In Mailand Architektur fotografieren
Mailand ist eine Stadt der Superlative, die für einen Kurzurlaub gut zu erreichen ist. Ich habe während vier Tagen Mailand fotografisch beschnuppert und mich auf das Thema Architektur fokussiert.
Ich führte einst eine fachliche Diskussion mit einem schweizweit bekannten Fotografen, der leider viel zu früh verstorben ist, über das Thema Architekturfotografie. Er meinte, er sehe dabei keinen künstlerischen Impact, in etwa so, wie wenn man im Museum einen Picasso fotografiere. Der Künstler sei im Fall von Architektur der Architekt, nicht der Fotograf. Ich war ganz und gar nicht seiner Meinung, für mich ist die fotografische Interpretation eines Bauwerks in seiner Umgebung und im Licht eine eigenständige künstlerische Leistung. Ich fotografiere auch Bäume oder Menschen, zu deren Erzeugung ich nichts beigetragen habe. Die Begeisterung am Fotografieren von Architektur hat auch mit Würdigung und Wertschätzung der äusseren Hülle und mit Formensprache zu tun. Als Fotograf streife ich den Formen, Strukturen, Linien und Farben an der Oberfläche entlang – würde gern noch tiefer in das «Seelenleben» von Gebäuden blicken und mehr über Sinn und Zweck erfahren.
Bei Architekturaufnahmen steht immer die Frage im Raum, ob die vertikale Perspektive begradigt werden soll. Mit Weitwinkelobjektiven entsteht ja immer eine verstärkte Verjüngung nach oben oder nach unten, je nachdem, wie man seine Kamera hält. Der perspektivische Verzug ist eine natürliche Erscheinung, auch mit blossem Auge verengen sich die Hochhäuser oben. Ich halte es so: Einen kleinen Verzug im Bild begradige ich in der Regel, wenn dadurch die natürliche Sicht nicht überstrapaziert wird. Manchmal wirkt eine Begradigung unnatürlich, sodass das «Oben» breiter wirkt als das «Unten». Sobald der Verzug in der Bildsprache dazugehört, lasse ich das Foto so, wie es ist.
Die Wahl der Kameraausrüstung
Wenn ich mit Begleitung reise, will ich nicht ausschliesslich fotografieren, sondern auch etwas sehen, riechen, schmecken oder erleben. Das Fotografieren ist nicht das eigentliche Ziel der Reise, die Ausrüstung ist aber mit dabei. So muss ich im Vorfeld einiges entscheiden, zum Beispiel, welche Objektive mit ins Gepäck kommen oder ob ich ein Stativ mitnehme oder auf die Neutraldichte-Filter verzichten will. Bequem soll es sein – ich will nicht unter einem schweren Fotorucksack erdrückt werden. Für meine Kamera Canon EOS R5 Mark II, habe ich die beiden Objektive RF 15–35 mm, f2.8 und das RF 27–70 mm, f2.8 mitgenommen. Und kein weiteres Zubehör. Die Wahl hat immer damit zu tun, was man unterwegs fotografieren möchte. Ein weiteres Objektiv, das ich für Porträts liebe, ist das RF 70–200, f2.8, aus Gewichtsgründen habe ichs zuhause gelassen. Gedanklich lasse ich vorab (fotografisch gesehen) die Menschen aussen vor. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass die vielen Touristen vor Ort durchaus das eine oder andere schöne Motiv hergegeben hätten. Selfies sind in einer Metropole wie Mailand allgegenwärtig, und die Protagonisten sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie mich als Fotografen nicht im Geringsten wahrnehmen.

Bei einem Städtetrip ist es für mich üblich geworden, dass ich mich auf ein Genre fokussiere, diesmal auf Strassenzüge, -szenen und Architektur. Das Weglassen von anderen fotografischen Begehrlichkeiten, zum Beispiel nachts zu fotografieren, hilft das Gepäck zu minimieren.
Dom und Galleria Vittorio Emanuele II
Mit dem Zug ab Wädenswil nach Zürich, von dort einen direkten Intercity nach Milano Centrale. Die Fahrt dauert etwa dreieinhalb Stunden. Wir reisen um die Mittagszeit ab, checken im Hotel ein und kommen noch in den Genuss einer ersten Abendstimmung in Mailand. Wir sind in Fussdistanz zum Dom einquartiert und wollen den Sonnenuntergang auf der Terrasse des Doms geniessen. Das Touristenaufkommen ist im März moderat und so bekommen wir am Ticketschalter unser Billet für happige 28 Euro pro Person. Auf dem Dach des Doms herrscht trotzdem ein gewisses Gedränge, und an personenlose Fotos ist fast nicht zu denken. Ausserdem wird am Mailänder Wahrzeichen fleissig renoviert, sodass viele Baugerüste die fotografische Sicht etwas einschränken. Trotzdem gelingen einige eindrückliche Shots auf den gotischen Bau aus dem 14. Jahrhundert.

Die filigranen Spitztürmchen mit all den Figuren, die Verzierungen – diese dominante Vertikale! Kaum ein anderes gotisches Bauwerk übt auf mich diese Faszination aus.





Vor allem in der goldenen Stunde reflektiert der rosa-weisse Candoglia-Marmor das warme Licht. Bei geschlossener Blende setze ich die Sonne zwischen die Mauern und fange einen Sonnenstern ein.

Mit dem 15-mm-Objektiv gelingen Aufnahmen in einer «anderen» Perspektive, indem ich von unten nach oben aus der Froschperspektive fotografiere.




Umgekehrt ist die Vogelperspektive ebenfalls reizvoll. Von oben sehen die Massen aus wie Ameisen. Ein Drahtgitter verhindert, dass etwas herunterfallen kann. Ich halte die Kamera ganz ans Gitter und fotografiere mit offener Blende 2f.8. Dann liegt das Gitter in der Unschärfe und ist fast nicht mehr zu erkennen.

Gleich neben dem Dom ist die berühmte Galleria Vittorio Emanuele II mit der eindrücklichen Stahl-Glaskuppel zieht Tausende in ihren Bann. Hier ist an Modeshops alles vertreten, was Rang und Namen hat.





Zeitgenössische Architektur
Heute machen wir uns auf, Mailands sehenswerte Architektur zu entdecken. Wir fahren von unserem Hotel zum Palazzo Lombardia, ein paar Blocks vom Bahnof Centrale entfernt. Mir hat es die rchitektur hier besonders angetan. Symmetrisch schwingt sich die kakaofrucht-ähnliche Kuppel hoch über unsere Köpfe. Dadurch ist der Platz vor Nässe geschützt.




Ein paar Fussminuten weiter gelangen wir im Quartier Porta Nuova zu den beiden Türmen, die als Bocso Verticale berühmt wurden. Der Architekt Stefano Boeri hat die 80 und 112 Meter hohen Wohnhäuser begrünt und ein Zeichen gesetzt, wie man städtebaulich der sommerlichen Hitze entgegenwirken kann. Auf 400 Terrassen wachsen 800 Bäume und 4500 Sträucher. In Rotkreuz kann man übrigens im kleineren Format einen ähnlichen Bau erkennen.




Die beiden Türme Bosco Verticale stehen am Rand eines Parks, der von geometrisch angelegten Wegen gesäumt wird, die den Park in einzelne Themenfelder gliedern. Im März ist es allerdings noch nicht ganz so weit mit der Blumenpracht. Wir sind in der Nähe des Quartiers um den UniCredit-Tower, dem höchsten Gebäude Italiens.


Ein Hochhaus reiht sich ans andere, und alle stehen für Eigenständigkeit. Im Vergleich dazu ist die Europaallee in Zürich eine an Formensprache armen Klötzliarchitektur. Der Torre UniCredit ist mit 231 Metern das höchste Gebäude Italiens. Er umrahmt mit anderen Gebäuden einen künstlich angelegten runden Teich, der vor allem abends sehr reizvoll wirkt.











Der Aufgang von der Tiefgarage auf die Shoppingebene wird goldenen Skulptur dominiert, die unverkennbar etwas mit Musik zu tun hat.




Einer meiner Architektur-Hotspots in Mailand heisst CityLife Shopping District. Er besteht aus einem Einkaufszentrum, den Tre Torri (drei Türme), einem Kongresszentrum und einer Wohnsiedlung von der verstorbenen Architektin Zaha Hadid. Alles nah beisammen und zu Fuss bequem erreichbar. Mit etwas Abstand kann ich die drei Türme halbwegs gerade ausgerichtet fotografieren. Der linke Turm im Bild ist der Torre Generali. Er wird gerade baulich aufgestockt. 177 Meter hoch, 43 Stockwerke, erbaut 2014–2017 von Zaha Hadid Architects. Der Turm schraubt sich in die Höhe und seine Linien mir ins Gedächtnis: Wow. Der mittlere Turm ist der PWC-Tower, 175 Meter hoch, von Daniel Libeskind 2015–2020 erbaut. Er wird liebevoll der Krumme genannt. Der dritte im Bund heisst Torre Allianz, 209 Meter hoch mit 50 Etagen. Das Geschäftshaus wurde von Arata Isozaki entworfen und hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Matratze.

Ich komme nicht darum herum, die Architektur zu bestaunen. Alle drei Türme haben auf ihre Weise eine eigene Formensprache und stehen dennoch durch ihre Lage eng beisammen. Sie sind für mich die unbestrittenen Stars in der Manege.
Ich habe auch noch etwas Wetterglück, denn blauer oder bewölkter Himmel sind für gute Aufnahmen natürlich vorteilhaft. Ich fotografiere mit meinem Objektiv Canon RF 15–35 mm, wobei eher mit 15 als mit 35 mm. Die Perspektive senkrecht von unten nach oben lässt eine besondere Dynamik zu. Aus dieser Sicht ist an eine Begradigung der senkrechten Linien nicht zu denken. Licht und Schatten, aber auch Spiegelungen sind überall sichtbar.
Alle drei Türme gleichzeitig im Bild zu haben, ist mit dem 15er nicht ideal. Das nächste Mal werde ich mein RF 10–20 mm dabeihaben! Mitten auf dem Platz steht ein grosser Wegweiser, den ich gut ins Bild einbauen kann.

In der Nachbearbeitung in Lightroom/Photoshop kreiere ich eine Blau-Entsättigung, helle die Gebäude etwas auf und dunkle den Hintergrund zu. Die bewirkt eine fasst surreale Härte im Bild. Die Sonne wurde leider von einem milchigen Wolkenschleier verdeckt, so dass sich keine Sonnensterne produzieren liessen.




Der krumme PWC-Tower ist ein Phänomen. Er steht so krumm wie eine Banane und man kommt ob der Statik ins Grübeln. Je nach Perspektive und Weitwinkel-Verzug verstärkt sich der Eindruck, so etwas könne doch gar nicht stehen, geschweige denn halten.








Am verdrehten Generali-Tower von Zaha Hadid wird gerade oben gebaut, deswegen ist untenherum die Baustelle nicht frei zugänglich. Das Design des Turms ist atemberaubend, dass sich fast jede Perspektive lohnt.

Man sollte nie vergessen, dass gerade die Architektur tolle Möglichkeiten für Schwarz-Weiss-Umsetzungen bietet. Ich bevorzuge die Umsetzung in der Nachbearbeitung in Lightroom/Photoshop und fotografiere nie schwarz-weiss mit der Kamera. Dies deshalb, weil in der Nachbearbeitung die einzelnen Farbtöne gezielt angesteuert und in Graustufen umgewandelt werden können. Masken erlauben ebenfalls viel mehr Möglichkeiten, als dies eine Kameraeinstellung direkt leisten kann.


Nun zur Matratze: Hier hat der Architekt Isozaki acht Module aufeinandergestapelt, das dritte Modul wird von zwei grünen runden Trägern gestützt. Auch hier wirken fast alle Perspektiven von unten. Und auch hier darf in der Nachbearbeitung noch etwas an Dramatik hinzugefügt werden.





Wer es mag, findet hier an allen Ecken Motive, die sich für Streetart eignen:



Gleich neben dem Einkaufszentrum CityLife liegt das Allianz MiCo, das Milano Convention Centre. Es wurde von Mario Bellini Archtitects entworfen und 2011 fertiggestellt. Das lamellenartige Dach wurde angeblich einem Kometen nachempfunden – ich persönlich sehe eher eine Schildkröte oder ein zerknülltes Papier. Wie auch immer, grossartig anzusehen ist es allemal.

Ein paar Schritte in der Nachbarschaft weiter steht eine weisse Wohnsiedlung, sie zieht meinen Blick magisch an. Die Häuser sind mit einem stabilen Stahlzaun eingehegt, der Zutritt oder auch das Fotografieren wird durch einiges Sicherheitspersonal verhindert. Leider ist deshalb auch der optimale Kamerastandort nicht möglich, immerhin bekommt man auch von ausserhalb einen bleibenden Eindruck.
Es ist eine Siedlung die ebenfalls Zaha Hadid entworfen hat. Sie erinnern in ihrer Formsprache an mehrstöckige Schiffe. Die horizontale Stockwerkbetonung wird durch schräge Holzverkleidungen und Fensterfronten dynamisiert. Auskragende Balkone und spitz zulaufende Ecken sind jedem Haus zu eigen. Von aussen ist jede Wohneinheit anders gestaltet und doch bildet das Ganze eine harmonische Einheit.



Mailand ist mehr als eine Reise wert. In unseren drei Tagen kann man längst nicht alles fotografieren, was sehenswert ist. So gibt’s das Mailand des Shoppings, der Kunst, das historische-römische Mailand, all die Kirchen und Basiliken, Michelangelos Abendmahl, die Pärke und Porti, das San-Siro-Stadion und vieles mehr. Stellvertretend zeige ich euch noch ein paar Fotos von Navigli Grande bei/nach Sonnenuntergang.








Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshop durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil