Libellen fotografieren
Libellen sind geheimnisvolle Flugkünstler, die an stillen Gewässern überall zu finden sind. Mit diesen Tipps gelingen die Fotos.

Empfohlene Ausrüstung
Libellen sind nicht extrem scheu, man kann sich ihnen bis auf einen Meter nähern, ohne dass sie die Flucht ergreifen. Wegen ihrer Kleinheit muss man aber schon ein Tele mitbringen, vielleicht von 150 mm bis hin zu 500 mm. Ich persönlich bin mit dem Canon RF 100–500 mm, f 4.5-7.1, unterwegs. Zusammen mit meiner Canon EOS R5 Mark II, wiegt das System 2,3 Kilo, das ich über längere Zeit stillhalten muss.
Je grösser der Sensor, desto mehr kann man den Ausschnitt wählen, ohne an Schärfe zu verlieren. Ein Vollformatsensor mit 45 Megapixel ist also besser als ein 1-Zoll-Sensor, er kann einfach mehr Bildpunkte aufzeichnen, aus denen sich Schärfe ergibt. Moderne Kameras verfügen über Assistenzsysteme, die hier zum Tragen kommen: Autofokus mit Tier- und Augenerkennung, Serienbildfunktion, schneller Autofokus, Vorauslösung, hohe ISO-Werte bei niedrigem Rauschverhalten und andere. Je mehr Qualität die Kamera hat, desto grösser sind die Chancen, auch bei schwierigen Bedingungen gute Fotos zu machen. Schwierige Bedingungen heisst: Das Licht ist schwach, die Insekten fliegen, die Schärfentiefe ist bei offener Blende äusserst gering, oder man kann zwischen den Grashalmen hindurch nur schwerlich fokussieren. Wer eine günstige Kamera mit weniger Funktionalität oder eine schon ältere besitzt, kann vielleicht «nur» Libellen fotografieren, die statisch auf einem Grashalm sitzen, aber keine fliegenden.
Ein Stativ kann bei Libellen, die statisch sind, vorteilhaft sein. Wenn es windet ober bei fliegenden Libellen ist ein Stativ hinderlich. Zur persönlichen Ausrüstung gehören Trekkingschuhe, mit denen man auch mal ins Wasser gehen kann.
Lebensraum
Libellen leben die meiste Zeit als Larven im Wasser. Nach dem Verpuppen entwickeln sie vier Flügel, mit denen sie sehr flink unterwegs sind. Sie zeigen sich standorttreu und fliegen sozusagen ein Revier ab, wo sie Jagd auf Fressbares machen. Um Libellen zu finden, sollte man Seen, Weiher, Tümpel, Moore oder kleine Bachläufe aufsuchen. Es gibt 76 einheimischen Arten, häufig vorkommende und solche, die selten sind. Man unterscheidet Grosslibellen und Kleinlibellen, wer sich weiter interessiert, findet im Internet genügend Informationen, um weiterzukommen. Vielleicht noch dies: Libellen brauchen Sonne, um sich am Morgen flugtauglich aufzuwärmen, das heisst, sie sind bei uns in der Umgebung an sonnigen Standorten mit üppiger Ufervegetation anzutreffen.
Herangehensweise
Ich mache mich also im Internet schlau und suche (gerne mit dem Velo) einen bestimmten Standort auf. Libellen fallen durch die Flugbewegungen sofort auf. Wenn ich sie eine Weile beobachte, sehe ich, dass sie immer wieder die gleichen Äste, Zeige oder Blätter aufsuchen, die Flügel zusammenlegen und nach einer Weile wieder starten. Ich lasse mich dann ruhig in aussichtsreicher Position davor nieder und brauche einfach zu warten, bis die Libelle wieder da landet. Wie überall in der Tierfotografie sind ruhige Bewegungen angezeigt. Die Kleidung spielt keine so grosse Rolle, man muss sich also nicht in die Tarnausrüstung werfen. Die Kamera wird durch den Sucher, nicht übers Display bedient, im Display ist die Fokussierung wegen der Reflexe schlecht möglich. Zudem hält kein Mensch so eine 2-Kilo-Kamera minutenlang schussbereit. Und dass die richtigen Einstellungen an der Kamera und am Objektiv nicht erst kurz vor dem Auslösen eingestellt werden, versteht sich von selbst.
Verhalten der Libellen
Am einfachsten machst du es dir, wenn du dich frühmorgens auf die Pirsch machst. Dann sind Libellen noch starr und hängen fluchtunfähig an einem Grasstengel. Sobald sie sich in der Sonne aufgewärmt haben, reissen sie aus, wenn man sich nähert. Wenn sie auf einem Ast sitzen, legen sie die Flügel zusammen, ab und zu pumpen sie und spreizen die vier Flügel. Das hat seinen besonderen Reiz.



Der Hinterleib besteht aus mehreren Gliedern, er kann also gerade oder gebogen fotografiert sein. Wer den Verpuppungsvorgang erwischt, hat besonderes Glück. Das Paarungsverhalten kann man immer wieder beobachten, wenn das Männchen das Weibchen «am Genick packt».



Ich hatte einmal Glück und durfte Zeuge eines Futterraubes werden. Das habe ich beim Fotografieren nicht bemerkt. Erst nach der Bildentwicklung am Computer ist mir dieses Verhalten aufgefallen. Eine Libelle hat sich mit der Beute im Maul auf einem Blatt niedergelassen. Da fliegt eine andere Libelle von oben heran und stösst auf die sitzende hinab. Ich halte den Finger auf dem Auslöser und fotografiere mit 30 Bildern pro Sekunde die Szene durch. Diese lässt sich das nicht gefallen und fliegt davon. Innerhalb von ein paar Zehntelsekunden, es geht so schnell.


Bildgestaltung
Bildgestaltung heisst, bewusst die Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Linienführung der Gräser, Äste oder Blätter deuten in eine bestimmte Richtung im Format. Die Ausrichtung des Insekts von links nach rechts, von oben nach unten oder von hinten nach vorn. Kontrast entsteht, wenn die Libelle im Licht, der Hintergrund im Dunkeln liegt. Eine Silhouette gibt es umgekehrt, wenn die Libelle im Schatten sitzt, der Hintergrund aber im Licht steht.
Eine erste Schwierigkeit, die es zu überwinden gilt, ist die Freistellung des Insektes vor dem Hintergrund. Wenn die Libelle scharf abgebildet ist und der Hintergrund schön im Bokeh verschwimmt, hat man eigentlich immer ein schönes Bild. In «sitzender» Position halten Libellen ihre Flügel oft geschlossen. Am besten erwischt man sie exakt in einem 90-Grad-Winkel. So wird die ganze Libelle scharf abgebildet. Steht man in einem schrägen Aufnahmewinkel, drohen Teile des Insekts in der Unschärfe zu verschwimmen. Und bei Libellen gilt wie bei anderen Tieren: man will sie von vorn sehen, nicht von hinten.


Bokeh im Hintergrund kann nur entstehen, wenn eine bestimmte Distanz zwischen der Libelle und dem Hintergrund besteht. Dazu hilft, wenn die Blende geöffnet ist. Wenn das Insekt in einem Gebüsch oder in Grashalmen sitzt, wird der Hintergrund wie im nächsten Bild stören. Der halbscharfe Hintergrund lässt das Motiv «verschwinden», es ist weniger deutlich wahrnehmbar.

Wenn ich am See- oder Bachufer sitze, achte ich auf eine Position, bei welcher ein Bokeh entstehen kann. Wer Libellen auf der Wasseroberfläche oder auf dem Grund findet, muss sie von oben nach unten fotografieren, Der Hintergrund wird somit immer scharf abgebildet.


Die Bildgestaltung geschieht nicht einfach so. Als Fotograf bin ich darauf aus, mit den Linien, den Farben, dem Licht und dem Kontrast eine bestimmte gestalterische Komposition zu erreichen.




Eine weitere Möglichkeit besteht darin die Insekten direkt von oben vor dem Wasser zu fotografieren. Dann übernimmt die Wasseroberfläche die Aufgabe der Unschärfe im Hintergrund.

Wer in einem Bach keine nassen Füsse scheut, kann seine Position beliebig ändern, um perfekte Fotos zu erhalten. Ich war hier mit Badehose und Trekkingschuhen mitten in der Lorze, um diese Aufnahmen mit der Kamera direkt über der Wasserlinie zu machen. So spiegeln sich die Libellen.

Schärfentiefe und Bokeh
Die Schärfe des Motivs wird durch Objektiv, Blende, Verschlusszeit, Autofokus-Modus, Bildstabilisator, Bewegung des Motivs und Verwackelung bestimmt. Die Schärfentiefe ist der Teil der Abbildung, der scharf abgebildet wird. Im Wesentlichen sind dafür das Objektiv selbst, also die Brennweite, und die Blende zuständig. Ein Weitwinkelobjektiv schafft es, bei geschlossener Blende praktisch alles von vorn bis hinten scharf abzulichten. Ganz anders ist es bei einem Teleobjektiv. Hier liegt die Schärfe entweder im Vorder-, im Mittel- oder im Hintergrund. Ein Teleobjektiv hat eine sehr viel kleiner Schärfezone als ein Weitwinkelobjektiv. Je geschlossener die Blende ist, desto mehr räumliche Tiefe wird scharf erfasst. Ein Lesebeispiel: Ein 200er-Teleobjektiv mit einer Blende von f 8 kann bei einem Motivabstand von zwei Meter eine Zone von vier Zentimeter scharf abbilden. Wenn die Blende auf f 16 geschlossen wird, beträgt diese Zone zwölf Zentimeter. Wenn die Libelle etwa acht Zentimeter lang ist, ist es vorteilhafter, man fotografiert mit Blende f 16. Da wir die Flugkünstler aus Distanz fotografieren, brauchen wir zwingend ein Teleobjektiv und müssen uns mit einer bescheidenen Schärfentiefe abfinden.
Es sei denn, man möchte gezielt Unschärfe beim Motiv in Kauf nehmen. Die folgende Grafik zeigt, wie die Optik und die Blende zusammenwirken.

Die Blende reguliert also die Schärfentiefe mit. Wer Libellen von vorn bis hinten scharf abgebildet haben möchte, sollte Blenden von f 16 und kleiner ins Auge fassen. Eine geschlossene Blende erzeugt wiederum ein weniger schönes Bokeh, zudem muss man entweder bei der Verschlusszeit oder bei der ISO-Zahl Kompromisse eingehen. Eine grosse Schärfentiefe bedeutet unter Umständen ein grösseres Bildrauschen oder bei fliegenden Libellen mehr Bewegungsunschärfe.
Die Libellenfotografie verdeutlicht die Zusammenhänge des fotografischen Dreiecks Blende/Zeit/ISO. Es wird einem deutlich vor Augen geführt, dass das Regeln einer Stellschraube automatisch zu Veränderungen der anderen beiden Schrauben führt.


Verschlusszeit
Es gibt grundsätzlich die Aufnahmetypen «sitzendes Insekt» und «fliegendes Insekt». Wenn die Libelle sich nicht bewegt, kann man mit 1/250 Sekunde, 400 ISO und geschlossener Blende arbeiten. Kein Problem also. Es gelten ungefähr die gleichen Regeln wie bei der statischen Makrofotografie mit dem fotografischen Dreieck, Zeit, Blende, ISO. Die Verschlusszeit wähle ich anhand der Brennweite und dem Bildstabilisator so kurz wie nötig. Wenn 1/250 Sek. reicht, um das Bild nicht zu verwackeln, ist es Nicht nötig 1/2000 Sek. einzustellen. Lieber 1/250 Sek. und mit der ISO-Zahl oder der Blende Bildqualität herausholen. Ich stelle ausserdem den Verschluss auf lautlos und fotografiere mit elektronischem Verschluss.
Wenn die Dinger fliegen, wird’s hochgradig schwierig. Wer die Flügel verschwommen dargestellt haben möchte, dem empfehlen sich Verschlusszeiten von 1/320 bis 1/2000 Sek. Aus meiner Erfahrung ist 1/8000 Sek. die richtige Verschlusszeit eingestellt, wenn du die schwingenden Flügel scharf haben möchtest. Wenn du wegen einer grossen Schärfentiefe noch f 16 brauchst, so bleibt dir nichts anderes übrig, als mit hoher ISO-Zahl zu fotografieren: 10000 oder 12800. Was dies für die Bildschärfe bedeutet, soll jeder selbst anhand seiner eigenen Ausrüstung und Erfahrung beurteilen.









ISO und Rauschverhalten
Mit dem ISO-Wert wird die Lichtempfindlichkeit des Sensors «gepusht». Es gilt: je weniger Licht, desto höher muss die ISO-Zahl eingestellt werden. Weniger Licht bedeutet nicht nur das bestehende Licht der Szene, du nimmst ja auch Licht weg, indem du kürzer belichtest oder die Blende schliesst. Das Bildrauschen entsteht, wenn aufgrund des schwachen Signals auf dem Sensor, die Lichtintensität in der Kamera hochgeschraubt wird, so in der Art Lichtverstärker. Es zeigt sich als Griessigkeit, Schwammigkeit und ist vergleichbar mit dem Fotokorn der analogen Fotografie. Ältere Kameramodelle konnten mit Bildrauschen weniger gut umgehen als dies neue Modelle können. Heute kann ich mit 10000 ISO hervorragende Bilder schiessen, auf denen fast kein Rauschen mehr erkennbar ist. Das Bildrauschen hat auch zu tun mit dem Ausgabemedium. Auf einem Handy ist Bildrauschen kein Thema, es wird dort wegen des kleinen Displays herausgerechnet. So hängt Bildrauschen auch mit der Bildgrösse und mit der Auflösung des Mediums zusammen. In Adobe Lightroom oder in Photoshop kann das Bildrauschen sogar mit künstlicher Intelligenz herausgefiltert werden. In der Praxis ist es so, dass ich lieber mit 10000 ISO arbeite, dafür 1/8000 Sek. einstellen kann, um die Geschwindigkeit der Libellenflügen einzufrieren.
Fliegende Libellen fotografieren
Es nur mit viel Glück möglich, fliegende Libellen im freien Flug zu erwischen. Es hat damit zu tun, dass man sie einfach nicht im Flug durch den Sucher verfolgen kann. Die Kamera hat aber eine technische Lösung parat: die Vorauslösung. Der Begriff ist auch als Pre-Release Capture oder Pre-Continuous Shooting bekannt. Dazu halte ich den Auslöser der Canon EOS R5 Mark II halb gedrückt. Sie zeichnet 30 Bilder pro Sekunde in den Zwischenspeicher, ohne ein Foto auf die Karte zu schreiben. Erst wenn ich den Auslöser ganz durchdrücke, werden rückwärts gerechnet 15 Bilder aus dem Puffer auf die Karte geschrieben. Bei einer Bildrate von 30 Bilder/Sek. entspricht dies einer halben Sekunde Vorlaufzeit. So drücke ich den Auslöser durch, wenn die Libelle längst aus dem Sucher verschwunden ist, und die Kamera hält alle Bilder eine halbe Sekunde vorher fest. Das funktioniert gut beim Anflug oder beim Abflug.

Zuschneiden (Croppen)
Ich empfehle, die fliegende Libelle nicht so nah als möglich aufzunehmen. Sie ist so schnell, dass zwei Flügelschläge benötigen, um aus dem Suchfeld zu verschwinden. Wenn du die Libelle etwas kleiner im Sucher behältst, kannst du mehr Flügelschläge einfangen. Das Bild wirst du im Nachhinein noch zuschneiden können. Bei einer Vollformatkamera hast du mehr Reserve, um Bilder zuzuschneiden als dies mit einem Sensor der APS-C-Klasse oder gar Four-Third möglich ist.
Nachbearbeitung
Ich nutze heute alle Möglichkeiten, meine Fotos in Lightroom/Photoshop zu perfektionieren. Dies betrifft alle Entwicklungsvorgänge wie Schärfe/Unschärfe, Farbgebung, Helligkeit, Sättigung, Bildrauschen. Wenn unliebsame Elemente mit im Bild sind, so eliminiere ich sie mit der künstlichen Intelligenz.
