Faszinierende Wasserfälle – so gehts
Wasserfälle sind fotografische Hotspots. Im Wasserschloss Schweiz gibt’s Tausende.
Wasserfall auswählen
Eigentlich gibt’s fast keine Gemeinde in der Schweiz, die nicht mit einem Wasserfall aufwarten kann. Wer googelt: «Wasserfälle im Kanton Zug» bekommt alle Wasserfälle in Text und Bild präsentiert. Ein paar Klicks weiter gelangst du zum Fall deiner Wahl, mit Standort, Zugang, ÖV und Parkplatz.
Welche Wasserfälle sind am fotogensten? Es sind jene, die überraschende Sichtweisen und Möglichkeiten bieten. Eine imposante Grösse, Fallhöhe oder Wassermenge kann das Foto natürlich entscheidend beeinflussen, gleich wichtig ist jedoch die Zugänglichkeit. Wenn ich mit Gummistiefeln ins abfliessende Wasser steigen kann, um die richtige Kameraposition zu erlangen, ist das vorteilhafter, als wenn ich vom Weg her oder von einem fixen Aussichtspunkt fotografieren muss. Oder wenn der Zugang nur mit einer extremen körperlichen Anstrengung möglich ist. Oder der Wasserfall fast unerreichbar weit weg ist. An Wasserfällen ist nicht allein ihre Wassermenge interessant, vielmehr ist es ihre Lage in der Umgebung. Ob das Wasser vor blauem Himmel heruntertost oder in einer schmalen grünen Schlucht, ob er sich verästelt präsentiert oder in einem dicken Stahl, all dies macht die Faszination Wasserfall aus.







Der ideale Wasserfall ist für mich also der, an den ich mich jederzeit gefahrlos und ungestört begeben kann, um zu fotografieren. Wasserfälle gibt’s in der Schweiz genug, nicht alle sind jedoch leicht zugänglich. Als Fotograf möchte ich lieber fotografieren und weniger bergsteigen/wandern/kraxeln, um zu fotografieren. Oft sind dies gerade die kleineren und versteckten Orte, die unberührten grünen Oasen gleichen und die Poesie ausströmen. Das enge Tobel, die grün vermoosten Steine im Bachbett oder die umliegenden Bäume sind für die Umgebung in der Bildgestaltung wichtig.
Ich rekognosziere versteckte und kleinere Wasserfälle ohne Kamera, um die Situation vor Ort kennenzulernen. Führt ein Weg hin? Ist die Umgebung feucht und rutschig? Um welche Zeit und in welchem Winkel scheint die Sonne auf die Szenerie? Ist der abfliessende Bach überquerbar? Welche Ausrüstung wie Objektive, Regenkleidung, Stativ brauche ich? Führt der Wasserfall genügend Wasser?
Ich beschreibe hier vor allem «richtige» Wasserfälle wo Wasser freifliegend herunterstürzt. Das Fotografieren kann auch auf Wasserläufe in Bächen umgesetzt werden, wo es kaskadenartige über Steine herunterfliesst.
Die ideale Jahreszeit gibt es nicht. Im Frühling kontrastieren das hellgrüne Laub und die erblühende Vegetation mit dem Gestein. Im Sommer ist vielleicht die Lichtsituation besser. Generell ist es besser, kurz nach einer Niederschlagszeit hinzugehen, dann führen die Bäche mehr Wasser.
Die Sicherheit geniesst bei mir hohe Priorität. Da ich allein unterwegs bin, trage ich das Handy generell auf dem Körper, in der Hose oder in der Jacke und niemals im Fotorucksack. Ich stecke in festen wasserdichten Wanderschuhen und habe Ersatzkleidung bei mir, falls ich nass werde. Am Wasser bewege ich mich langsam oder ich fotografiere – niemals beides zusammen. Das ausgefahrene Stativ benütze ich zuweilen als Gleichgewichtshilfe im Untergrund oder Bachbett. Ich erkunde den Fall zuerst ohne Material, dann deponiere ich den Fotorucksack an einer geschützten Stelle in der Nähe, die nicht nass ist. Zum Fotografieren montiere ich die Kamera auf das Stativ und nehme nur das Notwendigste mit, zum Beispiel Reinigungstücher, um die Spritzer vom Objektiv zu wischen. Bei Bächen sind auch Gummistiefel angezeigt. Damit kann ich die Bäche problemlos durchwaten und das Stativ mitten im Wasser aufstellen, um die optimale Position zu erreichen.

Kameraposition
Wasserfälle fallen immer vor einem steilen (Fels-)Grund, der fast nie in die Unschärfe gelegt werden kann. So fotografiere ich Wasserfälle entweder frontal von vorn oder leicht seitlich. Aus meiner Sicht fast die bessere Perspektive bietet sich, wenn ich ganz an den Felsen gelangen und den Fall von der Seite her erwischen kann. Meistens ist es in diesem Milieu sehr rutschig, nass und gefährlich.


Fliessendes Wasser fotografieren
Die Bewegung des Wassers fotografierst du mit einer angepassten Belichtungszeit. Am besten stellst du den Kameramodus auf T (Tv). Das ist die Automatik, bei der die Zeit vorgewählt wird und sich im Belichtungsdreieck die Blende und/oder die ISO-Zahl anpassen. Ich selbst fotografiere auch gern im Modus M (manuell), in dem ich alle Parameter manuell einstelle. Denn die gewählte Blende sorgt bekanntlich für Schärfentiefe. Wenn ich nah (fünf bis zehn Meter) am Wasserfall dran bin, sorgt eine offene Blende von beispielsweise f2.8 für Unschärfen im Vorder- oder Hintergrund. Blende f8 oder kleiner sorgt für Schärfe von vorn bis hinten. Wenn ich jedoch den Wasserfall von Ferne fotografiere, reicht eine Blende f2.8 für ausreichende Schärfentiefe. Ich investiere dann lieber in die Belichtungszeit oder eine tiefere ISO.
Wasserfluss verwischen
Je nach Fallhöhe, Wassermenge, Untergrund und Lichteinfall muss ich eine andere Belichtungszeit wählen, um das Wasser verwischt darzustellen. Stell dir die Frage, ob du das spritzende Wasser in jedem Detail abbilden möchtest oder ob es verwischt dargestellt werden soll. Im ersten Fall arbeitest du mit einer kurzen Belichtungszeit (1/500 bis 1/2000 Sek.). Im andern Fall musst du mit ein paar Versuchen der Belichtungszeit den Wasserfluss verwischen. Ab etwa 1/30 Sek. wird der Wasserfluss sichtbar, bei 2 Sek. sind nur noch weisse Streifen sichtbar. Bei 1/8 Sekunde haben wir eine Zwischenlösung, da sind einzelne Wasserstreifen sichtbar. Aber Achtung: Bei solchen Belichtungszeiten ist eine ruhige Hand und noch besser ein Bildstabilisator nötig, um Verwackelungen zu vermeiden. Eine längere Belichtungszeit bringt keine besseren Resultate. In diesem Bereich wird sich die Belichtungszeit abspielen. Nun ist es aber je nach Helligkeit der Szene schwierig im Tageslicht eine Belichtungszeit von 2 Sekunden zu erreichen. Ich nehme deshalb immer einen leichten Graufilter mit, der Licht wegnimmt und eine grössere Flexibilität in der Belichtungszeit ermöglicht. Dazu gehören selbstverständlich ein normales Dreibeinstativ, welches ich ins Wasser stellen kann.

Bildgestaltung
Das fliessende Wasser kommt richtig zur Geltung, wenn im Bild knackescharfe Elemente sichtbar sind, die dazu kontrastieren. Bewegtes Wasser, welches über bemooste Steine spritzt: perfekt. Manchmal ist die Zugänglichkeit unter den Wasserfall schwierig. Seitlich nass und glitschig und vorn tiefere Tümpel. Aber von unten durch den Fall hindurchzufotografieren, ist auch ganz speziell. Ich bin auch Fan der seitlichen Ansicht, wo der Schwung des Falls sehr gut zur Geltung kommt. In der Nähe des Falls ist es sehr feucht und die Luft voller Wassertröpfchen, die sich an der Kamera und am Objektiv niederschlagen. Nur in diese Nasszone gehen, wenn du über eine spritzwasserfeste Kamera verfügst!
Ich fotografier gerne in dieser Landschaftsumgebung auch Details wie moosbewachsene Steine, Farne oder Bärlauchblüten.


Das Umgebungsgelände
Kleine Wasserfälle sind in allen Seitentälern oder bewaldeten Schluchten anzutreffen. Die Platzverhältnisse sind dabei eher eng, links und rechts geht’s steil hoch. Gestalterisch gesehen haben wir den Wasserfall in der Vertikalen, der in einem landschaftlichen V eingebettet ist. Felsbrocken oder der Wasserlauf bilden weitere Akzente.




Detailansichten
Wasserfälle bestehen aus dynamischem, farblosem Wasser und statischem, farbigem Grund. Die beiden Protagonisten kann ich in Szene setzen, um den Blick der Betrachter auf Details zu richten.




Lichtführung
Das Wasser bekanntlich senkrecht nach unten stürzt, ist der Sonnenstand am Himmel oben für das Foto wichtig. Einfacher für die Belichtung, wenn das Wasserfall selbst im Schatten liegt. Dann ist der Helligkeitskontrast vom weissen Wasser zum dunklen Hintergrund nicht so gross. Wenn das Wasser in der prallen Sonne liegt, muss ich das Foto unterbelichten, sonst werden die hellsten Stellen des Wassers weiss ausgefressen. Nett sich auch Lichtsprengsel, die einzelne Lichtinseln erzeugen. Wenn die Sonne oben durch das Geäst scheint, sind sogar Sonnensterne möglich.

Objektiv
Das Objektiv hängt von der Distanz zum Wasserfall ab. Wenn sie huntert oder mehr Meter beträgt, reicht ein Normalobjektiv oder sogar ein Tele. Wenn ich bei einem kleinen Zehn-Meter-Fall in der Gemeinde fotografiere, bevorzuge ich das Weitwinkelzoom 15–35 mm. Wenn man ein Weitwinkel nach oben neigt, ergibt sich ein starker Verzug in der Perspektive. Das bedeutet, dass zum Beispiel Bäume am linken und rechten Rand oben nach der Bildmitte kippen.
Kreativ fotografieren
Bei langen Belichtungszeiten von etwa 1 Sek. gelingen mit bewegter Kamera kreative Fotos.

Nachbearbeitung
Zu guter Letzt folgt die Nachbearbeitung zuhause am Computer. Gute Naturbilder in einer hohen Kontrastumgebung sind ohne Nachbearbeitung fast nicht zu haben. Ein Vorher-Nachher-Beispiel, um aufzuzeigen, was die Nachbearbeitung zusätzlich an Bildqualität leistet.
Als erstes helle ich den Wasservorhang mit einer Pinselmaske leicht auf. Das Wasser hat oft durch das einfallende Licht einen Grünstich. Ich regle den Farbton des Wassers etwas mehr Richtung Blau. Damit wirkt das Wasser frisch und rein.
Die Farbgebung von Naturaufnahmen ist geprägt von Natürlichkeit oder gewissen Vorlieben wie die Entsättigung oder ein bestimmter Farbstich, der mit verschiedenen Techniken erreicht werden kann.

Die Lichtführung vermag wie beim Bühnentheater das Auge aufs Motiv zu lenken. Die Vignettierung ist fotografisch so eine Art Lichtspotsetzung.

Schwarz-Weiss-Umsetzungen oder entsättigte Fotos sind ebenfalls ins Auge zu fassen.





Der Mühlibach-Wasserfall von Finstersee
In der Umgebung meines Wohnortes Wädenswil liegt am Fuss des Gottschalkenbergs das kleine Dorf Finstersee. Auf der Strasse Richtung Gottschalkenberg deutet linkerhand ein Holzschild mit der Aufschrift «Wasserfall» steil hinunter. Ich folge dem Weglein und bin in wenigen Minuten im Tobel des Mühlibachs. Von weiten schon macht sich der Wasserfall geräuschvoll bemerkbar. Über ein Holzbrücklein, dann öffnet sich der Blick hinauf zum Fall. Er stürzt sich mit mässig Wasser etwa zehn Meter über eine Felsklippe in eine malerische Kulisse von moosgrünen und runden Steinblöcken. Der Bach schlängelt sich plätschernd durchs schattige Tobel hinunter in die Sihl. Eine verlassene Feuerstelle mit leerem Holzständer, ein Pickel und eine Axt, sonst ist hier kein Lebenszeichen auszumachen. Ich ziehe meine Gummistiefel über und steche vorsichtig ins Wasser. Ich setze die Kaskaden des Baches in den Vordergrund, wo das Wasser schäumend in meine Richtung fliesset. Damit erreiche ich Bewegungsdynamik. Im Hochformat gelingen eher Aufnahmen, die den Wasserfall herausarbeiten, ohne viel ablenkendes Umfeld. Da der Wasserfall nicht so mächtig ist, kann ich den Bach gefahrlos betreten. Nach rund zwei Stunden habe ich die Szene erschöpfend fotografiert, packe meine Sachen zusammen und verlasse den magischen Ort.






