Sterne fotografieren
Jedes Jahr im Sommer kommen die Medien mit dem Meteoritenschauer der Perseiden. Sternschnuppen sollen Wünsche erfüllen, so der Volksmund. Ich selbst war schon Stunden, gar ganze Nächte draussen, habe aber erst drei Sternschnuppen gesehen. Und Wünsche wurden auch nicht erfüllt.
Was mich viel mehr fasziniert, sind die Sterne am Nachthimmel, die gleich dem Mond und der Sonne ihre Bahn ziehen. Der Mond hat eine besondere Stellung, aber ihn zu fotografieren ist nicht ganz dasselbe wie die Sterne einzufangen. Wenn ich von Sternen spreche, meine ich die Fotografie mit ganz normalen Objektiven und einem Stativ. Ohne weiteres Zubehör wie Nachführgeräte oder besondere Teleobjektive.
Zuerst eine Bemerkung zum Nachthimmel. Er ist gänzlich schwarz und die Sterne sind nur ganz schwach sichtbar. Unsere Kameras sind wahre Nachtsichtgeräte und können die Sterne viel deutlicher sichtbar machen, als sie von Auge aus sind. Wie farbig oder wie satt der Nachthimmel in der Entwicklung ausgestaltet wird, ist Geschmackssache. Ich bevorzuge manchmal etwas mehr Blau, andere Einfärbungen tendieren ins Grünliche.
Planung
Zuerst etwas Theorie, um in der Nacht erfolgreich zu fotografieren. Unsere Erde bewegt sich im Sonnensystem zusammen mit dem Mond in einer elliptischen Bahn um die Sonne. Der Mond zeigt sich immer von der gleichen Seite, ein Zyklus umfasst 27,3 Tage, in dem er vom Neumond über den Sichelmond zum Halbmond und Vollmond wächst. Die Neumondphase ist ideal, um Sterne zu fotografieren. Einen bis zwei Tage vor und nach Neumond ist immer noch eine gute Zeit. Bei Halb- bis Vollmond sind die Lichtverhältnisse nicht ideal.
Denn je heller der Mond, desto mehr Lichtverschmutzung am Himmel und desto weniger hell strahlen die Sterne. Im Jahr gibt es zwölf Zyklen, mit anderen Worten zwölf Chancen, Sterne zu fotografieren.
Beim fotografieren des Mondes ist es anders, hier will ich den Vollmond einfangen, der ebenfalls zwölfmal im Jahr erscheint. Der Mond ist am besten gleich nach dem Mondaufgang zu fotografieren, wenn er noch nicht ganz so hell erscheint. Für den Mond am besten ein Teleobjektiv, vielleicht zwischen 500–1000 mm, da man ansonsten auf das Zuschneiden angewiesen ist. Ich persönlich kann dem Mond fotografisch wenig abgewinnen, denn er sieht ja immer gleich aus. Es sei denn, er diene als Kulisse vor einem Vordergrund.
Die Nacht ist übrigens auch ganz ohne Sterne attraktiv. Es lohnt sich auf jeden Fall einmal von oben auf den Zürichsee herunterzublicken.



Von den zwölf erwähnten Chancen, die Sterne einzufangen, fällt ein Grossteil dem Wetter zum Opfer. Wolken verhängen auch nachts den Himmel und geben die Sicht auf die Sterne nicht frei. Ich trage mir deshalb alle Neumonde und Vollmonde in meinen Kalender ein, um eine klare Nacht wirklich zu nutzen.
Zur Planung ziehe ich die App PhotoPills (Fr. 11.–) zu Rate, bei der alle möglichen Funktionen enthalten sind, Sonnenaufgang und -untergang, blaue Stunde, goldene Stunde, Mondaufgang, galaktisches Zentrum, Sternspuren, Anzeige der Milchstrasse usw.


Nachts werde ich kaum wie tagsüber einfach drauflos laufen und fotografieren, was mir gefällt. Da die Milchstrasse Dunkelheit erfordert, sehe ich von Auge kaum, was mir vor die Linse kommt. Deshalb ist es hilfreich, wenn ich am Tag die Location erkundige und auch mal mit dem Handy oder der Kamera ein paar Probeaufnahmen mache. Auch bei der Sternefotografie gilt das Bonmot «Vordergrund macht Bild gesund.» Halte nicht einfach die Kamera gegen oben und fotografiere den schwarzen Himmel, denn der sieht ja immer gleich aus. Der Vordergrund oder eine Bergkulisse erst machen Nachtfotos zu Hinguckern!








Um welche Zeit fotografiere ich Sterne?
Wenn am wenigsten Flugzeuge unterwegs sind. Ab 23 Uhr gilt in der Schweiz Nachtflugverbot, vorher würde ich schon mal keinen Versuch wagen. Flugzeuge zeichnen punktierte Leuchtspuren in den Himmel, die im Nachhinein hinausretuschiert werden müssen. Weiter ist der Stand des galaktischen Zentrums der Milchstrasse relevant, falls ich diese ablichten will. Das galaktische Zentrum beherbergt die meisten Sternhaufen, die als Nebelwolken sichtbar sind. Das heisst, dieses Zentrum ist der Hotspot der Milchstrasse. Je nach Jahreszeit und Nachtzeit ist das Zentrum sichtbar oder eben nicht, weil es sich mit dem Lauf der Sterne ebenfalls bewegt. Wer in bewohntem Gebiet fotografiert: Nach Mitternacht bis um drei Uhr halte ich für eine gute Zeitansage.

Wo fotografiere ich die Sterne?
Es klingt vielleicht etwas lapidar, aber möglichst dunkel sollte es sein. Selbst kleine Dörfer strahlen mit Strassenlampen, Verkehrsbeschriftungen, Schaufenstern und Leuchtreklamen die ganze Nacht über in den Himmel. So ergibt sich in der Nähe von Siedlungen immer eine gewisse Lichtglocke, die aber auch stimmungsvoll sein kann. In der Sahara kann man die Milchstrasse viel deutlicher sehen als in unseren Breitengraden. Die Berge sind dafür grundsätzlich gute Orte, ich übernachte in SAC-Hütten oder Berghotels (Säntis, Rigi, Pilatus) und stehe nachts auf. Oben hat man eine Rundumsicht auf die Sterne. In schmalen Tälern und Schluchten ist es auch stockdunkel, allerdings hat man dort eine eingeschränkte Sicht auf die Milchstrasse. Täler, die in der Richtung der Milchstrasse laufen, wie zum Beispiel das Engadin, sind ebenfalls geeignet. Die Milchstrasse zeigt sich in südwestlicher Richtung, auf der Karte etwa im 45-Grad-Winkel (August 2025).
Kamera, Objektiv und Ausrüstung
Grundsätzlich ist jede Digitalkamera geeignet. Neuere Modelle haben ein besseres Rauschverhalten, das wir bei Dunkelheit zu unterdrücken haben. Ich bin mit zwei Canon EOS R5 Mark II unterwegs. Für die Sternefotografie verwende ich drei Objektive.

Da der Himmel um Unendlich-Bereich liegt, fotografieren wir mit Offenblende. Objektive mit Offenblende F1.8 haben gegenüber solchen mit Offenblende F4 den Vorteil, dass sie ca. 7 mal mehr Licht einfangen. Mit anderen Worten kann man statt mit 6400 ISO nur mit 800 ISO arbeiten. Je offener die Blende, desto mehr Licht geht hindurch. 6400 ISO bedeutet mehr Bildrauschen, welches die Sterne stört. Allerdings können wir heute das Bildrauschen mit KI recht einfach herausrechnen, davon später mehr.
Selbstverständlich brauche ich ein stabiles Stativ mit einem ebenso stabilen Stativkopf. Das Stativ sollte auf einen stabilen Grund wie Felsen oder auf eine Strasse gesetzt werden. In einer Wiese hacke ich mit den Schuhen drei kleine Kerben in das Gras, um das Stativ in den Boden zu rammen und die Stabilität zu erhöhen. Im Sand verankere ich die Stativbeine möglichst tief.
Unverzichtbar ist in der tiefen Nacht eine Stirnlampe, mit der alle Einstellungen an der Kamera vorgenommen werden können. Selbstverständlich sind warme Kleidung, Handschuhe und eine Mütze angesagt, denn in der Nacht ist es auch bei uns in der Regel kalt.
Zum Auslösevorgang: Wer keinen Funkauslöser hat, der kann als Alternative auch mit dem Zeitauslöser arbeiten, um jede Erschütterung zu vermeiden. Diesen setzte ich für solche Fälle auf zwei Sekunden.
Grundeinstellungen der Kamera
– Programmmodus: Auf Manuell (M) stellen
– ISO: Je nach Kameratyp und Umgebungshelligkeit 800 bis 3200 ISO
– Verschlusszeit: Bei 10 bis 24 mm Brennweite, ca. 10 bis 15 Sekunden. Die Sterne sollten als Punkte, nicht als kleine Strichlein dargestellt werden.
– Bildstabilisator am Objektiv: ausschalten
– Autofokus am Objektiv: auf manuell (MF) stellen
– Weissabgleich: automatisch, wenn er in der Nachbearbeitung korrigiert wird. Bei manueller Einstellung: 3700–4000 Kelvin
– Blende: arbeite mit Offenblende, der grösstmöglichen Blende, zum Beispiel F2.8.
– Bildformat: RAW. Im Raw-Format hast du mehr Möglichkeiten, die Bilder zu entwickeln als im JPEG-Format. Insbesondere steht die KI-Entrauschen-Funktion in Lightroom nur für RAW zur Verfügung.
Sterne fokussieren bei Dunkelheit
Manche Kameras haben Mühe, die winzigen Sterne zu fokussieren. Du kannst dir wie folgt helfen. Als erstes musst du am Objektiv den Schalter von Autofokus (AF) auf Manuell (MF) umstellen. Bei Nacht kannst du auf einen hellen Stern fokussieren. Drück dazu auf die Lupenfunktion am Kameragehäuse und zoome den Stern heran. In der Vergrösserung kannst du ihn manuell scharfstellen. Diese Einstellung wirst du die ganze Nacht über beibehalten. Achte darauf, dass du den Fokusring nicht unabsichtlich wieder verstellst.




Sternspuren
Sternspuren sind als Fotomotiv beliebt. In der Mitte steht immer der Polarstern, um den alle anderen Sterne kreisen. Weshalb dies so ist, kannst du im Internet nachschauen. Sternspuren setzen sich aus vielleicht 50 bis 150 Einzelfotos zusammen, die in Photoshop gestackt werden. Davon weiter unten mehr.

Sternspuren schaffst du mit der Intervallfunktion. Ein Intervall ist der zeitliche Abstand von einem Auslösungsbeginn zum nächsten. Wenn du zum Beispiel eine Belichtungszeit von 10 Sekunden eigestellt hast und eine Pause von 1 Sekunde zwischen den Auslösungen willst, dann stellst du das Intervall auf 11 Sekunden. Um Sternspuren sichtbar zu machen, genügen etwa 100 Aufnahmen. Das dauert in unserem Fall 18 Minuten. Du kannst natürlich auch 200 Aufnahmen machen, dann dauert das Ganze halt über eine halbe Stunde.
Die folgenden Screenshots stammen aus der Canon R5. Bei anderen Modellen oder Marken werden die Einstellungen sinngemäss vorgenommen.


Ein Intervall ist definiert als die Dauer von einem Auslösebeginn zum nächsten. Bei einer Verschlusszeit von 11 Sekunden stelle ich das Intervall auf 12 Sekunden. Das bedeutet, dass die Kamera nach 11 Sekunden 1 Sekunde pausiert, bis sie die nächste Auslösung startet. Das gesamte Intervall ist die Verschlusszeit plus die kleine Pause dazwischen.
Leider ist nur eine zweistellige Zahl vorgesehen. Das ist nicht ganz nachvollziehbar, weil ein fertiger Zeitraffer von 10 Sekunden Dauer 300 Fotos benötigt. Hier sollte Canon nachbessern und eine dreistellige Zahl in der Eingabe zulassen. Aktuell stelle ich einfach auf «unbegrenzt». Das bedeutet, dass die Kamera solange auslöst, bis sie keinen Akku mehr hat oder ich selbst von Hand den Intervallvorgang abbreche.
Eine andere Art ist eine Einzelaufnahme, bei der der Verschluss eine halbe Stunde offenbleibt. Mit dem Modus Bulb kannst du den Auslöser betätigen und nach etwa 20 Minuten wieder drücken, um den Verschluss manuell zu schliessen. Ich schliesse dafür die Blende und stelle F8 ein.
Die Spuren entstehen durch das nachträgliche Stacken in Photoshop. Dort werden alle Fotos als Ebenen importiert. Ich empfehle, die Dateigrösse der Einzelfotos vorher anzupassen. 100 Vollformat-Fotos in Ebenen zu verwalten, benötigt schon etwas Rechenkapazität. Wenn du alle Ebenen aktivierst (Befehl-A), kannst du den Ebenenmodus auf «Aufhellen» setzen. Jetzt rechnet Photoshop die hellen Stellen zu Sternspuren zusammen.





Bildentwicklung
Wie bereits erwähnt, ist das Format RAW besser geeignet, um die Fotos in der Nachbearbeitung zu optimieren. Mit dem Weissabgleich kann ich das Foto neutral halten oder den Himmel eher blau gestalten. Es kommt dabei nicht auf die Originalszene an, denn Sternspuren oder die Milchstrasse gibt es in der Realität in der fotografisch dargestellten Art nicht. Ich entwickle meine Fotos im Programm Adobe Lightroom.
Zuerst verschiebe ich Regler «Temperatur», je nachdem, wie farbig ich das Foto haben möchte. Nach rechts wird’s blauer, nach links gelblicher. Als nächstes ziehe ich den Schieberegler «Belichtung» etwas nach rechts, damit das Bild heller wird. Die Sterne sollten als weisse Punkte deutlich sichtbar sein. Den Schieberegler «Lichter» ziehe ich nun ganz nach links. So wird das Rauschen im Bild etwas reduziert. Mit dem Schieberegler «Tiefen» reguliere ich die dunklen Töne. Die Regler «Klarheit» und «Dunst entfernen» werden ziemlich stark nach rechts verschoben. Das sind schon die wesentlichen Korrekturvorgänge.
Nun noch zum Bildrauschen. Das Bildrauschen entsteht, wenn eigentlich zu wenig Licht auf den Sensor fällt und das Signal künstlich verstärkt werden muss. Bildrauschen macht sich vor allem in den dunklen Partien durch ein griessiges Hintergrundmuster bemerkbar. Dieses besteht aus hellen und farbigen Flecken. Man spricht deshalb auch von Luminanzrauschen und von Farbrauschen. Im Lightroom kann das Rauschen unter dem Reiter «Details» eliminiert werden. Wer die neuste Version Lightroom besitzt, sieht oben ein Kästen zum Ankreuzen «Entrauschen». Damit wird die KI aufgerufen, das Bild zu entrauschen. Es dauert ein paar Sekunden, aber nachher ist das Foto völlig frei von den Störgeräuschen.





Zum Schluss in der Nachbearbeitung wende ich die Schieberegler für Lichter, Tiefen, Weiss und Schwarz an. Damit kann ich die Milchstrasse verdeutlichen oder auch abschwächen.


Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshops durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil