Libellen sind geheimnisvolle Flugkünstler, die an stillen Gewässern überall zu finden sind. Mit diesen Tipps gelingen die Fotos.
Die Blauflügel-Prachtlibelle kommt wie der Spatz bei den Vögeln häufig vor.
Empfohlene Ausrüstung
Libellen sind nicht extrem scheu, man kann sich ihnen bis auf einen Meter nähern, ohne dass sie die Flucht ergreifen. Wegen ihrer Kleinheit muss man aber schon ein Tele mitbringen, vielleicht von 150 mm bis hin zu 500 mm. Ich persönlich bin mit dem Canon RF 100–500 mm, f 4.5-7.1, unterwegs. Zusammen mit meiner Canon EOS R5 Mark II, wiegt das System 2,3 Kilo, das ich über längere Zeit stillhalten muss.
Je grösser der Sensor, desto mehr kann man den Ausschnitt wählen, ohne an Schärfe zu verlieren. Ein Vollformatsensor mit 45 Megapixel ist also besser als ein 1-Zoll-Sensor, er kann einfach mehr Bildpunkte aufzeichnen, aus denen sich Schärfe ergibt. Moderne Kameras verfügen über Assistenzsysteme, die hier zum Tragen kommen: Autofokus mit Tier- und Augenerkennung, Serienbildfunktion, schneller Autofokus, Vorauslösung, hohe ISO-Werte bei niedrigem Rauschverhalten und andere. Je mehr Qualität die Kamera hat, desto grösser sind die Chancen, auch bei schwierigen Bedingungen gute Fotos zu machen. Schwierige Bedingungen heisst: Das Licht ist schwach, die Insekten fliegen, die Schärfentiefe ist bei offener Blende äusserst gering, oder man kann zwischen den Grashalmen hindurch nur schwerlich fokussieren. Wer eine günstige Kamera mit weniger Funktionalität oder eine schon ältere besitzt, kann vielleicht «nur» Libellen fotografieren, die statisch auf einem Grashalm sitzen, aber keine fliegenden.
Ein Stativ kann bei Libellen, die statisch sind, vorteilhaft sein. Wenn es windet ober bei fliegenden Libellen ist ein Stativ hinderlich. Zur persönlichen Ausrüstung gehören Trekkingschuhe, mit denen man auch mal ins Wasser gehen kann.
Lebensraum
Libellen leben die meiste Zeit als Larven im Wasser. Nach dem Verpuppen entwickeln sie vier Flügel, mit denen sie sehr flink unterwegs sind. Sie zeigen sich standorttreu und fliegen sozusagen ein Revier ab, wo sie Jagd auf Fressbares machen. Um Libellen zu finden, sollte man Seen, Weiher, Tümpel, Moore oder kleine Bachläufe aufsuchen. Es gibt 76 einheimischen Arten, häufig vorkommende und solche, die selten sind. Man unterscheidet Grosslibellen und Kleinlibellen, wer sich weiter interessiert, findet im Internet genügend Informationen, um weiterzukommen. Vielleicht noch dies: Libellen brauchen Sonne, um sich am Morgen flugtauglich aufzuwärmen, das heisst, sie sind bei uns in der Umgebung an sonnigen Standorten mit üppiger Ufervegetation anzutreffen.
Herangehensweise
Ich mache mich also im Internet schlau und suche (gerne mit dem Velo) einen bestimmten Standort auf. Libellen fallen durch die Flugbewegungen sofort auf. Wenn ich sie eine Weile beobachte, sehe ich, dass sie immer wieder die gleichen Äste, Zeige oder Blätter aufsuchen, die Flügel zusammenlegen und nach einer Weile wieder starten. Ich lasse mich dann ruhig in aussichtsreicher Position davor nieder und brauche einfach zu warten, bis die Libelle wieder da landet. Wie überall in der Tierfotografie sind ruhige Bewegungen angezeigt. Die Kleidung spielt keine so grosse Rolle, man muss sich also nicht in die Tarnausrüstung werfen. Die Kamera wird durch den Sucher, nicht übers Display bedient, im Display ist die Fokussierung wegen der Reflexe schlecht möglich. Zudem hält kein Mensch so eine 2-Kilo-Kamera minutenlang schussbereit. Und dass die richtigen Einstellungen an der Kamera und am Objektiv nicht erst kurz vor dem Auslösen eingestellt werden, versteht sich von selbst.
Verhalten der Libellen
Am einfachsten machst du es dir, wenn du dich frühmorgens auf die Pirsch machst. Dann sind Libellen noch starr und hängen fluchtunfähig an einem Grasstengel. Sobald sie sich in der Sonne aufgewärmt haben, reissen sie aus, wenn man sich nähert. Wenn sie auf einem Ast sitzen, legen sie die Flügel zusammen, ab und zu pumpen sie und spreizen die vier Flügel. Das hat seinen besonderen Reiz.
Der Hinterleib besteht aus mehreren Gliedern, er kann also gerade oder gebogen fotografiert sein. Wer den Verpuppungsvorgang erwischt, hat besonderes Glück. Das Paarungsverhalten kann man immer wieder beobachten, wenn das Männchen das Weibchen «am Genick packt».
Das Männchen findet beim Weibchen hinter dem Kopf so eine Art Schloss, wo es den Hinterleib einklinken kann.Das Weibchen biegt dann ihren Hinterleib zum Männchen an die Brust, wo der Samenbeutel liegt. Die beiden Körper bilden bei der Paarung ein Herz, wie schön!Bei der gebänderten Prachtlibelle sieht man hier den Unterschied von Männchen und Weibchen.
Ich hatte einmal Glück und durfte Zeuge eines Futterraubes werden. Das habe ich beim Fotografieren nicht bemerkt. Erst nach der Bildentwicklung am Computer ist mir dieses Verhalten aufgefallen. Eine Libelle hat sich mit der Beute im Maul auf einem Blatt niedergelassen. Da fliegt eine andere Libelle von oben heran und stösst auf die sitzende hinab. Ich halte den Finger auf dem Auslöser und fotografiere mit 30 Bildern pro Sekunde die Szene durch. Diese lässt sich das nicht gefallen und fliegt davon. Innerhalb von ein paar Zehntelsekunden, es geht so schnell.
Die Libelle sitzt mit der Beute im Maul auf dem Blatt.Von oben greift eine andere Libelle an, um an das Futter zu kommen.
Bildgestaltung
Bildgestaltung heisst, bewusst die Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Linienführung der Gräser, Äste oder Blätter deuten in eine bestimmte Richtung im Format. Die Ausrichtung des Insekts von links nach rechts, von oben nach unten oder von hinten nach vorn. Kontrast entsteht, wenn die Libelle im Licht, der Hintergrund im Dunkeln liegt. Eine Silhouette gibt es umgekehrt, wenn die Libelle im Schatten sitzt, der Hintergrund aber im Licht steht.
Eine erste Schwierigkeit, die es zu überwinden gilt, ist die Freistellung des Insektes vor dem Hintergrund. Wenn die Libelle scharf abgebildet ist und der Hintergrund schön im Bokeh verschwimmt, hat man eigentlich immer ein schönes Bild. In «sitzender» Position halten Libellen ihre Flügel oft geschlossen. Am besten erwischt man sie exakt in einem 90-Grad-Winkel. So wird die ganze Libelle scharf abgebildet. Steht man in einem schrägen Aufnahmewinkel, drohen Teile des Insekts in der Unschärfe zu verschwimmen. Und bei Libellen gilt wie bei anderen Tieren: man will sie von vorn sehen, nicht von hinten.
Bokeh im Hintergrund kann nur entstehen, wenn eine bestimmte Distanz zwischen der Libelle und dem Hintergrund besteht. Dazu hilft, wenn die Blende geöffnet ist. Wenn das Insekt in einem Gebüsch oder in Grashalmen sitzt, wird der Hintergrund wie im nächsten Bild stören. Der halbscharfe Hintergrund lässt das Motiv «verschwinden», es ist weniger deutlich wahrnehmbar.
Bei diesem Foto ist die Unschärfe im Hintergrund zu wenig verschwommen. Dieses Foto ist nicht zugeschnitten. Es zeigt die Abbildungsgrösse der Libellen auf dem Vollformatsensor.
Wenn ich am See- oder Bachufer sitze, achte ich auf eine Position, bei welcher ein Bokeh entstehen kann. Wer Libellen auf der Wasseroberfläche oder auf dem Grund findet, muss sie von oben nach unten fotografieren, Der Hintergrund wird somit immer scharf abgebildet.
Die Grosse Königslibelle bei der Eiablage im Wasser. Die Perspektive von oben nach unten ergibt fast nie ein schönes Bokeh. Leider weist die Libelle Schäden an den Flügeln auf.Ganz anders sieht das gleiche Motiv aus, wenn die Kamera über der Wasserlinie gehalten wird. Was für ein Unterschied!
Die Bildgestaltung geschieht nicht einfach so. Als Fotograf bin ich darauf aus, mit den Linien, den Farben, dem Licht und dem Kontrast eine bestimmte gestalterische Komposition zu erreichen.
Bei gebogenen Wasserpflanzenblättern entsteht eine perfekte Linienführung. Bei diesem Bild sind die Bögen des Körpers und des Blattes gegenläufig. Zudem spreizt die Libelle die Flügel – genau diesen Moment zu erwischen, erfordert Konzentration und Hingabe.Bei der Blauflügel-Prachtlibelle ist der Schatten auf dem Blatt sichtbar.Die Blätter bilden einen Kontrast zum bläulich-unscharfen Hintergrund.Bei der Prachtlibelle sind die Flügel durchscheinend. Hier ist die Flügelstruktur im Schatten sichtbar.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin die Insekten direkt von oben vor dem Wasser zu fotografieren. Dann übernimmt die Wasseroberfläche die Aufgabe der Unschärfe im Hintergrund.
Hier ist der Ausschnitt so gewählt, dass der Halm in der Bildmitte liegt.
Wer in einem Bach keine nassen Füsse scheut, kann seine Position beliebig ändern, um perfekte Fotos zu erhalten. Ich war hier mit Badehose und Trekkingschuhen mitten in der Lorze, um diese Aufnahmen mit der Kamera direkt über der Wasserlinie zu machen. So spiegeln sich die Libellen.
Hier sind gleich vier Paare der blauen Federlibelle mit Fortpflanzung beschäftigt. Die Kleinlibellen sind nur etwa 4 cm gross.
Schärfentiefe und Bokeh
Die Schärfe des Motivs wird durch Objektiv, Blende, Verschlusszeit, Autofokus-Modus, Bildstabilisator, Bewegung des Motivs und Verwackelung bestimmt. Die Schärfentiefe ist der Teil der Abbildung, der scharf abgebildet wird. Im Wesentlichen sind dafür das Objektiv selbst, also die Brennweite, und die Blende zuständig. Ein Weitwinkelobjektiv schafft es, bei geschlossener Blende praktisch alles von vorn bis hinten scharf abzulichten. Ganz anders ist es bei einem Teleobjektiv. Hier liegt die Schärfe entweder im Vorder-, im Mittel- oder im Hintergrund. Ein Teleobjektiv hat eine sehr viel kleiner Schärfezone als ein Weitwinkelobjektiv. Je geschlossener die Blende ist, desto mehr räumliche Tiefe wird scharf erfasst. Ein Lesebeispiel: Ein 200er-Teleobjektiv mit einer Blende von f 8 kann bei einem Motivabstand von zwei Meter eine Zone von vier Zentimeter scharf abbilden. Wenn die Blende auf f 16 geschlossen wird, beträgt diese Zone zwölf Zentimeter. Wenn die Libelle etwa acht Zentimeter lang ist, ist es vorteilhafter, man fotografiert mit Blende f 16. Da wir die Flugkünstler aus Distanz fotografieren, brauchen wir zwingend ein Teleobjektiv und müssen uns mit einer bescheidenen Schärfentiefe abfinden.
Es sei denn, man möchte gezielt Unschärfe beim Motiv in Kauf nehmen. Die folgende Grafik zeigt, wie die Optik und die Blende zusammenwirken.
Die Blende reguliert also die Schärfentiefe mit. Wer Libellen von vorn bis hinten scharf abgebildet haben möchte, sollte Blenden von f 16 und kleiner ins Auge fassen. Eine geschlossene Blende erzeugt wiederum ein weniger schönes Bokeh, zudem muss man entweder bei der Verschlusszeit oder bei der ISO-Zahl Kompromisse eingehen. Eine grosse Schärfentiefe bedeutet unter Umständen ein grösseres Bildrauschen oder bei fliegenden Libellen mehr Bewegungsunschärfe.
Die Libellenfotografie verdeutlicht die Zusammenhänge des fotografischen Dreiecks Blende/Zeit/ISO. Es wird einem deutlich vor Augen geführt, dass das Regeln einer Stellschraube automatisch zu Veränderungen der anderen beiden Schrauben führt.
Kopf, Torso und Teile der Flügel liegen in der Schärfentiefe, der Hinterleib und der Flügel hinten sind bereits in der Unschärfe. Wer hier mehr Schärfe will, muss die Blende schliessen, er verliert aber auch ein bisschen vom schönen Bokeh.Hier sieht man, wie wenig Schärfentiefe die Blende f 10 erreicht.
Verschlusszeit
Es gibt grundsätzlich die Aufnahmetypen «sitzendes Insekt» und «fliegendes Insekt». Wenn die Libelle sich nicht bewegt, kann man mit 1/250 Sekunde, 400 ISO und geschlossener Blende arbeiten. Kein Problem also. Es gelten ungefähr die gleichen Regeln wie bei der statischen Makrofotografie mit dem fotografischen Dreieck, Zeit, Blende, ISO. Die Verschlusszeit wähle ich anhand der Brennweite und dem Bildstabilisator so kurz wie nötig. Wenn 1/250 Sek. reicht, um das Bild nicht zu verwackeln, ist es Nicht nötig 1/2000 Sek. einzustellen. Lieber 1/250 Sek. und mit der ISO-Zahl oder der Blende Bildqualität herausholen. Ich stelle ausserdem den Verschluss auf lautlos und fotografiere mit elektronischem Verschluss.
Wenn die Dinger fliegen, wird’s hochgradig schwierig. Wer die Flügel verschwommen dargestellt haben möchte, dem empfehlen sich Verschlusszeiten von 1/320 bis 1/2000 Sek. Aus meiner Erfahrung ist 1/8000 Sek. die richtige Verschlusszeit eingestellt, wenn du die schwingenden Flügel scharf haben möchtest. Wenn du wegen einer grossen Schärfentiefe noch f 16 brauchst, so bleibt dir nichts anderes übrig, als mit hoher ISO-Zahl zu fotografieren: 10000 oder 12800. Was dies für die Bildschärfe bedeutet, soll jeder selbst anhand seiner eigenen Ausrüstung und Erfahrung beurteilen.
Mit dem ISO-Wert wird die Lichtempfindlichkeit des Sensors «gepusht». Es gilt: je weniger Licht, desto höher muss die ISO-Zahl eingestellt werden. Weniger Licht bedeutet nicht nur das bestehende Licht der Szene, du nimmst ja auch Licht weg, indem du kürzer belichtest oder die Blende schliesst. Das Bildrauschen entsteht, wenn aufgrund des schwachen Signals auf dem Sensor, die Lichtintensität in der Kamera hochgeschraubt wird, so in der Art Lichtverstärker. Es zeigt sich als Griessigkeit, Schwammigkeit und ist vergleichbar mit dem Fotokorn der analogen Fotografie. Ältere Kameramodelle konnten mit Bildrauschen weniger gut umgehen als dies neue Modelle können. Heute kann ich mit 10000 ISO hervorragende Bilder schiessen, auf denen fast kein Rauschen mehr erkennbar ist. Das Bildrauschen hat auch zu tun mit dem Ausgabemedium. Auf einem Handy ist Bildrauschen kein Thema, es wird dort wegen des kleinen Displays herausgerechnet. So hängt Bildrauschen auch mit der Bildgrösse und mit der Auflösung des Mediums zusammen. In Adobe Lightroom oder in Photoshop kann das Bildrauschen sogar mit künstlicher Intelligenz herausgefiltert werden. In der Praxis ist es so, dass ich lieber mit 10000 ISO arbeite, dafür 1/8000 Sek. einstellen kann, um die Geschwindigkeit der Libellenflügen einzufrieren.
Fliegende Libellen fotografieren
Es nur mit viel Glück möglich, fliegende Libellen im freien Flug zu erwischen. Es hat damit zu tun, dass man sie einfach nicht im Flug durch den Sucher verfolgen kann. Die Kamera hat aber eine technische Lösung parat: die Vorauslösung. Der Begriff ist auch als Pre-Release Capture oder Pre-Continuous Shooting bekannt. Dazu halte ich den Auslöser der Canon EOS R5 Mark II halb gedrückt. Sie zeichnet 30 Bilder pro Sekunde in den Zwischenspeicher, ohne ein Foto auf die Karte zu schreiben. Erst wenn ich den Auslöser ganz durchdrücke, werden rückwärts gerechnet 15 Bilder aus dem Puffer auf die Karte geschrieben. Bei einer Bildrate von 30 Bilder/Sek. entspricht dies einer halben Sekunde Vorlaufzeit. So drücke ich den Auslöser durch, wenn die Libelle längst aus dem Sucher verschwunden ist, und die Kamera hält alle Bilder eine halbe Sekunde vorher fest. Das funktioniert gut beim Anflug oder beim Abflug.
Im roten Menü wir die Voraufnahme aktiviert. 15 Bilder entsprechen einer halben Sekunde Vorlaufzeit.
Zuschneiden (Croppen)
Ich empfehle, die fliegende Libelle nicht so nah als möglich aufzunehmen. Sie ist so schnell, dass zwei Flügelschläge benötigen, um aus dem Suchfeld zu verschwinden. Wenn du die Libelle etwas kleiner im Sucher behältst, kannst du mehr Flügelschläge einfangen. Das Bild wirst du im Nachhinein noch zuschneiden können. Bei einer Vollformatkamera hast du mehr Reserve, um Bilder zuzuschneiden als dies mit einem Sensor der APS-C-Klasse oder gar Four-Third möglich ist.
Nachbearbeitung
Ich nutze heute alle Möglichkeiten, meine Fotos in Lightroom/Photoshop zu perfektionieren. Dies betrifft alle Entwicklungsvorgänge wie Schärfe/Unschärfe, Farbgebung, Helligkeit, Sättigung, Bildrauschen. Wenn unliebsame Elemente mit im Bild sind, so eliminiere ich sie mit der künstlichen Intelligenz.
Die senkrechte Linienführung des Kleinen Blaupfeils wird durch die querlaufenden Halme gestört. Ich entferne sie mit künstlicher Intelligenz – das Foto rechts ist eindeutig besser.
Wasserfälle sind fotografische Hotspots. Im Wasserschloss Schweiz gibt’s Tausende.
Wasserfall auswählen
Eigentlich gibt’s fast keine Gemeinde in der Schweiz, die nicht mit einem Wasserfall aufwarten kann. Wer googelt: «Wasserfälle im Kanton Zug» bekommt alle Wasserfälle in Text und Bild präsentiert. Ein paar Klicks weiter gelangst du zum Fall deiner Wahl, mit Standort, Zugang, ÖV und Parkplatz.
Welche Wasserfälle sind am fotogensten? Es sind jene, die überraschende Sichtweisen und Möglichkeiten bieten. Eine imposante Grösse, Fallhöhe oder Wassermenge kann das Foto natürlich entscheidend beeinflussen, gleich wichtig ist jedoch die Zugänglichkeit. Wenn ich mit Gummistiefeln ins abfliessende Wasser steigen kann, um die richtige Kameraposition zu erlangen, ist das vorteilhafter, als wenn ich vom Weg her oder von einem fixen Aussichtspunkt fotografieren muss. Oder wenn der Zugang nur mit einer extremen körperlichen Anstrengung möglich ist. Oder der Wasserfall fast unerreichbar weit weg ist. An Wasserfällen ist nicht allein ihre Wassermenge interessant, vielmehr ist es ihre Lage in der Umgebung. Ob das Wasser vor blauem Himmel heruntertost oder in einer schmalen grünen Schlucht, ob er sich verästelt präsentiert oder in einem dicken Stahl, all dies macht die Faszination Wasserfall aus.
defaultdefaultdefaultDer Rheinfall bei Neuhausen ist mit 150 Meter Breite und 23 Meter Höhe der grösste Wasserfall Europas. Er zeigt sich aus der Luft besonders eindrücklich.Bi de sibe Brünne, Quelle der Simme, Lenk. Bei bewölktem Himmel fotografiert.Reichenbach-Fälle, Meiringen. Hier zeigt sich ein Schattenbild, die Sonne steht links hinten. Das Wasser im Schatten nimmt eine blaue Tönung an.Geltenschuss oberhalb von Lauenen (Gstaad)
Der ideale Wasserfall ist für mich also der, an den ich mich jederzeit gefahrlos und ungestört begeben kann, um zu fotografieren. Wasserfälle gibt’s in der Schweiz genug, nicht alle sind jedoch leicht zugänglich. Als Fotograf möchte ich lieber fotografieren und weniger bergsteigen/wandern/kraxeln, um zu fotografieren. Oft sind dies gerade die kleineren und versteckten Orte, die unberührten grünen Oasen gleichen und die Poesie ausströmen. Das enge Tobel, die grün vermoosten Steine im Bachbett oder die umliegenden Bäume sind für die Umgebung in der Bildgestaltung wichtig.
Ich rekognosziere versteckte und kleinere Wasserfälle ohne Kamera, um die Situation vor Ort kennenzulernen. Führt ein Weg hin? Ist die Umgebung feucht und rutschig? Um welche Zeit und in welchem Winkel scheint die Sonne auf die Szenerie? Ist der abfliessende Bach überquerbar? Welche Ausrüstung wie Objektive, Regenkleidung, Stativ brauche ich? Führt der Wasserfall genügend Wasser?
Ich beschreibe hier vor allem «richtige» Wasserfälle wo Wasser freifliegend herunterstürzt. Das Fotografieren kann auch auf Wasserläufe in Bächen umgesetzt werden, wo es kaskadenartige über Steine herunterfliesst.
Die ideale Jahreszeit gibt es nicht. Im Frühling kontrastieren das hellgrüne Laub und die erblühende Vegetation mit dem Gestein. Im Sommer ist vielleicht die Lichtsituation besser. Generell ist es besser, kurz nach einer Niederschlagszeit hinzugehen, dann führen die Bäche mehr Wasser.
Die Sicherheit geniesst bei mir hohe Priorität. Da ich allein unterwegs bin, trage ich das Handy generell auf dem Körper, in der Hose oder in der Jacke und niemals im Fotorucksack. Ich stecke in festen wasserdichten Wanderschuhen und habe Ersatzkleidung bei mir, falls ich nass werde. Am Wasser bewege ich mich langsam oder ich fotografiere – niemals beides zusammen. Das ausgefahrene Stativ benütze ich zuweilen als Gleichgewichtshilfe im Untergrund oder Bachbett. Ich erkunde den Fall zuerst ohne Material, dann deponiere ich den Fotorucksack an einer geschützten Stelle in der Nähe, die nicht nass ist. Zum Fotografieren montiere ich die Kamera auf das Stativ und nehme nur das Notwendigste mit, zum Beispiel Reinigungstücher, um die Spritzer vom Objektiv zu wischen. Bei Bächen sind auch Gummistiefel angezeigt. Damit kann ich die Bäche problemlos durchwaten und das Stativ mitten im Wasser aufstellen, um die optimale Position zu erreichen.
Mühlibach-Wasserfall, Finstersee ZG. Bei kleinen Wasserfällen kannst du mit Gummistiefeln ins Wasser stehen, um die optimale Position zu finden
Kameraposition
Wasserfälle fallen immer vor einem steilen (Fels-)Grund, der fast nie in die Unschärfe gelegt werden kann. So fotografiere ich Wasserfälle entweder frontal von vorn oder leicht seitlich. Aus meiner Sicht fast die bessere Perspektive bietet sich, wenn ich ganz an den Felsen gelangen und den Fall von der Seite her erwischen kann. Meistens ist es in diesem Milieu sehr rutschig, nass und gefährlich.
Die seitliche Kameraposition zeigt die Krümmung des Falls besser
Fliessendes Wasser fotografieren
Die Bewegung des Wassers fotografierst du mit einer angepassten Belichtungszeit. Am besten stellst du den Kameramodus auf T (Tv). Das ist die Automatik, bei der die Zeit vorgewählt wird und sich im Belichtungsdreieck die Blende und/oder die ISO-Zahl anpassen. Ich selbst fotografiere auch gern im Modus M (manuell), in dem ich alle Parameter manuell einstelle. Denn die gewählte Blende sorgt bekanntlich für Schärfentiefe. Wenn ich nah (fünf bis zehn Meter) am Wasserfall dran bin, sorgt eine offene Blende von beispielsweise f2.8 für Unschärfen im Vorder- oder Hintergrund. Blende f8 oder kleiner sorgt für Schärfe von vorn bis hinten. Wenn ich jedoch den Wasserfall von Ferne fotografiere, reicht eine Blende f2.8 für ausreichende Schärfentiefe. Ich investiere dann lieber in die Belichtungszeit oder eine tiefere ISO.
Wasserfluss verwischen
Je nach Fallhöhe, Wassermenge, Untergrund und Lichteinfall muss ich eine andere Belichtungszeit wählen, um das Wasser verwischt darzustellen. Stell dir die Frage, ob du das spritzende Wasser in jedem Detail abbilden möchtest oder ob es verwischt dargestellt werden soll. Im ersten Fall arbeitest du mit einer kurzen Belichtungszeit (1/500 bis 1/2000 Sek.). Im andern Fall musst du mit ein paar Versuchen der Belichtungszeit den Wasserfluss verwischen. Ab etwa 1/30 Sek. wird der Wasserfluss sichtbar, bei 2 Sek. sind nur noch weisse Streifen sichtbar. Bei 1/8 Sekunde haben wir eine Zwischenlösung, da sind einzelne Wasserstreifen sichtbar. Aber Achtung: Bei solchen Belichtungszeiten ist eine ruhige Hand und noch besser ein Bildstabilisator nötig, um Verwackelungen zu vermeiden. Eine längere Belichtungszeit bringt keine besseren Resultate. In diesem Bereich wird sich die Belichtungszeit abspielen. Nun ist es aber je nach Helligkeit der Szene schwierig im Tageslicht eine Belichtungszeit von 2 Sekunden zu erreichen. Ich nehme deshalb immer einen leichten Graufilter mit, der Licht wegnimmt und eine grössere Flexibilität in der Belichtungszeit ermöglicht. Dazu gehören selbstverständlich ein normales Dreibeinstativ, welches ich ins Wasser stellen kann.
Die Belichtungszeit steuert das Aussehen des fliessenden Wassers. Links 1/320 Sek., rechts 0,5 Sek.
Bildgestaltung
Das fliessende Wasser kommt richtig zur Geltung, wenn im Bild knackescharfe Elemente sichtbar sind, die dazu kontrastieren. Bewegtes Wasser, welches über bemooste Steine spritzt: perfekt. Manchmal ist die Zugänglichkeit unter den Wasserfall schwierig. Seitlich nass und glitschig und vorn tiefere Tümpel. Aber von unten durch den Fall hindurchzufotografieren, ist auch ganz speziell. Ich bin auch Fan der seitlichen Ansicht, wo der Schwung des Falls sehr gut zur Geltung kommt. In der Nähe des Falls ist es sehr feucht und die Luft voller Wassertröpfchen, die sich an der Kamera und am Objektiv niederschlagen. Nur in diese Nasszone gehen, wenn du über eine spritzwasserfeste Kamera verfügst!
Ich fotografier gerne in dieser Landschaftsumgebung auch Details wie moosbewachsene Steine, Farne oder Bärlauchblüten.
Reichenbachfälle bei Brienz. Ein Wanderweg führt unter dem Wasserfall durch.
Das Umgebungsgelände
Kleine Wasserfälle sind in allen Seitentälern oder bewaldeten Schluchten anzutreffen. Die Platzverhältnisse sind dabei eher eng, links und rechts geht’s steil hoch. Gestalterisch gesehen haben wir den Wasserfall in der Vertikalen, der in einem landschaftlichen V eingebettet ist. Felsbrocken oder der Wasserlauf bilden weitere Akzente.
Seerenbachfälle, Walensee. Das felsige Gelände schafft die perfekte Szenerie für den Kontrast mit dem filigranen Wasser.Das Wasserfallbild gliedert sich mit Flächen und grossen Linien, die durch das Bild laufen.Kilchberger Giessen (BL): Die überhängende Felswand scheint auf den Fall zu drücken. Es wird eine bildprägende Diagonale sichtbar.Seerenbachfälle Weesen. Das Foto lebt vom Farbkontrast und vom Kontrast Fels-Wasser.
Detailansichten
Wasserfälle bestehen aus dynamischem, farblosem Wasser und statischem, farbigem Grund. Die beiden Protagonisten kann ich in Szene setzen, um den Blick der Betrachter auf Details zu richten.
Eine Detailansicht, welche die umspülten Steine zum Motiv machen. Es lebt vom Kontrast weich-hart. Belichtungszeit: 0,6 Sek.Der Stein ist das Motiv, nicht das Wasser. Belichtungszeit: 1/10 Sek.Wasserfall Foroglio, Valle Maggia. Das Auftreffen das Wassers auf den Felsen als Motiv.Wasserfall Foroglio, Valle Maggia. Ganz oben, bevor das Wasser nach unten stürzt, befinden sich Gletschermühlen.
Lichtführung
Das Wasser bekanntlich senkrecht nach unten stürzt, ist der Sonnenstand am Himmel oben für das Foto wichtig. Einfacher für die Belichtung, wenn das Wasserfall selbst im Schatten liegt. Dann ist der Helligkeitskontrast vom weissen Wasser zum dunklen Hintergrund nicht so gross. Wenn das Wasser in der prallen Sonne liegt, muss ich das Foto unterbelichten, sonst werden die hellsten Stellen des Wassers weiss ausgefressen. Nett sich auch Lichtsprengsel, die einzelne Lichtinseln erzeugen. Wenn die Sonne oben durch das Geäst scheint, sind sogar Sonnensterne möglich.
Giessbachfall, Wädenswil. Links ist die Lichterzeichnung im Wasser weiss ausgefressen. In der Mitte wurde das Foto unterbelichtet, um die Lichterzeichnung im Wasser in der Nachbearbeitung (rechts) nicht zu verlieren.
Objektiv
Das Objektiv hängt von der Distanz zum Wasserfall ab. Wenn sie huntert oder mehr Meter beträgt, reicht ein Normalobjektiv oder sogar ein Tele. Wenn ich bei einem kleinen Zehn-Meter-Fall in der Gemeinde fotografiere, bevorzuge ich das Weitwinkelzoom 15–35 mm. Wenn man ein Weitwinkel nach oben neigt, ergibt sich ein starker Verzug in der Perspektive. Das bedeutet, dass zum Beispiel Bäume am linken und rechten Rand oben nach der Bildmitte kippen.
Kreativ fotografieren
Bei langen Belichtungszeiten von etwa 1 Sek. gelingen mit bewegter Kamera kreative Fotos.
Mühlibach-Wasserfall bei Finstersee. Kreative Fotografie mit langer Belichtungszeit und einer Kameradrehung.
Nachbearbeitung
Zu guter Letzt folgt die Nachbearbeitung zuhause am Computer. Gute Naturbilder in einer hohen Kontrastumgebung sind ohne Nachbearbeitung fast nicht zu haben. Ein Vorher-Nachher-Beispiel, um aufzuzeigen, was die Nachbearbeitung zusätzlich an Bildqualität leistet.
Als erstes helle ich den Wasservorhang mit einer Pinselmaske leicht auf. Das Wasser hat oft durch das einfallende Licht einen Grünstich. Ich regle den Farbton des Wassers etwas mehr Richtung Blau. Damit wirkt das Wasser frisch und rein.
Die Farbgebung von Naturaufnahmen ist geprägt von Natürlichkeit oder gewissen Vorlieben wie die Entsättigung oder ein bestimmter Farbstich, der mit verschiedenen Techniken erreicht werden kann.
Sibe Brünne, die Quelle der Simme, stürzt sich als Wasserfall aus dem Grund. Das Foto ist tonig und entsättigt in Lightroom aufbereitet.
Die Lichtführung vermag wie beim Bühnentheater das Auge aufs Motiv zu lenken. Die Vignettierung ist fotografisch so eine Art Lichtspotsetzung.
Wasserfall bei Foroglio, Val Bavona. Die Ränder sind abgedunkelt, in der Mitte liegt ein Lichtspot, der als Radialfilter in Lightroom aufgesetzt wurde. Auch hier ist das Bild farblich kreativ umgesetzt.
Schwarz-Weiss-Umsetzungen oder entsättigte Fotos sind ebenfalls ins Auge zu fassen.
Wasserfall bei Bignasco, Valle Maggia. Die Schwarz-Weiss-Umsetzung bietet attraktive Möglichkeiten, wie hier die Low-Key-Bearbeitung.Wasserfall bei Foroglio, Val Bavona. Hier ist der ganze Fall zu sehen, die Wolkenstimmung habe ich in Lightroom/Potoshop dramatisiert.Wasserfall im Valle Maggia. Im Modus Low-Key wirkt das Foto kraftvoll, unheimlich und düster.Der gleiche Wasserfall, aber im High-Key-Modus. Die Bildwirkung ist sanft und poetisch.Mühlibach-Wasserfall bei Finstersee. Mit wenig Photoshop-Kenntnissen und ganz ohne KI kann eine Nachtaufnahme entstehen.
Der Mühlibach-Wasserfall von Finstersee
In der Umgebung meines Wohnortes Wädenswil liegt am Fuss des Gottschalkenbergs das kleine Dorf Finstersee. Auf der Strasse Richtung Gottschalkenberg deutet linkerhand ein Holzschild mit der Aufschrift «Wasserfall» steil hinunter. Ich folge dem Weglein und bin in wenigen Minuten im Tobel des Mühlibachs. Von weiten schon macht sich der Wasserfall geräuschvoll bemerkbar. Über ein Holzbrücklein, dann öffnet sich der Blick hinauf zum Fall. Er stürzt sich mit mässig Wasser etwa zehn Meter über eine Felsklippe in eine malerische Kulisse von moosgrünen und runden Steinblöcken. Der Bach schlängelt sich plätschernd durchs schattige Tobel hinunter in die Sihl. Eine verlassene Feuerstelle mit leerem Holzständer, ein Pickel und eine Axt, sonst ist hier kein Lebenszeichen auszumachen. Ich ziehe meine Gummistiefel über und steche vorsichtig ins Wasser. Ich setze die Kaskaden des Baches in den Vordergrund, wo das Wasser schäumend in meine Richtung fliesset. Damit erreiche ich Bewegungsdynamik. Im Hochformat gelingen eher Aufnahmen, die den Wasserfall herausarbeiten, ohne viel ablenkendes Umfeld. Da der Wasserfall nicht so mächtig ist, kann ich den Bach gefahrlos betreten. Nach rund zwei Stunden habe ich die Szene erschöpfend fotografiert, packe meine Sachen zusammen und verlasse den magischen Ort.
Mailand ist eine Stadt der Superlative, die für einen Kurzurlaub gut zu erreichen ist. Ich habe während vier Tagen Mailand fotografisch beschnuppert und mich auf das Thema Architektur fokussiert.
Ich führte einst eine fachliche Diskussion mit einem schweizweit bekannten Fotografen, der leider viel zu früh verstorben ist, über das Thema Architekturfotografie. Er meinte, er sehe dabei keinen künstlerischen Impact, in etwa so, wie wenn man im Museum einen Picasso fotografiere. Der Künstler sei im Fall von Architektur der Architekt, nicht der Fotograf. Ich war ganz und gar nicht seiner Meinung, für mich ist die fotografische Interpretation eines Bauwerks in seiner Umgebung und im Licht eine eigenständige künstlerische Leistung. Ich fotografiere auch Bäume oder Menschen, zu deren Erzeugung ich nichts beigetragen habe. Die Begeisterung am Fotografieren von Architektur hat auch mit Würdigung und Wertschätzung der äusseren Hülle und mit Formensprache zu tun. Als Fotograf streife ich den Formen, Strukturen, Linien und Farben an der Oberfläche entlang – würde gern noch tiefer in das «Seelenleben» von Gebäuden blicken und mehr über Sinn und Zweck erfahren. Bei Architekturaufnahmen steht immer die Frage im Raum, ob die vertikale Perspektive begradigt werden soll. Mit Weitwinkelobjektiven entsteht ja immer eine verstärkte Verjüngung nach oben oder nach unten, je nachdem, wie man seine Kamera hält. Der perspektivische Verzug ist eine natürliche Erscheinung, auch mit blossem Auge verengen sich die Hochhäuser oben. Ich halte es so: Einen kleinen Verzug im Bild begradige ich in der Regel, wenn dadurch die natürliche Sicht nicht überstrapaziert wird. Manchmal wirkt eine Begradigung unnatürlich, sodass das «Oben» breiter wirkt als das «Unten». Sobald der Verzug in der Bildsprache dazugehört, lasse ich das Foto so, wie es ist.
Die Wahl der Kameraausrüstung
Wenn ich mit Begleitung reise, will ich nicht ausschliesslich fotografieren, sondern auch etwas sehen, riechen, schmecken oder erleben. Das Fotografieren ist nicht das eigentliche Ziel der Reise, die Ausrüstung ist aber mit dabei. So muss ich im Vorfeld einiges entscheiden, zum Beispiel, welche Objektive mit ins Gepäck kommen oder ob ich ein Stativ mitnehme oder auf die Neutraldichte-Filter verzichten will. Bequem soll es sein – ich will nicht unter einem schweren Fotorucksack erdrückt werden. Für meine Kamera Canon EOS R5 Mark II, habe ich die beiden Objektive RF 15–35 mm, f2.8 und das RF 27–70 mm, f2.8 mitgenommen. Und kein weiteres Zubehör. Die Wahl hat immer damit zu tun, was man unterwegs fotografieren möchte. Ein weiteres Objektiv, das ich für Porträts liebe, ist das RF 70–200, f2.8, aus Gewichtsgründen habe ichs zuhause gelassen. Gedanklich lasse ich vorab (fotografisch gesehen) die Menschen aussen vor. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass die vielen Touristen vor Ort durchaus das eine oder andere schöne Motiv hergegeben hätten. Selfies sind in einer Metropole wie Mailand allgegenwärtig, und die Protagonisten sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie mich als Fotografen nicht im Geringsten wahrnehmen.
Bei einem Städtetrip ist es für mich üblich geworden, dass ich mich auf ein Genre fokussiere, diesmal auf Strassenzüge, -szenen und Architektur. Das Weglassen von anderen fotografischen Begehrlichkeiten, zum Beispiel nachts zu fotografieren, hilft das Gepäck zu minimieren.
Dom und Galleria Vittorio Emanuele II
Mit dem Zug ab Wädenswil nach Zürich, von dort einen direkten Intercity nach Milano Centrale. Die Fahrt dauert etwa dreieinhalb Stunden. Wir reisen um die Mittagszeit ab, checken im Hotel ein und kommen noch in den Genuss einer ersten Abendstimmung in Mailand. Wir sind in Fussdistanz zum Dom einquartiert und wollen den Sonnenuntergang auf der Terrasse des Doms geniessen. Das Touristenaufkommen ist im März moderat und so bekommen wir am Ticketschalter unser Billet für happige 28 Euro pro Person. Auf dem Dach des Doms herrscht trotzdem ein gewisses Gedränge, und an personenlose Fotos ist fast nicht zu denken. Ausserdem wird am Mailänder Wahrzeichen fleissig renoviert, sodass viele Baugerüste die fotografische Sicht etwas einschränken. Trotzdem gelingen einige eindrückliche Shots auf den gotischen Bau aus dem 14. Jahrhundert.
Der Mailänder Dom ist das unbestrittene Zentrum Mailands. In der Hochsaison ist wegen der internationalen Touristenflut abzuraten.
Die filigranen Spitztürmchen mit all den Figuren, die Verzierungen – diese dominante Vertikale! Kaum ein anderes gotisches Bauwerk übt auf mich diese Faszination aus.
Vor allem in der goldenen Stunde reflektiert der rosa-weisse Candoglia-Marmor das warme Licht. Bei geschlossener Blende setze ich die Sonne zwischen die Mauern und fange einen Sonnenstern ein.
Mit dem 15-mm-Objektiv gelingen Aufnahmen in einer «anderen» Perspektive, indem ich von unten nach oben aus der Froschperspektive fotografiere.
Aussicht vom Dach des Doms auf die Skyline von Mailand.
Umgekehrt ist die Vogelperspektive ebenfalls reizvoll. Von oben sehen die Massen aus wie Ameisen. Ein Drahtgitter verhindert, dass etwas herunterfallen kann. Ich halte die Kamera ganz ans Gitter und fotografiere mit offener Blende 2f.8. Dann liegt das Gitter in der Unschärfe und ist fast nicht mehr zu erkennen.
Gleich neben dem Dom ist die berühmte Galleria Vittorio Emanuele II mit der eindrücklichen Stahl-Glaskuppel zieht Tausende in ihren Bann. Hier ist an Modeshops alles vertreten, was Rang und Namen hat.
Zeitgenössische Architektur
Heute machen wir uns auf, Mailands sehenswerte Architektur zu entdecken. Wir fahren von unserem Hotel zum Palazzo Lombardia, ein paar Blocks vom Bahnof Centrale entfernt. Mir hat es die rchitektur hier besonders angetan. Symmetrisch schwingt sich die kakaofrucht-ähnliche Kuppel hoch über unsere Köpfe. Dadurch ist der Platz vor Nässe geschützt.
Ein paar Fussminuten weiter gelangen wir im Quartier Porta Nuova zu den beiden Türmen, die als Bocso Verticale berühmt wurden. Der Architekt Stefano Boeri hat die 80 und 112 Meter hohen Wohnhäuser begrünt und ein Zeichen gesetzt, wie man städtebaulich der sommerlichen Hitze entgegenwirken kann. Auf 400 Terrassen wachsen 800 Bäume und 4500 Sträucher. In Rotkreuz kann man übrigens im kleineren Format einen ähnlichen Bau erkennen.
Bosco Verticale, 110 und 80 Meter hoch, fertiggestellt 2013, Architekt Boeri Studio.
Die beiden Türme Bosco Verticale stehen am Rand eines Parks, der von geometrisch angelegten Wegen gesäumt wird, die den Park in einzelne Themenfelder gliedern. Im März ist es allerdings noch nicht ganz so weit mit der Blumenpracht. Wir sind in der Nähe des Quartiers um den UniCredit-Tower, dem höchsten Gebäude Italiens.
Ein Hochhaus reiht sich ans andere, und alle stehen für Eigenständigkeit. Im Vergleich dazu ist die Europaallee in Zürich eine an Formensprache armen Klötzliarchitektur. Der Torre UniCredit ist mit 231 Metern das höchste Gebäude Italiens. Er umrahmt mit anderen Gebäuden einen künstlich angelegten runden Teich, der vor allem abends sehr reizvoll wirkt.
Der Aufgang von der Tiefgarage auf die Shoppingebene wird goldenen Skulptur dominiert, die unverkennbar etwas mit Musik zu tun hat.
Einer meiner Architektur-Hotspots in Mailand heisst CityLife Shopping District. Er besteht aus einem Einkaufszentrum, den Tre Torri (drei Türme), einem Kongresszentrum und einer Wohnsiedlung von der verstorbenen Architektin Zaha Hadid. Alles nah beisammen und zu Fuss bequem erreichbar. Mit etwas Abstand kann ich die drei Türme halbwegs gerade ausgerichtet fotografieren. Der linke Turm im Bild ist der Torre Generali. Er wird gerade baulich aufgestockt. 177 Meter hoch, 43 Stockwerke, erbaut 2014–2017 von Zaha Hadid Architects. Der Turm schraubt sich in die Höhe und seine Linien mir ins Gedächtnis: Wow. Der mittlere Turm ist der PWC-Tower, 175 Meter hoch, von Daniel Libeskind 2015–2020 erbaut. Er wird liebevoll der Krumme genannt. Der dritte im Bund heisst Torre Allianz, 209 Meter hoch mit 50 Etagen. Das Geschäftshaus wurde von Arata Isozaki entworfen und hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Matratze.
Ich komme nicht darum herum, die Architektur zu bestaunen. Alle drei Türme haben auf ihre Weise eine eigene Formensprache und stehen dennoch durch ihre Lage eng beisammen. Sie sind für mich die unbestrittenen Stars in der Manege.
Ich habe auch noch etwas Wetterglück, denn blauer oder bewölkter Himmel sind für gute Aufnahmen natürlich vorteilhaft. Ich fotografiere mit meinem Objektiv Canon RF 15–35 mm, wobei eher mit 15 als mit 35 mm. Die Perspektive senkrecht von unten nach oben lässt eine besondere Dynamik zu. Aus dieser Sicht ist an eine Begradigung der senkrechten Linien nicht zu denken. Licht und Schatten, aber auch Spiegelungen sind überall sichtbar.
Alle drei Türme gleichzeitig im Bild zu haben, ist mit dem 15er nicht ideal. Das nächste Mal werde ich mein RF 10–20 mm dabeihaben! Mitten auf dem Platz steht ein grosser Wegweiser, den ich gut ins Bild einbauen kann.
In der Nachbearbeitung in Lightroom/Photoshop kreiere ich eine Blau-Entsättigung, helle die Gebäude etwas auf und dunkle den Hintergrund zu. Die bewirkt eine fasst surreale Härte im Bild. Die Sonne wurde leider von einem milchigen Wolkenschleier verdeckt, so dass sich keine Sonnensterne produzieren liessen.
Der krumme PWC-Tower ist ein Phänomen. Er steht so krumm wie eine Banane und man kommt ob der Statik ins Grübeln. Je nach Perspektive und Weitwinkel-Verzug verstärkt sich der Eindruck, so etwas könne doch gar nicht stehen, geschweige denn halten.
Am verdrehten Generali-Tower von Zaha Hadid wird gerade oben gebaut, deswegen ist untenherum die Baustelle nicht frei zugänglich. Das Design des Turms ist atemberaubend, dass sich fast jede Perspektive lohnt.
Man sollte nie vergessen, dass gerade die Architektur tolle Möglichkeiten für Schwarz-Weiss-Umsetzungen bietet. Ich bevorzuge die Umsetzung in der Nachbearbeitung in Lightroom/Photoshop und fotografiere nie schwarz-weiss mit der Kamera. Dies deshalb, weil in der Nachbearbeitung die einzelnen Farbtöne gezielt angesteuert und in Graustufen umgewandelt werden können. Masken erlauben ebenfalls viel mehr Möglichkeiten, als dies eine Kameraeinstellung direkt leisten kann.
Nun zur Matratze: Hier hat der Architekt Isozaki acht Module aufeinandergestapelt, das dritte Modul wird von zwei grünen runden Trägern gestützt. Auch hier wirken fast alle Perspektiven von unten. Und auch hier darf in der Nachbearbeitung noch etwas an Dramatik hinzugefügt werden.
Wer es mag, findet hier an allen Ecken Motive, die sich für Streetart eignen:
Gleich neben dem Einkaufszentrum CityLife liegt das Allianz MiCo, das Milano Convention Centre. Es wurde von Mario Bellini Archtitects entworfen und 2011 fertiggestellt. Das lamellenartige Dach wurde angeblich einem Kometen nachempfunden – ich persönlich sehe eher eine Schildkröte oder ein zerknülltes Papier. Wie auch immer, grossartig anzusehen ist es allemal.
Ein paar Schritte in der Nachbarschaft weiter steht eine weisse Wohnsiedlung, sie zieht meinen Blick magisch an. Die Häuser sind mit einem stabilen Stahlzaun eingehegt, der Zutritt oder auch das Fotografieren wird durch einiges Sicherheitspersonal verhindert. Leider ist deshalb auch der optimale Kamerastandort nicht möglich, immerhin bekommt man auch von ausserhalb einen bleibenden Eindruck.
Es ist eine Siedlung die ebenfalls Zaha Hadid entworfen hat. Sie erinnern in ihrer Formsprache an mehrstöckige Schiffe. Die horizontale Stockwerkbetonung wird durch schräge Holzverkleidungen und Fensterfronten dynamisiert. Auskragende Balkone und spitz zulaufende Ecken sind jedem Haus zu eigen. Von aussen ist jede Wohneinheit anders gestaltet und doch bildet das Ganze eine harmonische Einheit.
Mailand ist mehr als eine Reise wert. In unseren drei Tagen kann man längst nicht alles fotografieren, was sehenswert ist. So gibt’s das Mailand des Shoppings, der Kunst, das historische-römische Mailand, all die Kirchen und Basiliken, Michelangelos Abendmahl, die Pärke und Porti, das San-Siro-Stadion und vieles mehr. Stellvertretend zeige ich euch noch ein paar Fotos von Navigli Grande bei/nach Sonnenuntergang.
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshop durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil
Wassertropfen liegen auf einer Glasplatte. Etwa 20 cm darunter eine Schale, die mit Smarties gefüllt ist. Die Schärfeebene liegt auf den Wassertropfen, während die bunten Smarties in der Unschärfe liegen und sich in den Tropfen spiegeln.
Die Schärfe des Motives
Kamerasysteme sind darauf ausgelegt, ein Motiv scharf zu fokussieren. Es gibt verschiedene kameraseitige Methoden, Schärfe einzufangen. Allgegenwärtig ist der Autofokus, mit dem die Kamera ein angepeiltes Motiv automatisch scharf stellt. Weiter gibt es Personenerkennung, Tiererkennung, Augenerkennung und andere Assistenzsysteme, die helfen, schnell zu fokussieren. Die Schärfe des Motives hat Grenzen, die von drei Einflussgrössen bestimmt wird: der Brennweite des Objektivs, der eingestellten Blende und den Distanzen Kamera–Motiv und Motiv–Hintergrund. Mit anderen Worten: Meistens gibt es eine Schärfeebene im Bild, davor und dahinter ist das Foto zunehmend unscharf. Natürlich kann man ein Foto von vorn bis hinten scharf ablichten oder auch gänzlich unscharf. Im Normalfall zeigt ein Bild ein scharfes Motiv und unscharfe Nebenschauplätze. Ich will im folgenden Abschnitt die Unschärfe erläutern, denn sie trägt viel zur besseren Darstellung des Motivs bei. Und: die Unschärfe kann sowohl hinter als auch vor dem Motiv liegen.
Unschärfe ist gerade ein Gestaltungsmittel, welches bei Digitalkameras mit verstellbarer Blende zur Verfügung steht – im Gegensatz zu Handykameras, die in der Regel darauf ausgelegt sind, von vorn bis hinten alles scharf aufzuzeichnen. Wie langweilig. Das Gestaltenkönnen von Unschärfe mit Blende und Objektivwahl ist allein ein guter Grund, nicht mit Handy, sondern mit einer richtigen Kamera zu fotografieren.
Um die Wirkungsweise von Schärfe und Unschärfe zu verstehen, bedarf es eines kleinen Ausflugs in die Gestaltungstheorie. Ein paar wenige, universell gültige Gestaltungsgesetze kommen dafür zum Tragen. Ich habe sie in meinem Buch «Fotografie für dich» ausführlich beschrieben (erhältlich bei Foto Tevy oder im Buchhandel). Wer diese Gesetze verinnerlicht, der wird ganz automatisch die Wirkungsweise von Unschärfen oder von Bokeh verstehen und anwenden.
Das Gesetz der Prägnanz (der guten Gestalt)
Es werden bevorzugt Gestalten (Motiv) wahrgenommen, die sich von anderen Bereichen im Bild durch ein bestimmtes Merkmal abheben. Das kann eine bestimmte Form sein, aber auch eine besondere Farbe oder das Motiv wird mit Helligkeit oder Kontrast herausgearbeitet. Das Gesetz der Prägnanz ist eng verflochten mit dem Gesetz von Figur und Grund. Mit anderen Worten gehts um plakative Fotografie und darum, dass sofort erkannt wird, was das Bild aussagen will. Bei einem Gesicht vor monochromem Hintergrund (wie bei einem Passfoto), ist dies der Fall. Wenn Hintergründe wuselig oder zu detailliert sind, wird das Motiv im Vordergrund dadurch beeinträchtigt. Schon bei der Aufnahme achte ich nicht nur auf das Motiv, sondern beziehe den Vorder-, den Mittel- und Hintergrund immer mit ein.
Prägnanz bedeutet, dass ein Bilddetail (das Motiv) dominant erscheint, und alles andere etwas unscheinbarer ist. Prägnanz bedeutet auch, dass das Bild über diesen Mechanismus schneller gesehen und erkannt wird, die Wirkung ist verstärkt. Prägnanz hat nicht mit der Bildqualität an sich zu tun. Es geht eher um die Schnelligkeit des Erkennens. Es gibt deshalb «weniger gute» und «bessere» Fotos, in denen das Gesetz der Prägnanz wirkt.
Das Bild wirkt unruhig und zu detailreich. Es fehlt ihm die prägnante Figur, Das Auge wandert durch das Foto und erkennt nicht sofort, was damit ausgedrückt werden soll. Es ist nicht klar, ob der der blaue Starter, die Startlinie oder die Motocrossfahrer die zentrale Aussage bilden.
Prägnanz bedeutet, dass ein Bilddetail (das Motiv) dominant erscheint, und alles andere etwas unscheinbarer ist. Prägnanz bedeutet auch, dass das Bild über diesen Mechanismus schneller gesehen und erkannt wird, die Wirkung ist verstärkt. Prägnanz hat nicht mit der Bildqualität an sich zu tun. Es geht eher um die Schnelligkeit des Erkennens. Es gibt deshalb «weniger gute» und «bessere» Fotos, in denen das Gesetz der Prägnanz wirkt.
Fondation Beyeler, Riehen. Im linken Foto wirkt das Gesetz der Prägnanz, aber weniger stark, weil sechs Figuren und Spiegelungen eher verwirren. Rechts ist eine ähnliche Situation, in der man die Spiegelung ganz einfach dekodieren kann. Das Bild rechts funktioniert schneller – es ist nicht automatisch das bessere Foto.Das Foto besitzt eine dominante Figur (die beiden Sportler), der Hintergrund ist verschwommen. Man erkennt sofort das Tempo der Motocrosser. Die Unschärfe im Hintergrund sorgt für eine schnelle Dekodierung.
Das Figur-Grund-Gesetz
Unser Auge-Hirn-System ist darauf ausgelegt, auf Fotos bekannte Formen, Strukturen und Farben herauszulesen, im Hirn mit Bekanntem abzugleichen und daraus zu einer Erkenntnis zu gelangen. Auf den meisten Fotos ist eine Figur zu erkennen. Fotografisch gesehen unser Motiv. Der Hintergrund steht immer hinter der Figur. Es gibt also einen direkten Zusammenhang, was vorn und hinten ist. Die Figur verdeckt den Hintergrund teilweise.
Das Figur-Grund-Gesetz ist in dieser Darstellung verdeutlicht. Wir erkennen sofort, was vorn und was hinten ist.Das Pferd wird durch das wuselige Umfeld nahezu unsichtbar gemacht. Die Figur und der Hintergrund sind nicht mehr klar erkennbar. Man muss sich erst mit dem Bild beschäftigen, um das Porträt zu erkennen.Wenn der Hintergrund einfach und ohne Details gehalten ist, ist das Porträt deutlich schneller wahrnehmbar. Mit anderen Worten: der Hintergrund ist im Wesentlichen dafür verantwortlich, ob wir das Bild schnell wahrnehmen oder erst mühsam entschlüsseln müssen.
Wir erkennen aus der gelebten Erfahrung, was auf einem Foto vorn, hinten, oben und unten ist, obwohl das Foto völlig flach vor uns liegt. Je deutlicher die Figur zu sehen ist, desto schneller kann man das Bild erkennen. Deutlich kann zuweilen auch schöner, harmonischer oder wirksamer bedeuten – alles Qualitätsmerkmale, die in der Fotografie angestrebt werden. Um eine Figur (Motiv) deutlicher herauszuarbeiten, gibt es verschiedene gestalterische Techniken, die wichtigsten sind hier aufgelistet:
Figur vor einen monochromen Hintergrund stellen (graue/weisse/schwarze Fotowand im Fotostudio)
Figur farblich vom Hintergrund absetzen
Figur in Kontrast/Helligkeit zum Hintergrund absetzen
Hintergrund in die Unschärfe legen
Hintergrund mit Bewegungsunschärfe ausstatten
Beim Originalfoto links ist der Hintergrund sehr unruhig. Mit einer Maske in der Nachbearbeitung kann das Motiv und der Hintergrund besser voneinander abgesetzt werden. In der Mitte habe ich die Helligkeit verändert, rechts ist der Hintergrund toniger.
Diese visuellen Techniken können während der Aufnahme aber auch in der Nachbearbeitung entstehen. Einfach zu merken: der Hintergrund sollte nicht zu wuselig sein. Er muss möglichst gleichmässig sein und wenig Struktur aufweisen.
Sehen wir uns einmal dieses Porträt an, welches von einem Mittelaltermarkt in Zug stammt. Der Protagonist steht vor einer Efeuhecke, die ziemlich wuselig erscheint. Wenn wir das Gesetzt der Prägnanz und das Gesetz von Figur und Grund anwenden möchten, sollte der Hintergrund weniger deutlich sein.
Links steht die Figur zu dicht am Hintergrund. Auch bei offener Blende ist die Chance klein, ein deutliches Bokeh zu erhalten. Rechts wurde die Unschärfe in der Nachbearbeitung erzielt. Die Figur setzt sich deutlicher vom Grund ab.Links: Die Figur wurde hier aus dem Hintergrund herausgelöst (freigestellt), um sie zu verdeutlichen. Mitte: die freigestelle Figur kann nun mit einem beliebigen Hintergrund wie hier mit einer gelben Fläche kombiniert werden: Rechts: Auch die Figur kann im Nachhinein verändert werden: schwarz-weiss mit hohem Kontrast.
Bokeh
Wenden wir uns dem Bokeh zu. Das fotografische Freistellen mit Unschärfe ist eine Methode, die Figur zu verdeutlichen. Sie bezieht sich auf Unschärfe des Vorder- oder Hintergrundes, die ich in diesem Beitrag erläutern möchte. Bokeh stammt aus dem Japanischen und bedeutet «Verschwommen», «Unschärfe». Gemeint ist die Unschärfe, die durch die offene Blende entsteht. Es gibt fotografische Techniken, die ebenfalls Unschärfe erzeugen, zum Beispiel durch Mitziehen der Kamera, durch Bewegungsunschärfe oder Techniken, die in der Nachbearbeitung zu Unschärfe führen. Dann führen auch natürliche Wetterphänomene wie Nebel, Wolken, Dunst zu «Unschärfen».
Unschärfen im Hintergrund können auch durch Nebel entstehen. Effektvoll bei Porträts ist, dass sich die Figur leicht vom Hintergrund absetzt.
Im engeren Sinn steht Bokeh für die Unschärfe, die durch die Blendenöffnung entsteht.
In der Makrofotografie ist Bokeh eine beliebte Methode, das Motiv herauszuarbeiten. Der weiche Hintergrund erzeugt eine poetische Darstellung.Der weichgezeichnete Hintergrund macht aus jedem Porträt etwas Besonderes.
Die Blendenöffnung steuert die Unschärfe im Vorder- und Hintergrund. Die Blende besteht je nach Kamera aus einer verschiedenen Anzahl Lamellen, die sich säbelförmig schliessen.
Links: Die relativ offene Blende von f2.8 bis etwa f8 erzeugt ein eher grosses Bokeh mit geringer Schärfentiefe; geschlossene Blenden von 14 bis 25 (rechts) bringen kleinere Unschärfen. Dafür ist die Schärfentiefe grösser.Hier liegt die Schärfenebene auf den Augen, die Kopfkontur und das Ohr rechts liegen bereits in der Unschärfe. Die offene Blende erzeugt im Hintergrund eine weiche Fläche, die perfekt zum Baby passt.Die Blendenwahl schafft einen Kompromiss zwischen Bokeh und Schärfentiefe. Eine ganz offene Blende fokussiert oft nur auf ein Auge, alles andere liegt in der Unschärfe. Dafür ist das Bokeh wunderschön.Je nach verwendetem Objektiv und der Distanz der Figur zum Hintergrund wird das Bokeh unterschiedlich ausfallen. Hier war die Brennweite 50 mm im Einsatz bei Blende f4. Die Person ist überall scharf, dafür ist das Bokeh weniger ausgeprägt.Bei diesem Porträt liegt die Unschärfe vor und hinter dem Motiv. Das Bokeh ist ein prägendes Gestaltungselement.
Mit dem Schliessen der Blende wird Licht reduziert und die richtige Belichtung ermöglicht. Die folgende Darstellung zeigt das Prinzip der scharfen Abbildung. Links liegt das Motiv, in der Mitte die Kamera mit dem Objektiv und davor die Blende, rechts wird das Motiv seitenverkehrt auf den Sensor belichtet. Die Optik hat eine Schärfeebene, auf der alles scharf abgebildet ist.
Wie entsteht nun ein Bokeh? In der folgenden Abbildung liegt ein Punkt B weiter weg als das Motiv der Gegenstandsebene. In der Optik liegt der Schärfepunkt vor der Schärfeebene, der Punkt B wird auf dem Sensor als unscharfe Fläche dargestellt (graues Oval).Je weiter der Hintergrund (Punkt B) vom Motiv weg ist, desto grösser ist die Unschärfe. Wenn ich Personen direkt vor einer Mauer, einer Wand oder Fassade fotografiere, wird der Hintergrund immer eine Restschärfe aufweisen. Wenn ich möchte, dass die Unschärfe total ist, dann muss ich halt zwingend für Distanz vom Motiv zum Hintergrund sorgen.
Die mögliche Unschärfe kann man wie folgt ausprobieren. Display einschalten, Autofokus auf «Manuell» stellen, eine bestimmte Blende wählen und am Fokusring drehen, bis das Bild in die Unschärfe kippt. Wenn du jetzt die Blende veränderst, wirst du feststellen, dass im Display sich die Unschärfe verändert: Je geschlossener die Blende, desto weniger deutlich ist das Bokeh.
Wer Blumen oder Pilze von oben nach unten fotografiert, kreiert nicht genügend Distanz vom Motiv zum Hintergrund. Das Resultat rechts ist ein Motiv im unruhigen und relativ scharfen Umfeld.Hier ist der Aufnahmewinkel flacher, die Kamera liegt näher am Motiv und der Hintergrund ist weiter weg. Resultat: Im Hintergrund tut sich eine schöne Unschärfe auf, die das Motiv freistellt.Bei dieser Aufnahme liegt die Kamera direkt auf dem Waldboden, der Hintergrund ist mehrere Meter entfernt. Bei offener Blende ergibt sich eine wunderschöne Unschärfe, die das Motiv störungsfrei freistellt.
Unschärfekreise
Lichtpunkte, die ausserhalb der Schärfeebene liegen, erscheinen als mehr oder weniger grosse Unschärfekreise (oder auch Zerstreuungskreise). Die kreisförmigen Punkte zeigen oft die Bauweise der Blende, das heisst, sie sind nicht ganz rund, sondern erscheinen mehreckig. Zur Abgrenzung: Bokeh bezieht sich auf die verschwommene Unschärfe generell, Unschärfekreise bezeichnet nur die kreisförmigen Unschärfen.
Die Streukreise werden durch die Blendenöffnung gebildet und die Distanz, die zwischen Kamera und den Lichtpunkten in der Ferne liegen. Die Kamera bildet jeden hellen kleinen Fleck als unscharfen Streukreis auf dem Sensor ab. Je kontrastreicher dieser Fleck in der Natur ist, desto heller zeichnet er sich ab. Aus diesem Grund bildet Sonnenlicht bessere Voraussetzungen für Streukreise als diffuses Licht bei bewölktem Himmel. Glitzerndes Wasser bietet einen sehr grossen Kontrast und erzeugt schöne Streukreise. In der Live-View-Funktion kannst du im Display gut kontrollieren, wie sich die Streukreise vergrössern oder verkleinern, wenn du die Blende änderst. Beachte, dass nicht immer die offenste Blende die wirkungsvollsten Streukreise ergeben.
Fotografisch heisst das Phänomen Schärfentiefe. Je offener die Blende ist, desto kleiner ist die Schärfentiefe, also die Distanz im Bild, wo es scharf ist. Bei einem Gesicht kann mit Offenblende f1.8 zum Beispiel nur das nähere Auge in der Schärfe liegen, alles andere ist leicht unscharf. Bei der gleichen Aufnahme mit Blende f6.3 ist das ganze Gesicht scharf abgebildet. Die Schärfe im Bild zieht automatisch den Blick auf sich, sie ist ein Mittel der Betonung. Neben der Blendenwahl ist die Brennweite von Bedeutung. Bei einem Objektiv mit 35 mm Brennweite entwickelt sich automatisch eine grössere Schärfentiefe, es ist also schwieriger, selbst bei einer Blende f2.8 eine schöne Unschärfe im Hintergrund zu haben. Bei einem 200er Objektiv hingegen entwickelt auch Blende f4 ein wunderschönes Bokeh. Zuletzt kommt es auf die Distanzen an.
Kleine Lichtflecken, wie sie im Geäst eines Baumes oder Waldes, überall vorkommen, bilden durch die Unschärfe kleine Kreise. Bei einer grossen Blendenöffnung (z.B. f2.8) werden die Zerstreukreise grösser und bei einer geringen Blendenöffnung (z.B. f22) sind sie nicht oder nur ganz klein sichtbar.
Bei einer kleinen Blendenöffnung wird der Hintergrund fast scharf abgebildet, es entstehen keine Zerstreukreise.Hier ist zur Verdeutlichung die Blende offener, im Hintergrund bilden sich Zerstreukreise.Zusammen mit einem bestimmten Bildstil sind Zerstreukreise immer ein Hingucker.In der Nacht entstehen Lichtpunkte durch künstliche Lichtquellen. Hier eine Doppelbelichtung, einmal scharf, einmal bewusst manuell unscharf fokussiert.
Unschärfe im Vordergrund
Als letztes Thema erzähle ich von der Unschärfe, die im Vordergrund liegt. Sie entsteht immer, wenn ein Objekt direkt vor der Linse liegt. Wenn ich zum Beispiel Blätter direkt vor die Linse halte, werden diese unscharf abgebildet.
Die Schärfeebene zeigt einzelne Blüten scharf. Das ockerfarbene Bokeh im Hintergrund sorgt für die Absetzung des Motives nach hinten. Das Geäst oben sowie die unscharfen Blüten vorn sorgen mit der Unschärfe für einen Tiefeneffekt.Ich lege die Kamera auf den Boden direkt vor ein paar Blüten und fokussiere auf ein Leberblümchen, das etwa 50 cm weit weg steht. Die Blüten vor der Linse tauchen in die Unschärfe.Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshop durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil
Spiegelungen gehören zu den beliebtesten Fotomotiven. Was das gute Foto ausmacht, wird hier beschrieben.
Der Klöntalersee im November.
Faszination Spiegelung
Dank dem eigenen Spiegelbild im Wasser konnten die Menschen (oder Tiere) in Urzeiten sehen, wie sie aussahen. Heute ist der tägliche Blick in den Spiegel Normalität. Obwohl wir uns im Spiegel seitenverkehrt sehen, haben wir uns an den kleinen Betrug gewöhnt. Denn was wir im Spiegel sehen, ist nicht das, was Menschen gegenüber von uns wahrnehmen. Spiegelbildlich trage ich meinen Scheitel links, während er real auf der rechten Seite sitzt. Im Spiegel hat mich das noch nie gestört. Eine natürliche Spiegelung ist etwas Faszinierendes, dem sich kaum jemand entziehen kann. Ich weiss nicht, warum das so ist. Weil etwas da zu sein scheint, was gar nicht ist? Eine sehr reale Sinnestäuschung, von der wir uns noch so gerne verführen lassen. Hat die aktuelle Selfie-Pandemie etwas mit der Verliebtheit in sein eigenes Abbild zu tun? Wie auch immer, Spiegelungen (nicht Selfies) sind für mich als Fotograf immer Motive, an denen ich einfach nicht vorbeikomme. Was steckt eigentlich dahinter?
Spieglein, Spieglein an der Wand … Ganz offensichtlich erfreuen sich Menschen am eignen Abbild.
Reflexion als Grundvoraussetzung für das Sehen
Weisses Licht wird von einer Lichtquelle als Strahlung auf einen Gegenstand geworfen. Teile davon werden durch den Gegenstand verschluckt (absorbiert), Teile werden reflektiert oder andere Teile werden durchgelassen. Diesen Misch nimmt das Auge-Hirn-System als Lichtreiz auf und ordnet ihn nach der eigenen Erfahrung einer Bedeutung zu. Einem runden Ding auf dem Kopf eines Velofahrers wird automatisch die Bedeutung Helm zugewiesen.
Die natürliche Lichtquelle der Erde ist die Sonne. Sie strahlt kontinuierlich weisses Licht auf die Erde, welches auf jedem Ding mehr oder weniger reflektiert wird. Der Mond selbst strahlt nicht, was wir sehen, ist die Reflexion des Lichts der Sonne. Weisses Sonnenlicht besteht physikalisch aus unterschiedlich langen Lichtwellen, die an Gegenständen unterschiedlich zurückgeworfen werden, deshalb sehen wir sie farbig. Reflexion ist der allgemeine Begriff dafür, dass Licht von einer Oberfläche zurückgeworfen wird. Das Licht kann auch aus einer künstlichen Quelle stammen. Es hat eine bestimmte Farbtemperatur, die mit Kelvin bezeichnet wird. Jedes reale Bild, das wir sehen, ist das Resultat von Reflexion.
Wenn ein Lichtstrahl in einem Winkel auf eine Oberfläche trifft, wird er in jedem Fall reflektiert. Der Einfallswinkel (𝛼) entspricht dem Reflexionswinkel (𝛼’). Mit andern Worten Einfallswinkel = AusfallswinkelIm Bodenbelag reflektiert das Sonnenlicht an der Fassade rechts. Darin ist auch eine Spiegelung des grünen Parks zu entdecken.Das Sonnenlicht wird kreisförmig an den beiden Glasfassade reflektiert. Es handelt sich hier um eine Reflexion, nicht um eine Spiegelung.
Es gibt zwei Arten der Reflexion, die sich je nach der Beschaffenheit der Oberfläche ergeben:
Gerichtete Reflexion Glatte Oberflächen, wie zum Beispiel ein Spiegel, reflektieren parallele Strahlen gerichtet und parallel im Winkel des Einfalls.
Diffuse Reflexion An nicht glatten Oberflächen wird das Licht gestreut, das heisst, nicht in eine Richtung zurückgeworfen. Bei Gebäuden, der Landschaft, bei Holz oder Haut haben wir es mit einer diffusen Reflexion zu tun. Das heisst, eine Spiegelung erscheint in diesem Fall gar nicht, verzerrt oder verschwommen.
Die parallel einfallenden Lichtstrahlen, werden durch eine unregelmässige Oberfläche in unterschiedlichem Winkel reflektiert, was zu einer diffusen Lichtwirkung führt.Les Vénètes, Arradon, Bretagne. Die Lichtstrahlen der Sonne werden durch den Wellengang gebrochen und diffus zurückgeworfen.Wädenswil. Wasseroberflächen können sehr glatt, aber auch gekräuselt sein. Je nach Oberfläche entsteht eine gerichtete oder diffuse Reflexion.
Zwischen einer gerichteten und einer diffusen Reflexion gibt es alle Zwischenstufen, so wie es halt auch unterschiedlich glatte Oberflächen gibt. Bei schwarzem Samt wird fast die gesamte Lichtmenge absorbiert, die Reflexion ist nur ganz klein. Ein poliertes Auto reflektiert das Licht hingegen sehr stark, der Reflexionsgrad ist hoch. Dazwischen liegt das Glas, welches das Licht sowohl reflektiert als auch hindurchlässt.
Fassadenspiegelung in einer Autofront.
Was ist eine Spiegelung?
Jede Spiegelung ist eine Reflexion, aber nicht jede Reflexion ist eine Spiegelung. Die Spiegelung ist die Extremform der gerichteten Reflexion. Es braucht dazu eine sehr glatte Oberfläche, bei welcher fast das gesamte Licht in eine bestimmte Richtung zurückgeworfen wird. Eine Spiegelung weist eine klare Form auf, sie widerspiegelt, was in der realen Welt zu sehen ist. Jedes Bild, das wir sehen, ist hingegen auf Reflexion zurückzuführen. Um von einer Spiegelung zu sprechen, müssen wir in dieser die Form und Farbe der realen Welt wahrnehmen.
Die glatte Oberfläche des Spiegels gaukelt dem Hirn vor, dass ein Objekt in der verlängerten Achse des Blickwinkels liegt. Bilbao, Guggenheim-Museum. Die klassische Spiegelung ist Wasser. Weil nicht das ganze Licht reflektiert wird, scheint die Spiegelung immer eine Nuance dunkler als die reale Welt.Bei welligem Wasser löst sich die Spiegelung in den Wellenformen auf. Zwischen der klaren (gerichteten) und diffusen Reflexion gibt es alle Zwischenstufen. Je deutlicher die Reflexion, desto eher sehen wir darin eine Spiegelung.Die Spiegelung in Wellen nimmt fast immer eine abstrakte Form an. Die Unterscheidung zwischen Reflexion und Spiegelung ist hier nicht mehr möglich.Hier spiegeln sich die Schilfrohre im wellenförmigen Wasser. Die Pflanzen sind zu erahnen. Es handelt sich um eine Spiegelung.Wasservögel spiegeln sich auf flachem Wasser, zum Beispiel in einem Hafen. Der Haubentaucher ist im Spiegelbild klar zu erkennen.
Spiegelungen in der Natur
Die natürlichen Spiegelungen finden wir Hobbyfotografinnen und -fotografen in Teichen, Flüssen und Seen. Je grösser und tiefer das Gewässer, desto eher treibt der Wind die Wellen hoch. Schon das geringste Gekräusel macht eine Spiegelung zunichte. Ebenso bei Fliessgewässern: ein Bach oder ein schnell fliessender Fluss weist meist keine Spiegelung auf. Wo Staustufen den Fluss behindern, entstehen glatte Oberflächen für die Spiegelung.
Hüttnersee in der Abendstimmung. Kleine Seen in geschützten Lagen bilden gute Voraussetzungen für Spiegelungen. Wenn noch die Sonnenstimmung dazukommt ist das Motiv perfekt.Der Klöntalersee zeigt sich im November gänzlich ohne Luftzug und Wellenbewegung. Der See spiegelt sich nahezu perfekt. Der Abfluss im Vordergrund ergänzt das reizende Motiv.Saoseosee, Puschlav. Auch hier gehört die Spiegelung zum Hintergrundgestaltung, die das Motiv, den Felsbrocken, einrahmt.Das Geäst rund ums Foto rahmen den spiegelnden Bergsee ein. Im Fachjargon Framing genannt. Der Fensterblick betont die Szenerie.Olden, Norwegen. Norwegens weit verzweigte Fjorde sind (fernab der Kreuzfahrtrouten) meist wellenlos und bieten atemberaubende Spiegelungen. Dies auch deshalb, weil die Berge direkt ans Meer grenzen. Wenn die Landschaft über dem Wasserspiegel flach ist, fällt auch die Spiegelung weniger auf.Nochmals in Norwegen. Die Schwierigkeit ist oft die, dass man vom Wasser her Richtung Ufer fotografieren möchte, um die Spiegelung einzufangen. Schmale Buchten oder auch Stege sind dafür gut geeignet.
Spiegelungen mit Menschen
Ich erachte es als Herausforderung, Menschen ins Foto zu integrieren. So sind Naturlandschaften ohne belebende Wirkung von Menschen «nur» schön. Mit Menschen auf dem Bild beginnt das Bild zu sprechen, die Aussagekraft ist höher. Nicht immer stehen Menschen zur Verfügung, aber wenn sie schon ins Bild laufen, dann sollte man sie nicht daran hindern …
An breiten flachen Stränden hinterlässt das zurückfliessende Meer eine glatte und spiegelnde Oberfläche. Reizvoll, auch hier, ist natürlich der Sonnenuntergang.Strassenpfützen sind oftmals ohne jegliche Wasserbewegung als Spiegel geeignet. Der hohe oder tiefe Kamerastandort ergibt ganz andere Fotos.In einem Lost place liegen Wasserpfützen, in denen sich die Fensterrahmen spiegeln.Maag-Halle, Zürich. Die sonnige Abendstimmung kontrastiert mit den blauen Schatten. Methanblasen auf dem Sihlsee. Die Spiegelung kann auch zum Hauptmotiv werden. Dazu braucht es etwas Mut, die Person stark zu beschneiden.
Künstliche Gewässer
In fast jeder Stadt gibt es heute künstlich angelegten Gewässer, die im Gegensatz zu den grösseren Seen oft besser zugänglich sind und auch eine eindrucksvollere Kulisse spiegeln.
Vor der Oper Leipzig wurde ein betongefasster Teich errichtet. Er bildet in der blauen Stunde einen reizvollen Spiegel.Oper Leipzig. Ich habe hier auf eine exakte symmetrische Kameraaufstellung geachtet.Die Sächsische Aufbaubank in Leipzig besitzt ein Forum mit einer Säulenallee aus 159 Säulen. Ein knöcheltiefer Tümpel bildet allerlei spiegelnde Perspektiven.Opernhaus Zürich, Sechseläutenplatz. Eine auf den gepflästerten Platz gelegte durchsichtige Plexiglasplatte 50 x 70 cm bildet die spiegelnde Grundlage dieser Aufnahme. Die Kamera liegt direkt darauf.
Spiegelungen in der Architektur
Moderne Architektur kommt ohne Glas nicht aus und Glasfronten spiegeln ihre Umgebung. In der Stadt sind Spiegelungen allgegenwärtig. Ich suche jeweils Gebäude mit hohem Spiegelungspotenzial, das heisst, die Glasflächen müssen grossflächig zu sehen sein. Dann ist auch die Form der Glasflächen entscheidend, sowie die Umgebung.
Gebäude der Swiss Re in Zürich. Die wellenförmige Fassade lädt zu experimentellen Spiegelungen ein.
Für mich eines der interessantesten Spiegelbauwerke ist das Schaudepot in Rotterdam. Das fast 40 Meter hohe Lagerhaus ist ein als Museumsdepot, Werkstatt und Schaudepot entworfenes Gebäude, das für das Publikum zugänglich ist. Es trägt eine tassenförmige verspiegelte Fassade, in der sich die Umgebung spiegelt.
Räumliche Irritationen
Spiegelungen, die Rätsel aufgeben, die zum Entdecken und Entschlüsseln einladen, finde ich besonders interessant. Durch geeignete Bildschnitte kann ich das Rätsel noch betonen.
Ein paar Badegäste tummeln sich an der Maggia. Sie ahnen nicht, dass ihnen gegenüber der Maggiageist lauert …Einen Ausschnitt näher entpuppt sich der Fels im Wasser als …… Maggiageist.
Spiegelungen entdecken
Grundsätzlich ist an jeder glatten Fassade eine Spiegelung versteckt. Man muss nur nahe rangehen, um sie zu entdecken. Jedes Schaufenster hat ein verborgenes Potenzial. In Bilbao gibt’s nahe dem Guggenheim-Museum diesen markanten roten Brückenpylon mit einer gestreiften Innenseite, die nachts leuchtet. Wenn ich mich mit der Kamera nähere, entstehen ganz eigene Spiegelbilder, die man beim Vorbeischlendern halt nicht beachtet.
Spiegelungen bei Nacht und Regen
Regen ist die Voraussetzung für den Glanz und Spiegelungen auf Strassen. Die Nacht ist die Voraussetzung für die vielen Leuchtpunkte, die sich in der Nässe spiegeln. Wenn eine der beiden oder beide Voraussetzungen erfüllt sind, geht der engagierte Fotograf nach draussen, um Spiegelungen zu finden.
St. Gallen. Unter einem Vordach vor Regen geschützt lassen sich die spiegelnden Fassaden gegenüber perfekt ablichten.St. Gallen, gleicher Ort. Hier habe ich in Photoshop mit dem Filter Bewegungsunschärfe dem Foto zu zusätzlicher vertikaler Dynamik verholfen.Sihlcity, Weihnachten. Der nasse und nächtliche Grund reflektiert die Weihnachtsbeleuchtung.Die regennasse Strasse spiegelt die Weihnachtsbeleuchtung an der Zugerstrasse in Wädenswil.
Bildkomposition
Jede Spiegelung lebt von der Duplizierung seiner Bildelemente. Spiegelungen haben eine vertikale oder horizontale Symmetrie, das liegt in der Sache. Da ist einmal die dominante Spiegelachse, die bei Naturaufnahmen in der Regel horizontal verläuft. Falls die Uferlinie schräg verläuft, nimmt die Spiegelachse diese Linie an und verläuft auch etwas schräg (wie im Bild unten). Eine Wasseroberfläche bildet dabei den Spiegel. Wo diese Spiegelachse im Bild steht, ist ganz vom Motiv abhängig. Wenn oben und unten ganz gespiegelt werden wollen, liegt die Spiegelachse etwa mittig. Es kann durchaus sein, dass die Spiegelung mehr betont wird, in diesem Fall liegt die Spiegelachse oberhalb der Mitte. Wenn die Spiegelung nicht das Hauptmotiv bildet, soll die Achse weiter unten angesetzt sein.
Bei jedem Spiegelbild hat es eine Symmetrieachse, um die sich die Bildmotive nach oben und unten entwickeln. Die Spiegelung hat eine grosse Tiefenwirkung, dennoch tut es gewissen Fotos gut, auch einen Vordergrund zu haben.
Wo die eigentlichen Bildmotive im Raum stehen, ist eine Frage der Dynamik. Wenn das Hauptmotiv ebenfalls seitlich mittig gestaltet wird, haben wir es mit einer strengen Symmetrie zu tun. Das kann dann auch etwas gewöhnlich wirken. Ich selbst bevorzuge eine dynamische Position, die sich irgendwo zwischen der Mitte und dem Rand bewegt.
Mir besonders angetan haben es Brücken, deren Bögen oder Geraden im doppelten Sinn das Auge ins Bild führen.
Sihlsee. Die Brücke führt das Auge von rechts ins Bild hinein. Die Spiegelachse liegt unterhalb der Mitte.Aabachtobelbrücke, Wädenswil. Direkt unter den Brücken führt die Komposition zu einer vertikalen Bildteilung. Mehrere Linien führen perspektivisch von unten und oben in das Bild hinein.Bilbao. Durch den Brückenschwung entsteht eine ovale Form, die das Ensemble durchdringt. Das Bild lebt von kontrastierenden Blau- und Gelbtönen.Guggenheim-Museum, Bilbao. Eine symmetrische Komposition. Die Spiegelachse liegt in der Mitte und die Brücke führt diagonal direkt in die Bildmitte.
Spiegelungen in der Nacht
Wie schon erwähnt, bildet die Nacht oder die blaue Stunde mit ihren Lichtern beste Möglichkeiten, Spiegelungen eindrucksvoll zu inszenieren.
Lichtfestival Luzern. Die farbige Illuminierung einer Hafenanlage zeigt schöne Lichtreflexionen, hingegen keine Spiegelungen.Nordnorwegen. Hier verschmilzt die Grenze zwischen Reflexion und Spiegelung.Lodge in Uganda. Ein Swimmingpool ist immer gut für eine Spiegelung in der Nacht.
Kreative Spiegelungen
Besorg dir einen rahmenlosen Spiegel, lege ihn auf den Boden, Tisch oder einen Stuhl. Setze ein Motiv auf den Spiegel und schon hast du ein Spiegelmotiv der anderen Art. Du kannst mit einem Weitwinkelobjektiv üben, wie der Kamerastandort (höher oder tiefer) gegenüber dem Motiv die Spiegelung verändert. Im Internet findest du Hunderte von Anregungen, google doch einfach «Spiegelungen mit Fotografie».
Ein runder Spiegel, der vor einen Wandschrankspiegel gehalten wird, erzeugt endlose Spiegelungen.
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshops durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil
Jedes Jahr im Sommer kommen die Medien mit dem Meteoritenschauer der Perseiden. Sternschnuppen sollen Wünsche erfüllen, so der Volksmund. Ich selbst war schon Stunden, gar ganze Nächte draussen, habe aber erst drei Sternschnuppen gesehen. Und Wünsche wurden auch nicht erfüllt.
Was mich viel mehr fasziniert, sind die Sterne am Nachthimmel, die gleich dem Mond und der Sonne ihre Bahn ziehen. Der Mond hat eine besondere Stellung, aber ihn zu fotografieren ist nicht ganz dasselbe wie die Sterne einzufangen. Wenn ich von Sternen spreche, meine ich die Fotografie mit ganz normalen Objektiven und einem Stativ. Ohne weiteres Zubehör wie Nachführgeräte oder besondere Teleobjektive.
Zuerst eine Bemerkung zum Nachthimmel. Er ist gänzlich schwarz und die Sterne sind nur ganz schwach sichtbar. Unsere Kameras sind wahre Nachtsichtgeräte und können die Sterne viel deutlicher sichtbar machen, als sie von Auge aus sind. Wie farbig oder wie satt der Nachthimmel in der Entwicklung ausgestaltet wird, ist Geschmackssache. Ich bevorzuge manchmal etwas mehr Blau, andere Einfärbungen tendieren ins Grünliche.
Planung
Zuerst etwas Theorie, um in der Nacht erfolgreich zu fotografieren. Unsere Erde bewegt sich im Sonnensystem zusammen mit dem Mond in einer elliptischen Bahn um die Sonne. Der Mond zeigt sich immer von der gleichen Seite, ein Zyklus umfasst 27,3 Tage, in dem er vom Neumond über den Sichelmond zum Halbmond und Vollmond wächst. Die Neumondphase ist ideal, um Sterne zu fotografieren. Einen bis zwei Tage vor und nach Neumond ist immer noch eine gute Zeit. Bei Halb- bis Vollmond sind die Lichtverhältnisse nicht ideal.
Denn je heller der Mond, desto mehr Lichtverschmutzung am Himmel und desto weniger hell strahlen die Sterne. Im Jahr gibt es zwölf Zyklen, mit anderen Worten zwölf Chancen, Sterne zu fotografieren.
Beim fotografieren des Mondes ist es anders, hier will ich den Vollmond einfangen, der ebenfalls zwölfmal im Jahr erscheint. Der Mond ist am besten gleich nach dem Mondaufgang zu fotografieren, wenn er noch nicht ganz so hell erscheint. Für den Mond am besten ein Teleobjektiv, vielleicht zwischen 500–1000 mm, da man ansonsten auf das Zuschneiden angewiesen ist. Ich persönlich kann dem Mond fotografisch wenig abgewinnen, denn er sieht ja immer gleich aus. Es sei denn, er diene als Kulisse vor einem Vordergrund.
Die Nacht ist übrigens auch ganz ohne Sterne attraktiv. Es lohnt sich auf jeden Fall einmal von oben auf den Zürichsee herunterzublicken.
Der Zürichsee, über dem Horizont zeigt sich der Sichelmond.Auf dem Bettmerhorn in Richtung Wallis fotografiert. Im Hintergrund klein das Matterhorn. Wolken sind zwar auch hübsch in der Nacht, sie verdecken jedoch die Sterne.Beim Golfplatz Schönenberg ist das Geäst eines Baumes ein schöner Vordergrund für die Mondfotografie.
Von den zwölf erwähnten Chancen, die Sterne einzufangen, fällt ein Grossteil dem Wetter zum Opfer. Wolken verhängen auch nachts den Himmel und geben die Sicht auf die Sterne nicht frei. Ich trage mir deshalb alle Neumonde und Vollmonde in meinen Kalender ein, um eine klare Nacht wirklich zu nutzen.
Zur Planung ziehe ich die App PhotoPills (Fr. 11.–) zu Rate, bei der alle möglichen Funktionen enthalten sind, Sonnenaufgang und -untergang, blaue Stunde, goldene Stunde, Mondaufgang, galaktisches Zentrum, Sternspuren, Anzeige der Milchstrasse usw.
In PhotoPills sehe ich, wann das galaktische Zentrum sichtbar ist (links) oder kann die Wanderung der Milchstrasse über den Horizont (gelb) verfolgen.
Nachts werde ich kaum wie tagsüber einfach drauflos laufen und fotografieren, was mir gefällt. Da die Milchstrasse Dunkelheit erfordert, sehe ich von Auge kaum, was mir vor die Linse kommt. Deshalb ist es hilfreich, wenn ich am Tag die Location erkundige und auch mal mit dem Handy oder der Kamera ein paar Probeaufnahmen mache. Auch bei der Sternefotografie gilt das Bonmot «Vordergrund macht Bild gesund.» Halte nicht einfach die Kamera gegen oben und fotografiere den schwarzen Himmel, denn der sieht ja immer gleich aus. Der Vordergrund oder eine Bergkulisse erst machen Nachtfotos zu Hinguckern!
Bei Illgau SZ im Mai. Ich suche mir ein Motiv als Vordergrund, die die Milchstrasse inszeniert. Der Wegweiser ist eine Bildmetapher, er weist die Himmelsrichtungen. Im Engadin bei Madulain. Im Hintergrund die Lichtverschmutzung von Samedan und St. Moritz. Die Milchtrasse ragt im August steil nach oben, die Himmelsrichtung ist südwestlich.Palfries, beim Gonzen SG. Lichtmalereien um das eigene Fahrzeug bilden den Vordergrund.Vor dem Tödi steigt ein nächtlicher Wanderer ab und zeichnet mit seiner Stirnlampe eine Lichtspur.Palfries (beim Gonzen SG). In kleinen Tümpeln spiegeln sich die Sterne, sofern es windstill istAuf dem Eggishorn (Fiesch) ist die Rundumsicht prächtig. Die Wolken vermiesen jedoch die Sicht.Auf dem Eggishorn. Auch nachts sind Wolken in Bewegung und verziehen sich wieder.Der grosse Aletschgletscher bildet eine grossartige Kulisse für die Sternefotografie.
Um welche Zeit fotografiere ich Sterne?
Wenn am wenigsten Flugzeuge unterwegs sind. Ab 23 Uhr gilt in der Schweiz Nachtflugverbot, vorher würde ich schon mal keinen Versuch wagen. Flugzeuge zeichnen punktierte Leuchtspuren in den Himmel, die im Nachhinein hinausretuschiert werden müssen. Weiter ist der Stand des galaktischen Zentrums der Milchstrasse relevant, falls ich diese ablichten will. Das galaktische Zentrum beherbergt die meisten Sternhaufen, die als Nebelwolken sichtbar sind. Das heisst, dieses Zentrum ist der Hotspot der Milchstrasse. Je nach Jahreszeit und Nachtzeit ist das Zentrum sichtbar oder eben nicht, weil es sich mit dem Lauf der Sterne ebenfalls bewegt. Wer in bewohntem Gebiet fotografiert: Nach Mitternacht bis um drei Uhr halte ich für eine gute Zeitansage.
Die Milchstrasse liegt im Frühjahr flach und steilt sich gegen den Herbst auf. Das galaktische Zentrum wird am unteren Ende sichtbar.
Wo fotografiere ich die Sterne?
Es klingt vielleicht etwas lapidar, aber möglichst dunkel sollte es sein. Selbst kleine Dörfer strahlen mit Strassenlampen, Verkehrsbeschriftungen, Schaufenstern und Leuchtreklamen die ganze Nacht über in den Himmel. So ergibt sich in der Nähe von Siedlungen immer eine gewisse Lichtglocke, die aber auch stimmungsvoll sein kann. In der Sahara kann man die Milchstrasse viel deutlicher sehen als in unseren Breitengraden. Die Berge sind dafür grundsätzlich gute Orte, ich übernachte in SAC-Hütten oder Berghotels (Säntis, Rigi, Pilatus) und stehe nachts auf. Oben hat man eine Rundumsicht auf die Sterne. In schmalen Tälern und Schluchten ist es auch stockdunkel, allerdings hat man dort eine eingeschränkte Sicht auf die Milchstrasse. Täler, die in der Richtung der Milchstrasse laufen, wie zum Beispiel das Engadin, sind ebenfalls geeignet. Die Milchstrasse zeigt sich in südwestlicher Richtung, auf der Karte etwa im 45-Grad-Winkel (August 2025).
Kamera, Objektiv und Ausrüstung
Grundsätzlich ist jede Digitalkamera geeignet. Neuere Modelle haben ein besseres Rauschverhalten, das wir bei Dunkelheit zu unterdrücken haben. Ich bin mit zwei Canon EOS R5 Mark II unterwegs. Für die Sternefotografie verwende ich drei Objektive.
Canon EOS R5 Mark II mit dem aufgesetzten Canon RF 15–35 mm (F2.8), in der Mitte das Sigma 14 mm (F1.8) und rechts das Canon RF 10–20 mm (F4).
Da der Himmel um Unendlich-Bereich liegt, fotografieren wir mit Offenblende. Objektive mit Offenblende F1.8 haben gegenüber solchen mit Offenblende F4 den Vorteil, dass sie ca. 7 mal mehr Licht einfangen. Mit anderen Worten kann man statt mit 6400 ISO nur mit 800 ISO arbeiten. Je offener die Blende, desto mehr Licht geht hindurch. 6400 ISO bedeutet mehr Bildrauschen, welches die Sterne stört. Allerdings können wir heute das Bildrauschen mit KI recht einfach herausrechnen, davon später mehr.
Selbstverständlich brauche ich ein stabiles Stativ mit einem ebenso stabilen Stativkopf. Das Stativ sollte auf einen stabilen Grund wie Felsen oder auf eine Strasse gesetzt werden. In einer Wiese hacke ich mit den Schuhen drei kleine Kerben in das Gras, um das Stativ in den Boden zu rammen und die Stabilität zu erhöhen. Im Sand verankere ich die Stativbeine möglichst tief.
Unverzichtbar ist in der tiefen Nacht eine Stirnlampe, mit der alle Einstellungen an der Kamera vorgenommen werden können. Selbstverständlich sind warme Kleidung, Handschuhe und eine Mütze angesagt, denn in der Nacht ist es auch bei uns in der Regel kalt.
Zum Auslösevorgang: Wer keinen Funkauslöser hat, der kann als Alternative auch mit dem Zeitauslöser arbeiten, um jede Erschütterung zu vermeiden. Diesen setzte ich für solche Fälle auf zwei Sekunden.
Grundeinstellungen der Kamera
– Programmmodus: Auf Manuell (M) stellen
– ISO: Je nach Kameratyp und Umgebungshelligkeit 800 bis 3200 ISO
– Verschlusszeit: Bei 10 bis 24 mm Brennweite, ca. 10 bis 15 Sekunden. Die Sterne sollten als Punkte, nicht als kleine Strichlein dargestellt werden.
– Bildstabilisator am Objektiv: ausschalten
– Autofokus am Objektiv: auf manuell (MF) stellen
– Weissabgleich: automatisch, wenn er in der Nachbearbeitung korrigiert wird. Bei manueller Einstellung: 3700–4000 Kelvin
– Blende: arbeite mit Offenblende, der grösstmöglichen Blende, zum Beispiel F2.8.
– Bildformat: RAW. Im Raw-Format hast du mehr Möglichkeiten, die Bilder zu entwickeln als im JPEG-Format. Insbesondere steht die KI-Entrauschen-Funktion in Lightroom nur für RAW zur Verfügung.
Sterne fokussieren bei Dunkelheit
Manche Kameras haben Mühe, die winzigen Sterne zu fokussieren. Du kannst dir wie folgt helfen. Als erstes musst du am Objektiv den Schalter von Autofokus (AF) auf Manuell (MF) umstellen. Bei Nacht kannst du auf einen hellen Stern fokussieren. Drück dazu auf die Lupenfunktion am Kameragehäuse und zoome den Stern heran. In der Vergrösserung kannst du ihn manuell scharfstellen. Diese Einstellung wirst du die ganze Nacht über beibehalten. Achte darauf, dass du den Fokusring nicht unabsichtlich wieder verstellst.
Mit der Lupe kann ich die Sterne im Display stufenweise vergrössern (Lupe mehrmals drücken), um sie scharf zustellen.Die Milchstrasse ist über Wädenswil im August wegen starker Lichtverschmutzung kaum zu erkennen, dafür sieht man die Venus, den Jupiter, die Pleijaden und den Orion sehr schön.Die Milchstrasse über dem Morteratschgletscher, Engadin. Hochformatige Fotos können die Milchstrasse auf längerer Strecke darstellen. Unten am Horizont ist das galaktische Zentrum auszumachen
Sternspuren
Sternspuren sind als Fotomotiv beliebt. In der Mitte steht immer der Polarstern, um den alle anderen Sterne kreisen. Weshalb dies so ist, kannst du im Internet nachschauen. Sternspuren setzen sich aus vielleicht 50 bis 150 Einzelfotos zusammen, die in Photoshop gestackt werden. Davon weiter unten mehr.
Sternspuren über dem Centovalli.
Sternspuren schaffst du mit der Intervallfunktion. Ein Intervall ist der zeitliche Abstand von einem Auslösungsbeginn zum nächsten. Wenn du zum Beispiel eine Belichtungszeit von 10 Sekunden eigestellt hast und eine Pause von 1 Sekunde zwischen den Auslösungen willst, dann stellst du das Intervall auf 11 Sekunden. Um Sternspuren sichtbar zu machen, genügen etwa 100 Aufnahmen. Das dauert in unserem Fall 18 Minuten. Du kannst natürlich auch 200 Aufnahmen machen, dann dauert das Ganze halt über eine halbe Stunde.
Die folgenden Screenshots stammen aus der Canon R5. Bei anderen Modellen oder Marken werden die Einstellungen sinngemäss vorgenommen.
Im Menü «Belichtung» tippe ich auf «Intervall-Timer».Im folgenden Pop-up-Fenster tippe ich auf «Aktivieren». Bei «INFO Detaileinst.» kann ich das Intervall und die Anzahl Aufnahmen definieren.
Ein Intervall ist definiert als die Dauer von einem Auslösebeginn zum nächsten. Bei einer Verschlusszeit von 11 Sekunden stelle ich das Intervall auf 12 Sekunden. Das bedeutet, dass die Kamera nach 11 Sekunden 1 Sekunde pausiert, bis sie die nächste Auslösung startet. Das gesamte Intervall ist die Verschlusszeit plus die kleine Pause dazwischen.
Leider ist nur eine zweistellige Zahl vorgesehen. Das ist nicht ganz nachvollziehbar, weil ein fertiger Zeitraffer von 10 Sekunden Dauer 300 Fotos benötigt. Hier sollte Canon nachbessern und eine dreistellige Zahl in der Eingabe zulassen. Aktuell stelle ich einfach auf «unbegrenzt». Das bedeutet, dass die Kamera solange auslöst, bis sie keinen Akku mehr hat oder ich selbst von Hand den Intervallvorgang abbreche.
Eine andere Art ist eine Einzelaufnahme, bei der der Verschluss eine halbe Stunde offenbleibt. Mit dem Modus Bulb kannst du den Auslöser betätigen und nach etwa 20 Minuten wieder drücken, um den Verschluss manuell zu schliessen. Ich schliesse dafür die Blende und stelle F8 ein.
Die Spuren entstehen durch das nachträgliche Stacken in Photoshop. Dort werden alle Fotos als Ebenen importiert. Ich empfehle, die Dateigrösse der Einzelfotos vorher anzupassen. 100 Vollformat-Fotos in Ebenen zu verwalten, benötigt schon etwas Rechenkapazität. Wenn du alle Ebenen aktivierst (Befehl-A), kannst du den Ebenenmodus auf «Aufhellen» setzen. Jetzt rechnet Photoshop die hellen Stellen zu Sternspuren zusammen.
Für die Sternspurenfotografie kannst du den Polarstern ausfindig machen. Alle anderen Sterne kreisen in der Nacht um den Polarstern. Der Polarstern liegt im Sternbild des kleinen Wagens (Bär). Verlängere dazu die Seite des grossen Wagens fünfmal.So um 100 Fotos (Intervallaufnahmen) genügen, um die Einzelbilder in Photoshop zu Spuren zusammenzufügen. Je mehr Einzelfotos zusammenkommen, desto länger werden die Spuren.Schulhaus Stocken, WädenswilAuf dem Wädenswiler BergZürichsee, vom Furthof aus fotografiert.
Bildentwicklung
Wie bereits erwähnt, ist das Format RAW besser geeignet, um die Fotos in der Nachbearbeitung zu optimieren. Mit dem Weissabgleich kann ich das Foto neutral halten oder den Himmel eher blau gestalten. Es kommt dabei nicht auf die Originalszene an, denn Sternspuren oder die Milchstrasse gibt es in der Realität in der fotografisch dargestellten Art nicht. Ich entwickle meine Fotos im Programm Adobe Lightroom.
Zuerst verschiebe ich Regler «Temperatur», je nachdem, wie farbig ich das Foto haben möchte. Nach rechts wird’s blauer, nach links gelblicher. Als nächstes ziehe ich den Schieberegler «Belichtung» etwas nach rechts, damit das Bild heller wird. Die Sterne sollten als weisse Punkte deutlich sichtbar sein. Den Schieberegler «Lichter» ziehe ich nun ganz nach links. So wird das Rauschen im Bild etwas reduziert. Mit dem Schieberegler «Tiefen» reguliere ich die dunklen Töne. Die Regler «Klarheit» und «Dunst entfernen» werden ziemlich stark nach rechts verschoben. Das sind schon die wesentlichen Korrekturvorgänge.
Nun noch zum Bildrauschen. Das Bildrauschen entsteht, wenn eigentlich zu wenig Licht auf den Sensor fällt und das Signal künstlich verstärkt werden muss. Bildrauschen macht sich vor allem in den dunklen Partien durch ein griessiges Hintergrundmuster bemerkbar. Dieses besteht aus hellen und farbigen Flecken. Man spricht deshalb auch von Luminanzrauschen und von Farbrauschen. Im Lightroom kann das Rauschen unter dem Reiter «Details» eliminiert werden. Wer die neuste Version Lightroom besitzt, sieht oben ein Kästen zum Ankreuzen «Entrauschen». Damit wird die KI aufgerufen, das Bild zu entrauschen. Es dauert ein paar Sekunden, aber nachher ist das Foto völlig frei von den Störgeräuschen.
Solche weissen oder punktierten Striche von Flugzeugen stören das Gesamtbild.Mit dem Entfernen-Werkzeug in Lightroom lassen sich die Striche leicht wegretuschieren.Am einfachsten und effizientesten entrauscht man Bilder mit der KI-Funktion Entrauschen (gelber Kreis). Das kann je nach Bildgrösse und Computer etwas dauern.Die manuelle Rauschreduzierung erfolgt mit dem Luminanz-Regler. Wenn man ihn nach rechts zieht, verschwinden nach und nach die griessigen Stellen. Nach wie vor sind jedoch die farbigen Flecken sichtbar: das Farbrauschen.Wenn man das Luminanzrauschen zusätzlich mit dem Farbrauschen entfernt, erzielt man die besten Ergebnisse. Die Schwierigkeit ist die, das Lightroom nicht gut erkennen kann, ob es sich um weit entfernte schwache Sterne handelt oder um ein Bildrauschen. Da muss man halt subtil vorgehen und nicht gleich alles aus dem Bild hinausnehmen.
Zum Schluss in der Nachbearbeitung wende ich die Schieberegler für Lichter, Tiefen, Weiss und Schwarz an. Damit kann ich die Milchstrasse verdeutlichen oder auch abschwächen.
Eggishorn, Fiesch VS. Bei diesem Foto habe ich eine Sternschnuppe erwischt. Die Lichtspuren des Lightpaintings sind ins Foto einmontiert.
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshops durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ein Fotolehrbuch mit Grundlagen für die Bildgestaltung.
Infos und Bestellungen über den Webshop: www.fotografie-fuer-dich.ch im Buchhandel oder direkt bei Foto-Tevy, Wädenswil
Von weitem sind die bunten Segel über dem Silvaplanersee sichtbar. Im Kite-Surfabschnitt tummeln sich Dutzende Sportlerinnen und Sportler in der Highspeed-Disziplin. Sie düsen mit gut 40 Sachen übers Wasser, und die Freaks springen gegen 10 Meter hoch.
Die fotografische Situation: Nicht einfach, einzelne Protagonisten aus dem Getümmel herausgelöst zu fotografieren.
Die Umgebung ist ideal, die Sonne scheint von schräg oben und strahlt viel Licht auf die Bühne. Der ferne Wald gegenüber, die Berge und der See schillern in allen Grüntönen. Die Surfer starten vor meiner Linse und sind in Sekunden 100 Meter entfernt, sie flitzen hin und her, einmal frontal von mir weg, auf dem Rückweg geradewegs auf mich zu. Wenn ich mich gegen die Sonne wende, brausen sie quer zur Kamerarichtung in der Ferne vorbei. Ich habe also wechselnde Lichtbedingungen: Gegenlicht, Frontallicht und seitliches Licht. Die Oberfläche sowie der Hintergrund werden nicht konstant gleich farbig abgebildet.
Im Gegenlicht ist das Wasser gleissend hell und die Akteure sind voll im Schatten. Wenn man das Foto mit der Plus-Minus-Korrektur überbelichtet, wird der Sportler zwar ausreichend hell belichtet, jedoch sind die Wasserspritzer weiss ausgefressen.
Ich achte also auf die korrekte Belichtung des weissen Spritzwassers und helle die Personen im Nachhinein in Lightroom auf. Da gibt es verschiedene Masken, die man anlegen kann, um die Helligkeit, den Farbton und die Sättigung partiell zu korrigieren.
Gegenlichtaufnahme, die trotz extremer Lichtbedingungen Farbe und Zeichnung auf der Figur lässt.
Für die Aufnahme ist es wichtig, die Schattenzeichnung im weissen Wasser nicht zu verlieren.
Links die Originalaufnahme mit zu hellem Wasser und Hintergrund. In der Mitte ist das Wasser dunkler entwickelt, die Figur ist aber nur noch als Silhouette sichtbar. Rechts die partielle Entwicklung, die den Hintergrund und die Figur separat aussteuert.
Das Geschehen findet weit draussen statt, der See ist rund 1,4 km breit, die Protagonisten posieren keineswegs vor der Kamera. Es ist zufällig, einen Sportler einzeln ablichten zu können, ohne dass rechts, links, davor oder dahinter etwas Störendes ins Bild fährt. Jeder Shot ist einmalig und kann nie wiederholt werden. Deshalb ist Actionfotografie anstrengende Arbeit. Aufmerksam sein, parat sein, mögliche Aktionen antizipieren.
Es braucht die Serienbildfunktion, die den Bewegungsablauf festhält. Das beste Foto zeigt Gesicht, Körperhaltung, Board und Wasserspritzer. Bei einer Einzelaufnahme ist dieses Momentum fast unmöglich.
Kamera
Für die Sport- oder auch für die Wildlife-Fotografie ist eine Vollformatkamera von Vorteil, weil ich damit das Bild sehr gut beschneiden kann, ohne Schärfe zu verlieren. So kann ich problemlos auch Personen fotografieren, die gegen 200 Meter von mir entfernt sind. Bei einem kleineren Sensor wie APS-C oder 4/3-Zoll ist dieses Croppen weniger gut möglich. Fotografinnen und Fotografen mit kleinerem Sensor müssen halt etwas warten, bis die Akteure näher am Ufer sind und ihre Tricks zeigen. Ich verfüge über eine Canon EOS R5 Mark II, eine Highend-Profikamera, die 45 Megapixel aufzeichnet, genauer 8192 × 5464 Pixel.
Etwa solche Bildausschnitte kann ich problemlos ziehen, ohne an Schärfe zu verlieren.Das gecroppte Foto aus der gleichen Szene. Sogar die einzelnen Wassertröpfchen sind scharf abgebildet.
Bei extremen Lichtverhältnissen mit hohem Kontrast und sich schnell bewegenden Motiven ist eine gute Kamera natürlich von Vorteil. Erst da bringt sie ihre Vorteile richtig zum Tragen. Ich nenne die automatische Motiverkennung, ein schneller Autofokus und eine Serienbildfunktion, die bis 20 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann. Bei einer Einsteigerkamera sind solche Actionfotos deutlich schwieriger zu bekommen.
Mein Objektiv der Wahl ist das Canon RF 100–500 mm, Blende F 4.5 –7.1. Damit habe ich genügend Reichweite, um einen grossen Bereich abzudecken. Ich war auch schon mit dem RF 70–200 mm (F 2.8) unterwegs, die fehlende Reichweite gegenüber dem 100-500er kompensiert das Objektiv mit einer besseren Lichtstärke, die kürzere Verschlusszeiten oder eine geringere ISO-Zahl ermöglicht. Mit einer Brennweite zwischen 200 und 500 mm ist man beim Kitesurfen dabei.
Ein Stativ kommt bei mir nicht zum Einsatz, weil es den bewegten Motiven nicht gerecht wird. Einen Polfilter benütze ich hier auch nicht, weil gerade das glänzende Wasser ein Gestaltungselement sein kann und es um die Personen geht und nicht um einen zu vermeidenden Glanz.
Im August kann es am Ufer des Silvaplanersees ganz schön kalt sein. Ich kleide mich mit festem Schuhwerk und trage meine winddichte Jacke, um es zwei bis drei Stunden auszuhalten.
Kameraeinstellungen
Bei Sportaufnahmen hat die Schärfe Priorität. Je weiter die Motive weg sind, desto kürzer muss die Verschlusszeit sein. Wenn sich die Surferin auf mich zu bewegt, ist die Bewegung relativ zur Kamera langsam. Wenn sie sich quer zu mir bewegt, ist sie relativ zur Kamera schnell. Bei genügend Licht strebe ich eine kurze Belichtung an, die sich im Bereich von 1/2500 bis 1/8000 Sekunde bewegt. Die ISO-Zahl stelle ich auf 1000 ISO. Damit hat meine Kamera keine Probleme, sodass sich kaum Bildrauschen einstellt. Das Rauschen in den Schattenpartien lässt sich mit dem neuen KI-basierten Entrauschen in Lightroom leicht korrigieren.
Ich arbeite mit der Zeitautomatik Av (bei anderen Marken: A) und stelle die Blende F 7.1 ein. Ich strebe damit eine optimale Schärfe an, die auch Wellen vor und hinter dem Surfer miteinschliesst. Man könnte auch andere Einstellungen bevorzugen, zum Beispiel Offenblende, dafür etwas weniger ISO.
Mit diesen Einstellungen mache ich ein paar Probeaufnahmen gegen das und mit dem Licht und schaue mir die Belichtungsergebnisse an. Sind Bildstellen weiss ausgefressen? Sind dunkle Schattenpartien restlos schwarz? Im Histogramm der Kamera kann ich feststellen, ob die Belichtung etwa richtig ist. Je nach Lichtsituation korrigiere ich mit dem Plus-Minus-Korrekturrad die Belichtung um 1/3 bis 2 Blendenstufen. Zum Glück haben wir im Raw-Format und den Entwicklungstools in Lightroom perfekte Möglichkeiten, ein Bild zu entwickeln, dass ich beim Fotografieren auch mal Fehler machen und Fehlbelichtungen leicht korrigieren kann. Ja, es muss wieder einmal betont werden: Digitale Fotografie ohne Entwicklung am Computer ist wie ein Auto ohne Räder: man kommt damit einfach nicht vorwärts.
Nebst den Grundeinstellungen ist der Autofokus wichtig. Ich stelle die Kamera auf Servo (Nikon, Sony, Panasonic: AF-C, Autofokus Continuous). Das ist ein Modus, der einem bewegten Motiv kontinuierlich nachstellt. Ich drücke den Auslöser halb durch, und so wird das bewegte Motiv im Fokus behalten, bis ich ihn ganz durchdrücke. Dann ist noch die Motiverkennung, die ich auf «Personen» stelle, die dazugehörende Augenerkennung jedoch halte ich deaktiviert. Es wird Fotos geben, bei denen die Surfer von hinten zu sehen sind. Eine aktive Augenerkennung wäre deshalb nicht nötig.
Der Autofokus stellt auf Personen scharf, «Servo» führt die Schärfe in der Bewegung kontinuierlich nach.
Weiter fotografiere ich mit dem elektronischen Verschluss und der Serienbildfunktion, die bis 30 Bilder/Sekunde leistet. Natürlich erzeuge ich einiges an Ausschuss, was in der Actionfotografie völlig normal ist. Aber wenn ein Foto aus einer Serie perfekt gelungen ist, dann hat sich die Datenflut gelohnt. Am Computer zu Hause wähle ich aus den Serien die paar besten Fotos aus und lösche den Rest.
Im Menü AF stelle ich den kontinuierlichen Autofokus ein.Mit der Q-Taste rechts vom Display rufe ich alle wesentlichen Kameraeinstellungen ab.Im Menü AF wird die Motiverkennung aktiviert.
Ich beobachte die Surfer – es sind eher weniger -innen – und merke mir die Schirme jener, die immer wieder spektakulär in die Höhe schnellen. Wenn einer heranbraust, nehme ich ihn ins Visier, fokussiere und warte, bis er springt. Die auf dem Wasser flitzenden Surfer sind an sich schon herausfordernd. Ich konzentriere mich auf die springenden Cracks, die eher rar sind. Bei den Sprüngen sind natürlich diejenigen spektakulär, die den Surfer kopfüber zeigen oder ohne Board in der Luft. Auch deswegen ist die Serienfunktion unerlässlich.
Mit der Zeit weiss ich, wenn es spannend wird und ein Sportler eine scharfe Welle von sich stösst, um in die Lüfte abzuheben. Genau dies sind die spritzenden Momente, die mich faszinieren und die ich festhalten möchte. Ich stehe direkt am Ufer, der Sucher schussbereit am Auge. Es sind immer die gleichen Personen, die ihre Lufttricks zeigen, manche begnügen sich mit hin- und her surfen. Wenn man sich die Schirme merkt, kann man getrost warten, bis die Cracks wieder in Reichweite sind. Und dazwischen gibt’s eine willkommene Ruhepause.
Ich bleibe am Ufer nicht unbemerkt. Ein Surfer kommt mit hoch in der Luft stehendem Kite auf mich zu und stellt sich als Jaegger vor. Es ist ein Junge aus Holland, ich schätze ihn auf etwa siebzehn Jahre. Er fragt mich, ob er Fotos von sich haben könne. Das Handy hat er wasserdicht in einer Hülle um den Hals gebunden, er reicht es mir, bittet mich, meine Telefonnummer einzutippen. Whatsapp ist die angesagte Transportmethode. Kaum 10 Minuten später habe ich seine Nummer ebenfalls, über die wir kommunizieren werden.
Oft sind im Hintergrund andere Kites zu sehen. Hier stört für einmal nicht, weil ein verkürzter Zusammenhang geschaffen wird und auch die Farbgebung stimmt.Der Akteur scheint den Wasserfall hochzusteigen. Diesmal ein willkommener Zufall.Auch auf dem Wasser werden Tricks geboten. Es gilt als Fotograf, aufmerksam zu sein und den Moment nicht zu verpassen.Wo ist das Brett? Solche Situationen ergeben sich immer wieder. Für einen Freak ist der Verlust des Boards keine grosse Sache, er lässt sich durch das Kite zu ihm hin schleifen.Kurven im Wasser bringen jeweils schöne Wasserfontänen. Das Licht kommt von seitlich hinten, die Person habe ich in Lightroom aufgehellt. In diesem Foto habe ich das Wasser dunkler und blauer ausgestaltet. Leider ist eine Hand oben angeschnitten.
Sind die Fotos an der richtigen Stelle scharf? Sie sie zu hell oder zu dunkel? Sind Körperteile angeschnitten? Innerhalb eines bestimmten Bereiches kann ich sie gut in der Nachbearbeitung richten, den Horizont begradigen. Der automatische Weissabgleich führt zu einem verblauenden Bildhintergrund, den ich mit dem Schieberegler «Temperatur» in Lightroom etwas ins Grünliche korrigiere. Wald und Wasser mag ich so lieber. Insgesamt fotografiere ich über 1000 Bilder, die meisten davon werden die nächsten zwei Jahre nicht überdauern. Etwa 20 bis 30 Actionfotos sind für meine Ansprüche gut – ein paar wenige haben Wow-Effekt. In der Sportfotografie ist das Bonmot «weniger ist mehr» deplatziert. Wenn nur jeder fünfzigste Shot gelingt, kannst du nicht dreissig Bilder machen, denn dann bringst du gar nichts nach Hause.
Beim Fotografieren konzentriere ich mich auf das Motiv und ziehe mit dem Teleobjektiv schön nach. Im Nachhinein stelle ich den Wasserspiegel horizontal.
Manchmal staune ich über die Tricks, die bestimmt einen Namen tragen. Ich weiss nur so viel: das Board muss nicht zwingend an den Füssen sein.
Und es gibt sie auch, die surfenden Mädels. Die Sprünge sind zwar etwas weniger hoch und weniger waghalsig, doch der Spass ist ihnen umso mehr am Gesicht abzulesen.
Motiv und Gestaltung
Der Kite zieht an 27 Meter langen Leinen im Wind. Ich kann die Komposition so anlegen, dass Mensch und Gerät sichtbar sind. Das führt jedoch dazu, dass der Sportler nur klitzeklein zu sehen ist. Zudem sind solche Totalbilder langweilig. Man fotografiert auch nicht einen ganzen Fussballplatz voller Figuren, die sich um den Ball streiten. Ich ziehe es vor, auf die Personen zu fokussieren, um die Körperhaltung oder die Mimik festzufrieren. Dabei ist die Farbe des Wassers egal, solange sie glaubwürdig ist. Von Smaragdgrün bis zu Royalblau habe ich alle Wasserfarben in meinem digitalen Malkasten namens Lightroom dabei.
Einige Fotos zeigen als Hintergrund nur Wasser, andere nur den gegenüberliegenden grünen Wald. Dann gibt’s noch die geteilten Hintergründe, oben Wald, unten Wasser. Der (unscharfe) Hintergrund soll der Figur im Vordergrund nicht im Weg stehen. Je unschärfer oder je monochromer, desto mehr kommt die Figur zur Geltung.
Hier liegt die Figur ungestört auf dem Hintergrund. Sie kommt bestens zur Geltung.Bei diesem Shot stört der Kite im Hintergrund.
Dann ist noch die Frage des Formates und die der Bewegungsrichtung. Hoch- und Querformat eignen sich gleichermassen. Ein quadratisches Format vermittelt an sich Ruhe, was nicht so richtig zu Actionbildern passt. Wichtiger als das Format ist hingegen, wo der Actionheld im Foto positioniert wird und welche Bewegungsrichtung angedeutet wird.
Hier ist die Figur mittig positioniert, die Fahrtrichtung verläuft von rechts nach links gegen mich zu.Die Fahrtrichtung verläuft von links nach rechts. Der Surfer schaut zurück. Die Positionierung am rechten Rand ermöglicht die Darstellung der Wellenbildung, die für die Dynamik wesentlich ist.Die Positionierung hier ist aus meiner Sicht verkehrt. Die Surferin fliegt zum Bild hinaus. Besser wäre ein Bildschnitt, bei dem die Protagonistin am rechten Bildrand platziert wäre. Dann würde sie ins Bild hineinfliegen.
Sehen wir uns einmal das nachstehende Foto an, welches aus einer Serie stammt. Es sind einige störenden Elemente auf dem Bild vorhanden: die Kite Segel und die hellen Grünflächen am fernen Ufer. Ich habe das Bild fotografiert, weil mir der Sportler und die Aktion gefiel, deshalb wähle ich einen neuen Ausschnitt, der das Überflüssige wegschneidet.
Ein guter Ausschnitt bringt zur Geltung, was das Bild ausmacht.
In oberen Teil nimmt der Flieger sein Board zur Hand, unten sitzt ein Protagonist im Wasser und hinten surft einer übers Wasser. Es werden so «drei Zustände» sichtbar. Die Wasserlinie grenzt den Crack von den beiden Braven ab. Er hängt förmlich in der Luft. Wenn unter dem Protagonist viel Raum ist, wird damit Höhe dargestellt.Der Bildausschnitt zeigt den Flieger über grüner Wiese, was aufs Erste irritiert. Wo ist das Wasser hingekommen? Der Kite links verdeutlicht die Sportart, er gehört jedoch zu einem anderen Surfer. Er bildet einen senkrechten Kontrast zum waagrecht angelegten Format.An diesem Porträt besticht die Mimik. Die Blickrichtung verläuft in das Bild hinein.
Und noch dies
Die Kite-Surfszene zeigt ihre modischen Eigenarten und Spleens. Es lohnt sich, auch an Land ein paar lustige oder farbige Schnappschüsse und Porträts zu machen.
Das Meer ist für viele mit frühen Ferienerlebnissen verbunden. Sandstrände, warmes Salzwasser, Sonne von früh bis spät – wer würde nicht gleich wieder hinfahren wollen? Ich habe das Meer als Fotomotiv im Sinn. Mich interessieren hier die Wellen in ihren Facetten. Manchmal plätschert es sanft gegen den Sand, manchmal krachen die Brecher gegen die Kliffs. Oh ja, das Meer hat unendlich viele Gesichter. Ein paar davon habe ich dir hier aufbereitet, ich hoffe, damit Anregungen für dein eigenes Schaffen weiterzugeben.
An der Nordküste bei San Sebastian liegen die Flysch-Kliffs von Zumaia. Am schäumenden Meer kann man sich fotografisch ausleben.Beim alten Fischerhafen von Capelas, Faial, Azoren, sind Gischt und Steine im Überfluss vorhanden.
Wo fotografiere ich am Meer?
Wer es auf ein fotografisches Spektakel abgesehen hat, der sucht sich einen Ort aus, wo starker Wind die Regel ist. Es sind die Winde, die Wellen auftürmen und sie gegen das Ufer treiben. Wind hat es am Meer zwar fast immer, weil die warme Luft über dem Land steigt und vom Meer her «angesogen» wird. Der Seewind weht vom Meer her. Nachts läuft der Prozess umgekehrt, der Landwind weht vom Land her ins Meer hinaus. Auf Inseln herrschen jedoch teils spezielle Bedingungen. Für die Wellenbildung spielen auch die Wetterlage, die Gezeiten und Strömungen eine Rolle. Nun gibt es Destinationen und Jahreszeiten, die sind eher für heftigen Wellengang bekannt. So donnern im Frühjahr im portugiesischen Nazaré bis 30 Meter hohe Monsterwellen gegen das Land. Die Atlantik- oder Nordseeküsten bieten generell bessere Voraussetzungen als der Mittelmeerraum, um Wellen zu erwischen.
So habe ich hier Fotos aus Nordspanien, aus der Bretagne und von den Azoren mitgebracht. Der zweite Punkt betrifft die Location. Eine Brandung als Motiv allein kann spannend sein, wie bei anderen Genres (zum Beispiel Sternefotografie) gilt auch hier: «Vordergrund macht Bild gesund». Steine, Felsen, Strand, Kliffs oder Lava sind die Bühne, wo sich das Spektakel abzeichnet. Als Nicht-Ortskundiger suche ich mit Google Earth die Umgebung ab, um Felsformationen bei Zufahrtswegen auszuloten, die gefahrlos erreichbar sind. Vor Ort entscheide ich dann, wo ich mich positioniere und welche Objektive ich verwende. Wenn ich das Wasser als Bildmotiv im Kopf habe, dann muss ich nahe ans Wasser ran. Strandbilder aus erhöhter Position sind auch ganz hübsch, aber hier nicht das Thema. Die Wellen kommen immer in einem bestimmten Rhythmus. Da sind erst 6 oder 7 Normalwellen, die 8. und 9. Welle sind dann viel stärker. Auf genau die passe ich.
Und dann noch ein Sicherheitshinweis: Überall, wo es nass ist, ist der felsige Untergrund extrem glitschig. Auch wenns dort gerade kein Wasser hat, muss man aufpassen, die nächste Welle erwischt einen bestimmt.
Der fotografisch anspruchslose Badestrand Almoxarife auf der Azoreninsel Faial bringt im richtigen Licht gesehen ansprechende Meeresbilder.Im frühen Morgenlicht entfalten die rund geschliffenen Lavasteine einen besonderen Reiz.
Perspektiven
Wellen kann man auf Augenhöhe fotografieren, die Kamera leicht nach unten geneigt. Spannender wird es, wenn die Kamera flach in die Welle gerichtet oder sogar leicht von unten nach oben gerichtet wird. Entscheidend sind immer der Vordergrund und der Hintergrund. Wenn du auf Wellen aus bist, dann wirst du vielleicht nicht darum herumkommen, die Hosen hochzukrempeln und ins Meer hinauszuwaten, um mitten im Geschehen zu sein. Vielleicht brauchst du einfach eine längere Brennweite, um den Wellengang weit draussen einzufangen. Anderseits liebe ich das Wasser inmitten von Felsen oder Steinen. Oft bilden sie einen Kontrast zum fliessenden Wasser. Je nach Situation halte ich die Kamera höher oder tiefer. Das Meer immer horizontal auszurichten, gelingt fast nie, ein letzter Rest an Schräglage korrigiere ich ohnehin in der Nachbearbeitung.
Capelinhos, Faial, Azoren. Von oben nach unten fotografiert, mit längerer Belichtungszeit, partiell aufgehellt.Am Strand von Bakio, Nordspanien. Hier stehe ich mitsamt dem Stativ bis zu den Knien im Meer. Die Belichtungszeit von 1/5 Sek. bei f7.1 betont die Wucht der heranbrausenden Welle. Hier ist die Gestaltung so angelegt, dass die Linie des Meeresspiegels mit der Diagonalen des Ufers beim Haus hinten zusammentreffen.
Wann fotografiere ich das Meer?
Wasser ist immer ein dankbares Motiv. Wenns spritzt und tost, ist gutes helles Tageslicht von Vorteil. Ich habe genug Reserve und kann mit kürzesten Belichtungszeiten und mittleren Blenden bei 100 ISO arbeiten, um die Wellenspritzer einzufrieren. Wenn ich längere Belichtungszeiten einstelle, setze ich Graufilter oder Verlaufsfilter ein. Eine warme Lichtstimmung kommt morgens um den Sonnenaufgang oder abends um den Sonnenuntergang auf. Dann fotografiere ich bevorzugt mit langen Belichtungszeiten, um das Fliessen des schäumenden Meeres zu «malen». Wenn ich die farbige Lichtstimmung morgens oder abends mit einbauen kann, entstehen grundsätzlich wirkungsvollere Fotos. Das heisst dann aber auch, um fünf Uhr morgens den Wecker zu stellen!
Wellen von frontal und von weit her zu fotografieren, ergibt in der Regel keine spannenden Fotos. Hier fehlt der Bildkontrast. Ich kann solchen Motiven vielleicht in Photoshop Bewegungsunschärfe verpassen, um im Genre Minimalismus durchzugehen.
Besser sind kontastreiche Motive. Hier sollte man etwas warten, bis die richtige Welle zuschlägt. Das Foto hat einen klaren Vordergrund und einen Hintergrund.Côte de Granit Rose, Bretagne. An diesem Felsen läuft das schaumige Wasser herunter. Eingefangen mit einer kurzen Belichtungszeit.
Stativ und Bildstabilisator
Es gibt viele Meinungen dazu, wann der Bildstabilisator eingesetzt werden soll und wann er eher kontraproduktiv wirkt. Es gibt Kolleginnen, die haben den Bildstabilisator immer eingeschaltet, ob sie mit Stativ oder ohne fotografieren. Tatsache ist, dass der Bildstabilisator in jenen Bereichen der Verschlusszeit zur Vermeidung der Verwackelungsunschärfe konstruiert wurde, die von Hand fast nicht mehr zu halten sind. Die Sensoren sind heute beweglich an Federn in die Kamera eingehängt. Bewegt sich das Kameragehäuse, so schwingt der Sensor mit einen Trägheitsfaktor in alle Richtungen mit. Die horizontale und vertikale Schwingbewegung wird von einer Software aufgezeichnet und in die Aufnahme eingerechnet. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn ich einen winzigen Punkt fotografiere und der wird wegen einer Verwackelung der Kamera zum Strichlein, dann kompensiert der Stabilisator auf Grund der Bewegungsdaten den Verzug und kürzt das Strichlein wieder zum Punkt.
Der Bildstabilisator sitzt am Objektiv – er arbeitet optimal mit der Kamerasoftware zusammen. Wenn Objektive und Kamera derselben Marke und Generation angehören, ist die perfekte Zusammenarbeit garantiert.
Früher galt der umgekehrte Wert der Brennweite als Grenze, um aus der Hand zu fotografieren. Beispiel: mit einem 50er-Objektiv sollte man nicht länger als mit 1/50 Sekunde von Hand fotografieren, sonst droht Verwackelungsunschärfe. Mit einem 200er-Tele liegt die Grenze demensprechend bei 1/200 Sekunde. Ein Fünffach-Bildstabilisator sorgt dafür, dass ich mit 5 Blendenstufen länger belichten kann. Also liegt die Grenze der Verschlusszeit beim 200er-Tele bei ca. 1/8 Sekunde. Der Bildstabilisator nützt also in gewissen kritischen Bereichen, sagen wir mal salopp von etwa 1/10 Sekunde bis 1/100 Sekunde. Für Belichtungszeiten, die ausserhalb dieser Grenze liegen, ist der Stabi nicht konstruiert. Bei ultrakurzen Verschlusszeiten, wie sie beim Vogelflug oder beim Wellen fotografieren eingesetzt werden, nützt der Stabi nichts. Er schadet auf der anderen Seite auch nicht, weil die Verschlusszeit derart kurz ist, dass er nicht rechtzeitig auf die Bewegung reagieren kann. Es kann also als Faustregel gelten: bei Belichtungszeiten ab 1/10 Sekunde von Hand Bildstabi einschalten.
Kritisch kanns werden, wenn der Stabi mit dem Stativ zum Einsatz gelangt. Ich spreche jetzt von längeren Belichtungszeiten. Wer mit Stativ (oder Gimbal) und ultrakurzen Belichtungszeiten arbeitet, kann beruhigt den Stabi eingeschaltet lassen. Er nützt nichts, aber er schadet auch nicht. Bei längeren Belichtungszeiten mit eingeschaltetem Stabi kann es passieren, dass kleinste Erschütterungen den Kompensationsalgorithmus aktivieren und das Foto verwackelt wird. In der Vergrösserung sieht man bei scharfen Kanten auch so etwas wie eine Doppelbelichtung. Erschütterungen können sechs Ursachen haben:
Der Untergrund ist nicht fest. Das Stativ steht im Sand, auf lockerer Erde, auf der Wiese, im Laub, im Schlamm usw. Wenn es möglich ist, suche ich mir deshalb immer einen festen Grund. Am Meer stelle ich das Stativ wenn möglich auf Steine oder ramme die Beine tief in den Sand.
Lose baumelnde Gegenstände hängen an der Kamera. Hier sei an erster Stelle der Kameratragriemen erwähnt, der bei Luftzug um das Stativ schlenkert. Deshalb gehört der Tragriemen abmontiert. Dann sind auch baumelnde Kabel von Fernauslösern nicht zu empfehlen. Funkauslöser, die berührungslos ohne Kabel funktionieren, sind besser geeignet.
Den Touch-Screen, die Kamera oder das Stativ zu berühren, kann ebenfalls Erschütterungen auslösen. Halte also besser nicht das Stativ mit einer Hand, um es zu stabilisieren, es wird selten funktionieren.
Wind, der mit einer gewissen Stärke pfeift, macht die Langzeitaufnahme zur Herausforderung. Suche dir wenn möglich einen geschützten Ort. Benütze ein stabiles Stativ (nicht das Leichteste) und reduziere die Auszugslänge der Stativbeine. Ab einer bestimmten Windstärke ist es mit einem Teleobjektiv auf dem Stativ schwierig, knackigscharfe Fotos zu machen.
Der mechanische Verschluss oder auch der Spiegel bei Spiegelreflexkameras klackt und klappert nicht ohne Erschütterung. Stelle deshalb auf elektronischen Verschluss, der zudem auch eine höhere Serienbildgeschwindigkeit erlaubt. Der elektronische Verschluss arbeitet ohne mechanische Verschlussteile und ist geräuschlos.
Die Brennweite ist ein weiterer Faktor. Weitwinkelobjektive sind wesentlich weniger empfindlich gegen Verwackelung als Telebrennweiten. Wenns windig ist, lieber mit dem 24er, 35er oder 50er arbeiten als mit dem 150er, 200er oder 400er.
Wenn all diese Ursachen weg sind, wird sich der Sensor sich nicht von allein bewegen. Dann brauchst du auch keine Angst zu haben, die Bilder zu verwackeln. Gleich ob der Bildstabilisator eingestellt ist oder nicht. Die Theorie ist leider nicht immer die Praxis. Gerade am Meer mit Wellen gehört Wind einfach dazu. Auch den Untergrund kann ich mir nur beschränkt aussuchen. Deshalb meine Empfehlung: Bei Belichtungszeiten unter 1/10 Sek. mit dem Stativ immer den Stabi ausschalten. Übrigens: Wenns stark windet, machst du so oder so keine knackig scharfen Fotos mit langen Brennweiten. Auch wenn der Stabi ausgeschaltet ist.
Hafen von Salão, Faial, Azoren. Der Zug der Wellen wird sichtbar. Von oben herab aus etwa 100 Meter Distanz fotografiert. 0,6 Sek. Belichtungszeit, Blende f7.1, Brennweite 77 mm.
Kameraeinstellungen
Bei Tageslicht stelle ich in der Tendenz 100 ISO ein, da genügend Spielraum besteht, Verschlusszeit und Blende zu variieren. Wenn ich Wellen einfrieren will, stelle ich auf den Modus Tv (bei Nikon und Sony S), um die Zeit vor einzustellen. Je nach Objektiv, Geschwindigkeit der Wasserspritzer und Entfernung probiere ich mit der Verschlusszeit 1/2000 Sekunde und kontrolliere auf dem Display, wie scharf die Wassertropfen sind. Wenn sie nicht genügend scharf sind, verkürze ich auf 1/4000 und sehe mir das Resultat an. Die Blende halte ich im mittleren Bereich f5.6 bis f11, da ich ja eine gewisse Schärfentiefe erreichen will. Bei Wasserspritzern geht alles sehr schnell vonstatten. Je näher ich am Motiv dran bin, desto dynamischer siehts aus.
Das weiss schäumende Wasser hat es belichtungstechnisch in sich. Die gesamte Belichtung neigt dazu, das Wasser zu hell zu belichten, weil der dunkle Hintergrund mit eingerechnet wird. Dadurch verlieren die hellsten Stellen ihre Schattenzeichnung, das Wasser «frisst aus». Dies gilt es natürlich zu vermeiden. Mit der Plus-Minus-Korrektur im Display belichte ich ½ bis 3 Blendenstufen im Minus und kontrolliere, ob beim Foto die Lichterzeichnung in den hellsten Stellen noch da ist. Die Korrektur hängt von der Belichtungs-Messmethode ab, die eingestellt ist. Moderne Kameras haben verschiedene Messmethoden, um die Belichtung zu steuern:
Bei Canon kann sie mit dem Q-Button im Display aufgerufen werden. Rechts unten (orange) wird eine der vier Messmethoden festgelegt. Von links:
Mehrfeldmessung Hier misst die Kamera an vielen Stellen im Bild die Helligkeit und verrechnet diese zu einem Mittelwert. Sie hilft bei den meisten Aufnahmesituationen, funktioniert bei den automatischen Modi und bei der automatischen Motiverkennung.
Selektivmessung Selektivmessung ist eine Belichtungsmessmethode, bei der das Licht in einem relativ kleinen Bereich in der Mitte des Suchers gemessen wird, um die Belichtung zu bestimmen. Dies ist dann nützlich, wenn das Sujet zentriert ausgerichtet wird. Dadurch kann die Kamera die Belichtung besser an das Hauptmotiv anpassen, selbst wenn der Hintergrund sehr dunkel oder hell ist.
Spotmessung Die Spotmessung ist eine Methode, die es ermöglicht, die Belichtung anhand eines sehr kleinen Bereichs im Sucher zu bestimmen. Die Spotmessung wird standardmässig auf die Mitte des Suchers angewendet, kann aber auf einen anderen Bereich verschoben werden.
Mittenbetonte Messung Die mittenbetonte Messung bei Canon Kameras, auch mittenbetonte Integralmessung genannt, ist eine Belichtungsmessmethode, bei der der Schwerpunkt der Messung auf der Bildmitte liegt, während die Informationen aus dem gesamten Bildbereich einbezogen werden. Auch hier sollte das Motiv in der Mitte liegen, sonst kann es zu Fehlbelichtungen führen.
Die Messmethode im Voraus festzulegen, ist mitunter schwierig, weil die Motive nicht so eindeutig sind. Das helle Wasser ist hier nicht einfach in der Mitte. Aus diesem Grund wende ich standardmässig die Mehrfeldmessung an.Achte bei Wellenspritzern auf die Kameraposition beziehungsweise den Hintergrund. Am besten kommen die Wassertröpfchen vor einem dunklen Grund zur Geltung.Hier spritzen angespülte Algen hoch. Mit dem Wasser sieht es aus wie Schlamm.
Die Verschlusszeit muss sich der Geschwindigkeit des Wasser anpassen. Hier habe ich 1/8000 Sek. verwendet.
Wer nah dran ist, erwischt halt auch mal einen Schwall Salzwasser. Die Kamera selbst halte ich lieber vom Salzwasser fern. Ich arbeite mit der Serienfunktion, 10–15 Fotos pro Sekunde reichen. Auf dem Computer zu Hause suche ich mir dann das beste Foto jeder Serie aus, der Rest wird sofort gelöscht.
Ich will mit einer anderen Bildgestaltung das Wasser nicht einfrieren, sondern die einzelnen Spritzer in ihrem Lauf sichtbar machen. Ich stelle jetzt die Kamera (Modus Tv) auf eine Zeit von etwa 1/8 bis 1/4 Sekunde, halte die Blende im mittleren Bereich. Nach meiner Erfahrung brauchst du im Tageslicht jetzt einen Graufilter, sonst kriegst du zu viel Licht auf den Sensor. Bei Dämmerung kannst du darauf verzichten, da du deutlich weniger Licht auf den Sensor bekommst. Die Länge der entstehenden Wasserspritzer hängt von der Verschlusszeit ab. Wenn sie zu lang ist, verwischt das Wasser zu einem Nebel.
Die Wassertröpfchen werden durch längere Verschlusszeiten zu Linien, die den Weg der Tröpfchen aufzeigen.Wenn das Wasser direkt in die Richtung der Kamera spritzt, wirkt die Perspektive besonders dynamisch.Bei Verschlusszeiten um etwa 1/6 Sekunde kannst du den Lauf der Wasserspritzer festhalten. Die Blende 11 hilft, die Schärfentiefe gross zu halten. Der Fokusabstand ist etwa 30 Meter, die Brennweite 90 mm, bei 200 ISO.
Auch hier gilt es, die Umgebung zu sehen und in die Komposition einzubauen. Hier ein Badezustieg, der vom Atlantik umtost wird. Das menschgemachte Element trotzt der Wildheit der Natur. Der grosse Kontrast im Bild macht die Situation zusätzlich dramatisch.
Abends sind die Bedingungen dunkler, und ich arbeite mit dem Stativ. Jetzt geht’s mir nicht mehr um die Wasserspritzer, sondern um den Wasserfluss. Auch hier probiere ich verschiedene Verschlusszeiten aus, etwa von 1/5 bis 1 Sek. Die runden Lavasteine auf den Azoren bilden dafür grossartige Vordergrundmotive. Man muss hier darauf achten, dass die Schärfe gegen den Horizont nicht verloren geht. Bei Blende 13 habe ich genügend Schärfe von vorn bis hinten. Ich wähle den Modus M, um die Parameter gezielt einzustellen. Man kann hier ohne Probleme auch die ISO-Zahl auf 400 erhöhen.
Almoxarife, auf der Azoreninsel Faial. Hier habe ich die Brennweite 15 mm eingesetzt, bei Blende f13 und ISO 400 resultiert eine Verschlusszeit von 0,8 Sek. Der Fokus liegt auf den meerseitigen Steinen, es gibt im Bild eine Bewegung von links nach rechts.
Bei noch längeren Belichtungszeiten von 1 Sekunde und mehr erhält der weisse Meeresschaum ein nebelartiges Aussehen, wie man dies auch bei Wasserfällen oder Bachläufen schon gesehen hat. Die Wellenspuren verwischen sich zusehend, es entsteht ein mystisches Motiv. Die Belichtungszeit musst du jeweils ausprobieren, da der Abstand zum Motiv, die Bewegungsrichtung und die Geschwindigkeit des Wasser ausschlaggebend sind. Dazu kommt die Tageshelligkeit. Während du am Tag ohne Graufilter keine langen Verschlusszeiten hinbekommst, kannst du in der Dämmerung darauf verzichten.
Flysch-Kliff in Zumaia, bei San Sebastian, Nordspanien. 5 Sekunden Verschlusszeit lassen das Meer neblig verschwommen erscheinen. Der Effekt funktioniert nur, wenn Felsen in die Komposition eingebaut werden.
Ich arbeite hier mit dem Stativ, weil ich damit gleichbleibende Motive erzeugen kann. So kann ich später auch Bildteile gegeneinander austauschen und ineinander verrechnen. Wenn einmal die Kameraposition gefunden ist, heisst es geduldig warten und immer wieder auf den Auslöser zu drücken. Die Wellen sind jedesmal anders und es braucht auch etwas Glück, um das perfekte Bild zu fotografieren. Nach meiner Erfahrung drücke ich den Auslöser erst, wenn die Wellen sich über die Felsen ergossen haben und sich dann wieder zurückziehen. Also nicht, wenn sie kommen, sondern beim Abfliessen. Dann nämlich sieht man hübsch, wie das Wasser über die Felsen zurückfliesst. Beim Überfliessen zu Beginn der Szene ist vielfach alles weiss.
Nicht nur normale Aufnahmen, sondern auch Schwarz-Weiss-Umsetzungen benötigen eine sorgfältige Nachbearbeitung in Lightroom. Das Foto braucht mehr Kontrast und Lebendigkeit. Am Computer lege ich in Lightroom mit «Objekte auswählen» eine Maske für den Stein rechts an und helle ihn etwas auf. Dadurch wird das Foto lebendiger.
Almoxarife, Azoreninsel Faial. Solche Wischaufnahmen funktionieren bestens auch in Schwarz-Weiss.vorhernachher
Gestaltungsmöglichkeiten
Wellenspritzer erfolgen immer an einem Felsen, wo sich die Welle bricht. Man hat deswegen oft die Situation, dunkles Gestein im Bild zu haben. Auf der anderen Seite ist es auch schön, die Wellen im blauen Himmel zu erwischen. Wenn die Welle deftig bricht, erscheint die Unterseite des Wassers dunkel, wie bei den Wolken. Eines ist gesetzt: Die Horizontkante muss gerade verlaufen. Fast jedes Meer- und Wellenfotos weist eine Horizontkante auf, die das Foto in vorn und hinten teilt. Dadurch lassen sich Vordergrund und Himmel in der Bearbeitung ideal trennen und bearbeiten. Vor dem Sonnenaufgang bis eine Viertelstunde nachher ergeben sich oft die besten Lichtstimmungen, ebenso nach dem Sonnenuntergang.
Madalena, Azoreninsel Faial. Solche Sonnenuntergangstimmungen sind Highlights einer fotografischen Erkundung. Hier machen Landschaft, Felsen, Meer und Wolken die gesamte Bildkomposition aus.Zumaia, Nordspanien. Hier steht die Figur in einer Beziehung zum Umfeld. Die Kameraposition ist erhöht, was eine tiefe Meeresoberfläche erlaubt.Wenn du dich auf den Wellengang konzentrierst und direkt am Ufer stehst, gelingen dir einzigartige Wassermotive. Da meine Bildaussage auf dem heranrauschenden Meer liegt, ist die Horizontkante über der Mitte angesetzt.Mosteiros auf der Azoreninsel São Miguel. Brennweite 15 mm, Blende f20, 1,6 Sek., 640 ISO. Hier liegt in der Bildgestaltung die Horizontkante extrem weit oben.Mosteiros auf der Azoreninsel São Miguel. Brennweite 15 mm, Blende f20, 1,6 Sek., 640 ISO. Die Komposition besteht hier aus einer zentrierten Position, die Perspektive deutet auf die Felsen am Horizont.Almoxarife, auf der Azoreninsel Faial. Diese beiden Fotos stammen aus der gleichen Fotoserie, sie zeigen die gleichen Felsen am Strand, einfach mit unterschiedlicher Perspektive.
Noch ein Wort zur Nachbearbeitung
Da sind zunächst zwei Lager in Fotografenkreisen. Die einen beschwören die Authentizität und wollen an der Aufnahme nichts verändern. Sie sind gewissermassen die Puristen. «Ich mache nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich an meinen Fotos», höre ich oft. Ich vermute, dies könnte auch mit der Fähigkeit und dem Willen zu tun haben, in der Nachbearbeitung am Computer die Bilder so zu korrigieren, dass das Beste daraus entstehen kann. Oft fotografieren sie im Format JPEG und wissen nicht, dass der Algorithmus der Kamera das Foto intern entwickelt, so wie dies die Ingenieure vorgesehen haben. Sie beachten dabei nicht, dass Kameras, Sensortechnik und Algorithmen mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben. So können unsere Kameras den Nachthimmel mit den Sternen festhalten, oft wird der eigentlich schwarze Himmel dabei farbig gezeigt. Auch Nordlichter erscheinen nie so grell grün, wie sie die Kameras darstellen. Verwischte Aufnahmen, Mitzieh-Effekte, oder das Einsetzen von Pol- und Verlaufsfiltern, Zeitraffer, Mehrfachbelichtungen, Unschärfe, Schwarz-Weiss – alles existiert so für unseren Sehsinn nicht. Am Meer sind Langzeitbelichtungen, wie ich sie hier aufgezeigt habe, sehr reizvoll – sie haben aber mit der Realität kaum etwas zu tun, weil unser Auge-Hirn-System nicht im Langzeitmodus funktioniert. Kameras können in bestimmten Bereichen besser sehen als das menschliche Auge, in anderen Dingen sind sie halt schlechter. Zum Beispiel können sie mit hohen Kontrasten suboptimal umgehen oder auch gewisse Farben weniger gut wiedergeben.
In der Profi- und Newsfotografie ist die Nachbearbeitung verpönt oder muss aus Zeitgründen wegfallen. Bei Reportagen kann man nicht einfach die Situation umbiegen, und bei Sportreportagen bleibt keine Zeit, um das Goal in letzter Minute sorgfältig bearbeitet in die News zu rücken.
Im anderen Lager tummeln sich die Fotoenthusiasten, welche mit der Kamera erst einmal die Fotos gestalten, einfangen und nachher zu Hause zu perfekten Resultaten verarbeiten. Sie sind auf der anderen Seite der Skala die Kreativen. Sie haben Freude an Effekten aller Art und nutzen die KI, um Drähte, Personen oder allerlei anderes, was stört, aus dem Bild zu entfernen. Oder sogar nicht Vorhandenes hinzuzufügen.
Jeder muss nach seiner Façon glücklich werden.
Gewiss ist, dass heutige Kameras mit dem RAW-Format der Wirklichkeit am nächsten kommen. RAW bedeutet jedoch zwingend, dass die Fotos in der Postverarbeitung mit einem RAW-Converter bearbeitet werden müssen, wie zum Beispiel mit Lightroom, Photoshop, Capture One, Luminar und anderen. Bei dieser Gruppe von Fotografinnen und Fotografen liegt der Effekt und die Wirkung im Vordergrund, nicht die Authentizität.
Ein Dorn in meinem Auge ist die beschränkte Wiedergabequalität der Ausgabemedien. Wenn ich Fotos mit einem Full-HD-Beamer zeige (1920 x 1080 Pixel), also etwa mit 2 Mio. Pixel, so heisst dies, dass ich von meiner 45 Mio.-Pixel-Kamera nur gerade 4,4% der Pixel darstellen kann! Von der Farbdarstellung spreche ich schon gar nicht. Selbst bei einem Fotoprint oder einem Fotobuch verliere ich das meiste an Bildinformation, was vom Sensor auf die SD-Karte gebrannt wurde. Auch dies ist einer der Gründe, welche für die gezielte Nachbearbeitung und Verbesserung der Bildqualität spricht.
Ein paar Variationen der Bildnachbearbeitung: Mosteiros, Azoreninsel São Miguel. Aus einer Serie mit unterschiedlicher Entwicklung. Mir bereitet es grossen Spass, meine Fotos in der Nachbearbeitung so zu entwickeln, dass sich daraus die grösstmögliche Wirkung erzielen lässt. Eine Nähe zu der dunklen Stimmung, die hier herrschte, besteht nicht. Von Auge aus hat man die Felsen im Vordergrund fast nicht mehr sehen können.
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einem breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto-Tevy Seminare und Workshops durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Fotografie für dich ist ein praxisnahes Lehr- und Handbuch für engagierte Fotografinnen und Fotografen, die mehr aus ihrem Hobby herausholen möchten. Es beschreibt ganz ohne technische Details wie Fotografie funktioniert und wie gute Fotos entstehen.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ansichtsexemplare und Verkauf: Foto Tevy, Wädenswil.
Erfahrungen und Empfehlungen für tolle Urlaubsfotos.
Pizzomunno, ViesteTraniOlivenbäumeViesteAlberobelloGegend San NicolaAlberobelloFaraglione di Torre Sant’Andrea
Apulien ist landschaftlich abwechslungsreich: pittoreske Städtchen, schöne Landschaften und ein türkisgrünes Meer.
Monte Sant’AngeloViesteOstuni
Reisen und Fotografieren
Die meisten von uns, die ernsthaft fotografieren, nehmen die Kamera in die Ferien mit, um ihrem Hobby auch dort nachzugehen. Mit ernsthaft meine ich das Fotografieren mit einer richtigen Kamera, nicht das Knipsen mit dem Handy. Dieses ist sowieso mit an Bord. Wenn ich in den Ferien in einer Stadt unterwegs bin, so fallen mir Hunderte von Touristen auf, die nur eines im Sinn zu haben scheinen, nämlich mit gestrecktem Arm ein Selfie zu schiessen: Ich vor der Sehenswürdigkeit, Ich im Restaurant, Ich vor der Kathedrale, Ich, Ich, Ich. Nein, sowas meine ich nicht mit Fotografieren. Ich habe nichts gegen Selfies, im Gegenteil, aber ein weitwinkelverzogener Kopf am Rand des Handyfotos sieht nun einmal fotografisch gesehen bescheuert aus. Lieber bitte ich andere Personen, von mir oder uns ein Foto zu machen. Oder ich lege die Kamera auf eine Unterlage und fotografiere mit dem Selbstauslöser. Kann nicht so schwierig sein.
Pause auf einer Dachterrasse in Alberobello. Die Kamera liegt auf einer hölzernen Sitzbank, Selbstauslöser.Es gibt keinen Grund, absichtlich schlechte Selfies zu machen. Es findet sich nahezu immer jemand, der einem hilft, mit der Kamera normale Porträts zu schiessen. Die zudem nachträglich zugeschnitten werden können.Auf der Hafenmole vor Peschici lassen sich Personenporträts vor einem hübschen Hintergrund fotografieren. Die Kameraposition ist tief, damit sich die Figur gegen den Himmel absetzt.
Ferienreisen und Fotografie sind wie Bruder und Schwester
Manchmal vertragen sie sich ganz gut und manchmal liegen sie im Streit. Wer zu zweit oder mit mehreren Personen unterwegs ist, weiss von meinem Leid: «Es reicht jetzt!» kommt immer dann, wenn man noch ein paar Aufnahmen machen möchte oder die Sonne von Wolken verdeckt ist und ich noch fünf Minuten warten möchte, um das perfekte Licht einzufangen. Denn die Nichtfotografierenden wollen schliesslich auch reisen und nicht nur fotografieren. Wer in einer Fotogruppe mit Gleichgesinnten reist, kann auf Verständnis zählen, wenn der Fotografie ausgiebig Zeit gegönnt wird. Das Reisen mit Nichtfotografierenden braucht Absprachen im Voraus, gegenseitiges Verständnis und ein gewisses Mass an beidseitiger Toleranz. Ich als Fotograf verzichte dann halt auch mal auf ein besonderes Foto, welches in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich ist. Anderseits schaffe ich mir Freiräume, die die andern nicht tangieren, indem ich zum Beispiel schon mal lange vor dem Frühstück aufstehe und in den frühen Morgenstunden allein losziehe, um die goldene Stunde festzuhalten. Oder indem wir mehrstündige Zeitfenster festlegen, die ausschliesslich dem Fotografieren gehören.
Wenn wir vor Ort sind, und der Städtebummel gerade läuft, so versuche ich, die übrigen Reiseteilnehmer nicht in ihrem Erlebnis durch meine fotografische Tätigkeit allzu sehr einzuschränken. Dies beginnt mit den Fotostopps im Auto oder auf dem Velo unterwegs oder dem langsamen Vorwärtskommen, weil Fotografieren eben viel Zeit beansprucht.
Eine geplante und geführte Fotoreise mit Gleichgesinnten hat unter anderem den Vorteil, dass die Reiseroute und Motivwahl vorweggenommen ist und die Gruppenleitung weiss, was auf einen zukommt. Da wird einem gesagt, was mitgenommen werden soll. Auf der individuellen Reise durch Apulien wechseln Motive andauernd: Blumen, Bäume, Menschen, Tiere, Gassen, Kirchen, Meer, Strände, Felsen, Wellen. Auf solchen Reisen muss ich mich halt mehr mit dem auseinandersetzen, was, wann und wo ich fotografieren will.
Am frühen Morgen ist man als Fotograf fast allein. Eine gute Gelegenheit, die Fischer beim Verkauf ihres Fangs zu fotografieren. Das Gegenlicht sorgt für die besondere Stimmung.
Planung und Moodboard
Auf Reisen hilft eine Planung, die eigene Effizienz zu erhöhen und gute Fotos zu schiessen. Ich beschreibe hier eine Reise durch Apulien, die wir im Mai 2025 unternahmen. Ein Reisebüro hat uns eine Route mit fünf Hotelstopps vorgeschlagen, der wir folgen wollten. Im Vorfeld sehe ich sie durch und google all die Sehenswürdigkeiten, die wir unterwegs antreffen und besuchen sollten. Ich mache viele Screenshots davon und stelle ein Moodboard zusammen. Ein solches zeigt Ideen und bestehende Fotos, mit denen ich später ans Werk gehe. Ich mache mir dazu Notizen, zu welcher Zeit und mit welchen Mitteln ich dorthin gehen werde. Das Moodboard ist so etwas wie eine Leitlinie, die mir helfen, die Tage fotografisch auszufüllen. Ich halte darin auch fest, dass ich in einer Stadt zum Beispiel auch Menschen fotografieren möchte und nicht nur Sehenswürdigkeiten. Ein Moodboard zeigt auf der Zeitachse und auf der Reiseroute, was es wann zu bestaunen gibt. Es ist hingegen keine To-do-Liste, die man peinlich genau abarbeiten sollte.
Ein Moodboard zeigt Bildideen und Erkenntnisse im zeitlichen Reiseverlauf, die mithilfe des Internets gewonnen wurden.
Beim Reisen kommt einem immer wieder mal eine Schlechtwettersituation in die Quere. Und wer geht schon bei Regenwetter einen Strand fotografieren? Reisen und fotografieren bedeutet auch, sich etwas Zeit zugeben, vielleicht mal drei Nächte im gleichen Hotel zu bleiben, um dadurch Zeit zu gewinnen, einen Regenguss zu erdulden und am nächsten Tag eine andere Chance für den Sonnenuntergang zu erhalten. Wolkentürme sind im übrigen als Hintergrund interessanter als ein tiefblauer Himmel. Jeden Tag in einer neuen Destination anzukommen, kann zu fotografischem Stress führen. Lieber etwas weniger weit, dafür länger vor Ort. Fotografisches Glück erfährt man nicht im Renntempo, es wartet vor Ort.
Die von einem Reisebüro organisierte vierzehntägige Rundreise mit Mietwagen durch den Stiefelabsatz Italiens. Diese Karte habe ich digital angefertigt, um sie im späteren Fotobuch zu verwenden.
Fotografieren und das Fliegen
Akkus-, Ersatzbatterien und Powerbanks für Kameras oder Drohnen sind im Handgepäck mitzuführen, sie dürfen 100 Wh nicht überschreiten. Die Angaben ohne Gewähr, sie sollten bei den Fluggesellschaften im Internet nachgeschaut werden. Edelweiss Air droht bei Zuwiderhandlung mit Haft oder Busse bis Fr. 20000.–. Es lohnt sich also nicht, nachlässig zu sein. Ich selbst packe schwere Objektive oder andere Ausrüstungsgegenstände auf der Hinreise mit in den Koffer. Allerdings nur solche, auf die ich in den nächsten Reisetagen nicht angewiesen bin, falls der Koffer verspätet per Taxi geliefert wird. Auf der Rückreise ist ein vermisster Koffer höchstens lästig, ich behalte auf jeden Fall meine gefüllten SD-Karten bei mir. Das Handgepäck besteht bei mir aus einem Fotorucksack, der ein Maximalgewicht von acht Kilogramm aufweisen kann. Eine zusätzliche Handtasche gilt nicht als Handgepäck und darf ebenfalls mit. Als Fotograf mit schwerem Gepäck nutze ich diese Tatsache insofern aus, dass ich einen kleinen Reiserucksack oder eine grosse Bauchtasche (meine eigene Handtasche) mitführe, die ebenfalls ein paar Kilos an Fotosachen aufnehmen können.
Spontan oder geplant
Reisen und fotografieren, zwei faszinierende Hobbys. Wer die Augen offen hält, bekommt während der Reise Tausende von farbigen Eindrücken, die wir mit allen Sinnen aufsaugen und die unsere Seele und den Geist öffnen. Reisen ist ein Abenteuer jenseits der abgetretenen Pfade des Alltags. Mit der Fotografie halte ich die Eindrücke warm und konserviere sie für mich und die anderen, denen ich anhand der Fotos das Erlebte erzähle (wie hier in diesem Blog). Das Fotografieren unterwegs lebt vom «ungeplanten Knipsen», eine Situation stellt sich urplötzlich ein und eine sofortige Reaktion ist gefragt. Wenn ich da nicht abdrücke, ist die Geschichte schon vorbei.
In Monopoli warten ein paar Frauen vor der Kathedrale auf eine kirchliche Prozession. Ich wartete auf der anderen Strassenseite den passenden Moment ab und fotografierte mit 200 mm Brennweite völlig unbemerkt. Aus einer Serie von fünf Fotos wählte ich dann jenes aus, bei dem alle ein Glace vor dem Mund hatten.
Reisegruppe vor dem Standbild des heiligen Nikolaus auf dem Vorplatz der Kathedrale in Bari. Mir gefiel die Geste der Statue und musste etwas warten, bis eine Touristenschar aufkreuzte, um Fotos davon zu machen. Jetzt scheint der Heilige die Schäfchen zu segnen. Das Vorausahnen der Situation erlaubt, den «Zufall» zu inszenieren.
Eine Landschaft oder auch Architektur hingegen geben mir Zeit, das richtige Objektiv aufzusetzen, den Ausschnitt zu wählen und alle nötigen Einstellungen an der Kamera vorzunehmen. Bei Natur- und Landschafts- oder Architekturfotos kann ich in Ruhe Motive auswählen und variieren. Dabei ist nicht Spontanität der Treiber, sondern der Wille, eine gute Gestaltung ins richtige Licht zu setzen. Wie in der folgenden Galerie von Mohnblumen, die unter Olivenbäume gedeihen. Sie finden sich auf dem Weg zum Castel del Monte südlich von Andria. Mein Lieblingslicht in der Natur ist das Gegenlicht. Es bringt die Farben des Grüns und des Rots der Natur besonders zu Leuchten.
südl. Andriasüdl. Andriasüdl. Andriasüdl. Andriasüdl. Andriasüdl. AndriaUm Vieste herum wurden Trabucci erhalten, ehemalige Einrichtungen, die es erlaubten zu fischen, ohne auf das Meer zu fahren. Auch hier kann ich mich in aller Ruhe einrichten und fotografieren.Im Nationalpark Gargano wächst ein Laubwald mit hohen Baumbeständen. Der Ort hat etwas Magisches, denn die Landschaft steht in einem überraschenden Kontrast zur meernahen Flora.Im Mai blüht in Apulien alles. Grosse Mohnfelder überziehen die Landschaft mit einem dichten roten Blumenteppich.Region FoggiaRegion FoggiaRegion FoggiaRegion FoggiaGegend San NicolaGegend San Nicola
Ortschaften, wie aus einem Guss
Apulien ist dicht besiedelt, so wie bei uns in der Schweiz auch. Klar gibts auch hier 08/15-Siedlungen, Agglomerationen und richtig schlechte Strassen. Man sieht es an dem Strassenzustand an, in welchen Gegenden Geld für Investitionen vorhanden ist und in welchen nicht. Als Fototourist bin ich aber den Schönheiten auf der Spur, die hier fast überall warten bewundert zu werden. Wir haben viel pittoreske Dörfer besucht, die allesamt ihren Charakter erhalten haben. Wohl auch, weil restriktive Bauvorschriften eine Wildwuchs in den Altstädten verhindern.
Matera liegt in der Basilikata in der Grenzregion zu Apulien. Die Stadt ist als UNESCO Welterbe bekannt für seine Höhlensiedlungen (Sassi) und die Felsenkirchen.Wer mehrere Tage vor Ort ist, hat die Chance, ähnliche Bilder zu anderen Tageszeiten zu fotografieren.Hier besonnt, aber mit bedrohlicher Wolkenfront.Matera in der blauen Stunde. Im Vordergrund eine Felsenkirche, die Chiesa San Pietro Barisano aus dem 12. Jahrhundert. Die Altstadt der Sassi di Matera, mit der Felsenkirche Santa Maria de Idris. Die Kathedale von Matera kontrastiert zu den einfachen Gelsenkirchen in Grösse und Ausstattung. Das 10-20mm Zoom erlaubt, einen grossen Deckenbereich einzufangen.MateraMateraMateraMateraMateraMateraMateraMateraMateraMateraDurchgang in Matera am frühen Morgen, ohne Touristen. Das Foto wendet das Framing-Prinzip an, der Rahmen lenkt den Blick aufs Motiv. Die Pflastersteine und das Mauerwerk habe ich mit Lightroom sichtbar aufgehellt.Von der gegenüberliegenden Seite der Schlucht Gravina di Matera hat man eine fantastischen Sicht auf die Stadt. Das Panorama entsteht aus sechs Teilaufnahmen, die in Lightroom in der Nachbearbeitung zu einem Panorama zusammengefügt werden
Peschici, das blau-weisse Bijou
Ganz im Norden von Apulien liegt das Dörfchen Peschici, das auf einer Felsklippe klebt. Die Häuser sind in griechischer Art weiss getüncht, und zeigen viele blaue Farbakzente.
Es gilt beim Erkunden und Reisen die Situation zu antizipieren und sich nicht überraschen zu lassen. Die Kamera hängt schussbereit am Gurt (nicht abgestellt), ISO, Blende und Verschlusszeit sind voreingestellt. Die Einstellungen gehen auf die Motive ein: Bei Architektur (stehendes Motiv) achte ich auf eine ausreichende Schärfentiefe, während ich bei bewegten Motiven (wie Tieren oder Menschen) eine kurze Belichtungszeit einstelle, um mir keine Bewegungsunschärfe einzuhandeln. Weil ich viele unterschiedliche Motive fotografiere, muss ich die Kameraeinstellungen immer wieder neu checken und einstellen. Man kann natürlich auch mit der Programmautomatik P arbeiten, die in vielen Genres einen annehmbaren Kompromiss liefert. Wer wie ich aber das Beste aus den Motiven machen will, kommt auf manuelle Einstellungen nicht herum. Nicht die Kamera soll bestimmen, wie die Unschärfe im Bild gesetzt wird, das mach ich lieber selbst. Ich verwende zum Beispiel oft die Plus-Minus-Korrekturmöglichkeit, um das Bild richtig zu belichten. Die Kamera kann auch nicht festlegen, wie kurz die Belichtungszeit sein soll, um ein bewegtes Motiv scharf zu erwischen.
Von weitem sehe ich diesen Bannerträger einer Blaskapelle, der am Strassenrand auf seinen Einsatz wartet. Beim Vorbeispazieren erwische ich ihn aus dem Stand und bedanke mich herzlich für das Foto. Unten: Touristinnen, die posieren, sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie dankbare Motive abgeben. Man kann sie unbemerkt fotografieren.BariMatera
Die richtige Ausrüstung
Beim reisen und fotografieren, geht’s vor allem um eines: das Gewicht. Mit zunehmendem Alter wird eine grosse Kamera mit schweren Objektiven zu einer körperlichen Belastung. Wer möchte schon mit einer Ausrüstung von 10 Kilo am Rücken stundenlang eine Stadt entdecken? Zum Glück gibt es heute leistungsfähige Systemkameras mit einem Reisezoom, die gute Fotos zulassen, ohne die Fotografin in die Knie zu zwingen. Es ist halt so, dass man in der Regel die Kamera in die Ferien mitnimmt, die man zu Hause hat. Ich selbst mit zwei Kamerabodys Canon EOS R5 Mark II unterwegs, im Auto führe ich die ganze Ausrüstung für die Reise mit. Wenn ich vor Ort fotografiere, nehme ich mir daraus ganz gezielt die beiden Objektive für das Motiv in einem kleinen Fotorucksack mit. Also zum Beispiel sitzt auf einer Kamera das RF 24–70 mm, auf der anderen das RF 70–200 mm. Die meisten von uns sind wohl mit einer Kamera unterwegs. Hier stellt sich die Frage nach dem idealen Reiseobjektiv. Ich empfehle, die Brennweite von etwa 20-200 mm damit abzudecken, damit kann ich die meisten Motive unterwegs ablichten. Ein Reisezoom mit einer grossen Abdeckung hat den Vorteil, dass ich unterwegs nicht dauernd das Objektiv wechseln muss. Es gibt hier bei jeder Marke und bei jeder Sensorgrösse ein gutes Angebot, der Fotofachhändler weiss Rat, wenn Wunsch und Budget vielleicht etwas auseinanderliegen. Bei den Objektiven gilt: je lichtstärker sie sind, desto mehr geht’s ans Portemonnaie.
Wer schon eine Kamera und die Ausrüstung besitzt, wird seine Reise damit antreten, die gilt für die semiprofessionellen Kameras und die Spitzenmodelle. Es stellt sich die Frage, ob man die schwere Ausrüstung besser zuhause lässt und anstelle derer eine Kompaktkamera mitführt.
Kompaktkameras haben das Objektiv fix verbaut, sie sind leicht und echte Allrounder. Für ca. 500 Franken sind sie die erste Wahl fürs kleine Budget, nur um drei zu nennen (von links): Panasonic DC-FZ 82 D, Panasonic Lumix DC-TZ 99 oder die Olympus TG-7.
Bei der nächsten Kategorie kann das Objektiv gewechselt werden, auch ist die Auflösung besser und die Kamera hat viele Einstellungsfunktionen. Auch hier ein paar Nennungen, oben von links: Canon EOS R10 oder R50, Nikon Z30 oder Z50 II, Sony Alpha 6400, unten von links: Olympus OM-D E-M1 III und Olympus OM-D E-M 10 IV.
Die Kamerawahl ist immer ein Kompromiss zwischen dem, was man damit machen will, dem Budget, dem Gewicht und den Qualitätsansprüchen. Qualität heisst zum Beispiel Spritzwasser- und Staubschutz und eine robuste Bauweise. Das alles führt zu mehr Gewicht und zu einem höheren Preis. Es ist als Anfänger sehr schwierig, das passende Modell zu finden, auch wenn im Internet Testberichte und Empfehlungen zuhauf vorhanden sind. Das persönliche Gespräch mit dem Fachhändler führt aus meiner Sicht am leichtesten zum ersehnten Ziel, künftig mit einer echten Digitalkamera Fotos zu schiessen, die sich eigentlich in fast allem qualitativ von Handybildern absetzen.
Vollformat, APS-C oder MFT?
Mit der Formatfrage ist hier einmal die Sensorgrösse gemeint. Also die Grösse, die mit lichtempfindlichen mikroskopisch kleinen «Pixeln» bestückt ist. Ein Sensor kann heute je nach Grösse und Bauweise ca. von 24 bis 60 Millionen Pixel aufzeichnen. Je mehr Pixel, desto grösser ist die Aufzeichnungsdichte, was sich auf die Schärfeleistung auswirkt. Vollformat bedeutet das Kleinbildäquivalent 36 x 24 mm. Mit APS-C ist die Hälfte davon, 24 x 18 mm, gemeint und MFT bedeutet Micro Four Thirds, etwa 17 x 13 mm. Alle Formate haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile und sie werden bei den Kameraherstellern unterschiedlich verbaut und teilweise auch bezeichnet.
Ein Tourist in Lecce wartet in der Pizzeria. Mit dem 200er-Tele aus etwa 15 Meter Distanz fotografiert. Ein Vollformatsensor erlaubt, das Bild im Nachhinein sehr stark zuzuschneiden, ohne an Schärfe zu verlieren. Ein solches Croppen ist mit einem kleinen Sensor nicht so gut möglich.
Man schiesst nicht wegen der Ausrüstung gute Ferienfotos. In bestimmten Fällen hilft diese, dass die Aufnahmen gelingen. In einer Kathedrale bin ich mit dem Weitwinkel nun einmal besser dran als mit einem 200er-Tele. Ich höre viel, dass die beste Kamera die ist, die man gerade dabeihat. Es wird auf das Handy angespielt. Nun, auch ich habe das Handy selbstverständlich dabei. Und fotografiere gelegentlich sogar damit. Allerdings, wenn ich mir die flauschig-verschwommenen Fotos auf meinem Grossmonitor dann ansehe, verzichte ich darauf, sie weiter zu verarbeiten und sie zu meinem guten Kamerabildern hinzuzufügen. Sie sind einfach qualitativ zu schlecht, zu wenig scharf, mit Objektivverzügen und vielem mehr. Sie sehen auf dem Handy gut aus, dort sollen sie bleiben und können sofort über Social Media geteilt werden. Mit Fotos richtiger Kameras können sie einfach nicht mithalten.
Zur Reiseausrüstung gehören immer ein leichtes Reisestativ, sowie diverse Graufilter und sonstiges Zubehör wie Fernauslöser, Polfilter, Ersatzakkus und Aufladegeräte. Für mich immer dabei eine Mehrfachsteckdosenleiste. Wie oft schon habe ich mich genervt, weil im Hotelzimmer zu wenig Steckdosen vorhanden waren und diese sogar an unzugänglicher Stelle versteckt. Ausserdem habe ich meine Drohne dabei, die für gewisse Übersichten sorgt.
Stützendes Mauerwerk ist ein Merkmal südlicher Altstädte und auch Kirchen. Ich benutze dafür gerne mein 10–20er-Zoomobjektiv, welches zwar stürzende Linien erzeugt, jedoch ein grosses Bildfeld einfängt.
OstuniBariMonopoliOstuni
Die richtige Zeit und die Lichtstimmung
Dies vorweg: Es gibt nicht schlechtes und gutes Licht. Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit tolle Urlaubsfotos gewinnen. Sie haben einfach eine andere Wirkung. In einer engen italienischen Gasse ist das Mittagslicht vielleicht sogar vorteilhaft, weil die Schatten des Mauerwerks sichtbar werden. Auf der anderen Seite sind warme Lichtstimmungen in der goldenen Stunde oder ein Sonnenuntergang halt schon besonders romantisch. Das Problem der Reisefotografie ist der Tagesablauf. Die Essenszeiten im Hotel sind aus meiner Optik immer dann, wenn draussen beste Lichtstimmungen vorherrschen. Essen und blaue Stunde stehen sich grundsätzlich im Weg. Da hilft die Planung, um welche Zeit vor Ort Sonnenaufgang und -untergang stattfinden, daraus abgeleitet goldene Stunde und die blaue Stunde. Ich weiss also mit Hilfe des Moodboards im voraus, bei welchem Fotohotspot ich gerne die blaue Stunde fotografieren möchte. Ich weise meine Mitreisenden darauf hin, die Essenszeit doch bitte an diesem Tag darauf abzustimmen. In Apulien geht die Sonne rund eine Stunde früher unter als in unseren Breitegraden.
Sonnenuntergang in Trani. Ich achte darauf, immer einen attraktiven Vordergrund ins Bild zu setzen. Die Szene wird im Laufe des Tages schon rekognosziert. Der Sonnenuntergang selbst dauert nur kurze Zeit, die ich zum Fotografieren nutze, ohne mich dabei gross bewegen zu müssen.Hier ein anderes Stimmungsbild aus Trani, das die Hafenmole mit dem Leuchtfeuer für die Hafeneinfahrt zeigt. Ein einsamer Spaziergänger zeigt die Grössenordnung zum Turm und betont die Grösse der Felsbrocken im Vordergrund.In der gleichen Fotosession, erwarte ich einen weiteren Fussgänger bei einer Pfütze. Ich positioniere die Kamera auf dem Stativ so, dass die Sonne direkt auf dem Leuchtturm aufgesetzt wird. Sobald mich der Mann passiert, schiesse ich mehrere Fotos.Im Fischerhafen von Trani.Der gleiche Hafen von Trani, diesmal bei flammendem Himmel nach Sonnenuntergang. Häufig entstehen die richtig guten Stimmungen am Himmel erst nachdem die Sonne untergegangen ist.
Mit JPG oder mit RAW fotografieren?
Eine Frage, die sich immer wieder stellt. Wer seine Bilder mit einem RAW-Konverter (Lightroom, Photoshop, Capture One, Luminar usw.) entwickelt, der hat sich wohl längst vom Bildformat JPG verabschiedet. Mit JPG entwickelt die Kamera nach einem Algorithmus die Bilder und schreibt sie «gebrauchsfertig» auf die SD-Karte. Beim JPG-Datenformat ist oft festzustellen, dass bei Landschaftsaufnahmen entweder die Wolken zu hell oder der Vordergrund zu dunkel wirken. Solche Belichtungsfehler kann man mit der RAW-Entwicklung sehr gut aussteuern. Zudem sind einige Korrekturmöglichkeiten, die in Photoshop oder Lightroom zur Verfügung stehen, bei JPG nicht verfügbar.
«Was machst du eigentlich mit all deinen Fotos?»
Diese Frage muss ich mir immer wieder anhören. Auf einer Reise fotografiere ich allerdings oft und gerne. In vierzehn Tagen kommen gut und gerne gegen 3000 Aufnahmen zusammen, davon viele Varianten, Hoch- und Querformate, und auch solche mit anderen Einstellungen wie Belichtungszeit oder Blendenwahl. Daraus lösche ich beim Entwicklungsprozess etwa die Hälfte aller Fotos. Ich lerne beim Selektionieren nochmals gut hinzuschauen. Die Kompetenz für die fotografische Bildkomposition lernt man durchs nachträgliche Betrachten und Löschen! Wer viel fotografiert, lernt schneller, gut zu werden. Alle Bilder werden mit einer Bildunterschrift benannt, mindestens will ich später wissen, wo das Bild aufgenommen wurde. In drei bis fünf Jahren lösche ich nochmals etwa die Hälfte aller verbliebenen Fotos. Von den besten stelle ich ein Fotobuch her, das ich zum Teilen der Urlaubsfreuden gerne anderen zeige.
Fotobücher können auf der Webseite https://tevy.meinfotohaendler.ch online gestaltet und bestellt werden. Mein Fotobuch kann bei Tevy auf Anfrage besichtigt werden.
Apulien, du Schöne
Ganz im Süden Italiens liegt ein besonders anmutiger Landstrich im Stiefelabsatz, der vom Sporn bis hinunter an die Absatzspitze reicht. Apulien ist eine bekannte Badedestination, aus der Schweiz nicht so viel besucht wie die nördlicheren Regionen Italiens. Bari ist die Hauptstadt mit dem Flughafen, Brindisi und Lecce sind zwei weitere grössere Städte. Apulien weist eine reichhaltige Geschichte auf, die Griechen und die Normannen haben die Kultur geprägt. Im Norden liegt der Nationalpark Gargano um 800 Meter mit bewaldeten Hügelzügen fast wie bei uns, im Süden warten ewiglange weisse Sandstrände und dazwischen eine reiche Kulturlandschaft, die von Olivenbäumen geprägt ist. Weite Kornfelder wiegen sich im lauen Wind und im Salento stehen Rebstöcke soweit das Auge reicht. Am Meer und auch im Landesinnern liegen weiss verputze Städtchen. Auf Felsklippen kleben sie wie Vogelnester, ihr Weiss kontrastiert mit dem Grün der Umgebung und dem Blau des Meers. Die grossen Gebäude und Kathedralen sind eindrucksvolle Zeitzeugen von der Romanik bis hin zum Barock. Als Reisende quer durch Land zu fahren und die einzelnen Hotspots zu besuchen, ist schon ein Privileg. Wir sind von Bari aus mit dem Mietwagen ganz hinauf und dann wieder ganz in den Süden. Apulien im Mai bedeutet Grün – alles blüht, die Strassen sind von Wildblumen in allen Farben gesäumt. Die touristischen Badeorte sind allesamt noch geschlossen, die Sonnenschirme stehen in Reih und Glied – aber alles ist leer. Auch in den Städtchen halten sich die Menschenmassen in Grenzen. Wir möchten allerdings nicht in der Hauptsaison hier sein. Sowieso ist Fotografieren in den Tourismushotspots eher etwas, das ich gerne meide. Die Tagestemperaturen liegen bei angenehmen 20 bis 25 Grad. Zum Fotografieren gibt es, wie meine Beispiele zeigen, mehr als genug der Motive.
Das Trulli-Dorf Alberobello ist schon im Mai etwas von Touristen überlaufen.Vieste in der blauen Stunde.Faraglione di Torre Sant’Andrea gehören wohl zu den spektakulärsten Stränden Apuliens.Im Fischerhafen von Monopoli.Baia delle Zagare. Kleine Buchten und Felsformationen im Stiefelsporn bei Vieste.Peschici liegt malerisch auf einer Felsklippe.In der Altstadt von Bari.Die Sassi von Matera.Ein Fischer von Gallipoli flickt seine Netze im warmen Morgenlicht.
Mauern, Steinböden oder Stillleben, in Apulien bleibt kein Auge trocken.
MateraMateraMateraMateraMateraMateraBari
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einen breiten Spektrum an Objektiven. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– Eigenverlag. Erhältlich bei Foto-Tevy, Wädenswil oder direkt beim Verlag https://turtschi.medienwerkstatt.ch
Was leisten die drei langen Brennweiten Canon RF 100–500 mm, 200–800 mm und das lichtstarke 600 mm? Kleine Vögel im Flug zu fotografieren, gehört zum Anspruchsvollsten überhaupt.
Canons hochwertige Teleobjektive überzeugen durch ihre Leistungsfähigkeit.
Zum Einstieg
Wer in der Natur unterwegs ist, kommt kaum darum herum, eine lange Brennweite einzusetzen, um Tiere heranzuzoomen. Der Anbietermarkt ist dementsprechend reichlich mit Objektiven bestückt, die in unzähligen Blogs und Videos ausführlich besprochen werden. Es geht mir hier weniger um die technischen Features als um meine praktische Erfahrung mit den drei Objektiven. Das Canon RF 600 mm F4 L IS USM wurde von Canon (Schweiz) AG für diesen Blog zur Verfügung gestellt. Die Objektive Canon RF 100–500 mm F4.5–7.1 L IS USM und Canon RF 200–800 mm F6.3–9 IS USM sind in meinem Besitz.
Das RF 600 mm, F4, gehört zu den langen Highend-Objektiven. Es ist gut ausbalanciert, am Griff tragbar und ich kann dank der hervorragenden Lichtstärke leicht freihändig fotografieren.
Tiere in der freien Natur fotografieren
Ich war bisher nicht so der Vogelfotograf. Meine Fotosafari in Uganda vor zwei Jahren gab erst den Anstoss dazu. Ich fotografierte nebst grösseren Wildtieren unzählige Vögel und bin seither fasziniert. Eine der wesentlichen Eigenschaften für uns Fotografen ist das Eins-Werden mit der Natur, dies mental und physisch. Naturnahe Kleidung und Tarnmaterialien für Mensch und Kamera sind zumindest nicht schädlich. Es braucht Geduld, einen langen Atem, eine ausreichende körperliche Konstitution, Kälte- oder Hitzeresistenz, Langsamkeit, innere Ruhe, «Jagdfieber», einen konkreten Plan im Kopf und anderes mehr. Man kann nicht einfach drauflos marschieren und irgendwann gerät ein Tier vor die Linse. Alle meine Bewegungen sind wie in Zeitlupe, reden ist verpönt, die Kamera löst ohne Rattern still aus. Ich will die Tiere bewusst fotografieren und habe alle notwendigen Kameraeinstellungen vorgenommen, das Gerät ist schussbereit in der Hand oder am Auge.
Stockente beim Flügelputz. Vögel in Aktion sind wesentlich spannender anzuschauen als wenn sie ruhig auf dem Wasser schwimmen oder auf einem Ast sitzen.
Die Natur gibt die Regeln vor, ich kann keine Posingwünsche artikulieren. Gewisse Vorstellungen über das Habitat und die Gewohnheiten von Wildtieren ist unabdingbar, man legt sich ja nicht einfach im heimischen Wald auf die Lauer, um Biber zu fotografieren. Bei Wildtieren gehört der Misserfolg auch zum Geschäft, bei mehreren Versuchen klappt es halt nicht, und ich ziehe unverrichteter Dinge wieder ab. Jeder Vorgang ist einmalig, man hat kaum mehrere Chancen, ein gutes Bild zu machen. Wenn der Vogel weg ist, ist er weg. Wenn fotografische Erfolge so enorm schwierig zu erzielen sind, ist ein gelungener Schuss umso befriedigender und freut das Herz wie nichts sonst. Viel einfacher ist es dagegen, auf Reisen Eindrücke mitzunehmen oder im Studio bei standardisierten Lichtbedingungen zu fotografieren.
Fotografische Ausrüstung
In der freien Natur ist das Gesamtgewicht der Ausrüstung von Bedeutung. Wenn ich einen Tag lang mit dem Kamerarucksack unterwegs bin, ist das geschulterte Gewicht eine Spassbremse. Wenn ich hingegen nur kurz zu einem Fotospot laufe und stationär (evtl. im Tarnzelt) ausharre, dann kann ich mir bedeutend mehr Gewicht zumuten. Und es ist nun mal so, je schwerer die Ausrüstung, desto gewichtiger ist die Qualität. Darauf komme ich noch zu sprechen. Erst zu den drei Objektiven, die ich hier bespreche.
Das RF 100–500 mm wiegt rund 1,4 Kilo, das 200–800 mm wiegt 2 Kilo und das 600er bringt 3 Kilo auf die Waage. Der Body meiner Canon EOS R5 Mark II wiegt 750 Gramm. Ob ich nun mit rund 2 Kilo frei fotografiere oder mit 4 Kilo, macht schon einen Unterschied. Ich kann aber auch mit 4 Kilo freihändig und über kurze Zeit zum Beispiel fliegende Störche problemlos fotografieren. Lange Brennweiten sind in der Tierfotografie ein Muss. Ohne Tele kann man vielleicht Grosswild von weitem fotografieren. Wenn ich Vögel ablichten möchte, sind Brennweiten ab 300 mm notwendig. Nicht zwingend führt eine längere Brennweite zu qualitativ besseren Fotos. Dazu zusammenhängende Faktoren: je länger die Brennweite, desto kleiner ist die Offenblende. Zum Beispiel hat ein günstigeres 400er-Tele eine Offenblende von f6.3. In einer gegebenen Lichtsituation resultiert daraus die Verschlusszeit und die ISO-Einstellung. Das teurere 400er begeistert mit einer Offenblende von f2.8. Damit kann ich bei gleicher Lichtsituation die Verschlusszeit verkürzen oder die ISO herunterdrehen – beides bringt mehr Bildqualität, bzw. Schärfe. Aktuelle Diskussionen drehen sich um die Offenblende und die Abbildungsleistung, sprich Schärfe. Diese Qualitätsmerkmale wirken sich auch im Preis aus. So sind günstige Telezooms für 900 Franken auf dem Markt – daneben gibt’s Festbrennweiten für 12’000 Franken. Das RF 600 mm F4 ist eine ziemlich grosse Röhre, die auch nicht mehr in einen grossen Fotorucksack passt. Gut ausbalanciert, kann sie jedoch am Griff getragen werden. Man nimmt es also eher nicht auf eine zweiwöchige Fotosafari mit. Das 100–500 mm oder auch das 200–800er kann ich problemlos im Fotorucksack transportieren. Alle Objektive arbeiten mit einem Bildstabilisator, der bis 5 Blendenstufen kompensiert.
Im Vergleich das 600 mm mit 3090 g, das 200–800 mm mit 2050 g und das 100–500 mm mit 1530 g.
Die Fragen sind nun: Ist ein Zoomobjektiv schlauer als eine Festbrennweite? Und soll ich ein 400er oder besser ein 800er kaufen? Kann ich ein 300er nehmen und dazu einen 2fach-Extender einsetzen? Welche Vorteile hole ich mit lichtstarken Offenblenden heraus? Ist ein 400er mit F4 besser als ein 800er mit F9? Die Fragen lassen sich nicht einfach so beantworten. Der Gang zum Fachhändler ist angesagt. Foto Tevy wird nach den Bedürfnissen und dem Budget die passende Lösung vorschlagen. Es ist so wie bei allen Werkzeugen: Qualität hat ihren Preis – aber auch fürs schmale Portemonnaie gibt’s Lösungen. Bei einer 800er-Brennweite ist die Verwackelungsgefahr viel grösser als bei einem 400er, trotz Bildstabilisator. Verwackelte Bilder kann man kaum nachschärfen. Einen Bildausschnitt bei einem scharfen Bild aus einer kürzeren Brennweite bestimmen geht immer. Aus dieser Sicht ist ein kürzeres und leichteres Supertele vorteilhafter als ein langes und schweres Objektiv.
Ich persönlich empfehle, die Lichtstärke mehr zu gewichten als die Brennweite. Also die 400er Festbrennweite mit Offenblende F2.8 anstelle eines 600 mm mit Offenblende F4. Kombiniert mit einem 1,4fach-Extender erhält man ein 560 mm mit Blende 4. Die Offenblende F2.8 ermöglicht eine kurze Belichtungszeit oder weniger ISO. Beim 400er muss ich etwas mehr beschneiden, um das Motiv in gleicher Grösse zu erhalten wie beim 600er. Das bisschen mehr an Croppen gegenüber einem 600 mm ist bei einem Vollformatsensor sowieso kein Problem. Mein RF 100–500 mm ist alltagstauglich und verdient in ganz unterschiedlichen Genres Bestnoten. Ich hatte es zwei Wochen auf Safari in Uganda dabei und würde es nicht mehr hergeben. Das RF 200–800 mm hat mich ebenfalls überzeugt, einfach bei grösseren Distanzen und eher unbewegten Tieren, wie bei Steinböcken oder Hirschen. Eine allgemeine Empfehlung kann nie richtig sein, denn die individuellen Bedürfnisse von uns Fotografinnen und Fotografen sind zu unterschiedlich. Immerhin kann für Einsteiger folgendes gelten: lieber kürzer, lieber Zoom, lieber leichter. Bei Könnern oder Profis verhält es sich eher umgekehrt.
Jetzt zu den Kameras. Hier gibt’s natürlich wie bei den Kaffeemaschinen die Spezialisten und Alleskönner. Von den günstigen Kapselmodellen über die Bohnenmaschinen bis hin zur Barista hat es für jedes Bedürfnis etwas darunter. Bei den Kameras ist die Sensorgrösse ein wichtiger Faktor. Bei einem Vollformatsensor (36 x 24 mm) fotografiere ich kleine Vögel aus einer Distanz von 10 Meter, in der Nachbearbeitung kann ich das Motiv mit der Ausschnittwahl ziemlich stark zuschneiden. Je kleiner der Sensor, desto weniger kann ich das Bild croppen, ohne gleich an Abbildungsschärfe zu verlieren. Wer im Vollformat über 45 Megapixel verfügt, kann mehr beschneiden als dies bei 24 Megapixel möglich ist. Vollformat ist nicht gleich Vollformat. Wer einen kleineren Sensor hat, der mag deshalb eher zu längeren Brennweiten tendieren. Immer umgerechnet aufs Vollformat, das heisst, ein 300er-Tele bei einer APS-C-Kamera (halbes Vollformat) entspricht der Brennweite eines 450er-Teles bei Vollformat. Mit anderen Worten: Du kannst mit allen Kameras Vögel fotografieren, aber mit einer teuren und guten Vollformatkamera bei 45 Megapixel hast du mehr Optionen und Leistungsreserve. Insofern bringt ein Wechsel von APS-C zu Vollformat unter dem Strich mehr Schärfe und mehr Qualität.
Der Autofokus ist auf Tiere eingestellt, die Augenerkennung ist aktiv. Der Fokus verfolgt das Motiv aktiv, auch wenn es durch verschiedene Hintergründe fliegt.
Da wären noch andere Vorteile einer hochwertigen Kamera: Bei meiner Canon EOS R5 Mark II verfüge ich über eine Vorauslösung. Ich kann die Eisvögel im Fokus behalten, den Auslöser halb gedrückt. Im Hintergrund schaufelt die Kamera laufend 20 Bilder pro Sekunde in den Zwischenspeicher. Wenn der Eisvogel abgeflogen ist, drücke ich den Auslöser ganz durch und erhalte eineinhalb Sekunden zurück einen Stapel Fotos, die den Abflug dokumentieren. So schaffe ich’s problemlos, kleine Vögel im Flug zu erwischen. Diese Vorauslösung im RAW-Format ist nur bei den neueren Spitzenmodellen enthalten. Gewisse Kameras erlauben bei Vorauslösung nur JPG – ein gewichtiger Nachteil. Kleine Vögel im Flug ohne Vorauslösung – fast nicht möglich. Oder dann ist das Rauschverhalten bei neueren Modellen um Welten besser als bei älteren. Ich fotografiere mit 5’000 bis 10’000 ISO, das geringe Bildrauschen kann ich in der Nachbearbeitung vollständig eliminieren. Das sind technische Grundvoraussetzungen für die Vogelfotografie.
Der Buntspecht zeigt seine Schönheit im Flug. RF 100–500 mm, Brennweite 400 mm, 1/8000 Sek., F6.3, 6400 ISO. Auch bei kurzer Verschlusszeit zeigen die Flügelspitzen Bewegungsunschärfe.
Bildqualität und Schärfeleistung
In einigen Blogs und YouTube-Videos werden die Objektive ausführlich besprochen, die Details kann man dort bekommen. Für unprofessionell halte ichs, wenn ein Canon Ambassador und Alpinist aufs Jungfraujoch fährt, um dann im gleissenden Schneelicht ein 600 mm F4 zu testen. In der Naturfotografie herrschen nicht so idealhelle Lichtsituationen, und die Leistungsfähigkeit von Objektiven kommt erst bei ungünstigen Lichtbedingungen zum Tragen. Es geht in vielen Clips hauptsächlich um das Gewicht, das Handling, den Preis und die Schärfeleistung. Bildqualität misst sich in erster Linie an der Originalität der Aufnahme, der Wirkung, die das Foto auf die Betrachter ausübt. Klar müssen gewisse handwerkliche Qualitäten ersichtlich sein. Aber die Qualität eines Tierfotos misst sich nun einmal nicht allein an der Schärfe.
Aus meiner Praxis gleichwohl ein Wort zur Schärfe. Die Abbildungsleistung der heutigen Kamerasysteme und deren Objektive sprengt alles bisher Dagewesene. Wenn es also um die wissenschaftlich gemessenen Abbildungsleistungen geht, sprechen wir von höchstem Luxus, denn die Kameras sehen einiges mehr und schärfer als das menschliche Durchschnittsauge, das aus rund 5 Metern Entfernung ein Detail von 1,45 Millimeter erkennen kann. In der Fachsprache entspricht diese Leistung einem Visus 1, in die Geometrie übertragen eine Bogenminute. Objektive mit Brennweiten von 400 oder mehr leisten ein Vielfaches. Es kommt einem so vor, auf einer Objektiv-Schärfeskala von 1 bis 100 zu diskutieren, ob 95 oder 97 besser ist. Das ist Unsinn.
Es wird immer unterschlagen, dass eine hohe ISO-Zahl der Schärfe entgegenwirkt oder auch Verwackelungs- und Bewegungsunschärfe weit grösseren Einfluss haben als die Nennleistung des Objektives. Zudem ändert sich die menschliche Schärfesehleistung mit dem vorhandenen Licht oder auch dem Alter.
Unschärfen wie hier eine Verwackelung treten erst in der Vergrösserung in Erscheinung. Deshalb in der Displaywiedergabe immer mit der Lupenfunktion kontrollieren. RF 200-800 mm, Brennweite 637 mm, F9, 1/400 Sek., Abstand 93 m.
Ein Dorn im Auge der Schärfe sind die Wiedergabegeräte, die allesamt nicht in der Lage sind, die abgebildete Schärfe vom Sensor zu transportieren. An erster Stelle die Monitore zu Hause, die heute 27 bis 32 Zoll Diagonale aufweisen. Gute 27-Zoll-Monitore für Fotografen lösen bis 3080 Pixel in der Breite auf. Mein Apple XDR Pro Display (32 Zoll) weist eine Auflösung von 6016 Pixeln in der Breite auf. Meine Kamera 8192 Pixel. Kurz: Die meisten Monitore können die übertragene Schärfe gar nicht zeigen, die Schärfe wird heruntergerechnet. Bei den Handys ist die Auflösung wesentlich feiner, dafür ist der Bildschirm viel zu klein. Auf den Handys sehen sogar Handyfotos scharf aus, die auf meinen 32-Zoll-Display absolut inakzeptabel sind. Ich habe noch nie ein scharfes Handyfoto darauf gesehen! Thema Internet, Social Media: 72 Pixel per inch, das ist ein Schärfewitz! Beamer? Fehlanzeige! Die Auflösung Full-HD entspricht 1920 x 1080 Pixel, rund 2,2 Mio. Pixel. Bei einer Vollformatkamera mit 45 Mio. Pixel bleibt eine 20-fach kleinere Auflösung. Auf gut Deutsch: Bei einem Beamer wird jeder zwanzigste Pixel herausgerechnet. Selbst die 4K-TV-Auflösung ist mit 4096 x 2160 (8,8 Mio. Pixel) dem Vollformatsensor um nahezu das Fünffache unterlegen. Ein 17-Zoll-Laptop kann klitzekleine 2 Mio. Pixel darstellen. Und in diesem Umfeld streiten sich die «Gurus» um die Schärfeleistung der Objektive. Das Wort Guru ist absichtlich in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt.
Der langen Rede kurzer Sinn. Die Schärfeleistung meiner drei Protagonisten ist aus meiner Erfahrung exzellent. Der Kaufentscheid sollte sich nebst Preis vielmehr fachlich an der Offenblende, an der Wahl zwischen Zoom und Festbrennweite oder an der Brennweite orientieren.
Ausschuss
Ich will auch erwähnen, dass der Autofokus und die entsprechenden Einstellungen bei bewegten Motiven eine grosse Rolle spielen. Immer wieder passiert es halt, dass der Autofokus nicht greift und dass anstelle der Vögel auf den Hintergrund fokussiert wird. Oder dass in einer Reihenserie der Autofokus abreisst und urplötzlich auf den Hintergrund zugreift. Trotz aller Hilfsmittel sind Fehlaufnahmen normal. Bei meinem Besuch im Eisvogelpark (s. weiter unten) habe ich an einem Tag 5000 Fotos gemacht, davon sind 4000 im Papierkorb gelandet. Natürlich entstehen sie über die Reihenaufnahme, bei jedem Druck auf den Auslöser sammeln sich 20 bis 100 Bilder an. Von den verbliebenen 1000 sind vielleicht 100 darunter, die ich als gut beurteile und vielleicht 20 von denen ich begeistert bin. Und letztlich kommt es nur darauf an, was bleibt. Über den dümmlichen Spruch «Eins reicht!» kann ich jedenfalls nur milde lächeln. Bei allen bewegten Motiven bringt Masse Klasse.
Bei dieser Serie kann ich in der hohen Auflösung sogar die Beschriftung des Ringes ablesen. RF 600 mm, F4, 1/8000 Sek., 500 ISO, Abstand 36 m.
Kameraeinstellungen
Zuerst frage ich mich, mit welchen Bewegungen der Vögel ich zu tun habe. Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich einen langsam herangleitenden Storch ablichte oder einen blitzschnellen Eisvogel. Solange die Vögel auf dem Nest oder einem Ast sitzen, kann ich auch problemlos mit 1/60 Sek. und mit ISO 100 arbeiten. Ich konzentriere mich hier auf mein Vorhaben, kleine Vögel im Flug zu fotografieren. Das halte ich für sehr, sehr anspruchsvoll. Der Flügelschlag ist blitzschnell und von Auge nicht wahrnehmbar. Die Vögel sind in einer gefühlten Tausendstelsekunde aus dem Sucher verschwunden und ich komme nicht hinterher. Ich brauche also mindestens 1/5000 Sek. oder noch besser 1/8000 Sek. Das führt zu einer hohen ISO-Einstellung, die bis 10000 ISO gehen kann. Die Schärfe im Bild führt allein über die kurze Verschlusszeit, die hat absolute Priorität. Ungewollte Bewegungsunschärfe wirkt fehlerhaft, festgefrorene Schärfe mit hoher ISO und etwas Bildrauschen wirkt hingegen besser. Deshalb stelle ich die Kameraautomatik auf Tv oder M, mit voreingestellter Verschlusszeit. Bewegungsunschärfe lässt sich kaum korrigieren, Bildrauschen hingegen schon. Als Blende kommt nur die Offenblende in Frage, die zudem ein schönes Bokeh verursacht. Die Blende zu schliessen, hätte eine längere Verschlusszeit bzw. eine höhere ISO zu Folge, was nicht erwünscht ist. Die Kameraeinstellungen sind eine unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Vogelfotografie. Ohne die richtigen Einstellungen geht gar nichts. Im Kameramenü der Canon R5 Mark II stelle ich folgendes ein.
Bildtyp/Grösse cRAW
Betriebsart Reihenaufnahme schnell +
Verschluss Elektronisch 1. Verschluss
Voraufnahme Aktivieren
Funktion Leiser Auslöser ON
AF-Betrieb SERVO
AF-Bereich gesamter Bereich
Motiv erkennen Tiere
Augenerkennung Auto
Piep-Ton Deaktiv.
Ich nerve mich immer, wenn Fotografinnen und Fotografen neben mir aus dem Beobachtungsposten heraus fotografieren und dabei ununterbrochen ein Verschluss mit Serienfunktion klappert. Also bitte in der Natur Kamera auf lautlos stellen. Das Handy auch.
Ist ein Stativ nützlich?
Es kommt ganz auf die Situation an. Wer frei fliegende Vögel in der Luft ablichtet, kann ein Stativ nicht gebrauchen. Wer hingegen an einem festen Ort auf bewegliche Motive lauert, der schätzt ein Stativ mit Gimbal sehr. Ein Gimbal ist ein Stativaufsatz, der das leichte Kippen und Schwenken der Kamera ermöglicht. Das entlastet die Muskulatur, und man kann sich so mehr aufs Fotografieren konzentrieren. Hingegen ist ein Stativ mit einem normalen Kugelkopf eher hinderlich. Wenn Kamera und Objektiv drei bis vier Kilo wiegen, muss man alle Stellschrauben festziehen, um das Bild zu fixieren. Dabei geht jegliche Beweglichkeit verloren. Deshalb: Wenn mit Stativ, dann mit Gimbal!
Bildaufbau und Bildgestaltung
Wie erwähnt, geht’s erst mal darum, einen fliegenden Vogel überhaupt zu erwischen. Wo er im Bild auftaucht, kann nur erahnt werden. Den Bildausschnitt bestimme ich beim Croppen in der Nachbearbeitung. Wichtig dabei (hat mit der Brennweite zu tun) ist, dass ich die Vögel ganz auf den Sensor kriege. Umgebungsraum wegschneiden kann ich problemlos. Wenn hingegen die Füsse oder Flügelspitzen nicht mit im Bild sind, kann ich sie nur in der Nachbearbeitung trotz künstlicher Intelligenz schwerlich ansetzen. Manchmal geht’s, manchmal eben auch nicht. Zoomobjektive bieten hier einen klaren Vorteil, denn in einem Beobachtungssitz kann ich den Bildausschnitt zoomen. Bei Festobjektiven ist man entweder richtig platziert, zu weit oder zu nah dran. Beim Bildaufbau achte ich darauf, dass die Vögel vom Rand her in Bewegungs- oder Blickrichtung hin zur Bildmitte tendieren. Der Umgebungsraum liegt also vor dem Vogel. Umgebungsraum ist wichtig, er gibt das Gefühl von Luft und Weite. Auf der anderen Seite sind Close-up auch interessant, die auf ein bestimmtes Detail des Vogels hinweisen.
Der Rotmilan links fliegt ins Bild (in den Raum) hinein. Rechts ist der Ausschnitt so gewählt, dass er aus dem Bild hinaus fliegt. Er kollidiert gleich mit der Bildkante. RF 200–800 mm, Brennweite 600 mm, F7.1, 1/3200 Sek., 400 ISO, Abstand 65 m.Solche zufällig entstandenen Ausschnitte (Close-up) legen den Fokus auf ein Bilddetail – sie können ganz interessant aussehen. RF 600 mm, F4, 1/8000 Sek., 500 ISO, Abstand 25 m.
Gestalterisch wichtig ist der Hintergrund. Wenn die Distanz des Vogels zum Hintergrund gross ist, werden alle Details verschwommen dargestellt, was mit dem Fachbegriff Bokeh bezeichnet wird. In diesem Fall wird das Motiv vom Hintergrund schön abgesetzt, auch mit freigestellt bezeichnet. Das ist zum Beispiel immer der Fall, wenn Vögel vor dem Himmel fotografiert werden. Eisvögel brüten in Höhlenröhren von Steilwänden, daher hocken und fliegen sie vom Beobachter aus gesehen immer in der Nähe eines Hintergrundes. Auch bei Offenblende führt die zu einem unruhigen und strukturierten Hintergrund. Der allerdings auch wieder in der Postverarbeitung in die Unschärfe gelegt werden kann.
Eisvogel beim Klingnauer Stausee. Hier ist der Hintergrund zu nah am Motiv, so dass sich kein schönes Bokeh erzeugen lässt. Der unruhige Hintergrund lenkt vom Eisvogel ab. RF 100–500 mm, Brennweite 500 mm, F7.1, 1/800 Sek., 800 ISO, Abstand 17 m.Eine ähnliche Situation, aber im Eisvogelpark in Landsberg. Der Hintergrund ist weit weg und liegt schön in der Unschärfe. Der Eisvogel ist freigestellt und kommt gut zur Geltung. RF 600 mm, F4, 1/6400 Sek., 4000 ISO, Abstand 7 m.
Bodenläufer wie die Bachstelze sind schwierig freizustellen, denn das Flussbett ist gleich hinter dem Tier und somit auch scharf abgebildet. Sobald der Vogel sich in die Luft schwingt, wird es mit dem Bokeh interessanter.
Bachstelze bei Rietheim (BL) beim Putzen des Gefieders. Der Hintergrund wird beim Bodenaufenthalt auch scharf abgebildet. RF 200–800 mm, Brennweite 800 mm, F9, 1/2000 Sek., 1600 ISO, Abstand 18 m.Bei Wasservögeln ist die Spiegelung interessant. Halte nach solchen Möglichkeiten Ausschau und lauere in dieser Position. RF 200–800 mm, Brennweite 800 mm, F9, 1/2000 Sek., 1600 ISO, Abstand 15 m.Bachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in RietheimBachstelze in Rietheim
Die 18 Meter weit entfernten Bachstelzen im Flug zu erwischen, ist nicht ganz einfach, sie sind einfach zu flink und auch zu scheu. Das funktioniert nur mit einer langen Brennweite, Vorauslösung und Beschneiden in der Nachbearbeitung (Vollformat). RF 200–800 mm, Brennweite 800 mm, F11, 1/2000 Sek., 1600 ISO, Abstand 18 m.
Wie bei allen Tieren ist es auch bei Vögeln so, dass nicht der Hintern interessant ist, sondern die Vorderansicht oder das seitliche Profil. Ich fotografiere deshalb Vögel nicht, die nur halb zu sehen sind oder nicht von hinten.
Meist handelt es sich bei Vögeln um Einzelporträts, Paarfotos sind noch eine Stufe seltener und schwieriger. Vogelschwärme sind für mich ein ganz anderes Genre, ich verzichte, darauf einzugehen.
Die Flügel sind besonders interessant. Eine Aufnahme, die auch von hinten funktioniert. RF 600 mm, F4, 1/6400 Sek., 500 ISO, Abstand 65 m.
Licht und Belichtung
Ich achte bei der Belichtung darauf, dass ich tendenziell richtig oder eine Stufe überbelichte. Es hat mit dem Bildrauschen zu tun, welches sich eher in den mittleren bis dunklen Bildstellen äussert. Beim späteren Croppen tritt Bildrauschen verstärkt in Erscheinung. Das mir angenehme Licht ist ein diffuses Tageslicht ohne direkte Sonneneinstrahlung. Die helle Sonne schafft starke Licht-Schatten-Kontraste, welche die Federzeichnung und Farben der Vögel beeinträchtigt. Wer Vögel gegen den Himmel fotografiert, kennt es. Die Bäuche liegen im Schatten und tendieren zu Verschwärzlichung. Ein orangenes Bäuchlein eines Eisvogels will man nicht schwarz sehen. Der Bauch eines fliegenden Storches wird vom Licht der Wiese grünlich angestrahlt, das will ich so nicht haben. Sonnenlicht führt auch zu Fehlbelichtungen bei weissen Federn, die im Umfeld ausgefressen belichtet werden. Im Schatten passiert dies alles nicht, dafür hat man bei Sonnenschein mehr Licht für eine kürzere Belichtung oder weniger ISO.
Dieser Mäusebussard erscheint am Himmel zu dunkel. Nach der Entwicklung in Lightroom lässt sich das Federkleid besser erkennen. RF 600 mm, 1/5000 Sek., F4, 500 ISO, Abstand 65 m.Der Weissstorch beim Lützelsee. Das Umgebungsgrün strahlt von unten auf die weissen Flügel. In Lightroom ist das Bild rechts farbkorrigiert. RF 600 mm, F4, 1/2000 Sek., 500 ISO, Abstand 66 m.
Im Eisvogelpark Landsberg am Lech
In der Schweiz können wir Eisvögel in bestimmten Naturschutzgebieten beobachten, beispielsweise im Bird-Life-Zentrum am Klingnauer Stausee bei Kleindöttingen oder in La Sauge am Neuenburgersee. Etwa zweidreiviertel Autostunden von Wädenswil fahre ich am Vorabend nach Landsberg am Lech. Dort gibt es den Eisvogelpark mit der Webseite www.eisvogelpark.de.
Sieben bis zehn Meter vor der Beobachtungshütte liegt der Teich für die Eisvögel. Der Hintergrund liegt fotografisch im Unendlichen, was ein traumhaftes Bokeh erzeugt.In der Beobachtungshütte gibt es Platz für drei Besucher, bequeme Sitze und Gimbals, auf die die Objektive aufgeschraubt werden.
Es gibt nur drei Beobachtungsplätze, die lange im Voraus ausgebucht sind. Ein Platz kostet 120 Euro pro Tag. Im Gegensatz zum Bird-Life-Zentrum am Klingnauer Stausee kann man hier den ganzen Tag ungestört fotografieren (statt in der Schweiz nur eine Stunde) und kein Kommen und Gehen stört die Vögel. Am Rand eines Naturschutzgeländes liegt am Lech eine Forellenzucht und weiter hinten haben die Söhne des Besitzers, Lucas und Sebastian, einen natürlichen Teich wie eine grössere Badewanne angelegt, der Wasserspiegel etwa einen Meter über Grund. Daneben gibt’s allerlei Totholz, Wassertümpel und vertrocknete Äste, auf denen sich Vögel niederlassen. Sieben Meter entfernt steht eine kleine Holzhütte in der sich drei Beobachtungssitze befinden. Auf einem frei beweglichen Brett ist ein Gimbal montiert, in den ich mein Objektiv am Griff aufschraube. Vor dem grosszügigen Sichtfenster hängt ein Tarnvorhang mit Öffnungen für die Objektive. Die Anlage verspricht Sichtungsgarantie. Es ist neun Uhr. Nun heisst es warten.
Die Beobachtungszone um den künstlichen Teich herum. A = Ästchen, von wo aus der Eisvogel startet. B = Teich mit kleinen Fischchen. Ein Star trinkt hier Wasser. C = Totholz, wo Specht und andere Vögel nach Larven hacken. D = Da wo Eichelhäher und Eichhörnchen sich aufhalten.
Warten.
Warten.
Warten.
Als erstes zeigen sich Rotbrüstchen und Blaumeisen. Die sind so flink wieder weg, dass ich kaum die Hand zum Auslöser bewegen kann. Daher bleibt sie nun liegen, mir soll nichts mehr entgehen. Als nächstes landet ein Buntspecht, der es auf Larven im Totholz abgesehen hat. Er pickt, dass die Späne fliegen, bis er schliesslich seinen Snack findet. Alles im Kasten. Doch just wie er abfliegt, bin ich abgelenkt und erwische den Kerl im Flug nicht mehr. Jetzt taucht ein Eichelhäher mit seinem auffälligen Federkleid auf, dann ein Kleiber und ein Star. Im Display kontrolliere ich die «Flugdaten»: zu unscharf, ich stelle meine ISO neu auf 8000 und die Belichtungszeit auf 1/8000 Sek.
Der Buntspecht holt sich eine Larve aus dem Totholz. RF 100–500 mm, Brennweite 500 mm, 1/4000 Sek., F7.1, 8000 ISO, Abstand 10 m.Misslungener Versuch, die Blaumeise einzufrieren. RF 100–500 mm, Brennweite 500 mm, 1/1250 Sek., F9, 6400 ISO. Der Ast ist scharf, die Blaumeise nicht, also ist die Verschlusszeit zu lang.Der Star scheint richtig aus dem Wasser zu hüpfen. RF 100–500 mm, Brennweite 324 mm, 1/8000 Sek., F6.3, 5000 ISO, Abstand 10 m.
Nach gefühlten Stunden taucht der Eisvogel endlich auf, er sitzt auf seinem Plätzchen, von wo aus er nach Fischen im Teich späht. Den ersten Abgang im Sturzflug verpasse ich voll, es geht so schnell! Einem Moment später sitzt er wieder auf seinem Ast mit einem kleinen Fisch im Schnabel. Immerhin Eisi mit Fisch auf Ast, die Steigerung von Eisi auf Ast. Von Auge siehst du rein gar nichts. Nachdem er dreimal losgeflogen und sich ein Fischlein geschnappt hat, ist er gesättigt und zeigt sich vorerst nicht mehr. Ich sehe die Aufnahmen durch und lösche den Ausschuss. Ein Zeitvertreib, mit dem sich die Totzeiten füllen lassen. Fürs erste bin ich schon ganz zufrieden mit den Ergebnissen und freue mich auf das, was noch kommen wird. Der Buntspecht zeigt sich wiederholt und ich konzentriere mich ganz auf den Abflug, lasse Raum im Display auf der gedachten Abflugsrichtung. Erste wirklich gelungene Fotos entstehen.
Der Eichelhäher und der Star zu Besuch. Mehr und mehr fotografiere ich nur noch die Bewegungen im Flug.
Es macht Spass, hier den Star in seinen teilweise skurrilen Flugpositionen abzulichten.
Dann, eine kleine Ewigkeit später, taucht Eisi wieder auf. Es folgt das gleiche Prozedere. Dreimal vom Ast in den Tümpel und zurück. Ich bin jetzt besser vorbereitet und shoote gezielter. Aber ich weiss im Voraus nicht, an welcher Stelle der Kleine eintaucht. Die Eintauchszene ist dabei interessanter als die Abflugszene. Die ersten Wow-Fotos entstehen. Der Wasserspiegel des Teiches liegt knapp unter Augenhöhe. Die Perspektive ist genial, ich fotografiere flach in den Wasserspiegel hinein. Das aufspritzende Wasser ist seitlich abgebildet, nicht von schräg oben. Das hängt mit der konstruierten Anlage zusammen, die speziell für Fotografen angelegt wurde. Lucas, einer der Betreiber, ist selbst Fotograf und weiss diese Kenntnisse in die Natur zu bauen. Am Morgen holt er sich einen Eimer mit fünf Zentimeter grossen Kleinstforellen, die er in den Teich entlässt. Das weiss der Eisvogel natürlich, und kommt immer wieder zum erfolgreichen Schmaus. Die Fischlein schüttelt er im Schnabel tüchtig durch, dabei spritzen Wassertropfen.
Dann wieder warten, warten, warten. Ein Eichhörnchen sucht nach versteckten Nüssen und tut sich gütlich daran. Auf einem umgekippten Baumstamm, sieben Meter vor mir. Es kann mich nicht sehen und hören und verhält sich völlig ungestört. Normalerweise verschwinden die Tiere auf die Rückseite eines Baums, wenn sie uns Menschen entdecken. Hier kann ich sie beim Fressen von vorn ablichten und habe alle Zeit der Welt.
Das Eichhörnchen war so nicht geplant, es ist jedoch täglicher Side-kick im Eisvogelpark. RF 600 mm. F4, 1/2000 Sek., 1250 ISO, Abstand 12 m.
Ich fotografiere mit allen drei Objektiven im Wechsel, von Hand und mit Gimbal. Bei einer Verschlusszeit von 1/8000 Sek. spielt es keine grosse Rolle, ob ich mit Stativ oder ohne fotografiere. Und schon gar nicht, ob ich den Bildstabilisator eingeschaltet habe oder nicht. Beim 600er Festobjektiv bin ich bei sieben Meter Fokusabstand fast zu nah am Geschehen. Das Doppelte wäre besser. Es liegt daran, dass der Eisvogel nach einen Satz vom Ast bereits zum Bild rausfliegt und ein Mitschwenken unmöglich ist. Beim Zoom 100–500 oder auch beim 200–800 bin ich besser dran. Damit kann ich den Bildausschnitt so wählen, dass spektakuläre Flugaufnahmen überhaupt möglich sind und das Ein- und Auftauchen mit abgebildet werden. Aus meiner Erfahrung liegt hier ein grosser Vorteil von Zoomobjektiven gegenüber Festbrennweiten. Es ist die Flexibilität, nicht die grosse Offenblende oder Brennweite. Im Fall der fliegenden Eisvögel mit Fokusabstand von sieben Meter genügt ein Zoom bis 400 mm völlig. In einem andern Fall, bei grösseren Distanzen, ist ein 800 mm vorteilhafter. Die folgenden Beispiele sind natürlich in der Nachbearbeitung zugeschnitten.
Es gibt also nicht das eine Objektiv, das alle anderen schlägt. Als Frage bleibt noch, ob sich ein fünfstelliger Betrag für ein hochwertiges Objektiv lohnt. Wer die bestmögliche Leistung unbedingt will, weder ein Budget- noch ein Gesundheitsproblem hat, der leistet sich solche Objektive. Sie sind die Highend-Produkte der Fotoszene. Die braucht es nicht, es ist aber toll, mit ihnen zu arbeiten. Ich wünschte mir, dass hochwertige Objektive vermehrt als Mietsache tageweise auch ein nicht so zahlungskräftiges Publikum finden. Zum Beispiel für den Eisvogelpark. Die «normalen» Hobbyfotografinnen finden Freude und Zugang zu sensationellen Fotos mit alternativen Objektiven, die für sie gut passen.
Der ganze Bildausschnitt im Vollformat. Links der Ast, den der Eisvogel als Startrampe benutzt, rechts ist klein der Eisi gerade in Aktion. Dieses Foto ist unbeschnitten und zeigt die Möglichkeit aus dem Vollformat ein Bild zuzuschneiden. RF 100–500 mm, Brennweite 270 mm, F5.6, 1/8000 Sek., 1600 ISO, Abstand 8 m.Das aus dem Vollformat ausgeschnittene Bild zeigt immer noch eine brillante Schärfe. Der Eisvogel überzieht während der Tauchgänge die Augen mit einer blauen Membranhaut, um sie zu schützen. Er montiert so quasi seine persönliche Schwimmbrille.
Und hier zum Schluss das Resultat einer Reihenaufnahme der gleichen Aktion. RF 100–500 mm, Brennweite 324 mm, F5.6, 1/8000 Sek., 1600 ISO.
Um 17 Uhr breche ich ab und begebe mich auf die dreistündige Fahrt nach Hause. Mein Dank geht an Canon (Schweiz) AG und Foto Tevy für die Unterstützung. Einen besonderen Dank an Lucas und Sebastian vom Eisvogelpark. Ihr habt die Anlage wunderbar angedacht und für uns Fotografen gebaut. Die Eisvögel können ungestört in der Wildnis brüten und kommen bei Gelegenheit hier vorbei, um sich einen Snack zu holen. Die flache Perspektive gibt uns die Möglichkeit, einzigartige Vogelbilder zu schiessen und sie den Menschen näherzubringen. Man kann hier einen ganzen Tag in aller Stille in einem natürlichen Habitat verbringen – und erlebt die Natur und deren Ruhebedürfnisse aus einer neuen Sicht. Damit vermittelt der Eisvogelpark bei den Besucherinnen und Besuchern mehr stille und doch so lebendige Natur als als es ein Zoobesuch mit Tausenden von Menschen je vermag. Der Tag bei euch wird mir unvergessen bleiben. Ich selbst habe fotografisch viel dazugelernt und fahre erfüllt nach Hause.
Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einen breiten Spektrum an Objektiven. Er führt immer wieder mal zusammen mit Foto Tevy Seminare und Workshop durch. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.
Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); Eigenverlag. Ansichtsexemplare und Bestellungen bei Foto Tevy.