Vögel im Flug mit drei Superteleobjektiven

Canons hochwertige Teleobjektive überzeugen durch ihre Leistungsfähigkeit.

Das RF 600 mm, F4, gehört zu den langen Highend-Objektiven. Es ist gut ausbalanciert, am Griff tragbar und ich kann dank der hervorragenden Lichtstärke leicht freihändig fotografieren.

Stockente beim Flügelputz. Vögel in Aktion sind wesentlich spannender anzuschauen als wenn sie ruhig auf dem Wasser schwimmen oder auf einem Ast sitzen.
Im Vergleich das 600 mm mit 3090 g, das 200–800 mm mit 2050 g und das 100–500 mm mit 1530 g.
Der Autofokus ist auf Tiere eingestellt, die Augenerkennung ist aktiv. Der Fokus verfolgt das Motiv aktiv, auch wenn es durch verschiedene Hintergründe fliegt.
Der Buntspecht zeigt seine Schönheit im Flug. RF 100–500 mm, Brennweite 400 mm, 1/8000 Sek., F6.3, 6400 ISO. Auch bei kurzer Verschlusszeit zeigen die Flügelspitzen Bewegungsunschärfe.
Unschärfen wie hier eine Verwackelung treten erst in der Vergrösserung in Erscheinung. Deshalb in der Displaywiedergabe immer mit der Lupenfunktion kontrollieren. RF 200-800 mm, Brennweite 637 mm, F9, 1/400 Sek., Abstand 93 m.
Der Rotmilan links fliegt ins Bild (in den Raum) hinein. Rechts ist der Ausschnitt so gewählt, dass er aus dem Bild hinaus fliegt. Er kollidiert gleich mit der Bildkante. RF 200–800 mm, Brennweite 600 mm, F7.1, 1/3200 Sek., 400 ISO, Abstand 65 m.
Solche zufällig entstandenen Ausschnitte (Close-up) legen den Fokus auf ein Bilddetail – sie können ganz interessant aussehen. RF 600 mm, F4, 1/8000 Sek., 500 ISO, Abstand 25 m.
Eisvogel beim Klingnauer Stausee. Hier ist der Hintergrund zu nah am Motiv, so dass sich kein schönes Bokeh erzeugen lässt. Der unruhige Hintergrund lenkt vom Eisvogel ab. RF 100–500 mm, Brennweite 500 mm, F7.1, 1/800 Sek., 800 ISO, Abstand 17 m.
Eine ähnliche Situation, aber im Eisvogelpark in Landsberg. Der Hintergrund ist weit weg und liegt schön in der Unschärfe. Der Eisvogel ist freigestellt und kommt gut zur Geltung. RF 600 mm, F4, 1/6400 Sek., 4000 ISO, Abstand 7 m.
Bachstelze bei Rietheim (BL) beim Putzen des Gefieders. Der Hintergrund wird beim Bodenaufenthalt auch scharf abgebildet. RF 200–800 mm, Brennweite 800 mm, F9, 1/2000 Sek., 1600 ISO, Abstand 18 m.
Bei Wasservögeln ist die Spiegelung interessant. Halte nach solchen Möglichkeiten Ausschau und lauere in dieser Position. RF 200–800 mm, Brennweite 800 mm, F9, 1/2000 Sek., 1600 ISO, Abstand 15 m.
Die Flügel sind besonders interessant. Eine Aufnahme, die auch von hinten funktioniert. RF 600 mm, F4, 1/6400 Sek., 500 ISO, Abstand 65 m.
Dieser Mäusebussard erscheint am Himmel zu dunkel. Nach der Entwicklung in Lightroom lässt sich das Federkleid besser erkennen. RF 600 mm, 1/5000 Sek., F4, 500 ISO, Abstand 65 m.
Der Weissstorch beim Lützelsee. Das Umgebungsgrün strahlt von unten auf die weissen Flügel. In Lightroom ist das Bild rechts farbkorrigiert. RF 600 mm, F4, 1/2000 Sek., 500 ISO, Abstand 66 m.

In der Schweiz können wir Eisvögel in bestimmten Naturschutzgebieten beobachten, beispielsweise im Bird-Life-Zentrum am Klingnauer Stausee bei Kleindöttingen oder in La Sauge am Neuenburgersee. Etwa zweidreiviertel Autostunden von Wädenswil fahre ich am Vorabend nach Landsberg am Lech. Dort gibt es den Eisvogelpark mit der Webseite www.eisvogelpark.de

Sieben bis zehn Meter vor der Beobachtungshütte liegt der Teich für die Eisvögel. Der Hintergrund liegt fotografisch im Unendlichen, was ein traumhaftes Bokeh erzeugt.
In der Beobachtungshütte gibt es Platz für drei Besucher, bequeme Sitze und Gimbals, auf die die Objektive aufgeschraubt werden.
Die Beobachtungszone um den künstlichen Teich herum. A = Ästchen, von wo aus der Eisvogel startet. B = Teich mit kleinen Fischchen. Ein Star trinkt hier Wasser. C = Totholz, wo Specht und andere Vögel nach Larven hacken. D = Da wo Eichelhäher und Eichhörnchen sich aufhalten.
Der Buntspecht holt sich eine Larve aus dem Totholz. RF 100–500 mm, Brennweite 500 mm, 1/4000 Sek., F7.1, 8000 ISO, Abstand 10 m.
Misslungener Versuch, die Blaumeise einzufrieren. RF 100–500 mm, Brennweite 500 mm, 1/1250 Sek., F9, 6400 ISO. Der Ast ist scharf, die Blaumeise nicht, also ist die Verschlusszeit zu lang.
Der Star scheint richtig aus dem Wasser zu hüpfen. RF 100–500 mm, Brennweite 324 mm, 1/8000 Sek., F6.3, 5000 ISO, Abstand 10 m.
Das Eichhörnchen war so nicht geplant, es ist jedoch täglicher Side-kick im Eisvogelpark. RF 600 mm. F4, 1/2000 Sek., 1250 ISO, Abstand 12 m.
Der ganze Bildausschnitt im Vollformat. Links der Ast, den der Eisvogel als Startrampe benutzt, rechts ist klein der Eisi gerade in Aktion. Dieses Foto ist unbeschnitten und zeigt die Möglichkeit aus dem Vollformat ein Bild zuzuschneiden. RF 100–500 mm, Brennweite 270 mm, F5.6, 1/8000 Sek., 1600 ISO, Abstand 8 m.
Das aus dem Vollformat ausgeschnittene Bild zeigt immer noch eine brillante Schärfe. Der Eisvogel überzieht während der Tauchgänge die Augen mit einer blauen Membranhaut, um sie zu schützen. Er montiert so quasi seine persönliche Schwimmbrille.

Makro mit Frühlingsblümchen

Dieses Blütenmeer im Gegenlicht habe ich mit einem 500er-Tele fotografiert. Die unscharfen Märzenbecher im Vordergrund steht etwa drei Meter von der Kamera entfernt.
Dieses Foto lebt von der Schatten-Licht-Wirkung und vom Farbkontrast. Zudem wirkt die weiche Unschärfe im Hintergrund.
Traubenhyazinthen stehen meist in Gruppen. Auch hier trägt die Unschärfe im Vordergrund zum Bildaufbau bei.
Die Unschärfe entsteht ganz natürlich durch den Hintergrund in der Ferne, aber auch, wenn ich durch Blumen hindurch fotografiere, als Vordergrundunschärfe. Dabei gehe ich mit der Kamera bis auf wenige Zentimeter an die vorderen Blumen heran.
Ein Beispiel, welches die typischen Merkmale der Makrofotografie nicht aufweist, nämlich die Unschärfe. Wer also von oben nach unten fotografiert, wird nie Unschärfe erhalten, weil der Untergrund zu nah ist.
Ein ähnliches Foto mit einer perfekten weichen Unschärfe. Die Unschärfe bildet einen Kontrast zur Schärfe des Motivs.
Diese Leberblümchen habe ich mit meinem eigenen Körper abgeschattet, der Hintergrund ist besonnt. Dadurch entsteht ein Hell-Dunkel-Kontrast, hier durch die Farbgebung auch ein Farbkontrast.
Dieser Märzenbecher liegt in der Sonne (Gegenlicht), der Hintergrund liegt im Schatten. Die Betonung ist genau umgekehrt.
Bei mittlerer Blende (links) gibt’s kleine Zerstreukreise, bei offener Blende (rechts) grosse. 
Die ganze Türkenbundlilie ist scharf, ich habe dafür f4.5 gewählt. Die Zerstreukreise sind relativ klein ausgefallen.
Blende f5 generiert annehmbare Zerstreukreise, gleichzeitig ist die Schärfentiefe so gross, dass der ganze Märzenbecher in der Schärfe liegt.
Bei diesem Frauenschuh habe ich Blende f3.2 eingestellt.

Sonnenaufgänge und -untergänge

Sonnenaufgang über dem Säntis.
Velotour bei Hütten.
Sonnenuntergang über dem winterlichen Wädenswil.
Zwei Fotografen fangen das Licht ein. Drumlins bei Neuheim ZG.
Auf dem Säntis hüllt die Sonne das Nebelmeer und den Schnee in ein goldenes Gewand.
Zwei Wanderinnen bei Palfries, hinten die Churfirsten.
Les Vénètes, Pointe d’Arradon, Bretagne. Der gleiche Hafen bietet jeden Tag völlig andere Lichtstimmungen.
Marina da Horta, Azoren. Ich habe zugewartet, bis der Katamaran in die Lichtspiegelung hineinfuhr. 
Die Atmosphäre macht hier aus der kreisrunden Sonnenscheibe (Linie) ein verzogenes und «ausgefranstes» Oval. Man sieht hier auch, dass sie unterschiedliche Farben aufweisen kann, je nachdem wie dicht die Schicht der Atmosphäre ist.
Links die verfälschte weisse Abbildung der Sonne, rechts mit Korrektur in der Nachbearbeitung.
Bei der Halbinsel Au mit einer langen Belichtungszeit.
Baumreihe über Menzingen.
Nachglühen auf dem Säntis.
Auf dem Walchwilerberg.
Strandfussball in Portugal. Die Bewegung brauchte eine kurze Belichtungszeit von 1/2000 Sek., bei ISO 400 und Blende f7.
Auch hier verlangt das bewegte Vordergrundmotiv eine kurze Belichtungszeit bei mittlerer Blende, dafür ist der ISO-Wert etwas höher.
Die letzten Sonnenstrahlen über Wädenswil.
Morgendliches Licht über dem Säntis.
Makrofotografie mit Märzenbecher bei Sonnenuntergang. Auf dem Zimmerberg.
Das Foto lebt von der ganzen Szenerie, nicht vom Sonnenuntergang. Auberge de la mer, Plage de kerfany, Moelan-sur-mer, Bretagne
Minimalistisches Wintermotiv auf dem Gubel bei Menzingen. Auf der dem Sonnenuntergang gegenüberliegenden Seite erscheint oft der Mond.
Silhouettenmotiv mit Kuh und Baum. Hier veränderte ich meinen Standort solange, bis die Sonne direkt hinter der Kuh lag.
Variation eines Anflugs beim Pistenende Rümlang.
Starkstromleitung bei Schönenberg.

Linienstrukturen

Deckenkonstruktion, Circle, Flughafen Zürich

Linien und ihre Spielarten 

Punkt – Linie – Fläche, aus diesen drei Urelementen sind alle anderen Formen durch Erweiterungen abgeleitet. Der Punkt ist fotografisch gesehen ein kleines Bildelement, das nicht mit der geometrischen Bezeichnung übereinstimmt. So kann ein Blatt, ein Stein, ein Mensch, die winzig im Bild stehen, die Funktion des Punktes haben. Die Linie entsteht durch Aneinanderreihung von einzelnen Punkten. Geometrisch wird die Linie als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten definiert. Fotografisch sind Linien in allen Ausprägungen in jedem Foto auszumachen. Eine Bergkante ist eine Linie. Ein Meereshorizont ist eine Linie, Autos werden durch Linien geformt und Gesichter bestehen aus Konturen: Linien.

Ich will hier nicht die Linie in der Funktion der Blickführung (Linie, die ins Bild führt) thematisieren, sondern Linien, die in ihrer Wiederholung ein Linienmuster erzeugen.

Linienmuster haben unendlich viele Gesichter. Sie variieren durch ihre Länge, ihre Stärke, ihre Lage, ihren Abstand und ihre Form.

Liniendominantes Bild

Linienmuster können regelmässig oder unregelmässig auftreten. Nicht immer ist von vornherein klar, dass es sich um ein Linienmuster handelt. Denn die Abgrenzung einer Linie zu einer Fläche ist nicht definierbar. Trägt ein Zebra ein flächiges Muster oder ein Linienmuster? Besteht ein Zebrastreifen aus Linien oder Flächen? Es gibt auch Fotos, bei denen das Linienmuster in abgeschwächter Form wahrgenommen wird, zum Beispiel bei Wischfotos.

In der Signaletik warten viele Streifenmuster auf dich. Bei abstrakten Motiven kannst du die Bildkomposition in aller Ruhe ausprobieren.
Die Treppe wird durch das Linienmuster zum Motiv.
Jedes Zebra hat ein individuell ausgeprägtes Streifenmuster, ähnlich wie Menschen individuelle Fingerabdrücke haben.
Bei verwischten Fotos ist der Linienmustereffekt abgeschwächt sichtbar.

Linienbetonung

Linienmuster wirken dann besonders stark, wenn die Linien bildbestimmend sind. Das heisst nicht, dass sie gleichzeitig das Hauptmotiv darstellen. Linienmuster wirken oft nicht als Motiv, vielmehr begleiten sie das Motiv oder lenken darauf hin. Hierzu zwei Beispiele.

Parkhaus Sihlcity: Die fast symmetrische Betonkonstruktion ist als Linienmuster das Gestaltungselement.

Zürich-Altstetten: Das Linienmuster erzeugt eine starke Perspektive, das eigentliche Motiv ist jedoch die schwarze Silhouette.

Farbig oder Schwarz-Weiss?

Schwarz-Weiss verdeutlicht den formalen Bildaufbau. Farben lenken eher ab und verlangen dem Hirn eine Deutungsebene mehr ab. Natürlich gibt es auch Linienmuster, bei denen die Farbe eine wichtige Rolle spielt. Ich stelle mir bei jedem Bild die Frage, ob Farbe dem Bild zuträglich ist oder ob ich die Bildaussage mit Schwarz-Weiss besser auf den Punkt bringe.

Panometer Leipzig.
Panometer Leipzig. Bei monochromen Fotos spielt es meist keine so grosse Rolle. Die Farbe kann stehen bleiben, aber auch Schwarz-Weiss ist gut.
Leipzig. Links liegt die Betonung sowohl auf der Linienstruktur, also auch auf der Farbgebung. Rechts tragen nur die Linien das Bild.

Linienstrukturen in der Architektur

Obwohl Strukturen auch in der Natur vorkommen (Eiskristalle, Gesteinsschichten, Baumringe, Fellzeichnung, Wald usw.), hat die Architektur die Repetition beherzigt und die Herzen der Menschen erobert. So sind in einer Stadt Linienmuster an jeder Ecke zu beobachten. 

Zürich-Altstetten: ein luftiges Treppenhaus, von unten nach oben fotografiert.

Mario Bottas Kappelle von Mogno im Val Lavizzara. Ein Meisterwerk von Flächen und Linien.

Credit Suisse Hochhäuser, Zürich-Oerlikon. Die mit langer Belichtungszeit geschwenkte Aufnahme verstärkt vertikale Linienstrukturen. 
Swisslife-Arena, Zürich. Beim richtigen Sonnenstand bilden sich musterartige Lichtflecken am Boden.
Swisslife-Arena, Zürich. Die Aussenfassade wirkt bei seitlich einfallendem Licht sehr plastisch.
Zurich, Zürich. Die spiegelnde Fassade bildet ein Linienmuster.
Bahnhofplatz St. Gallen. Bei regnerischem Wetter spiegelt sich die Fassade in einer Pfütze. Hier habe ich oben und unten den Photoshopfilter «Bewegungsunschärfe» eingesetzt, der die Vertikale betont.
Lissabon. Arkaden bilden eine vertikale Linienstruktur.
Leipzig. Die nächtliche Szenerie wirkt Schwarz-Weiss besonders gut. Die Lichtführung liegt auf dem Skater.
Circle, Zürich-Flughafen. Die verwischten Fussgänger kontrastieren mit der Linienstruktur der Gebäude.
Hauptbahnhof Leipzig. Die Metallkonstruktion bildet ein gebogenes Linienmuster.

Parkhäuser sind fotogen!

In einem Fotoprojekt habe ich vor einiger Zeit schon alle Parkhäuser der Stadt Zürich fotografiert und einen schier unendlichen Fundus an typografischen oder geometrischen Motiven festgehalten.

Parkhaus Hardturm, Zürich. Der Baum in der Mitte drängt ans Licht. Er ist als Farbakzent in der wüsten Betonlandschaft unabdingbar.
Parkhaus Opéra, Zürich. Das metallene Muster wirft seinen Schatten auf die Betonmauer.
Parkhaus Primetower, Zürich. Fussgängerstreifen, der ins Bild hinein führt. Die Blickrichtung wird durch den Pfeil gestoppt.

Schattenwurf

Licht und Schatten sind wie ein Zwillingspaar. Ohne Licht keine Schatten. Direktes Sonnenlicht, am besten noch seitliches, zeigt alle Linienstrukturen in einem neuen Licht. Gartenzäune, Treppengeländer oder feine Metallkonstruktionen von Treppen – ich habe immer ein Auge auf die Schattenwirkung. Schatten sind eine Abstraktion, oft kann man nur schwer erkennen, von welchem Ding sie stammen.

Schattenwurf eines Treppengeländers auf die Hausmauer.
Die eiserne Treppe wirft einen Schatten auf das runde Silo.
Parkhaus Hallenstadion, Zürich. Die Sonne wirft eine Schattenstruktur aus Linienstückchen auf die Metallkonstruktion.

Treppen à la carte

Treppenstufen sind neben Fassaden die klassischen Linienmuster, die zu jedem mehrstöckigen Gebäude gehören. Je komplexer die Treppe gebaut ist, desto anspruchsvoller ist die Fotografie. Meist fotografiere ich mit meinem Weitwinkelzoom 15–35 mm. Bildverzüge sind im Bereich von 10–20 mm fast unvermeidlich, in den Bildecken «ziehts» dann ordentlich nach aussen. Bei geometrisch geraden Motiven wie Treppen können sich Bildverzüge störend auswirken. Ich finde es spannend, die Betrachterinnen in die Irre zu führen, indem ich den komplexen Bildaufbau so gestalte, dass das Foto erst auf den zweiten Blick entschlüsselt werden kann.

Bernina City, Zürich. Die durchsichtige Treppe ist von unten nach oben fotografiert.
Auch diese Treppe habe ich von der Unterseite her abgelichtet. Das Auge versucht das Bild andersrum zu entschlüsseln.
Treppe in Barcelona, die sich im Dach oben spiegelt.
Andorra. Die runden Treppen bilden einen wahren Blickfang.
Sihlcity, Zürich. Durchblick vom obersten Stock auf ein verwirrendes Durcheinander.
Kunsthaus Zürich. Blick von oben ins Treppenhaus.

Wendeltreppen

Unbestreitbar gehören geschwungene Treppen oder Wendeltreppen zu den schönsten Treppenformen. Wenn die sanften Schwünge die senkrechte der Mittelsäule umspielen und die Treppenstufen fotografisch machen, was sie wollen, ist meine Begeisterung ungebremst.

Beim Parkhaus Urania, Zürich. Die doppelt geschwungenen Linien wirken sehr anmutig.
Phare d’Eckmühl, Bretagne. Die Spiralform gibt die Treppenstufen perfekt wieder.
Phare d’Eckmühl, Bretagne. Aus dieser Sicht wird der Weitwinkelverzug deutlich sichtbar.
Linienstrukturen, wie hier die Spirale, sind gut auch mit Lightpainting machbar.

Linienstrukturen in der Natur

Alles, was nach oben wächst, bildet in der Summe vertikale Strukturen aus. So sind Baumstämme der Wälder in jeder Jahreszeit ein Linienmotiv, das überall wartet.

Die landwirtschaftliche Nutzung wird bei dieser Drohnenaufnahme deutlich.
Sihlwald. Mit einer Sekunde Belichtungszeit und einem senkrechten Schwenk nach oben bildet sich dieses Streifenmuster.
Maggiatal. Linien sind vielen Felsformationen enthalten.
Zumaia, Spanien. Gesteinsschichten bilden ganze Linienformationen.
Albisrücken. Die mächtigen Buchen zeigen im Gegenlicht ihre vertikale Struktur.
Wasserspiegelungen bilden zusammen mit den Wellen ein Linienmuster.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen. ISBN 978-3-033-08937-2, Fr. 40.–. Erhältlich bei Foto-Tevy, Wädenswil, im Buchhandel oder direkt über den Webshop www.fotografie-fuer-dich.ch.

Schnee- und Winterzauber

Unser Zuhause als Hotspot-Winter-Wunderland. Eine kurze Reise durch die winterliche Natur «vor der Haustür»

Auf dem Säntis: Die letzte Bahn fährt kurz nach Sonnenuntergang in die kalte Finsternis zurück

Das Wesen des Schnees

Um sich dem Wetterphänomen Schnee fotografisch anzunähern, bedarf es ein paar Erklärungen. Als auskristallisierte Feuchtigkeit ist Schnee wie Wasser farblos. Es reflektiert das Licht fast vollkommen und erscheint in einer neutralen Form im Auge weiss. Von weitem erscheint Schnee als kompakte weisse Fläche, von Nahem kann man die Schneekristalle sehen, weil hier Schatten die Dreidimensionalität und die Struktur sichtbar machen. Schnee kann dynamisch als Schneeflocken, Graupel oder Hagel fotografiert werden, in der festen Form als Schneedecke, Eisschnee, Raureif, Eiszapfen oder als Eisfläche. Schnee ist an sich also farblos. Er vermischt sich aber optisch mit seinem Untergrund und reflektiert das bestehende Licht. So gibt es verschiedene Farben des Schnees, ganz so wie es auch andere Färbungen von Seen, Flüssen und Meeren gibt. 

Schnee kennt ganz viele Gesichter.
Auch dichtes Schneegestöber vor dunklem Grund kann reizvoll sein.

Die Schattenzeichnung

Technisch sprechen wir bei Schnee von den hellsten Tonwerten, die Sensoren abbilden können. Wer direkt in die Sonne fotografiert wird feststellen, dass sie keinerlei Lichterzeichnung aufweist. Sie wird einfach als weisse Scheibe dargestellt. Auch dann, wenn Sonnenauf- und -untergänge abgelichtet werden, wo die Sonne doch orange oder gelb ist. Ihre blendende Energie ist so hoch, dass die Sensortechnik nicht in der Lage ist, Feinheiten auszulesen. Beim Schnee ist das anders, wir können ihn durchaus mit einer feinen Schattenzeichnung wahrnehmen. Wenn der Schnee auf dem Display einfach weiss ausfrisst, dann ist das Bild überbelichtet – und als Bildfehler wahrgenommen. Schneebilder sind gerade deshalb herausfordernd, weil die feine Schattenzeichnung zwar spürbar sein soll, aber nicht zu dunkel, das Foto soll insgesamt halt doch weiss oder stimmungsvoll erscheinen.

Die Inuits sollen für die Farben des Schnees bis zu fünfzig Bezeichnungen verwenden. Auch wenn Schnee farblos ist, zeigt er sich in allen Farbnuancen.

Gubel, Menzingen: Die extrem flach einfallende Sonne erzeugt eine schöne Schneestruktur.

Bei klaren Verhältnissen spiegelt sich der blaue Himmel in der Schattenzeichnung. Wo also Hell-Dunkel im Schnee abgebildet wird, neigt die Schattenzeichnung zu einer Verblauung. Da die Sensoren darauf ziemlich empfindlich reagieren, muss die erfahrene Fotografin die Bilder daraufhin überprüfen, ob das Blau in der Nachbearbeitung nicht etwas entsättigt werden kann. Bläuliche Schatten sind okay, knallblaue hingegen wirken übertrieben und farbstichig. 

Savognin: Die Schatten der Liegestühle machen das Bild ungewöhnlich und reizvoll.
Gubel, Menzingen: Schatten sind wegen der flachen Sonne und dem gleichförmigen Schnee im Winter besser sichtbar als in schneelosen Jahreszeiten.

Ich fotografiere im Freien fast immer mit dem automatischen Weissabgleich. Schneebilder korrigiere ich präziser in der Nachbearbeitung in Lightroom. Die Farbstimmung kann global übers ganze Bild bei den Grundeinstellungen über die Farbtemperatur gesteuert werden. Dann allerdings wird auch der Himmel (nicht nur die Schatten im Schnee) und andere Farben verändert. Mit dem Farbmischer können alle Blautöne entsättigt werden, ohne dass sich zum Beispiel gelbe oder grüne Töne ändern. Wenn der blaue Himmel unangetastet bleiben soll und die blauen Schatten entsättigt werden sollen, dann bleibt nur der Weg über eine Maskentechnik. Ich wähle in Lightroom mit einer Maske den Himmel aus und kehre die Auswahl um. Jetzt habe ich Zugriff auf alle Farben unterhalb des Himmels. Mit dem Farbmischer entsättige ich die Blautöne – so werden Schnee und Schatten neutraler.

In der blauen Stunde allerdings ist die Verblauung gewollt und ein stilistisches Element. Das Gelborange der Strassenbeleuchtung oder der Fenster bildet einen schönen Farbkontrast zur blauen Grundstimmung.

Links ist die Verblauung in den Schatten zu sehen, rechts ist die Farbgebung korrigiert.
Eine andere Möglichkeit: In Lightroom «Farbmischer» und «Punktfarbe» wählen. Dann mit der Pipette auf den Farton klicken, den man gezielt verändern will. Hier ist der Schatten zu blau. Der angezeigte Punkt im Farbfeld wird nun dorthin gezogen, wo man die Farbe haben will. Nach links, wo der Blauton weniger satt ist. Im Beispiel rechts sieht man den Unterschied.
Drumlins bei Neuheim: Bei dieser Stimmung darf der Schnee auch mal kräftig blau sein. Blau kontrastiert gut mit dem Gelb-Orange des Himmels.
Berggasthaus Alter Säntis: Das Bild lebt vom Farbkontrast – ein neutralgrauer Nebel hätte eine nachteilige Wirkung.

Das Licht im Schnee

Da Schnee draussen stattfindet, ist das Tageslicht für die Lichtführung verantwortlich. Wir haben also direktes Sonnenlicht, welches harte Schatten zeichnet oder dann diffuses Licht, welches bei bewölktem Himmel oder bei Nebel vorherrscht. Diffuses Licht erzeugt schattenarme weiche Fotos. Farbe in einem Schneefoto ist demzufolge auf die Lichttemperatur (am Morgen und Abend wärmer, um die Mittagszeit kälter) und auf die Reflexion vom Untergrund, Hintergrund oder vom Himmel zurückzuführen. Im Auge werden Schneebilder mit einer grosszügigen Toleranz wahrgenommen. So darf Schnee im Sonnenuntergang auch Gelb-Orange sein oder in der blauen Stunde kräftig Blau.

Wenn kein Sonnenlicht vorhanden ist, also bei bewölktem Himmel oder auch bei Nebel, wird die Schattenzeichnung als Grau ausgegeben. Der Schnee verliert damit seine Reinheit und wirkt verschmutzt. In solchen Fällen ist die Schwarz-Weiss-Umsetzung ein valable Lösung, hier fällt dem Betrachter nicht «Verschmutzung» ein.

Bei diffusem Licht entfärbe ich den Schnee in der Nachbearbeitung. In Lightroom beim Reiter «Grundeinstellungen» die Pipette «Weissabgleichsauswahl» auswählen und damit in eines Stelle im Bild klicken, die man für Neutralgrau hält. In Photoshop gibt es unter der Gradationskurve (cmd-M) drei Pipettensymbole. Das mittlere auswählen und auf einen vermeintlich neutralen Grauwert klicken. Dann wird der angeklickte Ton neutral grau, der Rest wird entsprechend angepasst. Ich bin jedoch ein Fan der subtilen Farbstimmung. Die Farbe fehlt weitgehend, es ist jedoch immer eine Rest Farbe da. So ein wenig wie Schwarz-Weiss, aber doch nicht ganz.

Beim Hüttnersee. Das Foto zeigt eine Vignette (Abdunkelung an den Rändern).

Da in sonnigen Schneelandschaften die Farben Weiss und Blau dominieren, ist das gekonnte Spiel der Schatten die Herausforderung. Die Sonne im Rücken ergibt flache kontrastlose Aufnahmen – viel spannender ist die seitlich einfallende Sonne oder Gegenlicht.

Gerenholz, Wädenswil. Der Sonnenstern wird mit einer geschlossenen Blende erreicht. Wer gegen die Sonne fotografiert, erhält zum Dank eine schöne Schattenzeichnung.

Stimmungen im Schnee

Die fast hundertprozentige Reflexion des Lichtes im Schnee führt dazu, dass der Schnee die Lichtumgebung weitergibt. Spektakuläre Farbeexplosionen wirken genauso gut wie diffuse und melancholisch-sanfte Wintertöne. Die Absicht des Fotografen ist entscheidend. Er kann die Bildstimmung so ausregulieren, wie es ihm gefällt. Weniger gut finde ich, wenn wir uns dem Zufall hingeben und das Foto so hinnehmen, wie es der Sensor aufgezeichnet hat. «Ich mache nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich am Computer», ist eine Meinung, die aus meiner Sicht das Wesen und Können der digitalen Fotografie weder versteht noch richtig interpretiert. Damit sei nicht behauptet, dass es nicht ohne Bearbeitung geht. Mit Bearbeitung stehen einfach viel mehr Möglichkeiten offen, das eigene Foto so zu interpretieren, wie man es möchte. Und nicht dem Algorithmus der Kamera zu überlassen. 

Faszinierend sind die Morgen- und Abendstimmungen, die von kräftigen Orange- über Gelbtöne gehen, die sanft ins lichte Himmelblau changieren.

Wo ist der Winter?

Schneebilder bespreche ich hier als Landschaftsfotos, die jedermann mit einer Kamera während des Spazierens machen kann. All die speziellen Winterorte wie der hohe Norden mit Nordlichtern, den tief verschneiten Wäldern, die Antarktis mit den Eisbergen und der Tierwelt bieten immer einen spektakulären Hintergrund für die Motive. Ich will hier aber vor allem vom Winter und den Landschaften bei uns vor der Haustür berichten. 

In Lagen ab 700 Meter und darüber findet der Winter jedes Jahr statt. Vielleicht etwas weniger lang als früher, aber eine weisse Schneedecke gibt’s immer. Es gilt die Zeit zu nutzen und mit der Kamera hinaus zu gehen.

Meine bevorzugten Winterorte «in Reichweite» sind Schönenberg und Hütten mit dem Hüttnersee, Schönau und Mistlibüel am Nordhang des Höhronen, der Hirzel mit dem Zimmerberg, der Sihlwald. Etwas weiter Einsiedeln, St. Meinrad beim Etzelpass, die Chörnlisegg, oder rund um den Sihlsee. Überall dort gibt es traumhafte Wintermotive. Im Gebiet des Ägerisees der Gubel oder der Raten mit dem Gottschalkenberg, weiter Menzingen, Finstersee oder die Hügelzüge bei Neuheim. Auf dem Zugerberg oder Walchwilerberg habe ich schon Stunden mit der Kamera verbracht – ich liebe die Grenzzonen, wo der Nebel sich lichtet und der Himmel plötzlich so hoch steht. Wer gar an einem schönen Tag mit Nebellagen auf den Uetliberg, den Albisrücken, auf Rigi, Pilatus oder Säntis fährt, wird fotografisch hundertprozentig belohnt werden.

Beim Golfplatz Schönenberg
Ob dem Hüttnersee mit Blick gegen Schönenberg
Einsiedeln

Bildgestaltung

Landschaftsbilder sind fast immer querformatig. Typischerweise mit Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, die zusammen eine Tiefe erzeugen. Gerne setze ich Protagonisten ins Foto, vielfach im Vordergrund, die dem Landschaftsfoto Leben einhauchen. Wenn etwas im Bild passiert, ist es interessanter anzuschauen als wenn nur Landschaft von vorn bis hinten gezeigt wird.

Bäume im Winter sind an sich schon prächtig. Weiss verschneit oder mit Eisnadeln überzogen, bieten sie vor strahlendem Himmel eine Traumwelt. Ich bevorzuge oft Gegenlicht positionieren mich so, dass der Schatten ebenfalls miteinbezogen wird.

Tief verschneite Wälder zeigen eine Vertikalstruktur, die ich als Gestaltungselement gerne aufnehme. Falls sich noch eine Person klein einbinden lässt, umso besser.

Dann die Schatten! Im Winter scheint die Sonne immer flach auf die Landschaft. Auch während der Mittagszeit haben wir immer eine relativ ausgeprägte Schattenwirkung. Im Gegenlicht lassen sich die Schatten wundervoll in Szene setzen. 

Gubel: Die Figur gibt dem Foto und dem Baum eine beachtliche Dimension.
Rigi Kulm: Hier führt die Diagonale zur Person, die wiederum den Blick auf die Sonne richtet.
Kapelle Gründel bei Ibergeregg: Die Strasse weist den Blick zur etwas versteckten Kapelle.
Die Schienen nach Rigi Staffel ziehen den Blick ins Bild hinein.
Mistlibüel, Hütten: Zäune sind im Winter gut als Vordergrund zu inszenieren. Hier bildet er eine optische Barriere für das, was dahinter kommt.

Poesie des Nebels

Nebellagen sind für mich als Fotograf die pure Lust, nach draussen zu gehen, um ungewöhnliche Fotos heimzubringen. Nebel verwedelt die Sicht und lässt der Fantasie freien Raum. Vor allem von oben gleicht Nebel den Wolken – und da soll die Freiheit bekanntlich grenzenlos sein.

Nebellandschaft Hügelzüge von Neuheim, im Hintergrund der Säntis.
Zimmerberg bei Hirzel: Nebel ist immer faszinierend.

Bäume im Winter

Ach ja, dann sind noch die Bäume! Ich mag die Kerle, wie sie sich dicht an dicht aneinander kauern, in eisigen Mänteln gehüllt. In den Wäldchen nördlich von Oberägeri, auf dem Weg vom Gubel über Fürschwand nach Schneit bis hin zum Kistenpass, da gehe ich jeden Winter gerne hin, um Bäume im Wald zu fotografieren.

Beim Truppenübungsplatz auf dem Gubel, Richtung Oberbrämen

Vertikalstrukturen

Wen ich gut eingepackt und mit hohen Winterschuhen ausgerüstet mich mitten in den weissen Wald begebe, abseits aller Wege, erlebe ich eine vollkommene Stille, die durch kein Geräusch gestört wird. Im Wald bilden die Baumstämme eine Vertikalstruktur, die ich mit der richtigen Standortwahl in Szene zu setzen versuche. Welche Bäume stehen im Vordergrund, welche hinten? Ergibt sich eine besondere Tiefe mit der Lichtführung? Wo leuchtet die Sonne durchs dichte Unterholz? Entlang der normalen Spazierwege sind verschneite Stämme ebenfalls reizvoll, dort gelingt es auch, andere Spaziergänger ins Bild zu setzen.

Fürschwand, Unterägeri. Ich bin wintertauglich, oft abseits aller Wege unterwegs.
Auf dem Albisrücken bei Oberalbis: Die Buchen sind einseitig beschneit. Die Stämme bilden eine markante vertikale Struktur.
Die Gestaltung ist mit der Lichtführung so ausgelegt, dass der Blick vom Dunklen ins Helle geht.

Bäume sind zu allen Jahreszeiten fotogen. Im Winter kommt das Formale besonders gut zur Geltung. Dann fehlen Blätter der Krone, und das Baumskelett tritt in den Vordergrund. Auch fehlt fast gänzlich die Farbe im Bild. Zum Teil werden Äste mit Schnee abgedeckt, sodass sie wie mit Puderzucker überzogen sind. Mich ziehen die einzeln oder in Gruppen stehenden Bäume wie magisch an. Wenn noch Nebel im Spiel ist und die Sonne ganz knapp durch bricht, sind das richtige Glücksmomente für jede Naturfotografin.

Auf dem Weg zum Gubel, Menzingen. Die flache Sonne wirft ein hartes Streiflicht auf den Weg.
Beim Gubel, Menzingen: Wenn Schnee und Raureif zusammenfallen, wirken Bäume besonders winterlich.
Schönenberg: Einfach ein Baum, schwer behangen.
Bei der Langlaufloipe Menzingen: Der Raureif überzuckert die Bäume, während der lichte Nebel eine mystische Szenerie entwirft.
Schachen, Euthal, Sihlsee: Die Nebelgrenze ist mein bevorzugtes fotografisches Revier. In dieser Zone sind Farben der Sonne, des Nebels und des Schnees gemischt zu sehen.

Umkehrung der Wahrnehmung

Eine besondere Art, Landschaft zu inszenieren, dekoriert den Himmel mit einem Vordergrund. In einer normalen Sichtweise ist der Vordergrund immer am unteren Bildrand zu finden. Bei Bäumen kann ich diese Sichtweise umdrehen. Wenn die nahen Äste oben ins Bild hineinragen, ist der Vordergrund oben, der Hintergrund unten. Ich setze ein Weitwinkelobjektiv ein und suche dafür einen bodennahen Standort. Der Horizont wird dabei absichtlich extrem tief angelegt.

Lienisberg, Walchwilerberg
Bei Mistlibüel, Hütten
Gubel, bei Menzingen
Golfplatz Schönenberg

Lichterscheinungen

Wenn feine Schneekristalle bei kalten Temperaturen in der Luft herumschwirren, ist die Chance da, eine Korona um die Sonne herum zu erwischen. Das seltene Lichtphänomen fotografisch zu erwischen, ist ein absolutes Highlight.

Vom Wädenswilerberg aus gegen den Höhronen
Am Sihlsee

Kameraeinstellungen

Ich frage mich zu Beginn eines Shootings immer, worauf es ankommt. Bei Landschaftsaufnahmen im Schnee ist immer genügend Licht vorhanden, was eine kurze Belichtungszeit bei niederen ISO-Werten erlaubt. Ich achte also mehr auf die Schärfentiefe und stelle die Zeitautomatik (Canon: Av, Andere: A) ein. Hiermit kann ich die Blende fix vorwählen und die Kamera passt die Verschlusszeit der Belichtungssituation an.

Je kleiner die Blende gewählt wird (hohe Zahl), desto grösser ist die Schärfentiefe. Bei Landschaftsaufnahmen habe ich oft einen Vordergrund, den ich mit in der Schärfenzone drin haben will. Die Frage ist nun etwa die, wie ich die Blende einstellen muss, um ein Objekt in einer Distanz von beispielsweise 10 Metern scharf abzubilden, ohne dass der Hintergrund an Schärfe verliert. Man kann hier nicht verallgemeinern, denn die Sache hängt vom Objektiv ab. Ich mache oft auch eine Probeaufnahme und kontrolliere in der Wiederansicht mit der Lupenfunktion, ob das Bild von vorn bis hinten scharf ist. Wenn nein, schliesse ich die Blende etwas, und fotografiere erneut mit einer Kontrolle. Dabei achte ich auch auf die Lichterzeichnung. Ich korrigiere jeweils mit der Plus-Minus-Korrektur, mit der ich bei meiner Kamera bis zu drei Blendenstufen dunkler oder heller belichten kann, als es die Belichtungsautomatik vorgibt. Man kann in vielen Kameras übrigens ein Histogramm oder eine Überbelichtungswarnung einblenden lassen. Diese helfen, ein Ausfressen der Lichter zu vermeiden.

Ich habe in der täglichen Praxis mit meiner Canon R5 Mark II und hochwertigen Objektiven noch keine signifikanten Probleme bezüglich Schärfe festgestellt. Das heisst, ich kann damit unbedarft die Blende vorwählen, ohne dass ich mich mit möglichen technischen Unzulänglichkeiten herumschlagen muss. Aus meiner Erfahrung sind meine Bilder mit der Vollformatkamera einfach immer scharf. Ausser ich verwackle die Fotos absichtlich. Berichten zufolge haben nicht alle Kameras und Objektive die gleiche Güte und zeigen bezüglich Blendenwahl einen sichtbaren Schärfeunterschied. Klar ist, dass Weitwinkelobjektive bei einer bestimmten Blende eine grössere Schärfentiefe haben als Normal- oder Teleobjektive.

A propos verwackeln. Wischbilder im Schnee sind äusserst attraktiv. Es entsteht eine Bildpoesie, die man sonst nirgends antrifft. Um die Kamerabewegung etwa bei 1/20 bis 1/60 Sekunde zu erlauben, ist allerdings ein Neutraldichtefilter (ND-/Grau-Filter) nötig, der das viele helle Licht absorbiert.

Bei wenig Licht im Schnee (zum Beispiel im Wald) handle ich natürlich anders. Hier frage ich mich, welche ISO-Zahl ich einstellen soll, um mit der geringsten Belichtungszeit noch verwacklungsfreie Fotos zu schiessen. Neuste Kameragenerationen können gut bis 10000 ISO, dass auch bei düsteren Lichtverhältnissen mit kurzen Belichtungszeiten gearbeitet werden kann. Sogar Schneeszenen im Dunkeln sind heute ohne Stativ gut und verwacklungsfrei zu bewältigen.

Wichtig ist mir, mich vor dem Shooting immer zu fragen: Welche Lichtsituation herrscht vor? Welche Schärfe schwebt mir vor, von wo bis wo? Welche Blende und Verschlusszeit bringt das optimale Resultat? Wie kann eine höhere ISO-Zahl Blende und Zeit positiv beeinflussen?

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Zum Schluss ein paar Fotos aus Wädenswil, diesmal von oben mit der Drohne. Schneefotos aus Wädenswil gibt es in der Galerie zu sehen (www.tevy-fotos.ch). Davon können Wandbilder oder Fotogeschenke hergestellt werden. Frag im Laden danach.

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Kirchen fotografieren

Bei jeder Reise gehören Sakralbauten zu den Tourismusmagneten: Ein fotografischer Kirchenbesuch.

Mont-Saint-Michel, Normandie, Frankreich

Sakralbauten faszinieren

Religiöse Bauwerke gehören zum Tourismusinventar jeder Stadt und jedes Landes. Sie zählen zu den Top-Sehenswürdigkeiten – oft werden Länder gar wegen ihnen bereist. Mich bezaubert die Jahrhunderte alte Geschichte, die aus den Steinen spricht. Die Hagia Sophia in Istanbul hat eine Höhe von 56 und einen Kuppeldurchmesser von 31 Meter. Sie wurde im 6. Jahrhundert als byzantinische Kirche erbaut, als in unseren Breitegraden noch in Holzhütten gehaust wurde. Es sollte nochmals rund 400 Jahre dauern, bis das Kloster Einsiedeln gegründet wurde. Ein Bauwerk fast für die Ewigkeit.

Grössere und kleinere Sakralbauten ziehen mich jeweils in ihren Bann: Sagrada Familia, Notre Dame, die Stiftskirche in St. Gallen oder die Dorfkirche von Sonogno im Verzascatal. 

Diese grossen und kleinen Zeugen eines Glaubens erzählen stille Geschichten, die ein Innehalten lohnen.

Kathedrale von Bayeux, Normandie

Wenn ich eine Kirche betrete, achte ich auf Gebote oder Verbote, die Rücksicht auf die Kirchgänger nehmen. Dies betrifft die Einhaltung von Ruhe, eine angemessenen Kleidung, ein Verbot eines Blitzgerätes oder ein gänzliches Foto- und Videoverbot. Ich schalte meine Kamera in den lautlosen Auslösemodus «Leiser Auslöser». Das Stativ ist ja auf Reisen bei Stadtspaziergängen meist nicht dabei.

Quimper, Bretagne: Sakralbauten bieten einen Reichtum an Fotomotiven, man muss nur genau hinschauen.

Knackpunkte bei Aussenaufnahmen

Die sprichwörtliche «Kirche im Dorf» führt Fotografen vor das Problem, dass die Gotteshäuser fast immer zu dicht am Aufnahmestandort liegen. Eine hohe Kathedrale ist nur mit einem Weitwinkelobjektiv von 10 bis 24 mm ganz aufs Foto zu kriegen. Und nur im Hochformat. Der perspektivische Verzug ist enorm, das Bild sieht oft unnatürlich aus. Zudem zieht das Abgebildete an den Rändern des Weitwinkels stark gegen aussen, was zu unnatürlichen Proportionen führt. Ein drittes Problem liegt im Objektivverzug. Gerade eher günstige Kit-Objektive weisen an den Rändern eine Krümmung auf, so wie wir es bei Fischauge-Fotos kennen. Ich korrigiere den Verzug und die Krümmung in Lightroom oder Photoshop etwas, sodass Bildfehler weniger ins Auge stechen.

Bayeux, Normandie: Je weitwinkliger das Objektiv, desto mehr krümmt sich die extreme Perspektive. Einiges, nicht alles, kann in Photoshop oder Lightroom korrigiert werden. 15 mm, f5.6.
Bayeux, Normandie: Links wird die Kamera gegen oben gehalten: die Perspektive kippt stark. Rechts wird die Kamera eher gerade gehalten: die Perspektive stürzt weniger oder nicht.
Quimper, Bretagne: Links ist die Entfernung grösser, die Perspektive stürzt weniger als rechts. Das linke Bild ist heller gehalten, das rechte ist schattiger.
Bayeux, Bretagne: An einer Kathedrale finden sich jede Menge Detailmotive. Es muss nicht immer das ganze Gebäude abgelichtet werden. Bei solchen Fotos bevorzuge ich begradigte senkrechte Kanten

Kameraeinstellungen für innen

Die Lichtsituation in einer Kirche ist oft als gerade ausreichend zu bezeichnen. Es geht nun darum, die Kameraeinstellungen so zu wählen, dass ich das Optimum heraushole. Wenn ich Innenräume gesamthaft abbilde, so wähle ich gern eine mittlere Blende von etwa f8, die mir ausreichend Schärfentiefe verschafft. Mit meinem 5fach-Bildstabilisator am Objektiv kann ich heute mit 1/8 Sekunde freihändig fotografieren, ohne dass das Foto verwackelt wird. Wer keinen Bildstabilisator hat, sollte mit dem Weitwinkel vielleicht nicht unter 1/15 Sek. gehen. Ich arbeite im Modus M (Manuell) mit ISO-Automatik von 100–6400 ISO. Aus diese Weise wird die Verschlusszeit und die Blende voreingestellt und die Automatik verändert den ISO-Wert je nach Lichtsituation. Es sind natürlich auch andere Einstellungen möglich. 

Das Licht in der Kirche

Kirchenlicht ist immer ein Mischlicht. Tageslicht dringt durch Fenster oder Türen ein, während die Grundbeleuchtung durch Lampen aller Art oder auch Kerzen sichergestellt wird. In der Regel fällt das Licht also von oben auf die Szene. Oft ist es diffus, weil mehrere Fenster oder Lampen gleichzeitig beteiligt sind. Diffuses Licht sorgt für eine gewisse Weicheit im Bild, weil die Kontraste nicht so gross sind wie bei direktem Sonnenlicht. Ich halte den Weissabgleich der Kamera auf «Auto», weil ich allfällige Farbstiche, die gegen Gelb tendieren, lieber in  der Nachbearbeitung behandle. Man kann natürlich auch den Weissabgleich auf «Glühlampe» stellen, um das Bild schon bei der Aufnahme zu neutralisieren. Der Farbstich ist kein vordringliches Thema, welches die Betrachter stört. Wenn mir die Säulen oder Wände aber allzu gelblich erscheinen, hilft es, die Gelb-Orange-Sättigung etwas zurückzunehmen. Aus meiner Sicht sind unterschiedliche Lichtstimmungen im Bild reizvoll, sie helfen oft, Materialien wie Säulen, Wände, Treppen und Böden in der Tiefe der Bildorganisation zu unterscheiden. Es besteht eine gewisse Tendenz, Kirchenfotos zu düster aufzubereiten. Ich achte auf die Helligkeit, helle Bilder wirken insgesamt freundlicher.

Schwarz-Weiss-Umsetzungen sind immer eine Möglichkeit, der Farbe «aus dem Weg zu gehen». Farbe kann ein Stilmittel sein, jedoch auch zu Unruhe und Klecksigkeit führen. Bei Schwarz-Weiss konzentrieren sich die Betrachter eher auf die formale Bildkomposition, es gibt keine Farbe, die um Aufmerksamkeit buhlt.

Quimper, Bretagne: Dieses Foto wirkt düster, es hat zudem einen starken Gelbstich.
Quimper, Bretagne: Dieses Foto wirkt heller und freundlicher. Der Gelbstich des oberen Fotos ist neutralisiert.
Kirche von Sonogno im Verzascatal

Oft ist die Kirche so ausgeleuchtet, dass eine spezielle Lichtstimmung entsteht, die fotografisch zwischen Gelb (künstliches Licht) und Blau (das Tageslicht) angesiedelt ist. Auch farbige Fenster werfen zusätzlich ihre Farbsprengsel auf das Innere, ich finde, solche Farbkleckse geben sehr poetische Bildstimmungen her.

Convento de Cristo, Tomar, Portugal: Die farbigen Kirchenfenster werfen Farbtupfer auf die Säulen und Böden.

Die dominante Vertikale

Im Zeitalter der Gothik (12. Bis 16. Jh.) entstanden Bauwerke die sich mit einer extremen vertikalen Betonung auszeichnen. Alles strebt nach oben. Da liegt es auf der Hand, im Hochformat zu arbeiten, um die Vertikale zu betonen. Auch im Inneren ist der perspektivische Verzug ein Thema. Ich arbeite jedoch auch gerne mit Teilansichten, die eine Betonung auf gewisse Dinge legen. Dann lieber im Querformat. 

Von links: Convento de Cristo, Tomar, Portugal; Quimper, Bretagne; Bayeux, Normandie.

Bunte Kirchenfenster

Die Belichtungssituation ist sehr anspruchsvoll, weil mehrere Herausforderungen zusammenkommen. Das Umfeld ist eher dunkel und sehr helles Gegenlicht strahlt durch die leuchtend bunten Fenster. Jede Kamera gelangt hier an ihre Grenzen. Denn entweder belichtet die Kamera die Fenster richtig, dann laufen die Tiefen im Vordergrund zu. Oder die Kamera belichtet auf den Vordergrund, dann fressen die bunten Lichter aus und die farbigen Fenster werden weisslich bleich. Ich mache so ein Zwischending, ich belichte mit der Plus-Minus-Korrektur gerade so, dass die Lichterzeichnung und die Farbe erhalten bleiben, aber eher etwas hell erscheinen. Der Vordergrund ist auf dem Display relativ dunkel. Die dunklen Töne helle ich in der Nachbearbeitung auf, das aufkommende Bildrauschen bekämpfe ich in Lightroom mit der Funktion «Entrauschen». Wenn das Bild so belichtet wird, dass die Fenster schon im Display wie ausgefressen aussehen, sind die Farben auch im Nachhinein nicht wieder herzustellen. Natürlich kann man auch mit anderen Methoden wie HDR oder zwei unterschiedlichen Belichtungen arbeiten, die nachträglich ineinander gerechnet werden.

Die hinterleuchteten Buntglasfenster sind sehr kontrastreich und auch für moderne Kameras eine Herausforderung. Die Farben leuchten besonders, wenn das Umfeld relativ dunkel gehalten wird.

Personen in der Kirche

In jeder touristisch besuchten Kirche halten Personen Kameras in die Höhe, um zu fotografieren. In gewissen Fällen meide ich Personen, in anderen gestalte ich die Personen bewusst ins Bild hinein. Grössenordnungen der Kathedrale kommen im Vergleich besser zur Geltung. Wenn die Personen sich bewegen, sollte die Belichtung kürzer gehalten werden, so ab 1/100 Sek., sonst verwischen sie im Bild. Personen dienen mir oft auch dazu, Bildergeschichten zu erzählen.

Mont Saint-Michel, Normandie.
Mont-Saint-Michel, Normandie
Kathedrale von Lissabon: Priester kleiden sich an.

Die Symmetrie in der Kirche

Wir Menschen mögen symmetrische Fotos. Die Symmetrie ist etwas Vollkommenes, Reines, etwas fast Übermenschliches. Wobei ketzerisch zu sagen ist, dass es Symmetrie eigentlich so nur in der Geometrie gibt. Es gibt keine absolute Symmetrie in der Architektur. Auch die Kirchen wahren hier nur den Schein. Unser Auge-Hirn-System gaukelt uns Symmetrie vor, zum Beispiel auch dann, wenn das Foto schräg fotografiert wurde. Oder dann waren die Baumeister einfach nicht in der Lage, das Gebäude symmetrisch zu konstruieren. Auch das einfallende Licht stört eine Symmetrie erheblich. Sie im Foto zu schaffen, ist gerade mit Weitwinkel und von Hand im Halbdunkeln gar nicht so einfach. Eine leicht verkantete Kamera oder noch schlimmer, eine nicht exakt mittige Kameraposition, erschweren es, das Bild symmetrisch zu gestalten. Ich achte dabei auch auf die horizontalen Linien im Bild die nicht schräg verlaufen dürfen. Als Hilfsmittel für die gerade Ausrichtung der Kamera blende ich mir Gitterlinien im Display ein (Canon: Menü Wiedergabe 4/4; Wiedergaberaster; 6×4). Mit diesen gelingt es leichter, die Kamera gerade zu halten. Eine nur leicht gekippte Kamerahaltung erzeugt in allen Ecken Verzüge, die nur sehr aufwendig zu korrigieren sind. Weiter ist wichtig, den absolut mittigen Standort in der Kirche zu finden. Manchmal ist das nicht so einfach, weil Teppiche oder Bodenplatten nicht ganz mittig verlegt sind. Die senkrechten Gitterlinien im Display helfen auch hier die Kamera gerade auszurichten. In der Nachbearbeitung sehe ich oft, dass es die Kirchenbauer mit der Symmetrie nicht so genau nahmen. Auch stören Einrichtungsgegenstände, Fresken, Gemälde, Säulen, Kanzel, Orgel die Symmetrie. Aber eben: auch Kirchen sind nicht perfekt.

Mont-Saint-Michel, Normandie
Convento de Cristo, Tomar, Portugal 
Wallfahrtskirche der Madonna del Sangue, Re, Valle Vigezzo, beim Lago Maggiore
Kathedrale von Lissabon. Unten mit Bewegungsunschärfe in Photoshop bearbeitet.

Der Symmetrie entgegenwirken

Die strenge Symmetrie ist die eine Bildgestaltung, die andere ist die Loslösung von Konventionen. Hier arbeite ich mit Linien und Formen die schräg verlaufend eine ganz andere Dynamik auslösen als die der Symmetrie.

Convento de Cristo, Tomar, Portugal 
Kathedrale von Bayeux, Normandie
Convento de Cristo, Tomar, Portugal 
Kathedrale von Bayeux, Normandie
Kathedrale von Bayeux, Normandie
Kathedrale von Bayeux, Normandie

Geschichten erzählen

Beim Kathedralenbesuch in einer fremden Stadt werde ich von der gigantischen Höhe beeindruckt. In diesem Geist habe ich auch die bisherigen Fotos vorgestellt. Das geht’s es fast immer um Gesamtansichten. Ich habe deshalb auch alle Fotos mit dem gleichen Objektiv, einem RF 15–35 mm Weitwinkelzoom geschossen. Spannend sind in den Gotteshäsern auch die Details, die ich auch schon mal mit grösseren Brennweiten einfange. Es sind immer die Details, mit denen ich Geschichten erzählen kann.

In der Kathedrale von Quimper sitzt eine Statue «notre dame d’esperance». Ein Besucher monierte, dass das Kind Napoleon nachempfunden sei.
Stiller Dialog
Feierabend
Die Erleuchtete
Ängste und Wünsche

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Canon EOS R5 Mark II

Seit August 2024 ist das neue Canon-Flaggschiff im Handel erhältlich. Ein erster Erfahrungsbericht.

Grundlagen

In regelmässigen Abständen informierte Canon im Laufe des Jahres 2024, dass die ersehnte Neuerung für R5-Anwenderinnen und -Anwender im Spätsommer auf den Markt kommen würde. Nun ist sie da, und ich durfte sie während zweier Tage einem kleinen Test unterziehen. Wobei: Test ist ein grosses Wort, erste Schritte oder erste Erfahrungen wären eigentlich angebrachter. Ich selbst fotografiere mit zwei Canon EOS R5 und Objektiven der ersten Güteklasse im Brennweitenbereich von 10 bis 500 mm. Ich bin dabei in unterschiedlichen Genres unterwegs: Landschaft, Natur, Nacht, Architektur, Reisen, Porträt, Tiere, Anlässe, Makro usw.

Ich möchte gleich zu Beginn anmerken, dass ich gegenüber jeglichem Ankündigungsjournalismus skeptisch bin. Denn oft sind die Marketingleute etwas zu vorlaut, und so manches, was versprochen wird, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als lahme Ente. So habe ich Mühe mit Schlagworten in einer vertechnisierten Sprache, die kein Mensch versteht, und die meist auch nicht mit Vorher-Nachher-Fotos belegt werden. Was heisst schon: «ein um 1,5 Stufen geringerer Dynamikumfang…»?

Das Bedienungslayout der EOS R5 Mark II ist ähnlich wie bei der EOS R5, aber nicht genau gleich.

Die R5 Mark II ist eine Weiterentwicklung der R5, die nun doch schon einige Jahre alt ist. Ich habe in den zwei Tagen speziell auf die Features, die im Vorfeld angekündigt wurden, geachtet. Dabei war ich natürlich darauf neugierig, was die R5 Mark II gegenüber der R5 an Verbesserungen zu bieten hat. Gelockt haben mich:

  • Verbesserter Dynamikumfang
  • AF Motiv zum Erkennen
  • Augenerkennung
  • Augensteuerung
  • Voraufnahme und Reihenaufnahme
  • Bildrauschen

Es gibt eine ganze Liste anderer angekündigter Neuerungen wie schnellerer Autofokus, gleichzeitiges Fotografieren und Filmen, verbesserte Prozessorleistung und anderes. Ich möchte auch festhalten, dass jeder Akteur etwas anders gelagerte Bedürfnisse hat – so sind zum Beispiel alle Features, die beim Filmen vorteilhaft sind, für Nur-Fotografen nicht wichtig.

Und zum Schluss in der Einleitung noch dies: Die Canon EOS R5 ist ein sagenhaft leistungsfähiges Gerät. Noch nie war die Fotografie so fortgeschritten und noch nie bin ich ins Thema derart weit eingedrungen. Wir bewegen uns heute auf einem exzellenten Niveau und ich würde für kein Geld der Welt wieder in die Analogfotografie zurückkehren. Oder will jemand wieder ein Nokia-Handy? Einen Röhrenfernseher? Einen VW-Käfer?

Dynamikumfang

Als Dynamikumfang wird landläufig die Fähigkeit des Sensors bezeichnet, hellste und dunkelste Bildstellen mit ausreichend Detailzeichnung abzubilden. In der Praxis ist es oft so, dass bei Landschaftsaufnahmen (im Gegenlicht) entweder die weissen Wolken ausfressen oder dann der Vordergrund zu dunkel ausfällt. Handys können mit einem grossen Kontrastumfang dank ihrer Software fast besser umgehen. Wenn ein besserer Dynamikumfang angekündigt wird, ist zu erwarten, dass es bei solchen Landschaftsaufnahmen mit grossen Hell-Dunkel-Kontrasten zu einer besseren Lichter- und Tiefenzeichnung kommt. Mit Lichter meint man die hellsten Nuancen, mit Tiefen werden die dunkelsten Nuancen bezeichnet.

Die Kamera belichtet ein kontrastreiches Bild entweder wie links oder wie rechts. Links sind die Wolken gut sichtbar, dafür ist der Vordergrund zu dunkel. Rechts ist der Vordergrund richtig, dafür der Himmel ausgefressen weiss.

Dazu noch ein kleiner technischer Exkurs, der damit zusammenhängt: Es geht um die Bit-Tiefe, die per Kameraeinstellung verwendet wird. Bei einer 8-Bit-Einstellung (28) heisst dies, dass in allen drei Farbkanälen RGB jeweils von 0 bis 255 Abstufungen möglich sind. Auf den gesamten Dynamikbereich bedeutet dies 16,7 Millionen Farbabstufungen. Eine Einstellung von 14 Bit erlaubt, rein technisch gesehen, fast 440 Milliarden Farbabstufungen. Das menschliche Auge-Hirn-System, so schätzt die Wissenschaft, kann vielleicht knapp eine Million Farbnuancen überhaupt unterscheiden. Wer eine Brille trägt oder farbfehlsichtig ist oder schon fortgeschrittenen Alters ist, bescheidet sich mit weit weniger. Also von den hellsten bis zu den dunkelsten Farbstufen (Dynamikumfang) sollte die Kamera mit ihrer eingebauten Software alle Stufen abbilden können. Das ist leider nicht so. Erst die Entwicklung am Computer mit Software wie Lightroom oder Photoshop ermöglicht es, die Lichter- und Tiefenzeichnung herauszuarbeiten.

Ich gehe mit meiner R5 (bei allen anderen Kameras ist es genauso) wie folgt vor. Ich belichte eine Stufe dunkler als die Kamera es will, um die Zeichnung in den Wolken zu erhalten. In Lightroom maskiere ich den Himmel und die Landschaft im Vordergrund separat und steuere die Belichtung aus. Das Resultat kann sich erst nach einer solchen Nachbearbeitung sehen lassen.

Der angekündigte verbesserte Dynamikumfang der R5 Mark II habe ich im Praxistest nicht vorgefunden. Mag sein, dass so etwas im Labor messbar ist. Für mich als Praktikant ergeben sich daraus keine signifikanten Vorteile.

Der Vergleich fand ab Stativ mit gleichen Einstellungen und dem gleichen Objektiv statt. Die Fotos entstanden mit CRAW und wurden in Lightroom mit dem Entwicklungsbutton «Auto» entwickelt. Der Vodergrund ist zu dunkel.
Hier ist die gleiche Aufnahme wie oben zu sehen, jedoch mit einer nachträglichen Entwicklung mit zwei Masken für den Himmel und die Landschaft. Hier ist die Landschaft natürlicher wiedergegeben.

AF: Motiv zum Erkennen

Dass die Kamera Personen, Tiere und Fahrzeuge erkennen kann, dient der Schärfenachführung im Zusammenhang mit der Einstellung «Servo». Natürlich hat dies mit der Bewegung von Motiven zu tun. Man fokussiert einmal und der Automatismus hält das Motiv in der Schärfe, auch wenn die Kamera oder das Motiv sich bewegen. Das funktioniert einwandfrei und ist ein echter Assistent, wenns darum geht, den Ausschnitt zu wählen, ohne immer mit dem Joy-Stick den Autofokus nachzuführen.

Insbesondere in der Tierfotografie, bei fliegenden Vögeln, ist ein solcher Assistent äusserst hilfreich. Bei solchen Motiven lohnt es sich 45 Megapixel Auflösung zu haben und auch einen hohen Dynamikumfang. So lassen sich aus Silhouetten doch ganz passable Vögel entwickeln, wie das untenstehende Foto zeigt, das ich mit einem 70-200er-Zoom-Objektiv aufgenommen habe.

Augenerkennung

Gegenüber der R5 hat die Augenerkennung der R5 Mark II merklich zugelegt. Sie ist jetzt sehr zuverlässig und kann gut zwischen Menschen und Tieren unterscheiden. So habe ich von Ferne zwei Reiterinnen auf ihren Pferden festgehalten, wobei der AF blitzschnell auf «Mensch» fokussierte. Dieses Tool ist wirklich sehr gelungen. 

Im Rapperswiler Kinderzoo habe ich Zebras, Elefanten hinter einem Wasserfall und Erdmännchen im Knäuel fotografiert. Sogar die Geparden hinter einem Maschenzaum hinderten die Augenerkennung nicht an ihrer zuverlässigen Arbeit.

Aufnahme mit einem RF 100–500 mm. Der Maschendrahtzaum ist durch die Unschärfe nur zu erahnen.
Der Augenerkennungsfokus arbeitet zuverlässig.
Selbst bei Katzen in Bewegung führt der Autofokus problemlos die Schärfe nach. So perfekt war
Tierfotografie noch nie.

Augensteuerung

Die R5 Mark II kommt neu mit einer Augensteuerung daher. Will heissen, dass die Kamera die Augenbewegungen im Sucher registriert und dementsprechend dort fokussiert, wo man hinguckt. Was hilfreich tönt, wirkt für mich etwas hilflos. Erstens fotografiere ich vor allem in Bodennähe oder nachts nicht mit dem Sucher, sondern übers Display. Zweitens kontrolliere ich im Sucher nicht nur das Motiv, sondern beobachte mit den Augen auch den Rand und wandere im ganzen Bild herum. Wenn der Autofokus (mit einem Kreislein angezeigt) nun meinen Augenbewegungen folgt, ist das ganz und gar nicht nach meinem Gusto. Vor allem, wenn die Schärfe einen bestimmten kleinen Punkt im Bild betrifft. Zudem steht dieses Feature doch mit der Augenerkennung im Widerspruch. Welche der drei Möglichkeiten: Augensteuerung, Augenerkennung oder Joy-Stick soll die Kamera nun anwenden? Leider musste ich auch feststellen, dass die Kalibrierung wegen meiner Gleitsichtbrille nicht sauber funktioniert. 

Voraufnahme und Reihenaufnahme

Ausserordentlich Freude machte mir die neue Funktion, Fotos vor dem Auslösezeitpunkt zu machen. In der Praxis ist es mir bisher kaum gelungen, Insekten mit dem Makroobjektiv im Flug zu erwischen. Die sind so fix, dass sie meist ausserhalb der kleinen Bildzone entwischt sind, wenn ich als Reaktionslahmer endlich abdrücke. Es funktioniert so: Bei der Auslöser-Modus-Einstellung (rotes Menü, Seite 6) «Elektronisch» zeichnet die R5 Mark II 30 Bilder/Sek. auf. Bei der Einstellung «Elek.1. Verschluss» puffert sie 15 Bilder auf die Karte. Schon dies eine Verbesserung gegenüber der R5, die 12 oder 20 Bilder erzeugt.

Ich positioniere mich also vor die Sonnenblumen und halte den Auslöser halb eingedrückt, «AF Tiere erkennen» und «Servo» sind aktiviert, die Blende 8 sorgt für einigermassen Schärfentiefe und 1/1250 Sekunden verhindert Bewegungsunschärfe. Sobald die Biene wegfliegt, drücke ich den Auslöser ganz hinunter. Bei der Einstellung 30 Bilder/Sek. liefert die Kamera 0,5 Sekunden vor der Auslösung Fotos, mit einer Geschwindigkeit von 30 Bilder/Sek. Ich erhalte also vor dem Auslösezeitpunkt 15 Fotos, die die Biene beim Abflug zeigen. Wenn ich mit der Einstellung «15 Fotos/Sek.» arbeite, liefert die Kamera 3 Sekunden lang Fotos vor dem Abflug – also 45 Fotos. Die Funktion ist der Hammer – ich freue mich schon auf all die Actionfotos mit Skateboards, Eisvögeln die im Wasser eintauchen, Wassertropfen etc. etc.

Ein Wermutstropfen: Der Autofokus hält mit der Geschwindigkeit nicht ganz mit. In einer Bildserie gerät das eine oder andere Bienchen schon mal ausserhalb des Fokus’. Die Verbesserung ist die: Mit der R5 habe ich drei Stunden mit ungewissem Ausgang herumgedoktert, um diese Höchstschwierigkeit zu meistern. Mit der R5 Mark II gelingen in Kürze garantiert viele gute Ergebnisse.

Der Auslösevorgang wird erst getätigt, wenn die Biene längst wieder sitzt. Die Kamera liefert im Modus «Vorauslösung» eine Bildserie, die vor dem Auslösen in den Puffer geschrieben wird. Man erwischt dann die Biene im Flug.

Bildrauschen

Wenn ich die heutige Leistungsfähigkeit bezüglich Bildrauschen mit der Analogfotografie (dort ist es die Körnigkeit) vergleiche, gleicht alles Kritische dem Klagen auf hohem Niveau. Das Fotografieren in der rabenschwarzen Nacht ist seit ein paar Jahren möglich, an Konzerten oder gesellschaftlichen Anlässen sogar ohne Stativ. Seit wir in der Nachbearbeitung effiziente Entrauschungsfunktionen anwenden können, ist Bildrauschen für viele kaum mehr ein Thema. Da viele Fotos für Social Media aufbereitet werden, entfällt auch starkes Bildrauschen, denn wenn man 8000 Pixel in der Breite auf 1000 Pixel für Social Media reduziert, wird jeder achte Pixel herausgerechnet. Die neue Interpolation des Fotos enthält weniger Schärfe, aber auch kein Rauschen.

Ich habe also bei Dämmerung die beiden Kameras R5 und R5 Mark II mit dem gleichen Objektiv auf einen Kran in der Nähe ausgerichtet und eine Serie Aufnahmen gemacht, die ISO-Werte von 100 bis höchstmöglich abgestuft. In meiner Beurteilung ist bei der R5 Mark II das Bildrauschen etwas höher als bei der R5. Das Vergleichsbeispiel unten zeigt die ganze Aufnahme bei 12800 ISO. 

R5 Mark II, bei 12800 ISO, ab Stativ, Bild nicht entrauscht.
Das Bildrauschen der R5 Mark II fällt im Vergleich mit der R5 etwas schlechter aus.
Der Verlust ist verschmerzbar, weil mittlerweile so gute Entrauschungsfunktionen in der Nachbearbeitung zur Verfügung stehen.

Fazit

Die Canon EOS R5 Mark II hat merklich zugelegt. Die Augenerkennung funktioniert sehr gut und die Voraufnahme ist eine ganz feine Sache. Die Serienbildfunktion ist deutlich schneller mit 30/15 Bilder/Sek., das macht richtig Spass. Beim angeblich verbesserten Dynamikumfang habe ich in der Praxis keine signifikante Verbesserung feststellen können. Es mag ja sein, dass der Sensor neu und schneller ist, ich habe es einfach bisher nicht feststellen können. Da nützt aller Tech-Speech nichts: 45 Megapixel Stacked BSI Sensor und DIGIC Accelerator + DIGIC X – kann man das bitte mal ausdeutschen? Eine kleine Träne weine ich dem Bildrauschen der R5 nach, denn das Bildrauschen der neuen R5 Mark II ist etwas unvorteilhafter ausgefallen. Andererseits lässt sich das Bildrauschen heute so gut herausrechnen, dass dies selbst bei Lowlight-Fanatikern kein Problem darstellen wird.

Bleibt die Frage, wer sich eine R5 Mark II leisten sollte. Das Gehäuse ist im Fachhandel für rund 4200 Franken zu haben. Die alte R5 kostet aktuell um 3200 Franken, also rund 1000 Franken weniger.

Mein Rat: Das neue Flaggschiff R5 Mark II ist seinen Preis auf jeden Fall wert. Wer engagiert und vielseitig fotografieren will, der freut sich über viele neue Funktionen und Tempo. Wer gerade eine neue Topkamera erstehen will, kommt um die Mark II nicht herum. Wer den Umstieg von der R5 auf die R5 Mark II ins Auge fasst, sollte dies möglichst bald tun. Denn der Zeitpunkt umzusteigen, ist heute günstiger als in zwei Jahren, wenn die R5 dereinst für ein Butterbrot weggeht. Ich selbst habe meine beiden eineinhalbjährigen R5-Gehäuse zum Eintausch bei Tevy Foto gegen zwei neue R5 Mark II an Zahlung gegeben.

Ralf Turtschi ist Wädenswiler Fotograf und Gestalter aus Leidenschaft. Er hat über 30 Jahre lang seine Agentur für visuelle Kommunikation geführt und sich das ganze Leben lang mit Gestaltungsfragen beschäftigt. Als Referent, Dozent und Ausbilder darf er auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Der bekennende Hobbyfotograf hat 2023 den Bildband «Wädenswil sehen» herausgegeben. Frühere fotografische Werke sind «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch». Alle drei Bildbände können bei Tevy Foto bezogen werden.

Hoftiere inszenieren

Verhalten

Hoftiere sind keine Haustiere – wir begegnen ihnen mit Respekt. Am besten nähert man sich Hoftieren langsam und ohne hektische Bewegungen. Kühe, Lamas, Alpakas, Schafe oder Pferde sind Herdentiere, die oft nahe beisammen sind. Es kommt daher immer wieder vor, dass einzelne Tiere sich nicht isoliert fotografieren lassen und man um das Motiv herum unliebsame Bildelemente hat. Zudem haben Hoftiere einen natürlichen Fluchtinstinkt, aus diesem Grund kehren sie einem den Rücken zu, wenn man sich ihnen zu schnell oder zu sehr nähert. Der Fluchtweg ist für sie offen und sie können ausweichen. Deshalb Tiere nie bedrängen oder sie an einen Zaun drängen. Hab beim Fotografieren etwas Geduld und warte in der Nähe, bis die Tiere sich ihrer Lieblingsbeschäftigung zuwenden und fressen. So entwickeln sie Vertrauen, und ordnen dich nicht als Gefahr ein. Kühe und Lamas sind von Natur aus neugierig. Wenn du dir Zeit lässt, kommen sie von allein, um dich zu begrüssen oder zu beschnuppern. Wenn Kälber im Spiel sind, solltest du etwas mehr Abstand und Ruhe wahren. Mütter und Herden verteidigen ihre Jungen.

Rechtliches

Eingezäunte und weidende Tiere sind oft auf Privateigentum zu Hause. Es ist deshalb höflich, vor dem Fotografieren die Erlaubnis des Bauern oder der Bäuerin einzuholen, ob du aufs Gelände darfst. Falls Wanderwege durch die Weide führen, kann man problemlos Hoftieren von Nahem fotografieren. Tiere von öffentlichen Wegen her über den Zaun hinweg zu fotografieren, ist kein Problem. Tiere werden juristisch als Sache betrachtet. Deshalb ist es nicht verboten, Tiere aller Art frei zu fotografieren. Es gibt keine Privatsphäre oder ein Persönlichkeitsrecht für Tiere. Eine Risikoabwägung wegen allfälliger Personen- oder Sachschäden ist nicht verkehrt. Auch deshalb ist es ratsam, den Tierbesitzer zu fragen, ob man sich den Tieren nähern kann und ob es Gefahren gibt.

15 fotografische Tipps

1. Tiere nicht von hinten oder schräg von hinten fotografieren. Wie bei Menschen sind die Gesichter am Interessantesten. Es gibt Ausnahmen:

2. Fotografiere nicht die ganze Herde, wende dich stattdessen einem oder wenigen Individuen zu. Wenn mehrere Tiere im Bild zu sehen sind, verdecken sie sich gegenseitig, was zu ungünstigen Bildkompositionen führt. Achte also darauf, dass nicht weitere Tiere hinten aus deinem Motiv hervorgucken.

Solche Herdenfotos aus der Perspektive «Augenhöhe» sind relativ gewöhnlich. Suche lieber die Details und fotografiere aus ungewöhnlichen Perspektiven, zum Beispiel von unten nach oben.
Bei Tiergruppen ist die Bildkomposition nahezu unmöglich, weil immer Tiere ungünstig positioniert sind. Zoome deshalb lieber ein paar wenige Tiere heraus.

3. Versuche fotografisch, das Tier freizustellen. Das heisst, dass die Umgebung nicht unruhig sein sollte. Himmel, die Wiese oder ein dunkler Wald eignen sich gut als Hintergrund. Wenn der Hintergrund ruhig ist, kommen die Motive besser zur Geltung.

4. Warte bis etwas läuft. Eine liegende Kuh oder ein fressendes Lama sind eher banale Motive. Warte geduldig, bis sich etwas tut. Die Kühe schlecken sich das Maul oder reiben sich an einem Baum. Sie kommunizieren miteinander. Wenn du dir die Zeit nimmst, so wirst du mit «Action» belohnt. Die Action ist jedoch mit Verwackelungsunschärfe verbunden. Ich arbeite darum immer mit möglichst kurzen Verschlusszeiten (je nach Lichtsituation). Bei solchen Fotos ist auch eine mittlere Blende von Vorteil. Zum Beispiel Blende 8, 1/500 Sekunde. Falls zuwenig Licht da ist, stelle ich die ISO-Zahl bis gegen 1000.

5. Zeig das Tier nicht nur beim Fressen, das ist gewöhnlich, sondern warte, bis es sein Haupt zu dir erhebt. Achte auf die Stellung von Beinen und die Bewegung des Schwanzes. Eine bodennahe Kameraposition bringt immer die etwas ungewöhnlicheren Fotos. Wenn das Tier zu dir hin schaut, wirkt es dem Betrachter gegenüber interessierter.

6. Überwinde Berührungsängste. Geh nah ran und setz dich einfach ins Geschehen, ohne aktiv zu sein. Die Tiere werden sich nach einer Weile zu dir hinwenden und dich beschnuppern kommen.

7. Schaffe in deinem Foto eine Beziehung. Das können zwei oder mehrere Tiere sein, die gemeinsam das gleiche tun. Oder die sich in ihrer Haltung oder im Aussehen ähneln.

8. Wenn die Sonne scheint, fotografiere die Tiere im Gegenlicht. Bei geschlossener Blende erzeugt die Sonne einen Sonnenstern. Wenn sich die Tiere bewegen, hast du genügend Licht, um eine kurze Belichtungszeit einzustellen (1/500 Sek. oder kürzer).

9. Inszeniere nur einen Teil des Tieres. Die Kuh darf auch mit dem Kopf ins Foto hineingucken. So kannst du die Landschaft mit ins Bild nehmen.

10. Tierbabys und Jungtiere sind besonders herzig. Wenn du Jungtiere siehst, versuche sie mit Mama oder allein zu porträtieren.

11. Suche einmal die ungewöhnliche Perspektive und nähere dich deinen Motiven von unten nach oben. Du hältst deine Kamera auf Kniehöhe und fotografierst von unten nach oben. Hier musst du natürlich mit dem aufgeklappten Display arbeiten.

12. Fototechnik: Um Tiere zu fokussieren, gibt es bei neueren Kameras einen Autofokus, der automatisch auf die Augen scharf stellt. Augenerkennung gibts für Menschen, aber auch für Tiere. Kühe und Lamas haben eine lange Schnauze, was heisst, dass die Blende (je nach Objektiv und Distanz) nicht zu offen sein darf. Die Haare an der Schnauze sind bildwichtig und sollten ebenfalls scharf abgebildet sein. Mach mal eine Probeaufnahme mit Blende 5, fokussiere auf die Augen und kontrollieren auf dem Wiedergabedisplay mit der Lupe, ob die Schnauzhaare auch scharf sind. Wenn nicht, dann schliesse die Blende etwas und mach eine erneute Probeaufnahme. Halte die Blende aber möglichst offen, weil sie wiederum für ein schönes Bokeh im Hintergrund sorgt. Gegenlicht gibt einen schönen Lichtsaum um die Körper. Falls die Sonne scheint, versuchs mal mit Gegenlicht oder Licht schräg von hinten. Das Frontallicht (Licht, das aus Sicht des Fotografen von hinten direkt aufs Motiv fällt) macht das Porträt flach.

Achte darauf, dass die Umgebung (Wiese/Wald/Bäume) unter normalen Lichtbedingungen nicht zu dunkel ausfällt. Das wird in der Regel in der Postverarbeitung am Computer ausgeregelt.

13. Konzentriere dich auf die Köpfe und porträtiere Hoftiere wie Menschen. Achte dabei wieder auf einen ruhigen Hintergrund.

Hier habe ich den Kopf direkt vor die Sonne platziert, um die Federn zum Leuchten zu bringen.

14. Du kannst die Tiere auch als Teil des Landschaftsbildes inszenieren. Spiel mit Diagonalen als Bildkomposition oder benütze Silhouetten, um die Stimmung einzufangen.

15. Schliesse andere Menschen mit ins Bild ein. Auch hier entwickelt sich eine Beziehung zwischen Mensch und Tier. Beziehungen in Fotos schaffen Aufmerksamkeit und Emotionalität.

Nähe und eine ungewöhnliche Perspektive, kombiniert mit einem Objektiv 10-20 mm.
Die drei Darsteller scheinen sich alle dem Gleichen zuzuwenden.
Der Fotograf beim Fotografieren. Ich habe hier ein Farn direkt vor die Linse platziert, um diese Vordergrundunschärfe zu erzielen.
Hier kommen drei Komponenten zusammen: erstens die Kuh in Bewegung, zweitens das Gegenlicht mit dem Sonnenstern, der eine geschlossene Blende benötigt. Und drittens die Begegung des Tiers mit dem Menschen.

Ralf Turtschi lebt als Fotograf, Designer und Publizist in Wädenswil. Er hat sich als Autor der Bildbände «Wädenswil sehen», «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch» einen Namen gemacht. Ausserdem sind zahlreiche Schriften und weitere Bücher zu typografischen Themen erschienen. Der Hobbyfotograf arbeitet mit zwei Canon EOS R5 Mark II und einen breiten Spektrum an Objektiven. Kontakt: turtschi@agenturtschi.ch.

Ralf Turtschi; Fotografie für dich; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); enthaltend zwei Gutscheine, einer über Fr. 30.– von Bookfactory, einer über Fr. 20.– von Printolino. Eigenverlag.

Ansichtsexemplare und Bestellungen bei Foto Tevy.

Kreative Wischbilder

Normalerweise fotografieren wir, um etwas mindestens teilweise scharf abzubilden. Kreativ, wie wir sind, lassen wir dieses eiserne Prinzip mal beiseite und fotografieren quasi wild in der Weltgeschichte herum. Bei Systemkameras kannst du die Belichtungszeit so einstellen, dass der Verschluss über eine längere Zeit offenbleibt. Wenn du ohne Stativ arbeitest, dann resultieren schemenhafte unscharfe Fotos, die sehr künstlerisch anmuten. Nicht die authentische Dokumentation eines Motives steht im Vordergrund, sondern eher die Andeutung von etwas Ungewissem. Man erahnt mehr, als man etwas erkennt und zielgenau bestimmen kann. Wir bewegen uns in einer Kunstform mit freier Interpretation.

In Norwegen: Links mit 1/400 Sek. belichtet, rechts mit 0,3 Sek. Das rechte Foto habe ich in der Nachbearbeitung im Kontrast reduziert und eingefärbt.

In Norwegen: Der Wischeffekt wirkt wie ein abstraktes Gemälde. In der Fotografie wird solches auch mit Minimalismus bezeichnet.

Der Wischeffekt entsteht primär durch die Bewegung der Kamera während des Belichtungsvorgangs. Als Kameraeinstellung wählst du die Blendenautomatik (Tv, S). Damit kannst du eine fixe Belichtungszeit vorwählen, die Blende wird dann automatisch so eingestellt, dass das Foto richtig belichtet wird. Als Belichtungszeit kannst du frei ausprobieren, was am besten funktioniert. Beginn einmal mit 1/3 Sekunde Verschlusszeit. Für normales Tageslicht oder gar in der Sonne ist diese Belichtungszeit zu lang, sodass auch bei geschlossener Blende eine komplette Überbelichtung droht. Es ist also besser, am Abend oder in der Dämmerung zu arbeiten. Tagsüber kannst du auch einen Neutraldichtefilter aufsetzen, der Licht wegnimmt. Überall, wo weniger Licht ist (im Treppenhaus, im Keller, im Wald, in Häuserschluchten) kannst du das ganze problemlos nachvollziehen. 

Während du den Auslöser drückst, rotierst du ganz sachte die Kamera aus dem Handgelenk  in eine Richtung, am besten von unten nach oben, oder seitlich von links nach rechts. Übertreibe die Bewegung nicht, da du sonst fast nichts auf dem Foto erkennen kannst. Wenn du geübter bist, kannst du auch mal eine ganze Sekunde belichten und die Kamerabewegung erst nach der Hälfte starten. Dann nämlich werden auch scharfe Stellen im Foto sichtbar, die mit den unscharfen einen reizvollen Effekt abgeben. Um die Bewegung zu stabilisieren, nehme ich auch gern mal ein Stativ zu Hilfe. Dieses fixiert mit dem Kugelkopf zum Beispiel die Horizontale, während ich in der Vertikalen die Kamera regelmässig ziehen kann. 

Der Auslösevorgang kann nun mit der Kamera am Auge oder mit dem Display vorgenommen werden – das kommt natürlich ganz auf die Situation an. Wischeffekte lassen sich überall kreativ anwenden, in der Personenfotografie, bei Landschaften, in der Makrofotografie oder in der Nacht bei Lichtspuren.

Im Sihlwald, Bärlauchblüte. 1 Sekunde Belichtungszeit. Die scharfen Stellen entstehen, wenn du ab Stativ die Kamera erst nach etwa ½ Sekunde nach oben rotierst.

In diesem Beispiel kannst du eine leichte Krümmung an linken und rechten Rand erkennen. Das Foto entstand mit einem 35-mm-Objektiv. 24er-Objektive oder noch weitwinkliger zeigen eine noch stärkere Krümmung.

Bei Wischvorgängen ist das Objektiv massgeblich verantwortlich, wie das Bild verzogen wird. Brennweiten von etwa 35 mm bis 150 mm sind meine Empfehlung für dies Art Fotografie.

Im Gegensatz zur «normalen» Fotografie ist hier das genaue Abbilden nicht gefragt. So sind die vielen Variationsmöglichkeiten verlockend. Die Wischbewegung selbst, dann die Belichtungszeit, die Farbsättigung oder die Entsättigung, der Kontrast – alles ist irgendwie leichter zu handhaben. Der Experimentierlust sind keine Grenzen gesetzt.

Architektur-Motive mit einer starken vertikalen Betonung solltest du ebenfalls vertikal «wischen». Motive mit einer horizontalen Betonung hingegen wirken besser, wenn sie horizontal «bewegt» werden.

Die vertikalen Kanten wirken auch nach der Kamerabewegung noch scharf, alle anderen Kanten verschwimmen. Die Teilschärfe macht den Reiz des Fotos aus.

Strassenszene in Lissabon. Das horizontale Muster des Kleides wirkt bei Wischaufnahmen besonders stark.

Strassenszene und Bahnhof in Lissabon. Ob stark gesättigt oder in Schwarz-Weiss – Wischaufnahmen sind immer künstlerisch attraktiv.

Die Band «Jamboreee» am Tankstell Festival, Wädenswil. Das Drehen am Zoomring des Objektives hat diesen Effekt zur Folge.

Nordnorwegen. Der Effekt entstand aus einer Kombination eines scharfen Bildes mit einem, welches in Photoshop mit dem Filter Bewegungsunschärfe versehen wurde.

Ralf Turtschi ist Autor des Fachbuches «Fotografie für dich»; 272 Seiten, Hardcover mit Klebebindung und rundem Rücken, mit über 750 Fotos und Abbildungen; Preis Fr. 40.– (exkl. Versand/Verpackung); enthaltend zwei Gutscheine, einer über Fr. 30.– von Bookfactory, einer über Fr. 20.– von Printolino. Eigenverlag. Das Buch ist bei Foto Tevy im Geschäft erhältlich.

Wädenswiler Chilbi mit Wow-Effekt

Standort- und Objektivwahl

Chilbi-Motive bestechen durch Buntheit und Bewegung. Die Chilbibahnen folgen dabei oft einem zyklischen Rhythmus, der es uns erlaubt, einen bestimmten Standort einzunehmen und auszuprobieren, was funktioniert und was nicht. Die Standortwahl ist wichtig, da die Platzverhältnisse meist sehr eng sind und die Nähe ein Weitwinkelobjektiv erfordert. Ausserdem werden wir uns mit stürzenden Perspektiven beschäftigen müssen. Hier gilt: je weitwinkliger das Objektiv, desto mehr stürzt die Perspektive. Ich empfehle dafür Objektive von 15 mm bis etwa 35 mm. Ein Teleobjektiv eignet sich sehr gut, um einzelne Details von Ferne einzufangen. Hier sind Teleojektive um etwa 200 mm angezeigt. Wer ein Zoom hat, der ist mit einem 24–70 mm oder einem 24–200 mm auch gut bedient.

Bei Weitwinkelobjektiven stürzt die Perspektive stark, wenn die Kamera gegen oben gerichtet ist (links). In der Nachbearbeitung lässt sich das korrigieren, wenn es stört (rechts). Die Leuchtspuren dürfen auch angeschnitten sein.

Die gleiche Chilbibahn bietet je nach Neigung und Position der Kamera oder der Lichter unendlich viele Effekte. Deshalb ist es wichtig, so viel wie möglich einzufangen. Man sieht zum vornherein nicht, was der Sensor festhält. Hier 0,6 Sekunden Verschlusszeit, ISO 100, f13.

ISO, Verschlusszeit und Blende

100 ISO ist immer noch die beste Wahl, sofern man genügend Licht hat. Sonst kann bei modernen Kameras unbesorgt 400 oder sogar 800 oder 1000 ISO eingestellt werden. Es wird kaum Bildrauschen entstehen. Wenn dadurch mehr Flexibilität bei Blende und Verschlusszeit resultiert, dann stellst du den ISO-Wert lieber etwas höher als 100. Mit anderen Worten: Wenn du eine schnelle Bewegung einfrieren möchtest und vielleicht 1/2000 Sekunde brauchst, stellst du besser die ISO-Zahl etwas höher als die Blende zu öffnen. Wenn du hingegen mit Verwisch-Effekten arbeiten möchtest, brauchst du Belichtungszeiten ab etwa 1/30 Sekunde – je nach Geschwindigkeiten, die im Spiel sind. Bei besonntem Gelände erreichst du diese Zeit nicht. Ein sogenannter Neutraldichtefilter oder auch Graufilter nimmt Licht weg. Für diese Filter gibts verschiedene Systeme – erkundige dich bei Foto-Tevy im Laden.

Fass einen Plan

Wenn du eine bestimmte Idee hast und diese konsequent verfolgst, wirst du immer bessere Fotos nach Hause bringen, als wenn du planlos durch die Gegend streifst und links und rechts knipst, was dir so vor die Linse kommt. Mit einem Plan im Kopf reduzierst du auch deine Kameraausrüstung und nimmst nur mit, was du für die Umsetzung benötigst. Ein Stativ ist nur notwendig, wenn man zum Beispiel bei Dunkelheit längere Belichtungszeiten einstellt – man muss es nicht immer dabeihaben. Ein Plan heisst, die Motive vorauszusehen. Also wie in diesem Blog beispielhaft gezeigt, mit Licht zu malen oder Personen auf den Bahnen in der Bewegung einzufrieren.

Wenn du keinen Plan fasst, werden deine Bilder wohl oder übel in der Art aussehen. Mit einem klaren Plan im Kopf selektionierst du schon beim Fotografieren und du gehst viel gezielter an deine Aufgabe heran.

Langzeitbelichtungen in der blauen Stunde und der Dunkelheit

Mein Plan ist, in der Dunkelheit oder in der blauen Stunde mit Langzeitaufnahmen die Lichtspuren der Bahnen kreativ einzufangen. Es macht mir viel Freude, auszuprobieren und auch manchen Rückschlag wegzustecken. Ich verwende ein Stativ, montierte meine Kamera mit einem Festobjektiv von 14 mmm. Ich fokussiere mit Mehrfeldautomatik, stelle den Bildstabilisator am Objektiv auf «aus» und an der Kamera die Blendenautomatik ein (Canon: Tv) mit einer vorgegebenen Verschlusszeit von 0,3 bis 0,8 Sekunden. Der ISO-Wert liegt bei 100. Ich achte darauf, dass der Blendenwert während der Belichtung im mittleren Bereich liegt, also etwa zwischen f8 und f16. Eine geschlossene Blende erzeugt mehr Schärfentiefe als eine offene. Diese kommt bei Wischaufnahmen jedoch nur bei den unbewegten Motivelementen zum Tragen. Dann wäre noch die Frage nach den Fokusoptionen. Falls genügend Licht vorhanden ist, kann der Kamerafokus wie gewohnt arbeiten. Falls nicht, fokussiere ich auf einen bestimmten Punkt in der Szenerie, den ich scharf abgebildet haben möchte, stelle nachher den Fokus auf «manuell». So fokussiert die Kamera in der Dunkelheit nicht hin und her und bleibt stabil. Ich fotografiere in diesem Genre ausschliesslich mit dem Display und niemals durch den Sucher.

Lichtmalen lebt von den Farben, die all die LEDs an der Chilbi erzeugen. Da LEDs eine Frequenz aufweisen, wird die Aufnahme keine kontinuierlichen Striche zeigen, sondern manchmal auch kleine farbige Striche aneinanderreihen. Das Ergebnis ist eigentlich nicht voraussehbar. Ich stehe bei der Kamera und drücke vielleicht zwanzig, dreissig Mal auf den Auslöser und versuche, den richtigen Moment einzufangen. Die Serienbildfunktion lasse ich ausser Acht, denn es scheint nicht sinnvoll, bei einer Geschwindigkeit von 12 Bilder/Sek. eine Belichtungszeit von 0,3 Sek. zu wählen. Ich verfüge über einen sensiblen Touch-Screen, über den ich auslösen kann. Wer das nicht kann, sollte vielleicht die Kamera über einen Fernauslöser bedienen, um jegliches Verwackeln auszuschliessen. Allerdings habe ich auch beim sanften manuellen Auslösen mit dem Auslöseknopf noch keine Nachteile entdeckt, welche die Qualität der Fotos beeinträchtigen.

Beim kreativen Fotografieren ist Gegenständlichkeit kein Thema. Die Faszination ist doch, «Gemälde» zu produzieren, ohne zu wissen, wie dann das Resultat aussehen wird.

Motiv und Hintergrund

Ich achte darauf, dass ich zwar das Motiv vor Augen auf dem Display habe – für die gute Gestaltung ist jedoch die Zone an den Rändern matchentscheidend. Je weniger Erkennbares an den Rändern um Aufmerksamkeit buhlt, desto wirkungsvoller wird das Motiv inszeniert. In der Gestaltung wird dieses Phänomen auch als Figur-Grund-Gesetz beschrieben. Die Nacht ist klar im Vorteil, dann nämlich ist der Hintergrund meistens gänzlich schwarz. 

In der blauen Stunde oder bei Dämmerung hast du immer sichtbare Elemente, die vom Motiv ablenken (links und Mitte). Bei Dunkelheit ist der Hintergrund schwarz.

Bewegung einfrieren

Die zweite Methode, die ich hier vorstellen will, friert Bewegungen ein. Bei sich schnell bewegenden Chilbibahnen brauchst du sehr kurze Belichtungszeiten, die bei Tageslicht und gegen den Himmel eingestellt werden können. Ich habe für die Serie die Belichtungszeit fix auf 1/4000 Sekunde eingestellt, die Blende lag bei f8 und die ISO-Zahl bei 1250. Die Schwierigkeit liegt darin, dass du selbst die Kamera bewegst, um das Motiv festzuhalten, währenddem dieses sich dauernd aus dem Displaybereich hinausbewegt. Wir haben es mit Verwackelungsunschärfe zu tun, aber auch mit einem schnell sich bewegenden Motiv. Die knackige Schärfe wird mit verschiedenen Faktoren erreicht, die nicht alle gleich ins Gewicht fallen. Das A und O ist sicher eine ultrakurze Verschlusszeit, je kürzer, desto besser. Ich arbeite auch hier mit Blendenautomatik (Canon: Tv), das heisst, ich stelle die Verschlusszeit fix ein und lasse der Kamera die Freiheit die Blende zu wählen. Auf der anderen Seite kann die ISO-Zahl nicht beliebig hoch liegen, den sehr hohe ISO-Werte bedeuten Bildrauschen und dieses mindert den Schärfeeindruck erheblich. Man muss hier je nach Kameramodell den Kompromiss finden. Bei meiner Canon R5 Vollformatkamera sind 1250 ISO kein Problem, bei einem anderen Modell ist dies nicht unbedingt auch so. Der dritte Punkt ist die Blendenwahl. Es gibt bei jedem Objektiv eine Blendeneinstellung, bei der das Objektiv die höchste Schärfenleistung (kritische Blende) abliefert. Diese erreicht man mit zwei- bis dreimal abblenden. 

Ich stelle mich beim Fotografieren direkt unter die Bahn, welche die Sessel in zwei verschiedenen Achsen herumwirbelt. Die Personen sind darin festgehalten und geben sich ganz ihren Emotionen hin: manche lachen, kreischen anderen gehts dabei ganz und gar nicht gut. Genau diese Emotionen einzufangen und einzufrieren, ist die fotografische Herausforderung. Ich stehe also da und nehme den Sucher der Kamera direkt ans Auge. Ich ziehe die Kamera mit den fliegenden Sesseln mit. Wieder und wieder. Dann löse ich Bild für Bild aus und kontrolliere in der vergrösserten Ansicht im Display ob die Schärfe und die Belichtung stimmen. Dann korrigiere ich die Verschlusszeit oder den ISO-Wert. Wenn das Bild zu hell oder zu dunkel ausgefallen ist, korrigiere ich mit der Belichtungskorrektur. In den gezeigten Bildern liegt eine Belichtungskorrektur von +1/3 Blendenstufe vor.

Diese Aufnahmeserie entstand bei bewölktem Himmel. Das helle Grau kontrastiert mit den knalligen Farben von Sessel und Kleidungsstücken. Es sieht fast so aus wie in einem Fotostudio.

© Ralf Turtschi, Oberdorfstrasse 32, 8820 Wädenswil, turtschi@agenturtschi.ch

Ralf Turtschi ist Autor der Fachbücher «Fotografie für dich» und «Fotobuchbuch», die bei Foto-Tevy erhältlich sind. Ausserdem ist im Eigenverlag der Bildband «Wädenswil sehen» erschienen.