Das Bild wirkt unruhig und zu detailreich. Es fehlt ihm die prägnante Figur, Das Auge wandert durch das Foto und erkennt nicht sofort, was damit ausgedrückt werden soll. Es ist nicht klar, ob der der blaue Starter, die Startlinie oder die Motocrossfahrer die zentrale Aussage bilden.

Fondation Beyeler, Riehen. Im linken Foto wirkt das Gesetz der Prägnanz, aber weniger stark, weil sechs Figuren und Spiegelungen eher verwirren. Rechts ist eine ähnliche Situation, in der man die Spiegelung ganz einfach dekodieren kann. Das Bild rechts funktioniert schneller – es ist nicht automatisch das bessere Foto.
Das Foto besitzt eine dominante Figur (die beiden Sportler), der Hintergrund ist verschwommen. Man erkennt sofort das Tempo der Motocrosser. Die Unschärfe im Hintergrund sorgt für eine schnelle Dekodierung.

Das Figur-Grund-Gesetz

Das Figur-Grund-Gesetz ist in dieser Darstellung verdeutlicht. Wir erkennen sofort, was vorn und was hinten ist.
Das Pferd wird durch das wuselige Umfeld nahezu unsichtbar gemacht. Die Figur und der Hintergrund sind nicht mehr klar erkennbar. Man muss sich erst mit dem Bild beschäftigen, um das Porträt zu erkennen.
Wenn der Hintergrund einfach und ohne Details gehalten ist, ist das Porträt deutlich schneller wahrnehmbar. Mit anderen Worten: der Hintergrund ist im Wesentlichen dafür verantwortlich, ob wir das Bild schnell wahrnehmen oder erst mühsam entschlüsseln müssen.
Beim Originalfoto links ist der Hintergrund sehr unruhig. Mit einer Maske in der Nachbearbeitung kann das Motiv und der Hintergrund besser voneinander abgesetzt werden. In der Mitte habe ich die Helligkeit verändert, rechts ist der Hintergrund toniger.
Links steht die Figur zu dicht am Hintergrund. Auch bei offener Blende ist die Chance klein, ein deutliches Bokeh zu erhalten. Rechts wurde die Unschärfe in der Nachbearbeitung erzielt. Die Figur setzt sich deutlicher vom Grund ab.
Links: Die Figur wurde hier aus dem Hintergrund herausgelöst (freigestellt), um sie zu verdeutlichen. Mitte: die freigestelle Figur kann nun mit einem beliebigen Hintergrund wie hier mit einer gelben Fläche kombiniert werden: Rechts: Auch die Figur kann im Nachhinein verändert werden: schwarz-weiss mit hohem Kontrast.

Bokeh

Unschärfen im Hintergrund können auch durch Nebel entstehen. Effektvoll bei Porträts ist, dass sich die Figur leicht vom Hintergrund absetzt.
In der Makrofotografie ist Bokeh eine beliebte Methode, das Motiv herauszuarbeiten. Der weiche Hintergrund erzeugt eine poetische Darstellung.
Der weichgezeichnete Hintergrund macht aus jedem Porträt etwas Besonderes.
Links: Die relativ offene Blende von f2.8 bis etwa f8 erzeugt ein eher grosses Bokeh mit geringer Schärfentiefe; geschlossene Blenden von 14 bis 25 (rechts) bringen kleinere Unschärfen. Dafür ist die Schärfentiefe grösser.
Hier liegt die Schärfenebene auf den Augen, die Kopfkontur und das Ohr rechts liegen bereits in der Unschärfe. Die offene Blende erzeugt im Hintergrund eine weiche Fläche, die perfekt zum Baby passt.
Die Blendenwahl schafft einen Kompromiss zwischen Bokeh und Schärfentiefe. Eine ganz offene Blende fokussiert oft nur auf ein Auge, alles andere liegt in der Unschärfe. Dafür ist das Bokeh wunderschön.
Je nach verwendetem Objektiv und der Distanz der Figur zum Hintergrund wird das Bokeh unterschiedlich ausfallen. Hier war die Brennweite 50 mm im Einsatz bei Blende f4. Die Person ist überall scharf, dafür ist das Bokeh weniger ausgeprägt.
Bei diesem Porträt liegt die Unschärfe vor und hinter dem Motiv. Das Bokeh ist ein prägendes Gestaltungselement.
Wie entsteht nun ein Bokeh? In der folgenden Abbildung liegt ein Punkt B weiter weg als das Motiv der Gegenstandsebene. In der Optik liegt der Schärfepunkt vor der Schärfeebene, der Punkt B wird auf dem Sensor als unscharfe Fläche dargestellt (graues Oval).
Je weiter der Hintergrund (Punkt B) vom Motiv weg ist, desto grösser ist die Unschärfe. Wenn ich Personen direkt vor einer Mauer, einer Wand oder Fassade fotografiere, wird der Hintergrund immer eine Restschärfe aufweisen. Wenn ich möchte, dass die Unschärfe total ist, dann muss ich halt zwingend für Distanz vom Motiv zum Hintergrund sorgen.
Wer Blumen oder Pilze von oben nach unten fotografiert, kreiert nicht genügend Distanz vom Motiv zum Hintergrund. Das Resultat rechts ist ein Motiv im unruhigen und relativ scharfen Umfeld.
Hier ist der Aufnahmewinkel flacher, die Kamera liegt näher am Motiv und der Hintergrund ist weiter weg. Resultat: Im Hintergrund tut sich eine schöne Unschärfe auf, die das Motiv freistellt.
Bei dieser Aufnahme liegt die Kamera direkt auf dem Waldboden, der Hintergrund ist mehrere Meter entfernt. Bei offener Blende ergibt sich eine wunderschöne Unschärfe, die das Motiv störungsfrei freistellt.
Bei einer kleinen Blendenöffnung wird der Hintergrund fast scharf abgebildet, es entstehen keine Zerstreukreise.
Hier ist zur Verdeutlichung die Blende offener, im Hintergrund bilden sich Zerstreukreise.
Zusammen mit einem bestimmten Bildstil sind Zerstreukreise immer ein Hingucker.
In der Nacht entstehen Lichtpunkte durch künstliche Lichtquellen. Hier eine Doppelbelichtung, einmal scharf, einmal bewusst manuell unscharf fokussiert.

Unschärfe im Vordergrund

Als letztes Thema erzähle ich von der Unschärfe, die im Vordergrund liegt. Sie entsteht immer, wenn ein Objekt direkt vor der Linse liegt. Wenn ich zum Beispiel Blätter direkt vor die Linse halte, werden diese unscharf abgebildet.

Die Schärfeebene zeigt einzelne Blüten scharf. Das ockerfarbene Bokeh im Hintergrund sorgt für die Absetzung des Motives nach hinten. Das Geäst oben sowie die unscharfen Blüten vorn sorgen mit der Unschärfe für einen Tiefeneffekt.
Ich lege die Kamera auf den Boden direkt vor ein paar Blüten und fokussiere auf ein Leberblümchen, das etwa 50 cm weit weg steht. Die Blüten vor der Linse tauchen in die Unschärfe.
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshop durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
 
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil