Gestalten mit Bokeh
Wassertropfen liegen auf einer Glasplatte. Etwa 20 cm darunter eine Schale, die mit Smarties gefüllt ist. Die Schärfeebene liegt auf den Wassertropfen, während die bunten Smarties in der Unschärfe liegen und sich in den Tropfen spiegeln.
Die Schärfe des Motives
Kamerasysteme sind darauf ausgelegt, ein Motiv scharf zu fokussieren. Es gibt verschiedene kameraseitige Methoden, Schärfe einzufangen. Allgegenwärtig ist der Autofokus, mit dem die Kamera ein angepeiltes Motiv automatisch scharf stellt. Weiter gibt es Personenerkennung, Tiererkennung, Augenerkennung und andere Assistenzsysteme, die helfen, schnell zu fokussieren. Die Schärfe des Motives hat Grenzen, die von drei Einflussgrössen bestimmt wird: der Brennweite des Objektivs, der eingestellten Blende und den Distanzen Kamera–Motiv und Motiv–Hintergrund. Mit anderen Worten: Meistens gibt es eine Schärfeebene im Bild, davor und dahinter ist das Foto zunehmend unscharf. Natürlich kann man ein Foto von vorn bis hinten scharf ablichten oder auch gänzlich unscharf. Im Normalfall zeigt ein Bild ein scharfes Motiv und unscharfe Nebenschauplätze. Ich will im folgenden Abschnitt die Unschärfe erläutern, denn sie trägt viel zur besseren Darstellung des Motivs bei. Und: die Unschärfe kann sowohl hinter als auch vor dem Motiv liegen.
Unschärfe ist gerade ein Gestaltungsmittel, welches bei Digitalkameras mit verstellbarer Blende zur Verfügung steht – im Gegensatz zu Handykameras, die in der Regel darauf ausgelegt sind, von vorn bis hinten alles scharf aufzuzeichnen. Wie langweilig. Das Gestaltenkönnen von Unschärfe mit Blende und Objektivwahl ist allein ein guter Grund, nicht mit Handy, sondern mit einer richtigen Kamera zu fotografieren.
Um die Wirkungsweise von Schärfe und Unschärfe zu verstehen, bedarf es eines kleinen Ausflugs in die Gestaltungstheorie. Ein paar wenige, universell gültige Gestaltungsgesetze kommen dafür zum Tragen. Ich habe sie in meinem Buch «Fotografie für dich» ausführlich beschrieben (erhältlich bei Foto Tevy oder im Buchhandel). Wer diese Gesetze verinnerlicht, der wird ganz automatisch die Wirkungsweise von Unschärfen oder von Bokeh verstehen und anwenden.
Das Gesetz der Prägnanz (der guten Gestalt)
Es werden bevorzugt Gestalten (Motiv) wahrgenommen, die sich von anderen Bereichen im Bild durch ein bestimmtes Merkmal abheben. Das kann eine bestimmte Form sein, aber auch eine besondere Farbe oder das Motiv wird mit Helligkeit oder Kontrast herausgearbeitet. Das Gesetz der Prägnanz ist eng verflochten mit dem Gesetz von Figur und Grund. Mit anderen Worten gehts um plakative Fotografie und darum, dass sofort erkannt wird, was das Bild aussagen will. Bei einem Gesicht vor monochromem Hintergrund (wie bei einem Passfoto), ist dies der Fall. Wenn Hintergründe wuselig oder zu detailliert sind, wird das Motiv im Vordergrund dadurch beeinträchtigt. Schon bei der Aufnahme achte ich nicht nur auf das Motiv, sondern beziehe den Vorder-, den Mittel- und Hintergrund immer mit ein.
Prägnanz bedeutet, dass ein Bilddetail (das Motiv) dominant erscheint, und alles andere etwas unscheinbarer ist. Prägnanz bedeutet auch, dass das Bild über diesen Mechanismus schneller gesehen und erkannt wird, die Wirkung ist verstärkt. Prägnanz hat nicht mit der Bildqualität an sich zu tun. Es geht eher um die Schnelligkeit des Erkennens. Es gibt deshalb «weniger gute» und «bessere» Fotos, in denen das Gesetz der Prägnanz wirkt.

Prägnanz bedeutet, dass ein Bilddetail (das Motiv) dominant erscheint, und alles andere etwas unscheinbarer ist. Prägnanz bedeutet auch, dass das Bild über diesen Mechanismus schneller gesehen und erkannt wird, die Wirkung ist verstärkt. Prägnanz hat nicht mit der Bildqualität an sich zu tun. Es geht eher um die Schnelligkeit des Erkennens. Es gibt deshalb «weniger gute» und «bessere» Fotos, in denen das Gesetz der Prägnanz wirkt.


Das Figur-Grund-Gesetz
Unser Auge-Hirn-System ist darauf ausgelegt, auf Fotos bekannte Formen, Strukturen und Farben herauszulesen, im Hirn mit Bekanntem abzugleichen und daraus zu einer Erkenntnis zu gelangen. Auf den meisten Fotos ist eine Figur zu erkennen. Fotografisch gesehen unser Motiv. Der Hintergrund steht immer hinter der Figur. Es gibt also einen direkten Zusammenhang, was vorn und hinten ist. Die Figur verdeckt den Hintergrund teilweise.




Wir erkennen aus der gelebten Erfahrung, was auf einem Foto vorn, hinten, oben und unten ist, obwohl das Foto völlig flach vor uns liegt. Je deutlicher die Figur zu sehen ist, desto schneller kann man das Bild erkennen. Deutlich kann zuweilen auch schöner, harmonischer oder wirksamer bedeuten – alles Qualitätsmerkmale, die in der Fotografie angestrebt werden. Um eine Figur (Motiv) deutlicher herauszuarbeiten, gibt es verschiedene gestalterische Techniken, die wichtigsten sind hier aufgelistet:
- Figur vor einen monochromen Hintergrund stellen (graue/weisse/schwarze Fotowand im Fotostudio)
- Figur farblich vom Hintergrund absetzen
- Figur in Kontrast/Helligkeit zum Hintergrund absetzen
- Hintergrund in die Unschärfe legen
- Hintergrund mit Bewegungsunschärfe ausstatten

Diese visuellen Techniken können während der Aufnahme aber auch in der Nachbearbeitung entstehen. Einfach zu merken: der Hintergrund sollte nicht zu wuselig sein. Er muss möglichst gleichmässig sein und wenig Struktur aufweisen.
Sehen wir uns einmal dieses Porträt an, welches von einem Mittelaltermarkt in Zug stammt. Der Protagonist steht vor einer Efeuhecke, die ziemlich wuselig erscheint. Wenn wir das Gesetzt der Prägnanz und das Gesetz von Figur und Grund anwenden möchten, sollte der Hintergrund weniger deutlich sein.


Bokeh
Wenden wir uns dem Bokeh zu. Das fotografische Freistellen mit Unschärfe ist eine Methode, die Figur zu verdeutlichen. Sie bezieht sich auf Unschärfe des Vorder- oder Hintergrundes, die ich in diesem Beitrag erläutern möchte. Bokeh stammt aus dem Japanischen und bedeutet «Verschwommen», «Unschärfe». Gemeint ist die Unschärfe, die durch die offene Blende entsteht. Es gibt fotografische Techniken, die ebenfalls Unschärfe erzeugen, zum Beispiel durch Mitziehen der Kamera, durch Bewegungsunschärfe oder Techniken, die in der Nachbearbeitung zu Unschärfe führen. Dann führen auch natürliche Wetterphänomene wie Nebel, Wolken, Dunst zu «Unschärfen».

Im engeren Sinn steht Bokeh für die Unschärfe, die durch die Blendenöffnung entsteht.


Die Blendenöffnung steuert die Unschärfe im Vorder- und Hintergrund. Die Blende besteht je nach Kamera aus einer verschiedenen Anzahl Lamellen, die sich säbelförmig schliessen.





Mit dem Schliessen der Blende wird Licht reduziert und die richtige Belichtung ermöglicht. Die folgende Darstellung zeigt das Prinzip der scharfen Abbildung. Links liegt das Motiv, in der Mitte die Kamera mit dem Objektiv und davor die Blende, rechts wird das Motiv seitenverkehrt auf den Sensor belichtet. Die Optik hat eine Schärfeebene, auf der alles scharf abgebildet ist.


Die mögliche Unschärfe kann man wie folgt ausprobieren. Display einschalten, Autofokus auf «Manuell» stellen, eine bestimmte Blende wählen und am Fokusring drehen, bis das Bild in die Unschärfe kippt. Wenn du jetzt die Blende veränderst, wirst du feststellen, dass im Display sich die Unschärfe verändert: Je geschlossener die Blende, desto weniger deutlich ist das Bokeh.












Unschärfekreise
Lichtpunkte, die ausserhalb der Schärfeebene liegen, erscheinen als mehr oder weniger grosse Unschärfekreise (oder auch Zerstreuungskreise). Die kreisförmigen Punkte zeigen oft die Bauweise der Blende, das heisst, sie sind nicht ganz rund, sondern erscheinen mehreckig. Zur Abgrenzung: Bokeh bezieht sich auf die verschwommene Unschärfe generell, Unschärfekreise bezeichnet nur die kreisförmigen Unschärfen.
Die Streukreise werden durch die Blendenöffnung gebildet und die Distanz, die zwischen Kamera und den Lichtpunkten in der Ferne liegen. Die Kamera bildet jeden hellen kleinen Fleck als unscharfen Streukreis auf dem Sensor ab. Je kontrastreicher dieser Fleck in der Natur ist, desto heller zeichnet er sich ab. Aus diesem Grund bildet Sonnenlicht bessere Voraussetzungen für Streukreise als diffuses Licht bei bewölktem Himmel. Glitzerndes Wasser bietet einen sehr grossen Kontrast und erzeugt schöne Streukreise. In der Live-View-Funktion kannst du im Display gut kontrollieren, wie sich die Streukreise vergrössern oder verkleinern, wenn du die Blende änderst. Beachte, dass nicht immer die offenste Blende die wirkungsvollsten Streukreise ergeben.
Fotografisch heisst das Phänomen Schärfentiefe. Je offener die Blende ist, desto kleiner ist die Schärfentiefe, also die Distanz im Bild, wo es scharf ist. Bei einem Gesicht kann mit Offenblende f1.8 zum Beispiel nur das nähere Auge in der Schärfe liegen, alles andere ist leicht unscharf. Bei der gleichen Aufnahme mit Blende f6.3 ist das ganze Gesicht scharf abgebildet. Die Schärfe im Bild zieht automatisch den Blick auf sich, sie ist ein Mittel der Betonung. Neben der Blendenwahl ist die Brennweite von Bedeutung. Bei einem Objektiv mit 35 mm Brennweite entwickelt sich automatisch eine grössere Schärfentiefe, es ist also schwieriger, selbst bei einer Blende f2.8 eine schöne Unschärfe im Hintergrund zu haben. Bei einem 200er Objektiv hingegen entwickelt auch Blende f4 ein wunderschönes Bokeh. Zuletzt kommt es auf die Distanzen an.
Kleine Lichtflecken, wie sie im Geäst eines Baumes oder Waldes, überall vorkommen, bilden durch die Unschärfe kleine Kreise. Bei einer grossen Blendenöffnung (z.B. f2.8) werden die Zerstreukreise grösser und bei einer geringen Blendenöffnung (z.B. f22) sind sie nicht oder nur ganz klein sichtbar.







Unschärfe im Vordergrund
Als letztes Thema erzähle ich von der Unschärfe, die im Vordergrund liegt. Sie entsteht immer, wenn ein Objekt direkt vor der Linse liegt. Wenn ich zum Beispiel Blätter direkt vor die Linse halte, werden diese unscharf abgebildet.







Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil