Meer und Wellen
Das Meer ist für viele mit frühen Ferienerlebnissen verbunden. Sandstrände, warmes Salzwasser, Sonne von früh bis spät – wer würde nicht gleich wieder hinfahren wollen? Ich habe das Meer als Fotomotiv im Sinn. Mich interessieren hier die Wellen in ihren Facetten. Manchmal plätschert es sanft gegen den Sand, manchmal krachen die Brecher gegen die Kliffs. Oh ja, das Meer hat unendlich viele Gesichter. Ein paar davon habe ich dir hier aufbereitet, ich hoffe, damit Anregungen für dein eigenes Schaffen weiterzugeben.



Wo fotografiere ich am Meer?
Wer es auf ein fotografisches Spektakel abgesehen hat, der sucht sich einen Ort aus, wo starker Wind die Regel ist. Es sind die Winde, die Wellen auftürmen und sie gegen das Ufer treiben. Wind hat es am Meer zwar fast immer, weil die warme Luft über dem Land steigt und vom Meer her «angesogen» wird. Der Seewind weht vom Meer her. Nachts läuft der Prozess umgekehrt, der Landwind weht vom Land her ins Meer hinaus. Auf Inseln herrschen jedoch teils spezielle Bedingungen. Für die Wellenbildung spielen auch die Wetterlage, die Gezeiten und Strömungen eine Rolle. Nun gibt es Destinationen und Jahreszeiten, die sind eher für heftigen Wellengang bekannt. So donnern im Frühjahr im portugiesischen Nazaré bis 30 Meter hohe Monsterwellen gegen das Land. Die Atlantik- oder Nordseeküsten bieten generell bessere Voraussetzungen als der Mittelmeerraum, um Wellen zu erwischen.
So habe ich hier Fotos aus Nordspanien, aus der Bretagne und von den Azoren mitgebracht. Der zweite Punkt betrifft die Location. Eine Brandung als Motiv allein kann spannend sein, wie bei anderen Genres (zum Beispiel Sternefotografie) gilt auch hier: «Vordergrund macht Bild gesund». Steine, Felsen, Strand, Kliffs oder Lava sind die Bühne, wo sich das Spektakel abzeichnet. Als Nicht-Ortskundiger suche ich mit Google Earth die Umgebung ab, um Felsformationen bei Zufahrtswegen auszuloten, die gefahrlos erreichbar sind. Vor Ort entscheide ich dann, wo ich mich positioniere und welche Objektive ich verwende. Wenn ich das Wasser als Bildmotiv im Kopf habe, dann muss ich nahe ans Wasser ran. Strandbilder aus erhöhter Position sind auch ganz hübsch, aber hier nicht das Thema. Die Wellen kommen immer in einem bestimmten Rhythmus. Da sind erst 6 oder 7 Normalwellen, die 8. und 9. Welle sind dann viel stärker. Auf genau die passe ich.
Und dann noch ein Sicherheitshinweis: Überall, wo es nass ist, ist der felsige Untergrund extrem glitschig. Auch wenns dort gerade kein Wasser hat, muss man aufpassen, die nächste Welle erwischt einen bestimmt.


Perspektiven
Wellen kann man auf Augenhöhe fotografieren, die Kamera leicht nach unten geneigt. Spannender wird es, wenn die Kamera flach in die Welle gerichtet oder sogar leicht von unten nach oben gerichtet wird. Entscheidend sind immer der Vordergrund und der Hintergrund. Wenn du auf Wellen aus bist, dann wirst du vielleicht nicht darum herumkommen, die Hosen hochzukrempeln und ins Meer hinauszuwaten, um mitten im Geschehen zu sein. Vielleicht brauchst du einfach eine längere Brennweite, um den Wellengang weit draussen einzufangen. Anderseits liebe ich das Wasser inmitten von Felsen oder Steinen. Oft bilden sie einen Kontrast zum fliessenden Wasser. Je nach Situation halte ich die Kamera höher oder tiefer. Das Meer immer horizontal auszurichten, gelingt fast nie, ein letzter Rest an Schräglage korrigiere ich ohnehin in der Nachbearbeitung.



Wann fotografiere ich das Meer?
Wasser ist immer ein dankbares Motiv. Wenns spritzt und tost, ist gutes helles Tageslicht von Vorteil. Ich habe genug Reserve und kann mit kürzesten Belichtungszeiten und mittleren Blenden bei 100 ISO arbeiten, um die Wellenspritzer einzufrieren. Wenn ich längere Belichtungszeiten einstelle, setze ich Graufilter oder Verlaufsfilter ein. Eine warme Lichtstimmung kommt morgens um den Sonnenaufgang oder abends um den Sonnenuntergang auf. Dann fotografiere ich bevorzugt mit langen Belichtungszeiten, um das Fliessen des schäumenden Meeres zu «malen». Wenn ich die farbige Lichtstimmung morgens oder abends mit einbauen kann, entstehen grundsätzlich wirkungsvollere Fotos. Das heisst dann aber auch, um fünf Uhr morgens den Wecker zu stellen!
Wellen von frontal und von weit her zu fotografieren, ergibt in der Regel keine spannenden Fotos. Hier fehlt der Bildkontrast. Ich kann solchen Motiven vielleicht in Photoshop Bewegungsunschärfe verpassen, um im Genre Minimalismus durchzugehen.




Stativ und Bildstabilisator
Es gibt viele Meinungen dazu, wann der Bildstabilisator eingesetzt werden soll und wann er eher kontraproduktiv wirkt. Es gibt Kolleginnen, die haben den Bildstabilisator immer eingeschaltet, ob sie mit Stativ oder ohne fotografieren. Tatsache ist, dass der Bildstabilisator in jenen Bereichen der Verschlusszeit zur Vermeidung der Verwackelungsunschärfe konstruiert wurde, die von Hand fast nicht mehr zu halten sind. Die Sensoren sind heute beweglich an Federn in die Kamera eingehängt. Bewegt sich das Kameragehäuse, so schwingt der Sensor mit einen Trägheitsfaktor in alle Richtungen mit. Die horizontale und vertikale Schwingbewegung wird von einer Software aufgezeichnet und in die Aufnahme eingerechnet. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn ich einen winzigen Punkt fotografiere und der wird wegen einer Verwackelung der Kamera zum Strichlein, dann kompensiert der Stabilisator auf Grund der Bewegungsdaten den Verzug und kürzt das Strichlein wieder zum Punkt.

Früher galt der umgekehrte Wert der Brennweite als Grenze, um aus der Hand zu fotografieren. Beispiel: mit einem 50er-Objektiv sollte man nicht länger als mit 1/50 Sekunde von Hand fotografieren, sonst droht Verwackelungsunschärfe. Mit einem 200er-Tele liegt die Grenze demensprechend bei 1/200 Sekunde. Ein Fünffach-Bildstabilisator sorgt dafür, dass ich mit 5 Blendenstufen länger belichten kann. Also liegt die Grenze der Verschlusszeit beim 200er-Tele bei ca. 1/8 Sekunde. Der Bildstabilisator nützt also in gewissen kritischen Bereichen, sagen wir mal salopp von etwa 1/10 Sekunde bis 1/100 Sekunde. Für Belichtungszeiten, die ausserhalb dieser Grenze liegen, ist der Stabi nicht konstruiert. Bei ultrakurzen Verschlusszeiten, wie sie beim Vogelflug oder beim Wellen fotografieren eingesetzt werden, nützt der Stabi nichts. Er schadet auf der anderen Seite auch nicht, weil die Verschlusszeit derart kurz ist, dass er nicht rechtzeitig auf die Bewegung reagieren kann. Es kann also als Faustregel gelten: bei Belichtungszeiten ab 1/10 Sekunde von Hand Bildstabi einschalten.
Kritisch kanns werden, wenn der Stabi mit dem Stativ zum Einsatz gelangt. Ich spreche jetzt von längeren Belichtungszeiten. Wer mit Stativ (oder Gimbal) und ultrakurzen Belichtungszeiten arbeitet, kann beruhigt den Stabi eingeschaltet lassen. Er nützt nichts, aber er schadet auch nicht. Bei längeren Belichtungszeiten mit eingeschaltetem Stabi kann es passieren, dass kleinste Erschütterungen den Kompensationsalgorithmus aktivieren und das Foto verwackelt wird. In der Vergrösserung sieht man bei scharfen Kanten auch so etwas wie eine Doppelbelichtung. Erschütterungen können sechs Ursachen haben:
- Der Untergrund ist nicht fest. Das Stativ steht im Sand, auf lockerer Erde, auf der Wiese, im Laub, im Schlamm usw. Wenn es möglich ist, suche ich mir deshalb immer einen festen Grund. Am Meer stelle ich das Stativ wenn möglich auf Steine oder ramme die Beine tief in den Sand.
- Lose baumelnde Gegenstände hängen an der Kamera. Hier sei an erster Stelle der Kameratragriemen erwähnt, der bei Luftzug um das Stativ schlenkert. Deshalb gehört der Tragriemen abmontiert. Dann sind auch baumelnde Kabel von Fernauslösern nicht zu empfehlen. Funkauslöser, die berührungslos ohne Kabel funktionieren, sind besser geeignet.
- Den Touch-Screen, die Kamera oder das Stativ zu berühren, kann ebenfalls Erschütterungen auslösen. Halte also besser nicht das Stativ mit einer Hand, um es zu stabilisieren, es wird selten funktionieren.
- Wind, der mit einer gewissen Stärke pfeift, macht die Langzeitaufnahme zur Herausforderung. Suche dir wenn möglich einen geschützten Ort. Benütze ein stabiles Stativ (nicht das Leichteste) und reduziere die Auszugslänge der Stativbeine. Ab einer bestimmten Windstärke ist es mit einem Teleobjektiv auf dem Stativ schwierig, knackigscharfe Fotos zu machen.
- Der mechanische Verschluss oder auch der Spiegel bei Spiegelreflexkameras klackt und klappert nicht ohne Erschütterung. Stelle deshalb auf elektronischen Verschluss, der zudem auch eine höhere Serienbildgeschwindigkeit erlaubt. Der elektronische Verschluss arbeitet ohne mechanische Verschlussteile und ist geräuschlos.
- Die Brennweite ist ein weiterer Faktor. Weitwinkelobjektive sind wesentlich weniger empfindlich gegen Verwackelung als Telebrennweiten. Wenns windig ist, lieber mit dem 24er, 35er oder 50er arbeiten als mit dem 150er, 200er oder 400er.
Wenn all diese Ursachen weg sind, wird sich der Sensor sich nicht von allein bewegen. Dann brauchst du auch keine Angst zu haben, die Bilder zu verwackeln. Gleich ob der Bildstabilisator eingestellt ist oder nicht. Die Theorie ist leider nicht immer die Praxis. Gerade am Meer mit Wellen gehört Wind einfach dazu. Auch den Untergrund kann ich mir nur beschränkt aussuchen. Deshalb meine Empfehlung: Bei Belichtungszeiten unter 1/10 Sek. mit dem Stativ immer den Stabi ausschalten. Übrigens: Wenns stark windet, machst du so oder so keine knackig scharfen Fotos mit langen Brennweiten. Auch wenn der Stabi ausgeschaltet ist.

Kameraeinstellungen
Bei Tageslicht stelle ich in der Tendenz 100 ISO ein, da genügend Spielraum besteht, Verschlusszeit und Blende zu variieren. Wenn ich Wellen einfrieren will, stelle ich auf den Modus Tv (bei Nikon und Sony S), um die Zeit vor einzustellen. Je nach Objektiv, Geschwindigkeit der Wasserspritzer und Entfernung probiere ich mit der Verschlusszeit 1/2000 Sekunde und kontrolliere auf dem Display, wie scharf die Wassertropfen sind. Wenn sie nicht genügend scharf sind, verkürze ich auf 1/4000 und sehe mir das Resultat an. Die Blende halte ich im mittleren Bereich f5.6 bis f11, da ich ja eine gewisse Schärfentiefe erreichen will. Bei Wasserspritzern geht alles sehr schnell vonstatten. Je näher ich am Motiv dran bin, desto dynamischer siehts aus.
Das weiss schäumende Wasser hat es belichtungstechnisch in sich. Die gesamte Belichtung neigt dazu, das Wasser zu hell zu belichten, weil der dunkle Hintergrund mit eingerechnet wird. Dadurch verlieren die hellsten Stellen ihre Schattenzeichnung, das Wasser «frisst aus». Dies gilt es natürlich zu vermeiden. Mit der Plus-Minus-Korrektur im Display belichte ich ½ bis 3 Blendenstufen im Minus und kontrolliere, ob beim Foto die Lichterzeichnung in den hellsten Stellen noch da ist. Die Korrektur hängt von der Belichtungs-Messmethode ab, die eingestellt ist. Moderne Kameras haben verschiedene Messmethoden, um die Belichtung zu steuern:

Bei Canon kann sie mit dem Q-Button im Display aufgerufen werden. Rechts unten (orange) wird eine der vier Messmethoden festgelegt. Von links:
Mehrfeldmessung
Hier misst die Kamera an vielen Stellen im Bild die Helligkeit und verrechnet diese zu einem Mittelwert. Sie hilft bei den meisten Aufnahmesituationen, funktioniert bei den automatischen Modi und bei der automatischen Motiverkennung.
Selektivmessung
Selektivmessung ist eine Belichtungsmessmethode, bei der das Licht in einem relativ kleinen Bereich in der Mitte des Suchers gemessen wird, um die Belichtung zu bestimmen. Dies ist dann nützlich, wenn das Sujet zentriert ausgerichtet wird. Dadurch kann die Kamera die Belichtung besser an das Hauptmotiv anpassen, selbst wenn der Hintergrund sehr dunkel oder hell ist.
Spotmessung
Die Spotmessung ist eine Methode, die es ermöglicht, die Belichtung anhand eines sehr kleinen Bereichs im Sucher zu bestimmen. Die Spotmessung wird standardmässig auf die Mitte des Suchers angewendet, kann aber auf einen anderen Bereich verschoben werden.
Mittenbetonte Messung
Die mittenbetonte Messung bei Canon Kameras, auch mittenbetonte Integralmessung genannt, ist eine Belichtungsmessmethode, bei der der Schwerpunkt der Messung auf der Bildmitte liegt, während die Informationen aus dem gesamten Bildbereich einbezogen werden. Auch hier sollte das Motiv in der Mitte liegen, sonst kann es zu Fehlbelichtungen führen.




Die Verschlusszeit muss sich der Geschwindigkeit des Wasser anpassen. Hier habe ich 1/8000 Sek. verwendet.
Wer nah dran ist, erwischt halt auch mal einen Schwall Salzwasser. Die Kamera selbst halte ich lieber vom Salzwasser fern. Ich arbeite mit der Serienfunktion, 10–15 Fotos pro Sekunde reichen. Auf dem Computer zu Hause suche ich mir dann das beste Foto jeder Serie aus, der Rest wird sofort gelöscht.
Ich will mit einer anderen Bildgestaltung das Wasser nicht einfrieren, sondern die einzelnen Spritzer in ihrem Lauf sichtbar machen. Ich stelle jetzt die Kamera (Modus Tv) auf eine Zeit von etwa 1/8 bis 1/4 Sekunde, halte die Blende im mittleren Bereich. Nach meiner Erfahrung brauchst du im Tageslicht jetzt einen Graufilter, sonst kriegst du zu viel Licht auf den Sensor. Bei Dämmerung kannst du darauf verzichten, da du deutlich weniger Licht auf den Sensor bekommst. Die Länge der entstehenden Wasserspritzer hängt von der Verschlusszeit ab. Wenn sie zu lang ist, verwischt das Wasser zu einem Nebel.





Auch hier gilt es, die Umgebung zu sehen und in die Komposition einzubauen. Hier ein Badezustieg, der vom Atlantik umtost wird. Das menschgemachte Element trotzt der Wildheit der Natur. Der grosse Kontrast im Bild macht die Situation zusätzlich dramatisch.


Abends sind die Bedingungen dunkler, und ich arbeite mit dem Stativ. Jetzt geht’s mir nicht mehr um die Wasserspritzer, sondern um den Wasserfluss. Auch hier probiere ich verschiedene Verschlusszeiten aus, etwa von 1/5 bis 1 Sek. Die runden Lavasteine auf den Azoren bilden dafür grossartige Vordergrundmotive. Man muss hier darauf achten, dass die Schärfe gegen den Horizont nicht verloren geht. Bei Blende 13 habe ich genügend Schärfe von vorn bis hinten. Ich wähle den Modus M, um die Parameter gezielt einzustellen. Man kann hier ohne Probleme auch die ISO-Zahl auf 400 erhöhen.

Bei noch längeren Belichtungszeiten von 1 Sekunde und mehr erhält der weisse Meeresschaum ein nebelartiges Aussehen, wie man dies auch bei Wasserfällen oder Bachläufen schon gesehen hat. Die Wellenspuren verwischen sich zusehend, es entsteht ein mystisches Motiv. Die Belichtungszeit musst du jeweils ausprobieren, da der Abstand zum Motiv, die Bewegungsrichtung und die Geschwindigkeit des Wasser ausschlaggebend sind. Dazu kommt die Tageshelligkeit. Während du am Tag ohne Graufilter keine langen Verschlusszeiten hinbekommst, kannst du in der Dämmerung darauf verzichten.

Ich arbeite hier mit dem Stativ, weil ich damit gleichbleibende Motive erzeugen kann. So kann ich später auch Bildteile gegeneinander austauschen und ineinander verrechnen. Wenn einmal die Kameraposition gefunden ist, heisst es geduldig warten und immer wieder auf den Auslöser zu drücken. Die Wellen sind jedesmal anders und es braucht auch etwas Glück, um das perfekte Bild zu fotografieren. Nach meiner Erfahrung drücke ich den Auslöser erst, wenn die Wellen sich über die Felsen ergossen haben und sich dann wieder zurückziehen. Also nicht, wenn sie kommen, sondern beim Abfliessen. Dann nämlich sieht man hübsch, wie das Wasser über die Felsen zurückfliesst. Beim Überfliessen zu Beginn der Szene ist vielfach alles weiss.







Nicht nur normale Aufnahmen, sondern auch Schwarz-Weiss-Umsetzungen benötigen eine sorgfältige Nachbearbeitung in Lightroom. Das Foto braucht mehr Kontrast und Lebendigkeit. Am Computer lege ich in Lightroom mit «Objekte auswählen» eine Maske für den Stein rechts an und helle ihn etwas auf. Dadurch wird das Foto lebendiger.



Gestaltungsmöglichkeiten
Wellenspritzer erfolgen immer an einem Felsen, wo sich die Welle bricht. Man hat deswegen oft die Situation, dunkles Gestein im Bild zu haben. Auf der anderen Seite ist es auch schön, die Wellen im blauen Himmel zu erwischen. Wenn die Welle deftig bricht, erscheint die Unterseite des Wassers dunkel, wie bei den Wolken. Eines ist gesetzt: Die Horizontkante muss gerade verlaufen. Fast jedes Meer- und Wellenfotos weist eine Horizontkante auf, die das Foto in vorn und hinten teilt. Dadurch lassen sich Vordergrund und Himmel in der Bearbeitung ideal trennen und bearbeiten. Vor dem Sonnenaufgang bis eine Viertelstunde nachher ergeben sich oft die besten Lichtstimmungen, ebenso nach dem Sonnenuntergang.










Noch ein Wort zur Nachbearbeitung
Da sind zunächst zwei Lager in Fotografenkreisen. Die einen beschwören die Authentizität und wollen an der Aufnahme nichts verändern. Sie sind gewissermassen die Puristen. «Ich mache nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich an meinen Fotos», höre ich oft. Ich vermute, dies könnte auch mit der Fähigkeit und dem Willen zu tun haben, in der Nachbearbeitung am Computer die Bilder so zu korrigieren, dass das Beste daraus entstehen kann. Oft fotografieren sie im Format JPEG und wissen nicht, dass der Algorithmus der Kamera das Foto intern entwickelt, so wie dies die Ingenieure vorgesehen haben. Sie beachten dabei nicht, dass Kameras, Sensortechnik und Algorithmen mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben. So können unsere Kameras den Nachthimmel mit den Sternen festhalten, oft wird der eigentlich schwarze Himmel dabei farbig gezeigt. Auch Nordlichter erscheinen nie so grell grün, wie sie die Kameras darstellen. Verwischte Aufnahmen, Mitzieh-Effekte, oder das Einsetzen von Pol- und Verlaufsfiltern, Zeitraffer, Mehrfachbelichtungen, Unschärfe, Schwarz-Weiss – alles existiert so für unseren Sehsinn nicht. Am Meer sind Langzeitbelichtungen, wie ich sie hier aufgezeigt habe, sehr reizvoll – sie haben aber mit der Realität kaum etwas zu tun, weil unser Auge-Hirn-System nicht im Langzeitmodus funktioniert. Kameras können in bestimmten Bereichen besser sehen als das menschliche Auge, in anderen Dingen sind sie halt schlechter. Zum Beispiel können sie mit hohen Kontrasten suboptimal umgehen oder auch gewisse Farben weniger gut wiedergeben.
In der Profi- und Newsfotografie ist die Nachbearbeitung verpönt oder muss aus Zeitgründen wegfallen. Bei Reportagen kann man nicht einfach die Situation umbiegen, und bei Sportreportagen bleibt keine Zeit, um das Goal in letzter Minute sorgfältig bearbeitet in die News zu rücken.
Im anderen Lager tummeln sich die Fotoenthusiasten, welche mit der Kamera erst einmal die Fotos gestalten, einfangen und nachher zu Hause zu perfekten Resultaten verarbeiten. Sie sind auf der anderen Seite der Skala die Kreativen. Sie haben Freude an Effekten aller Art und nutzen die KI, um Drähte, Personen oder allerlei anderes, was stört, aus dem Bild zu entfernen. Oder sogar nicht Vorhandenes hinzuzufügen.
Jeder muss nach seiner Façon glücklich werden.
Gewiss ist, dass heutige Kameras mit dem RAW-Format der Wirklichkeit am nächsten kommen. RAW bedeutet jedoch zwingend, dass die Fotos in der Postverarbeitung mit einem RAW-Converter bearbeitet werden müssen, wie zum Beispiel mit Lightroom, Photoshop, Capture One, Luminar und anderen. Bei dieser Gruppe von Fotografinnen und Fotografen liegt der Effekt und die Wirkung im Vordergrund, nicht die Authentizität.
Ein Dorn in meinem Auge ist die beschränkte Wiedergabequalität der Ausgabemedien. Wenn ich Fotos mit einem Full-HD-Beamer zeige (1920 x 1080 Pixel), also etwa mit 2 Mio. Pixel, so heisst dies, dass ich von meiner 45 Mio.-Pixel-Kamera nur gerade 4,4% der Pixel darstellen kann! Von der Farbdarstellung spreche ich schon gar nicht. Selbst bei einem Fotoprint oder einem Fotobuch verliere ich das meiste an Bildinformation, was vom Sensor auf die SD-Karte gebrannt wurde. Auch dies ist einer der Gründe, welche für die gezielte Nachbearbeitung und Verbesserung der Bildqualität spricht.
Ein paar Variationen der Bildnachbearbeitung: Mosteiros, Azoreninsel São Miguel. Aus einer Serie mit unterschiedlicher Entwicklung. Mir bereitet es grossen Spass, meine Fotos in der Nachbearbeitung so zu entwickeln, dass sich daraus die grösstmögliche Wirkung erzielen lässt. Eine Nähe zu der dunklen Stimmung, die hier herrschte, besteht nicht. Von Auge aus hat man die Felsen im Vordergrund fast nicht mehr sehen können.




Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshops durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Fotografie für dich ist ein praxisnahes Lehr- und Handbuch für engagierte Fotografinnen und Fotografen, die mehr aus ihrem Hobby herausholen möchten. Es beschreibt ganz ohne technische Details wie Fotografie funktioniert und wie gute Fotos entstehen.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ansichtsexemplare und Verkauf: Foto Tevy, Wädenswil.