Licht im Dunkel der Sonnenfinsternis

Vorbereitung

In meinem fotografischen Freundeskreis war die Vorfreude auf die Sonnenfinsternis, die hier 90% Abdeckung versprach und seit 27 Jahren wieder einmal zu sehen war, relativ verhalten. Ich wollte mir das seltene Ereignis auf keinen Fall entgehen lassen und machte mich im Internet «schlau». Wo viel Unsinn verbreitet wird, ist auch KI ratlos, so meine Erfahrung: Nein, der Sensor geht nicht kaputt, wenn man mit einer spiegellosen Kamera direkt die Sonne fotografiert. Nein, die Augen werden auch nicht beschädigt. Und nein, es braucht nicht unbedingt einen Graufilter. Die papierne Sonnenfinsternisbrille war mit dabei. Man kann gut eine Brille auf fünf Personen aufteilen, denn ein kurzer Blick auf die Sonne genügt allen, niemand schaut sich das Spektakel minutenlang durch die Brille an.

Aus den Medien wusste ich, dass die Sonne etwa gleich gross abgebildet wird wie die Sonne. Als gelegentlicher Mondfotograf wusste ich somit, welche Brennweite in Frage kam. Normalerweise greife ich dafür zum meinen Canon RF 100–500 mm und beschneide das Foto im Nachhinein, sodass der Mond eindrücklich gross im Bild ist. Ich hatte die Gelegenheit, einen 2fach-Extender auszuprobieren, der die 500er-Brennweite verdoppelt. 

Im Vorfeld erkundigte ich ein paar Tage vor dem Ereignis in meinem Hausrevier, der Hügellandschaft von Neuheim (ZG), die ideale Position für die Brennweite. Die Sonne sollte flach stehen, und ich wollte sie zusammen mit der Landschaft abbilden. Genauer noch, zusammen mit den Hügeln und einem Baum.

Die Hügellandschaft ein paar Tage vor der Finsternis. Die Stimmung ist ebenfalls grandios. Ich habe Glück, dass hier gerade ein Zeitfenster aufgegangen und die Sonne am Horizont wieder aufgetaucht ist.
Eine Simulation mit einer schwarzen Mondscheibe am Computer zeigt mir auf, welche Bildgestaltung ich später wählen kann.
So gross wird die Sonne bei einer Vollformatkamera mit einem 500er-Objektiv und 2fach-Extender, also 1000 mm Brennweite, abgebildet. Da bleibt genügend Raum, um das Bild fast beliebig zuzuschneiden.

Die Testergebnisse meiner Erkundungstour halfen dann weiter. Ich wusste also genau, um welche Zeit die Sonne wo am Himmel stehen würde und ich hatte eine genaue Vorstellung, wo ich mit welchem Objektiv arbeiten wollte.

Kameraeinstellungen

Am 12. August in ich eine halbe Stunde vor Sonnenfinsternis vor Ort, um die Kameraeinstellungen in Ruhe vornehmen zu können. Als erstes öffne ich das rote Menü (Canon), gehe zum Feld 6/9, Blendensteuerung, und stelle auf «elektronischen Verschluss». Diese Einstellung ermöglicht kürzere Belichtungszeiten als 1/8000 Sek., die bei der Einstellung «Elek. 1. Verschluss» zu haben sind. 

Weiter arbeite ich mit dem Modus «M», der die manuelle Einstellung von Verschlusszeit, Blende und ISO erlaubt. Die ISO-Zahl stelle ich auf 100, denn ich habe genügend Licht. Die Blende spielt für die Schärfentiefe keine Rolle, denn das Motiv, die Sonne hinter dem Horizont, liegt beides im Unendlichen. Wer mit einem etwas weniger guten Objektiv arbeitet, der sollte vielleicht eine mittlere Blende einstellen, welche eine optimale Schärfe erzeugt, das wäre so etwa f8. Je geschlossener die Blende, desto mehr fällt die Beugungsunschärfe ins Gewicht. Das ist eine Lichtbrechung entlang der Blendenlamellen, die bei gewissen Objektiven stärker ins Gewicht fällt als bei anderen. Bei teuren und hochklassigen Linsen ist dieser Effekt kaum sichtbar, bei Kit-Objektiven eher. Weiter hinten sind Fotos zu sehen, bei denen die Lichtbeugung sichtbar wird. Wenn also die ISO-Zahl bei 100 und die Blende voreingestellt sind, dann bleibt nur, die richtige Belichtung mit der Belichtungszeit einzustellen. Die hängt ab von der Brennweite, denn je mehr Sonne ich im Bild habe, desto heller wird’s. Ich habe von 1/160 Sek. bis 1/20000 Sek. Fotos geschossen.

Dann arbeite ich aus Prinzip mit dem Datenformat RAW, nicht mit JPG. In RAW habe ich bei der Nachbearbeitung mehr Spielraum, Farben, Helligkeit und Schärfe herauszuarbeiten. Ich arbeite mit cRAW, das ist ein verlustloses Kompressionsformat, welche die RAW-Dateigrösse reduziert.

Die Kamera sitzt auf dem Stativ, weil ich Verwackelungen mit langen Brennweiten von 500 bis 1000 vermeiden will. Eine Brennweite von 500 mm halte ich problemlos von Hand, allerdings mit 5fach-Bildstabilisator und tendenziell eher kurzen Belichtungszeiten ab 1/250 Sek. Bei einer Brennweite von 1000 mm ist die Gefahr der Verwackelung einfach zu gross, deshalb nehme ich die Kamera aufs Stativ. Sicherheitshalber stelle ich den Bildstabilisator auf «Off». Die Verwackelungsgefahr besteht auch mit Stativ, wenn der Auslöseknopf betätigt wird oder wenn das Stativ auf dem lockeren Wiesengrund steht. Ich trete jeweils das Gras etwas zur Seite, damit die Stativbeine fest auf dem erdigen Grund verankert werden können. Ein Fernauslöser macht das berührungslose Auslösen möglich, ich arbeite sonst ganz sanft mit dem Touch-Auslöser auf dem Screen, das funktioniert auch.

Der ND-Filter ist nicht zwingend nötig, weil man die richtige Belichtung auch ohne gut bewältigen kann. Der ND-Filter nimmt zusätzlich Licht weg, so hat man vor allem bei längeren Brennweiten mehr Spielraum, Blende und Belichtung einzurichten, damit die Szenerie richtig belichtet wird. 

Ich möchte die Belichtung so haben, dass die Umgebung als Silhouette sichtbar wird. Das heisst, dass die Sonne selbst weiss sichtbar sein wird. Um eine Lichterzeichnung in der Sonne zu haben, muss ich das Bild mit der Belichtung so abdunkeln, dass ausser der Sonne nichts mehr sichtbar ist. Wie finde ich jetzt die richtige Belichtung? Die Szenerie ist vergleichbar mit einer x-beliebigen Sonnenuntergangsstimmung, also keine besondere Herausforderung für die Kamera. Je formatfüllender die Sonne, desto kürzer die Belichtung. Die Sonne kann mit Lichterzeichnung fotografiert werden, dies entspricht jedoch überhaupt nicht der visuellen Wahrnehmung. Die Sonne ist in jedem Fall gleissend hell, in der Umsetzung bedeutet das Weiss.

Diese Aufnahme habe ich mit 100 ISO, f 14 und 1/10000 Sekunde gemacht, die Brennweite; 700 mm. Mit ND-Filter 3.0. Bei genauem Hinschauen sind sogar zwei kleine Sonnenflecken auszumachen.
Wenn du die Sonne mit Lichterzeichnung fotografieren willst, musst du das Licht mit ND-Filter oder ultrakurzer Belichtungszeit stark reduzieren. Die Umgebung wird stark unterbelichtet und zeigt beim Entwickeln ein starkes Bildrauschen.

Belichtung

Die die für mich richtige Belichtung entsteht durch die Kontrolle übers Display. Ich mache eine Probeaufnahme und verändere die Belichtungszeit so, dass ein sichtbares Umgebungsbild entsteht. Man kann zu dunkle oder zu helle Fotos in der Nachbearbeitung relativ gut auskorrigieren.

Zu dunkle Belichtung …
… in Lightroom auskorrigiert.

Das Problem der Sonnensichel

Bei einer ausgewogenen Belichtung wird die Sonne dazu tendieren, auszufressen. Das heisst, dass die Sichelform kaum mehr sichtbar ist. Sie kann sichtbar gemacht werden, indem du das Foto dunkler belichtest oder in Lightroom den Schieberegler «Lichter» nach links ziehst.

Je heller das Foto belichtet wird, desto ausgefressener wird die Sonne dargestellt. Die Sonnenfinsternis ist kaum zu erkennen.
Zieh den Schieberegler «Lichter» in Lightroom nach links, dann wird die Sonnensichel zunehmend deutlicher.
Wenn ich den Regler nach links ziehe, wird die Sichel sichtbar.

Variationen fotografieren

Wenn du in einer Hügellandschaft stehst, hast du zahlreiche Möglichkeiten, deine Bildgestaltung zu variieren. Die Sonnenfinsternis dauerte von 19:25 Uhr bis 20:15 Uhr, du hast Zeit, deinen Standort zu verändern oder das Objektiv zu wechseln. Sie ist einmalig, wenn du etwas verpasst, dann ist es halt vorbei. Die Einstellungen sind einmal gemacht, so wandere ich in der Hügellandschaft, um die Sonnensichel einmal links einmal rechts der Bäume zu halten. Ein Bauer hat einen Anhänger mit Wasser für seine Kühe stehenlassen. Eine Erinnerung an die Dürre 2026. Zuerst hat er mich auf dem Sujet gestört, nun empfinde ich diesen Tank als Fingerzeit für Sonne, Hitze, de Dürre und Klimaerwärmung.

Je nach Ausschnitt rücken plötzlich Details wie die Personen ins Bild. Von Auge sind sie gegen das helle Licht kaum auszumachen.
Die Reflexionen stammen von zwei hintereinander liegenden ND-Filtern 3.0 und 1.8, die die Sonnensichel spiegeln. Einmal seitenrichtig und einmal seitenverkehrt.
Neutraldichtefilter oder Graufilter werden vor der Optik angebracht. Es gibt Schraubfilter und Steckfilter. Ein ND 3.0 reduziert das Licht um 10 Blendenstufen (10 stops), ein ND 1.8 reduziert um 6 Blendenstufen. Hier sind zwei Filter hintereinander eingesteckt.

Das Phänomen der Lichtbeugung

Bekanntlich werden Lichtstrahlen an Kanten gebeugt. In meinem Objektiv RF 100-500 mm sitzen neun Blendenlamellen, die sich bei der Schliessung und Öffnung der Blende zuziehen oder öffnen. Hier eine Darstellung mit einer Blende, die neun Lamellen aufweist.

Jeweils bei einem Eckpunkt des Neunecks wird das Licht gebrochen. Es entstehen 18 Strahlen, die nicht ganz regelmässig angeordnet sind. Wenn eine Blende eine gerade Anzahl Lamellen aufweist, entstehen genauso viele Strahlen wie es Lamellen hat. Acht Lamellen heisst acht Strahlen. Solche Sonnensterne oder Blendensterne entstehen zunehmend bei geschlossener Blende. Sie treten auf bei kleinen Lichtquellen, die als kleine Punktlichter wirken. Bei der Sonne entsteht der Effekt nur, wenn sie klein im Bild ist, also mit kleineren Brennweiten fotografiert wurde. Wenn das Punktlicht  der Sonne durch Nebel, Dunst oder Wolken gestreut wird, ist der Effekt nicht zu fotografieren.

Bei neun Lamellen (wie bei meiner Canon R5 Mark II) entstehen bei allen Punktlichtern 18 Strahlen. 
Sonnenstern mit acht Strahlen: die Blende verfügt über acht Lamellen.

Mit ist leider nicht bekannt, welche Physik bei einer Sonnenfinsternis greift: Der nicht konzentrische Strahlenkranz um die Sonnensichel macht das Bild noch etwas spezieller.

Gegen Ende der Finsternis taucht die Sonnensichel als Sonnenuntergang hinter den Horizont. Die drei Lichtgestalten erscheinen fast surreal. Es sind andere Fotografinnen und Fotografen, die das Spektakel einen Kilometer weit entfernt ebenfalls festhalten.

Die Bildaussage: Die Sonnensichel bildet zusammen mit dem Baum ein schützendes Dach über das Menschengrüpplein. Zusammen mit dem Wassertank bilden die Bildelemente eine Einheit.

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