Spiegelung und Reflexion
Spiegelungen gehören zu den beliebtesten Fotomotiven. Was das gute Foto ausmacht, wird hier beschrieben.

Faszination Spiegelung
Dank dem eigenen Spiegelbild im Wasser konnten die Menschen (oder Tiere) in Urzeiten sehen, wie sie aussahen. Heute ist der tägliche Blick in den Spiegel Normalität. Obwohl wir uns im Spiegel seitenverkehrt sehen, haben wir uns an den kleinen Betrug gewöhnt. Denn was wir im Spiegel sehen, ist nicht das, was Menschen gegenüber von uns wahrnehmen. Spiegelbildlich trage ich meinen Scheitel links, während er real auf der rechten Seite sitzt. Im Spiegel hat mich das noch nie gestört. Eine natürliche Spiegelung ist etwas Faszinierendes, dem sich kaum jemand entziehen kann. Ich weiss nicht, warum das so ist. Weil etwas da zu sein scheint, was gar nicht ist? Eine sehr reale Sinnestäuschung, von der wir uns noch so gerne verführen lassen. Hat die aktuelle Selfie-Pandemie etwas mit der Verliebtheit in sein eigenes Abbild zu tun? Wie auch immer, Spiegelungen (nicht Selfies) sind für mich als Fotograf immer Motive, an denen ich einfach nicht vorbeikomme. Was steckt eigentlich dahinter?

Reflexion als Grundvoraussetzung für das Sehen
Weisses Licht wird von einer Lichtquelle als Strahlung auf einen Gegenstand geworfen. Teile davon werden durch den Gegenstand verschluckt (absorbiert), Teile werden reflektiert oder andere Teile werden durchgelassen. Diesen Misch nimmt das Auge-Hirn-System als Lichtreiz auf und ordnet ihn nach der eigenen Erfahrung einer Bedeutung zu. Einem runden Ding auf dem Kopf eines Velofahrers wird automatisch die Bedeutung Helm zugewiesen.
Die natürliche Lichtquelle der Erde ist die Sonne. Sie strahlt kontinuierlich weisses Licht auf die Erde, welches auf jedem Ding mehr oder weniger reflektiert wird. Der Mond selbst strahlt nicht, was wir sehen, ist die Reflexion des Lichts der Sonne. Weisses Sonnenlicht besteht physikalisch aus unterschiedlich langen Lichtwellen, die an Gegenständen unterschiedlich zurückgeworfen werden, deshalb sehen wir sie farbig. Reflexion ist der allgemeine Begriff dafür, dass Licht von einer Oberfläche zurückgeworfen wird. Das Licht kann auch aus einer künstlichen Quelle stammen. Es hat eine bestimmte Farbtemperatur, die mit Kelvin bezeichnet wird. Jedes reale Bild, das wir sehen, ist das Resultat von Reflexion.



Es gibt zwei Arten der Reflexion, die sich je nach der Beschaffenheit der Oberfläche ergeben:
- Gerichtete Reflexion
Glatte Oberflächen, wie zum Beispiel ein Spiegel, reflektieren parallele Strahlen gerichtet und parallel im Winkel des Einfalls. - Diffuse Reflexion
An nicht glatten Oberflächen wird das Licht gestreut, das heisst, nicht in eine Richtung zurückgeworfen. Bei Gebäuden, der Landschaft, bei Holz oder Haut haben wir es mit einer diffusen Reflexion zu tun. Das heisst, eine Spiegelung erscheint in diesem Fall gar nicht, verzerrt oder verschwommen.

Die parallel einfallenden Lichtstrahlen, werden durch eine unregelmässige Oberfläche in unterschiedlichem Winkel reflektiert, was zu einer diffusen Lichtwirkung führt.


Zwischen einer gerichteten und einer diffusen Reflexion gibt es alle Zwischenstufen, so wie es halt auch unterschiedlich glatte Oberflächen gibt. Bei schwarzem Samt wird fast die gesamte Lichtmenge absorbiert, die Reflexion ist nur ganz klein. Ein poliertes Auto reflektiert das Licht hingegen sehr stark, der Reflexionsgrad ist hoch. Dazwischen liegt das Glas, welches das Licht sowohl reflektiert als auch hindurchlässt.








Was ist eine Spiegelung?
Jede Spiegelung ist eine Reflexion, aber nicht jede Reflexion ist eine Spiegelung. Die Spiegelung ist die Extremform der gerichteten Reflexion. Es braucht dazu eine sehr glatte Oberfläche, bei welcher fast das gesamte Licht in eine bestimmte Richtung zurückgeworfen wird. Eine Spiegelung weist eine klare Form auf, sie widerspiegelt, was in der realen Welt zu sehen ist. Jedes Bild, das wir sehen, ist hingegen auf Reflexion zurückzuführen. Um von einer Spiegelung zu sprechen, müssen wir in dieser die Form und Farbe der realen Welt wahrnehmen.






Spiegelungen in der Natur
Die natürlichen Spiegelungen finden wir Hobbyfotografinnen und -fotografen in Teichen, Flüssen und Seen. Je grösser und tiefer das Gewässer, desto eher treibt der Wind die Wellen hoch. Schon das geringste Gekräusel macht eine Spiegelung zunichte. Ebenso bei Fliessgewässern: ein Bach oder ein schnell fliessender Fluss weist meist keine Spiegelung auf. Wo Staustufen den Fluss behindern, entstehen glatte Oberflächen für die Spiegelung.



















Spiegelungen mit Menschen
Ich erachte es als Herausforderung, Menschen ins Foto zu integrieren. So sind Naturlandschaften ohne belebende Wirkung von Menschen «nur» schön. Mit Menschen auf dem Bild beginnt das Bild zu sprechen, die Aussagekraft ist höher. Nicht immer stehen Menschen zur Verfügung, aber wenn sie schon ins Bild laufen, dann sollte man sie nicht daran hindern …





Künstliche Gewässer
In fast jeder Stadt gibt es heute künstlich angelegten Gewässer, die im Gegensatz zu den grösseren Seen oft besser zugänglich sind und auch eine eindrucksvollere Kulisse spiegeln.




Spiegelungen in der Architektur
Moderne Architektur kommt ohne Glas nicht aus und Glasfronten spiegeln ihre Umgebung. In der Stadt sind Spiegelungen allgegenwärtig. Ich suche jeweils Gebäude mit hohem Spiegelungspotenzial, das heisst, die Glasflächen müssen grossflächig zu sehen sein. Dann ist auch die Form der Glasflächen entscheidend, sowie die Umgebung.










Für mich eines der interessantesten Spiegelbauwerke ist das Schaudepot in Rotterdam. Das fast 40 Meter hohe Lagerhaus ist ein als Museumsdepot, Werkstatt und Schaudepot entworfenes Gebäude, das für das Publikum zugänglich ist. Es trägt eine tassenförmige verspiegelte Fassade, in der sich die Umgebung spiegelt.





Räumliche Irritationen
Spiegelungen, die Rätsel aufgeben, die zum Entdecken und Entschlüsseln einladen, finde ich besonders interessant. Durch geeignete Bildschnitte kann ich das Rätsel noch betonen.







Spiegelungen entdecken
Grundsätzlich ist an jeder glatten Fassade eine Spiegelung versteckt. Man muss nur nahe rangehen, um sie zu entdecken. Jedes Schaufenster hat ein verborgenes Potenzial. In Bilbao gibt’s nahe dem Guggenheim-Museum diesen markanten roten Brückenpylon mit einer gestreiften Innenseite, die nachts leuchtet. Wenn ich mich mit der Kamera nähere, entstehen ganz eigene Spiegelbilder, die man beim Vorbeischlendern halt nicht beachtet.





Spiegelungen bei Nacht und Regen
Regen ist die Voraussetzung für den Glanz und Spiegelungen auf Strassen. Die Nacht ist die Voraussetzung für die vielen Leuchtpunkte, die sich in der Nässe spiegeln. Wenn eine der beiden oder beide Voraussetzungen erfüllt sind, geht der engagierte Fotograf nach draussen, um Spiegelungen zu finden.




Bildkomposition
Jede Spiegelung lebt von der Duplizierung seiner Bildelemente. Spiegelungen haben eine vertikale oder horizontale Symmetrie, das liegt in der Sache. Da ist einmal die dominante Spiegelachse, die bei Naturaufnahmen in der Regel horizontal verläuft. Falls die Uferlinie schräg verläuft, nimmt die Spiegelachse diese Linie an und verläuft auch etwas schräg (wie im Bild unten). Eine Wasseroberfläche bildet dabei den Spiegel. Wo diese Spiegelachse im Bild steht, ist ganz vom Motiv abhängig. Wenn oben und unten ganz gespiegelt werden wollen, liegt die Spiegelachse etwa mittig. Es kann durchaus sein, dass die Spiegelung mehr betont wird, in diesem Fall liegt die Spiegelachse oberhalb der Mitte. Wenn die Spiegelung nicht das Hauptmotiv bildet, soll die Achse weiter unten angesetzt sein.
Bei jedem Spiegelbild hat es eine Symmetrieachse, um die sich die Bildmotive nach oben und unten entwickeln. Die Spiegelung hat eine grosse Tiefenwirkung, dennoch tut es gewissen Fotos gut, auch einen Vordergrund zu haben.
Wo die eigentlichen Bildmotive im Raum stehen, ist eine Frage der Dynamik. Wenn das Hauptmotiv ebenfalls seitlich mittig gestaltet wird, haben wir es mit einer strengen Symmetrie zu tun. Das kann dann auch etwas gewöhnlich wirken. Ich selbst bevorzuge eine dynamische Position, die sich irgendwo zwischen der Mitte und dem Rand bewegt.

Mir besonders angetan haben es Brücken, deren Bögen oder Geraden im doppelten Sinn das Auge ins Bild führen.




Spiegelungen in der Nacht
Wie schon erwähnt, bildet die Nacht oder die blaue Stunde mit ihren Lichtern beste Möglichkeiten, Spiegelungen eindrucksvoll zu inszenieren.



Kreative Spiegelungen
Besorg dir einen rahmenlosen Spiegel, lege ihn auf den Boden, Tisch oder einen Stuhl. Setze ein Motiv auf den Spiegel und schon hast du ein Spiegelmotiv der anderen Art. Du kannst mit einem Weitwinkelobjektiv üben, wie der Kamerastandort (höher oder tiefer) gegenüber dem Motiv die Spiegelung verändert. Im Internet findest du Hunderte von Anregungen, google doch einfach «Spiegelungen mit Fotografie».


Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshops durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil