Kitesurfen am Silvaplanersee
Von weitem sind die bunten Segel über dem Silvaplanersee sichtbar. Im Kite-Surfabschnitt tummeln sich Dutzende Sportlerinnen und Sportler in der Highspeed-Disziplin. Sie düsen mit gut 40 Sachen übers Wasser, und die Freaks springen gegen 10 Meter hoch.

Die Umgebung ist ideal, die Sonne scheint von schräg oben und strahlt viel Licht auf die Bühne. Der ferne Wald gegenüber, die Berge und der See schillern in allen Grüntönen. Die Surfer starten vor meiner Linse und sind in Sekunden 100 Meter entfernt, sie flitzen hin und her, einmal frontal von mir weg, auf dem Rückweg geradewegs auf mich zu. Wenn ich mich gegen die Sonne wende, brausen sie quer zur Kamerarichtung in der Ferne vorbei. Ich habe also wechselnde Lichtbedingungen: Gegenlicht, Frontallicht und seitliches Licht. Die Oberfläche sowie der Hintergrund werden nicht konstant gleich farbig abgebildet.
Im Gegenlicht ist das Wasser gleissend hell und die Akteure sind voll im Schatten. Wenn man das Foto mit der Plus-Minus-Korrektur überbelichtet, wird der Sportler zwar ausreichend hell belichtet, jedoch sind die Wasserspritzer weiss ausgefressen.
Ich achte also auf die korrekte Belichtung des weissen Spritzwassers und helle die Personen im Nachhinein in Lightroom auf. Da gibt es verschiedene Masken, die man anlegen kann, um die Helligkeit, den Farbton und die Sättigung partiell zu korrigieren.







Für die Aufnahme ist es wichtig, die Schattenzeichnung im weissen Wasser nicht zu verlieren.

Das Geschehen findet weit draussen statt, der See ist rund 1,4 km breit, die Protagonisten posieren keineswegs vor der Kamera. Es ist zufällig, einen Sportler einzeln ablichten zu können, ohne dass rechts, links, davor oder dahinter etwas Störendes ins Bild fährt. Jeder Shot ist einmalig und kann nie wiederholt werden. Deshalb ist Actionfotografie anstrengende Arbeit. Aufmerksam sein, parat sein, mögliche Aktionen antizipieren.

Kamera
Für die Sport- oder auch für die Wildlife-Fotografie ist eine Vollformatkamera von Vorteil, weil ich damit das Bild sehr gut beschneiden kann, ohne Schärfe zu verlieren. So kann ich problemlos auch Personen fotografieren, die gegen 200 Meter von mir entfernt sind. Bei einem kleineren Sensor wie APS-C oder 4/3-Zoll ist dieses Croppen weniger gut möglich. Fotografinnen und Fotografen mit kleinerem Sensor müssen halt etwas warten, bis die Akteure näher am Ufer sind und ihre Tricks zeigen. Ich verfüge über eine Canon EOS R5 Mark II, eine Highend-Profikamera, die 45 Megapixel aufzeichnet, genauer 8192 × 5464 Pixel.


Bei extremen Lichtverhältnissen mit hohem Kontrast und sich schnell bewegenden Motiven ist eine gute Kamera natürlich von Vorteil. Erst da bringt sie ihre Vorteile richtig zum Tragen. Ich nenne die automatische Motiverkennung, ein schneller Autofokus und eine Serienbildfunktion, die bis 20 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann. Bei einer Einsteigerkamera sind solche Actionfotos deutlich schwieriger zu bekommen.
Mein Objektiv der Wahl ist das Canon RF 100–500 mm, Blende F 4.5 –7.1. Damit habe ich genügend Reichweite, um einen grossen Bereich abzudecken. Ich war auch schon mit dem RF 70–200 mm (F 2.8) unterwegs, die fehlende Reichweite gegenüber dem 100-500er kompensiert das Objektiv mit einer besseren Lichtstärke, die kürzere Verschlusszeiten oder eine geringere ISO-Zahl ermöglicht. Mit einer Brennweite zwischen 200 und 500 mm ist man beim Kitesurfen dabei.
Ein Stativ kommt bei mir nicht zum Einsatz, weil es den bewegten Motiven nicht gerecht wird. Einen Polfilter benütze ich hier auch nicht, weil gerade das glänzende Wasser ein Gestaltungselement sein kann und es um die Personen geht und nicht um einen zu vermeidenden Glanz.
Im August kann es am Ufer des Silvaplanersees ganz schön kalt sein. Ich kleide mich mit festem Schuhwerk und trage meine winddichte Jacke, um es zwei bis drei Stunden auszuhalten.
Kameraeinstellungen
Bei Sportaufnahmen hat die Schärfe Priorität. Je weiter die Motive weg sind, desto kürzer muss die Verschlusszeit sein. Wenn sich die Surferin auf mich zu bewegt, ist die Bewegung relativ zur Kamera langsam. Wenn sie sich quer zu mir bewegt, ist sie relativ zur Kamera schnell. Bei genügend Licht strebe ich eine kurze Belichtung an, die sich im Bereich von 1/2500 bis 1/8000 Sekunde bewegt. Die ISO-Zahl stelle ich auf 1000 ISO. Damit hat meine Kamera keine Probleme, sodass sich kaum Bildrauschen einstellt. Das Rauschen in den Schattenpartien lässt sich mit dem neuen KI-basierten Entrauschen in Lightroom leicht korrigieren.
Ich arbeite mit der Zeitautomatik Av (bei anderen Marken: A) und stelle die Blende F 7.1 ein. Ich strebe damit eine optimale Schärfe an, die auch Wellen vor und hinter dem Surfer miteinschliesst. Man könnte auch andere Einstellungen bevorzugen, zum Beispiel Offenblende, dafür etwas weniger ISO.
Mit diesen Einstellungen mache ich ein paar Probeaufnahmen gegen das und mit dem Licht und schaue mir die Belichtungsergebnisse an. Sind Bildstellen weiss ausgefressen? Sind dunkle Schattenpartien restlos schwarz? Im Histogramm der Kamera kann ich feststellen, ob die Belichtung etwa richtig ist. Je nach Lichtsituation korrigiere ich mit dem Plus-Minus-Korrekturrad die Belichtung um 1/3 bis 2 Blendenstufen. Zum Glück haben wir im Raw-Format und den Entwicklungstools in Lightroom perfekte Möglichkeiten, ein Bild zu entwickeln, dass ich beim Fotografieren auch mal Fehler machen und Fehlbelichtungen leicht korrigieren kann. Ja, es muss wieder einmal betont werden: Digitale Fotografie ohne Entwicklung am Computer ist wie ein Auto ohne Räder: man kommt damit einfach nicht vorwärts.
Nebst den Grundeinstellungen ist der Autofokus wichtig. Ich stelle die Kamera auf Servo (Nikon, Sony, Panasonic: AF-C, Autofokus Continuous). Das ist ein Modus, der einem bewegten Motiv kontinuierlich nachstellt. Ich drücke den Auslöser halb durch, und so wird das bewegte Motiv im Fokus behalten, bis ich ihn ganz durchdrücke. Dann ist noch die Motiverkennung, die ich auf «Personen» stelle, die dazugehörende Augenerkennung jedoch halte ich deaktiviert. Es wird Fotos geben, bei denen die Surfer von hinten zu sehen sind. Eine aktive Augenerkennung wäre deshalb nicht nötig.

Weiter fotografiere ich mit dem elektronischen Verschluss und der Serienbildfunktion, die bis 30 Bilder/Sekunde leistet. Natürlich erzeuge ich einiges an Ausschuss, was in der Actionfotografie völlig normal ist. Aber wenn ein Foto aus einer Serie perfekt gelungen ist, dann hat sich die Datenflut gelohnt. Am Computer zu Hause wähle ich aus den Serien die paar besten Fotos aus und lösche den Rest.



Ich beobachte die Surfer – es sind eher weniger -innen – und merke mir die Schirme jener, die immer wieder spektakulär in die Höhe schnellen. Wenn einer heranbraust, nehme ich ihn ins Visier, fokussiere und warte, bis er springt. Die auf dem Wasser flitzenden Surfer sind an sich schon herausfordernd. Ich konzentriere mich auf die springenden Cracks, die eher rar sind. Bei den Sprüngen sind natürlich diejenigen spektakulär, die den Surfer kopfüber zeigen oder ohne Board in der Luft. Auch deswegen ist die Serienfunktion unerlässlich.
Mit der Zeit weiss ich, wenn es spannend wird und ein Sportler eine scharfe Welle von sich stösst, um in die Lüfte abzuheben. Genau dies sind die spritzenden Momente, die mich faszinieren und die ich festhalten möchte. Ich stehe direkt am Ufer, der Sucher schussbereit am Auge. Es sind immer die gleichen Personen, die ihre Lufttricks zeigen, manche begnügen sich mit hin- und her surfen. Wenn man sich die Schirme merkt, kann man getrost warten, bis die Cracks wieder in Reichweite sind. Und dazwischen gibt’s eine willkommene Ruhepause.
Ich bleibe am Ufer nicht unbemerkt. Ein Surfer kommt mit hoch in der Luft stehendem Kite auf mich zu und stellt sich als Jaegger vor. Es ist ein Junge aus Holland, ich schätze ihn auf etwa siebzehn Jahre. Er fragt mich, ob er Fotos von sich haben könne. Das Handy hat er wasserdicht in einer Hülle um den Hals gebunden, er reicht es mir, bittet mich, meine Telefonnummer einzutippen. Whatsapp ist die angesagte Transportmethode. Kaum 10 Minuten später habe ich seine Nummer ebenfalls, über die wir kommunizieren werden.





Sind die Fotos an der richtigen Stelle scharf? Sie sie zu hell oder zu dunkel? Sind Körperteile angeschnitten? Innerhalb eines bestimmten Bereiches kann ich sie gut in der Nachbearbeitung richten, den Horizont begradigen. Der automatische Weissabgleich führt zu einem verblauenden Bildhintergrund, den ich mit dem Schieberegler «Temperatur» in Lightroom etwas ins Grünliche korrigiere. Wald und Wasser mag ich so lieber. Insgesamt fotografiere ich über 1000 Bilder, die meisten davon werden die nächsten zwei Jahre nicht überdauern. Etwa 20 bis 30 Actionfotos sind für meine Ansprüche gut – ein paar wenige haben Wow-Effekt. In der Sportfotografie ist das Bonmot «weniger ist mehr» deplatziert. Wenn nur jeder fünfzigste Shot gelingt, kannst du nicht dreissig Bilder machen, denn dann bringst du gar nichts nach Hause.




Manchmal staune ich über die Tricks, die bestimmt einen Namen tragen. Ich weiss nur so viel: das Board muss nicht zwingend an den Füssen sein.





Und es gibt sie auch, die surfenden Mädels. Die Sprünge sind zwar etwas weniger hoch und weniger waghalsig, doch der Spass ist ihnen umso mehr am Gesicht abzulesen.



Motiv und Gestaltung
Der Kite zieht an 27 Meter langen Leinen im Wind. Ich kann die Komposition so anlegen, dass Mensch und Gerät sichtbar sind. Das führt jedoch dazu, dass der Sportler nur klitzeklein zu sehen ist. Zudem sind solche Totalbilder langweilig. Man fotografiert auch nicht einen ganzen Fussballplatz voller Figuren, die sich um den Ball streiten. Ich ziehe es vor, auf die Personen zu fokussieren, um die Körperhaltung oder die Mimik festzufrieren. Dabei ist die Farbe des Wassers egal, solange sie glaubwürdig ist. Von Smaragdgrün bis zu Royalblau habe ich alle Wasserfarben in meinem digitalen Malkasten namens Lightroom dabei.
Einige Fotos zeigen als Hintergrund nur Wasser, andere nur den gegenüberliegenden grünen Wald. Dann gibt’s noch die geteilten Hintergründe, oben Wald, unten Wasser. Der (unscharfe) Hintergrund soll der Figur im Vordergrund nicht im Weg stehen. Je unschärfer oder je monochromer, desto mehr kommt die Figur zur Geltung.


Dann ist noch die Frage des Formates und die der Bewegungsrichtung. Hoch- und Querformat eignen sich gleichermassen. Ein quadratisches Format vermittelt an sich Ruhe, was nicht so richtig zu Actionbildern passt. Wichtiger als das Format ist hingegen, wo der Actionheld im Foto positioniert wird und welche Bewegungsrichtung angedeutet wird.



Sehen wir uns einmal das nachstehende Foto an, welches aus einer Serie stammt. Es sind einige störenden Elemente auf dem Bild vorhanden: die Kite Segel und die hellen Grünflächen am fernen Ufer. Ich habe das Bild fotografiert, weil mir der Sportler und die Aktion gefiel, deshalb wähle ich einen neuen Ausschnitt, der das Überflüssige wegschneidet.

Ein guter Ausschnitt bringt zur Geltung, was das Bild ausmacht.



Und noch dies
Die Kite-Surfszene zeigt ihre modischen Eigenarten und Spleens. Es lohnt sich, auch an Land ein paar lustige oder farbige Schnappschüsse und Porträts zu machen.



