzende Wasser ist seitlich abgebildet, nicht von schräg oben. Das hängt mit der konstruierten Anlage zusammen, die speziell für Fotografen angelegt wurde. Lucas, einer der Betreiber, ist selbst Fotograf und weiss diese Kenntnisse in die Natur zu bauen. Am Morgen holt er sich einen Eimer mit fünf Zentimeter grossen Kleinstforellen, die er in den Teich entlässt. Das weiss der Eisvogel natürlich, und kommt immer wieder zum erfolgreichen Schmaus. Die Fischlein schüttelt er im Schnabel tüchtig durch, dabei spritzen Wassertropfen.





Dann wieder warten, warten, warten. Ein Eichhörnchen sucht nach versteckten Nüssen und tut sich gütlich daran. Auf einem umgekippten Baumstamm, sieben Meter vor mir. Es kann mich nicht sehen und hören und verhält sich völlig ungestört. Normalerweise verschwinden die Tiere auf die Rückseite eines Baums, wenn sie uns Menschen entdecken. Hier kann ich sie beim Fressen von vorn ablichten und habe alle Zeit der Welt.

Ich fotografiere mit allen drei Objektiven im Wechsel, von Hand und mit Gimbal. Bei einer Verschlusszeit von 1/8000 Sek. spielt es keine grosse Rolle, ob ich mit Stativ oder ohne fotografiere. Und schon gar nicht, ob ich den Bildstabilisator eingeschaltet habe oder nicht. Beim 600er Festobjektiv bin ich bei sieben Meter Fokusabstand fast zu nah am Geschehen. Das Doppelte wäre besser. Es liegt daran, dass der Eisvogel nach einen Satz vom Ast bereits zum Bild rausfliegt und ein Mitschwenken unmöglich ist. Beim Zoom 100–500 oder auch beim 200–800 bin ich besser dran. Damit kann ich den Bildausschnitt so wählen, dass spektakuläre Flugaufnahmen überhaupt möglich sind und das Ein- und Auftauchen mit abgebildet werden. Aus meiner Erfahrung liegt hier ein grosser Vorteil von Zoomobjektiven gegenüber Festbrennweiten. Es ist die Flexibilität, nicht die grosse Offenblende oder Brennweite. Im Fall der fliegenden Eisvögel mit Fokusabstand von sieben Meter genügt ein Zoom bis 400 mm völlig. In einem andern Fall, bei grösseren Distanzen, ist ein 800 mm vorteilhafter. Die folgenden Beispiele sind natürlich in der Nachbearbeitung zugeschnitten.






Es gibt also nicht das eine Objektiv, das alle anderen schlägt. Als Frage bleibt noch, ob sich ein fünfstelliger Betrag für ein hochwertiges Objektiv lohnt. Wer die bestmögliche Leistung unbedingt will, weder ein Budget- noch ein Gesundheitsproblem hat, der leistet sich solche Objektive. Sie sind die Highend-Produkte der Fotoszene. Die braucht es nicht, es ist aber toll, mit ihnen zu arbeiten. Ich wünschte mir, dass hochwertige Objektive vermehrt als Mietsache tageweise auch ein nicht so zahlungskräftiges Publikum finden. Zum Beispiel für den Eisvogelpark. Die «normalen» Hobbyfotografinnen finden Freude und Zugang zu sensationellen Fotos mit alternativen Objektiven, die für sie gut passen.


Und hier zum Schluss das Resultat einer Reihenaufnahme der gleichen Aktion. RF 100–500 mm, Brennweite 324 mm, F5.6, 1/8000 Sek., 1600 ISO.











Um 17 Uhr breche ich ab und begebe mich auf die dreistündige Fahrt nach Hause. Mein Dank geht an Canon (Schweiz) AG und Foto Tevy für die Unterstützung. Einen besonderen Dank an Lucas und Sebastian vom Eisvogelpark. Ihr habt die Anlage wunderbar angedacht und für uns Fotografen gebaut. Die Eisvögel können ungestört in der Wildnis brüten und kommen bei Gelegenheit hier vorbei, um sich einen Snack zu holen. Die flache Perspektive gibt uns die Möglichkeit, einzigartige Vogelbilder zu schiessen und sie den Menschen näherzubringen. Man kann hier einen ganzen Tag in aller Stille in einem natürlichen Habitat verbringen – und erlebt die Natur und deren Ruhebedürfnisse aus einer neuen Sicht. Damit vermittelt der Eisvogelpark bei den Besucherinnen und Besuchern mehr stille und doch so lebendige Natur als als es ein Zoobesuch mit Tausenden von Menschen je vermag. Der Tag bei euch wird mir unvergessen bleiben. Ich selbst habe fotografisch viel dazugelernt und fahre erfüllt nach Hause.

Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einen breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto Tevy Seminare und Workshop durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ansichtsexemplare und Bestellungen bei Foto Tevy.